Mit zwei Heinis auf der Großen Zinne


Publiziert von Nik Brückner , 31. Dezember 2018 um 16:16.

Region: Welt » Italien » Venetien
Tour Datum: 8 August 1993
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: I 
Zeitbedarf: 5:00
Aufstieg: 750 m
Abstieg: 750 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Vom Misurina-See hinauf zum Rifugio Auronzo (um die 25 Euro Maut). Man kann auch mit dem Bus von Toblach herauffahren.
Unterkunftmöglichkeiten:Rifugio Auronzo, Rifugio Lavaredo, Drei-Zinnen-Hütte

Okay, mal so eine richtige Vintage-Tour posten, aus den 90ern, mit unmöglichen Klamotten, noch unmöglicheren Frisen, und verblassten Fotos. Die Große Zinne. Gleich vorweg: Yep, ich war da wirklich oben, der Wegpunkt wird hier ja auch gern mal angeklickt, wenn man nur drumherumgelaufen ist.

Obwohl... Da die Nordwand überhängt, befindet man sich theoretisch am gleichen Punkt wie am Gipfel, wenn man direkt drunter steht, oder? Nicht? Schad. Und wie ist das mit der Grenze zwischen Südtirol und der Provinz Belluno? Die verläuft doch über den Gipfel - oder? Ich meine: und? Gibt's die doppelt, wenn's überhängt? Dann gehört die Nordwand genau genommen.... und gewissermaßen negativ....


Quatschkopf!

Die Große Zinne also! Wer sie bis dato nicht kannte (immerhin hat Colwyn das Glaive in einer Höhle unter einem Nachbargipfel gefunden), der kennt die Drei Zinnen spätestens seit dem letzten Star-Wars-Film. Hm? Nein, nicht dieser himmelschreiende Schwachsinn "The last Jedi"; "Solo: A Star Wars Story" wurde - ähem - "dort" "gedreht". Yep, tatsächlich. Die Zinnen featuren in der Szenenfolge mit dem Güterzug. Was? Den Film hat keiner gesehen? Ja, ich weiß, aber so übel war der nicht. "Solo" nicht zu sehen, bloß weil "The last Jedi" so abgrundtief blöd war - damit gesteht man VIII mehr Wirkung zu, als er verdient hat. Ich meine, mal ehrlich: Warum greift die Republik nicht ein, nachdem fünf ihrer Planeten zerstört wurden? Warum lehnt sie sich zurück und lässt sie sich von einer Handvoll Rebellen verteidigen? Warum lässt Hux nicht einfach auf Poe feuern? Warum nicht auf D'Qar? Wie kann es sein, dass Luke, der seinen Vater von der Dunklen Seite zurückholte, seinen Neffen bloß aufgrund eines leisen Verdachts abmurksen will? Warum verrät General Holdo ihren Plan nicht? Warum trägt sie ein Abendkleid? Warum trauen alle diesem Finn, der ein paar Tage zuvor noch ein Stormtrooper war? Warum traut Finn DJ, der ganz offensichtlich ein Gangster ist? Was sollte diese Canto Bight-Episode? Warum ist dort Zeit, irgendwelche Kamelpferde zu befreien, das Schicksal der Sklaven ist dann aber egal? Warum hängt Rey mit einem cholerische Typen rum, der eben noch vor ihren Augen seinen eigenen Vater ermordete? Und was zum §&%$§ war das mit Leia?!? Aaaahrrrg!


Ähem.'tschuldigung.'tschuldigung. Manchmal... - Moment. Kleinen Moment. Ich brauch' nur 'nen kleinen -

Geht schon wieder.

Also, wie war das damals? Ich hatte mit einem der Heinis, meinem Vater, so eine Art Kletter-/Kraxel-/Klettersteig-Kurs gemacht, bei Heini Gütl, dem anderen der beiden Heinis. Und wir hatten ihn gefragt: Heini, was könnten wir jetzt in der Gegend so alles machen?

Die Große Zinne.

Wos! Im Ernst!

Im Ernst.

Okay, also, da mussten wir erst einmal schlucken. Bedenkzeit... - nein, nicht wirklich. In Wirklichkeit war die Entscheidung bereits gefallen, bloße Millisekunden, nachdem das "-e" von "Zinne" verklungen war, aber keiner von uns beiden sagte das, und es war ja auch wirklich fairer, meine Mutter vorab von unserer Entscheidung zu informieren ich meine natürlich sie einzubinden.

Noch am gleichen Abend liefen wir zum Bergführerbüro, sagten zu, und am nächsten Morgen um - oh je - in aller Früh ging's los.

Auf die Große Zinne!

