Genial, schmal, phänomenal: Der Leissiggrat


Published by Nik Brückner , 9 October 2019, 14h18.

Region: World » Switzerland » Bern » Berner Voralpen
Date of the hike:14 September 2019
Hiking grading: T6 - Difficult High-level Alpine hike
Climbing grading: II (UIAA Grading System)
Waypoints:
Geo-Tags: CH-BE 
Height gain: 1300 m 4264 ft.
Height loss: 1300 m 4264 ft.
Route:11km
Access to start point:Von Interlaken aus über Wilderswil hinauf nach Saxeten.

Im Sommer 2019 war ich eine Woche lang mit WoPo unterwegs gewesen. Wir waren auf 3000er gestiegen und auf dem Allmegrat geritten. In seinem Buch "Gratwandern Schweiz" hatte ich dann den Leissiggrat entdeckt: eine etwa acht Kilometer lange Kante, die sich in gerader Linie praktisch von Interlaken hinauf zum Gipfel des Morgenberghorns zieht.

Geil!


Eine schmale Gegend, genau das Richtige für einen Schmalhans wie mich. Und so dübelte ich eines schönen Morgens hinauf ins herrlich (ab)gelegene Saxeten (1130m).

Glühweinbar geschlossen! Herrje! Wie sollte ich denn jetzt auf Betriebstemperatur kommen?!? Ohne meinen Glühwein am Morgen bin ich ein Wrack!

Na gut, semmelte ich eben eine Semmel ein, zog darauf Energie, und folgte dem Wanderweg zur schon im Ort (als Usserberg) ausgeschilderten Alp Ausserberg. Der Weg ist bis hinauf zum Wald nicht ganz einfach zu erkennen, wird dann aber deutlich - öhrm - deutlicher. An einem Abzweig im Ankerewald (Pt. 1339) hält man sich geradeaus, dann gelangt man hiaus auf eine Wiese, ein Stück östlich der Alp Usserberg. Ein Schild bei einem großen Fels weist den Weg, und nach wenigen Minuten ist die Alp Usserberg (1590m) erreicht.

Saxeten - Usserberg: Markierter Wanderweg, T2, 1h


Von hier aus geht es zunächst auf einem breiten Weg, dann auf Wegspuren, schließlich weglos über zunehmend steiles Gras hinein in das Kar hinter der Alpe. Oben ist schon die Grathöhe zu sehen, und man hält nun zu auf den niedrigsten Punkt zwischen Rotenegg (1889m, rechts) und Pt. 1934 (links).

Der Zustieg zum Grat ist oben ein wenig mühsam, weil es durch Heidelbeersträucher geht, aber da die Tour ab und zu gemacht wird, kann man mit etwas Glück ein Trampelpfaderl entdecken, das aus dem steilen Gras durch die Heidelbeeren zum Grat führt.

Usserberg - Grathöhe: unmarkierte Wege (T1), dann weglos über steiles Gras (bis T3+): 35 Minuten


Auf der Grathöhe setzt sich die Heidelbeerlandschaft zunächst noch ein ganzes Stück fort. Solange man sich auf der Kante bewegt, ist das auch gar kein Problem, wechselt die Spur aber mal in die (meist linke) Flanke, muss man aufpassen, die Ästchen nicht mit festem Boden zu verwechseln...

Man hält nun auf Pt. 1934 zu. Einige Bäumchen bevölkern den Grat in diesem Abschnitt, sind aber meist gut zu umgehen (wie gesagt: aufpassen in der Flanke). Dann steht man am Fuß der ersten anspruchsvollen Passage: recht ausgesetzt geht es eine Steilstufe hinauf, auf Fels und (sicherlich häufig) feuchten Grastritten.

Das ist T5, und wer hier Schwierigkeiten bekommt, der sollte ans Umkehren denken, oder zumindest später, zwischen Pt. 1934 und Gross-Schiffli, den Grat verlassen. Denn der Schlussanstieg zum Morgenberghorn ist über eine lange Passage vergleichbar schwierig, stellenweise sogar noch anspruchsvoller.

Ist man die Stufe hinaufgeklettert, gibt's mehr Heidelbeeren... Dann folgt eine weitere, kurze Umgehung in der rechten, schattigen Flanke, und man steht auf Pt. 1934.

Wer die Heidelbeeren umgehen möchte, kann von Usserberg direkt hier hinaufsteigen, eine deutlich ausgeprägte Rinne führt zum höchsten Punkt von Pt. 1934.

Der Abstieg ist deutlich einfacher als der Aufstieg, und auch der Weiterweg zum Gross-Schiffli (Pt. 2038) ist zunächst unproblematisch. Eine deutlich erkennbare Wegspur führt von Pt. 1934 hinunter, drüben durch letzte Heidelbeeren wieder hinauf, und zwischen einigen Bäumchen hindurch zu einer brüchigen Felsstufe am Grat, die erklettert oder (links) umgangen werden kann.

Zwischen Pt. 1934 und dieser Felsstufe könnte man notfalls über mäßig steiles Gras zur Alp Mittelberg absteigen.

Weitere Felsabbrüche werden nun rechts umgangen. Und dann geht es relativ gnadenlos entlang der steilen Kante die letzten Höhenmeter hinauf zum Gross-Schiffli (2038m)

Erreichen der Grathöhe - Gross-Schiffli: unmarkierte Tritt- und Pfadspuren am Grat, eine Stelle T5, sonst leichter, 30 Minuten


Der Grat senkt sich nach dem Schiffli nur leicht. Allerdings wird die Schneide nun recht schmal. Dann folgt eine Passage, in der die Kante durch abwärts geschichtete, brüchige Felsplatten gebildet wird, und entsprechend vorsichtig begangen werden sollte. Man übersteigt einige unscheinbare Grasköpfe, dann geht es noch einmal hinunter. Die Trittspuren folgen der Gratkante bis zu einem schmalen Köpfl, auf dessen anderer Seite es nicht weitergeht. Es wird rechts in der steilen, feuchten Flanke umgangen. Direkt unterhalb des schmalen Grasköpfls steht allerdings ein ziemlich wackeliges Mäuerchen am Grat, an dem man sich rechts vorbeischleichen muss, und diese Passage riecht schon verdächtig nach T6. Auch die Überquerung unmittelbar folgenden brüchigen Gratkante ist nicht ohne.  Erst danach kann man wieder aufatmen: In einfacherem Gelände geht es nun über einige Grasköpfe, dann wird der Grat breiter, und man könnte nochmal nach links notabsteigen, zur Alp Stand.

Ein kleiner felsiger Aufschwung wird von rechts genommen, darüber wird die Kante wieder spürbar schmaler. Nun kommt man unweigerlich der schmalen, geradezu unheimlich steilen, von hier aus gar senkrecht erscheinenden, Gratkante näher, die sich vor dem Gipfel des Morgenberghorns aufbaut. Hier solle es hinauf gehen? Wirklich?!?

Der Grat erhöht die Schwierigkeiten nun graduell. Zunächst wird die Kante wieder schmaler, und die Zacken schärfer. Allerdings werde diese auch sämtlich immer kleiner, je näher man ihnen kommt, und die scheinbar senkrechte Stufe erscheint, wenn auch weiterhin steil, mit jedem Schritt machbarer. Sie wird zunächst auf der Kante, dann etwas rechts davon (Achtung! Nässe!) über steiles Gras und Schrofen gewonnen. Von Mensch oder Tier ausgetretene Stufen führen hinauf. Ein kurzes Stück unterhalb des höchsten Punktes dieses Steilaufschwungs wechselt man auf die linke Seite, wo gute Tritte über Gras und Fels zur Schlüsselstelle der Tour führen.