Ich will ehrlich sein, das Ganze ist ewig her, 1993 war ich noch nicht mal auf der Welt, und ich weiß nicht mehr viel von der Tour, oder von der Route. Ich habe meinem Gedächtnis aber anhand meiner alten Frisenfotos und einiger Tourenbeschreibungen auf die Sprünge geholfen. Aufschlussreiche Bilder der Route taten ein Übriges, das hier zum Beispiel, oder, besser, das hier. Zur Zinne selbst sag' ich gar nichts, dafür bin ich in geradezu lächerlichem Maße nicht berufen. Das Ding ist ein Mythos, weltbekanntes Postkartenmotiv, Schauplatz von (Star Wars und) Alpingeschichte - alles Weitere ist überall nachzulesen.

Der Anstieg erfodert den oberen dritten Schwierigkeitsgrad, oder: nur den oberen dritten Schwierigkeitsgrad, sollte aber nicht unterschätzt werden, weil die Ori an diesem Berg ein ernstzunehmendes Problem darstellt. Dazu kann ich aber nichts sagen, denn mit Heini Gütl (erste Solobegehung der Nordwand, 1976 - in 7 Stunden) hatten wir einen Führer zur Seite, der an der Großen Zinne gewissermaßen durch sein Wohnzimmer schlappte - mit dem würden wir garantiert keine Orietierungsprobleme bekommen.


Wir brachen also auf, wie gesagt, in aller Früh, und dübelten los. Aus dem Pustertal bei Toblach nach Süden, Richtung Cortina d’Ampezzo, kurz hinter dem Dürrensee links nach Misurina, vor dem Misurina-See wieder links und hinauf hinauf hinauf zum Rifugio Auronzo (2320m). Kos heut um die 25 Euro. Damals nicht. Man kann auch mippm Bus von Toblach herauffahren, aber nicht so früh. Oder man nimmt den Güterzug. Oder den Falken - Startrampe 94.

Vom damals schon riesigen Parkplatz des Rifugio Auronzo wandert man etwa einen halben Kilometer auf dem breiten Wanderweg Richtung Rifugio Lavaredo. Dann zweigt links ein schmaler, schottriger, teilweise undeutlicher Steig ab. Auf diesem geht es hinauf in die Scharte zwischen Großer und Kleiner Zinne. Der Einstieg befindet sich in etwa 2580 Metern Höhe, an einer Stelle, an der in der Ostseite der Großen Zinne ein schräges Rinnensystem herunterzieht, und wo es Becketts Freundin Val erwischt hat.

Zustieg vom Rifugio Auronzo in die Scharte zwischen Großer und Kleiner Zinne: 200Hm, ca. 30 Min.


Und jetzt? Uuuuuh... "Tue es oder tue es nicht. Es gibt kein Versuchen." Los geht's!

Die Kletterei beginnt mit einer leichten Passage: Aus der Scharte geht es links eine Rampe hinauf (I) in den Grund einer Rinne und durch diese Rinne (I) bzw. links davon hinauf (II+) in einer erste Scharte, zwischen der Südwand der Zinne und einem pyramidenartigen Vorbau.

Die Scharte wird nach links verlassen: Auf einem Band geht es leicht ansteigend zu einer kleinen Plattform, und von dort aus durch eine Rinne (II) hinauf in eine zweite Scharte.

Aus der Scharte nun leicht links haltend in eine einfache Schlucht (I) und hinauf in die dritte Scharte. (Von hier aus ginge es nach links zum Unteren Terrassenband, das wir später im Abstieg benutzten).

Die dritte Scharte wird nun leicht rechtshaltend über ein steiles Wandl (III) verlassen, und man gelangt auf ein Schotterband (Abseilring). Über kleinere Stufen und Rampen (bis II, Steigspuren) steigt man weiter hinauf zu Gedenktafeln.

Nun durch eine der Rinnen hier (bis II+) hinauf auf einen Absatz, und anschließend auf Schuttbändern nach links bis an eine Rinne, die oben in eine riesige, schräge Platte mündet. Weiter geht's den Pfeiler links neben der Rinne hinauf (bis 3-). Oben überquert man dann die Rinne nach rechts zum "Glatten Kamin" (ca. 2840m), durch den man sich nun mühsam nach oben spreizt (glatt und abgespeckt, 3+, erste Schlüsselstelle), bis man in eine weitere Scharte gelangt.

Aus der Scharte nun links eine steile Wand hinauf (III) bis zu einem Ring. Noch ein Stück weiter hinauf (III-), dann quert man auf einem guten Band (großer Block) nach links (Gehgelände) in einen kleinen Kessel (II). Diesen verlässt man über einen Riss (I). Danach gelangt man auf das Obere Terrassenband/Ringband.