Und dieses Mal trifft das Wort "Schlüsselstelle" hundertprozentig ins Schwarze. Denn wie ein Schlüssel inis Schloss muss man sich hier in einen schmalen Spalt ein wenig links der Gratkante zwängen. Dazu macht man sich am Besten so rrrrichtig schlaaaaank...: Ich legte meine Stecken in den Spalt, so dass ich sie von oben würde greifen können, stopfte meinen Rucksack hinterher, und atmete aus. Dann zwängte ich mich halb hinein, halb hinauf.

Oben hat man nicht wirklich viel Platz zum Stehen. Äußerst vorsichtig zerrte ich meinen Rucksack aus dem Spalt, ohne jeglichen Schwung setzte ich ihn auf, dann fischte ich meine Stecken herauf. Rein in die Schlaufen - geschafft! Ich drehte mich langsam um, dann machte ich mich auf den Weiterweg.

Die Kante ist in diesem letzten Bereich zwar nochmal schmal, aber es ist nun längst nicht mehr so steil, und felsige Kraxelstellen gibt es auch keine mehr. Man geht in der Folge auf der Kante weiter und weicht nur kurz, und dann ganz knapp mal in die Flanken aus. Ein letzter Felsaufschwung, der schon von Weitem zu sehen war, wird rechts in der Flanke in steilem Gras umgangen, dann geht es weiter auf dem schmalen Grasgrat Richtung Gipfel. In der Folge kann man auf der (hier breiteren, felsigeren) Kante bleiben, ober links in der (grasigeren) Flanke aufsteigen. Dann steht man auf dem Gipfel des Morgenberghorns (2249m).

Gross-Schiffli - Morgenberghorn: unmarkierte Trittspuren am Grat, T6, eine Stelle II, sonst I, 1:20h


Im Abstieg ging's dann auf dem Wanderweg hinunter. Dabei ist eine kurze Kraxelstelle zu überwinden (eher T3 als I), dann geht's hinunter in den Rengglipass (1879m). Von dort aus folgte ich der Beschilderung Richtung Saxeten, die an der Alp Mittelberg (1632m) vorbei zum Brandgraben und an diesem entlang hinunter zur Straße führt, auf der man schießlich die letzten paar hundert Meter zurück zum Ort wandert. ??? nachdem ich den Gipfel verlassen hatte, war ich zurück im Ort.

Morgenberghorn - Saxeten: markierte Wanderwege, T3 und leichter,


Fazit:

Eine Glanztour hoch über den beiden Seen, und ein Muss für jeden, der gerne lange Grasgrate geht. Die schwierigen Stellen sind mit entsprechender Erfahrung und bei umsichtigem Gehen sätmlich gut zu meistern, und so bleibt die Tour stets auf der spaßigen Seite des T6-Wanderns. Wer mehr wissen mag, kann sich dieses Video mal ansehen, es vermittelt einen guten Eindruck vom Leissiggrat.


Ausrüstung:

Mit Helm und Stecken bin ich ausgekommen. C-Schuhe sind selbstverständlich.


Tja, und am nächsten Tag ging's auf den wilden Grat zwischen Gros Van und Mont d'Or.

Hike partners: Nik Brückner


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Comments (2)


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Sent 9 October 2019, 17h44
Servusla Nik.

Schöner Tourenbericht und eindrücklich Bilder, der Grat schaut ja sprichwörtlich messerscharf aus. Du wirst bei Hikr bestimmt demnächst mal als Beauftragter für Gratwanderungen vereidigt ;-)

Bis baldamol, Frank

Nik Brückner says: RE:
Sent 10 October 2019, 12h26
Grüß Dich, Frank!

Hahaha! Na, ich denke da gäb's noch ein paar andere Kandidaten... Aber ich hab sie schon gern, die schmalen Kanten!

Herzlichen Gruß und auf bald,

Nik


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