Dem Oberen Ringband folgt man nun nach links (Gehgelände) bis zu einem Steinmann, von dem aus gut sichtbare Aufstiegsspuren eine leichte Rampe (I) in der Südwand hinauf Richtung Gipfel führen. Man gelangt an eine kurze, glatte, kaminartige Rinne (III), durch die es weiter hinaufgeht. Oben nach rechts, und um den abdrängenden, griffarmen "Bösen Block" herum (zweite Schlüsselstelle, III). Durch eine kurze Verschneidung gelangt man schließlich in einfaches Gelände, nach links geht es hinauf zum Gipfelkreuz (2999m).

Aufstieg zum Gipfel: 500Hm, Kletterei bis III+, dazwischen Gehgelände, ca. 2h


Wir hatten es geschafft! Wir standen auf der großen Zinne - und hatten vierundzwanzig Stunden zuvor noch nicht einmal davon geträumt. Wahnsinn! Bärig - sagte man damals. 1993....

Und Heini berichtete: Die Große Zinne war früher mal ein echter Dreitausender gewesen. Ein Gewitter hat irgendwann den Gipfel um einen Kopf kürzer gemacht. Aber nur sehr, sehr kleine Leute dürften sich ärgern, hier nicht über die 3000-Meter-Grenze hinauszugelangen. Bei 2999 Metern Höhe befindet sich die nämlich auf Hüfthöhe.

Abgesehen davon ist es der Blick, der fasziniert: Der Alpenhauptlkamm mit Großvenediger und Großglockner, davor der Lasörling, drumherum viele viele Dolomiten.... - und natürlich der Blick nach Norden, hinunter, tief hinunter... Wir waren überwältigt!

Sogar Venedig kann man sehen, sagte uns Heini! Nur heute blöderweise nicht.... Hihi!


Abstieg!

Oder besser: Abseilen.... Beim ersten Mal hatte ich ordentlich Mulm im Bauch - aber dann! "Häng' Dich richtig rein!" Es hätte ewig so weitergehen können!

Im Abstieg folgten wir bis kurz oberhalb der dritten Scharte unserer Aufstiegsroute, dann nahmen wir das Untere Terrassenband, und folgten diesem nach Westen. Durch eine enge Schlucht ging es weiter, dann über eine kurze Felsrippe (III) tiefer hinunter bis in die breitere Schlucht zwischen Großer und Westlicher Zinne. Aus dieser Schlucht gelangten wir schließlich hinunter auf den markierten Wanderweg.

Abstieg: 500Hm, viel Abseilerei, dazwischen leichte Kletterei und Gehgelände, ca. 1,5h


Unsere Kletterzeit auf den Gipfel betrug etwa zwei Stunden, wenn ich mich recht entsinne. Wir hatten mit Heini Gütl aber auch einen fantastischen Führer dabei. Wer alleine geht, dürfte länger brauchen - für den dürfte nämlich die Ori das Hauptproblem sein. Ältere Markierungen sind nämlich inzwischen grau übermalt. Wenn man aber genau hinschaut, erkennt man die verschiedensten Begehungsspuren: speckigen Fels, Steigspuren im Schutt, Steinmanndl. Trotzdem sei Ortsunkundigen, Unsicheren oder Laien (wie wir es damals waren) ein Bergführer angeraten. Bei schlechter Sicht lässt man die Finger von diesem Berg.


Obacht:

Da die Route großenteils wieder abgeklettert werden muss, ist ein zeitiger Aufbruch ratsam. An einem guten Tag mit vielen Seilschaften auf der Route ist mit Gegenverkehr zu rechnen, an kritischen Stellen darüber hinaus mit Wartezeiten. Die Steinschlaggefahr ist wegen des vielen Schotters und dem meist regen Betrieb relativ groß.


Fazit:

Diesmal in Form eines Zitats: "Wer reine Genusskletterei sucht, wird in diesem Schwierigkeitsbereich sicher lohnendere Routen finden, aber was das alpine Gesamterlebnis angeht, gehört der Normalweg auf die Große Zinne zur Spitzenklasse der Alpen." Wenn des bassd, dann bassd des. Wie gesagt, um dies relevant zu ergänzen, bin ich in geradezu lächerlichem Maße nicht berufen.


Tourengänger: Nik Brückner


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Kommentare (4)


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hannes80 hat gesagt:
Gesendet am 31. Dezember 2018 um 17:44
Also ich würde zu den Zinnen immer den Falken nehmen, der machte immerhin den Korsalflug in weniger als 12 Parsec ;)

Immer wieder ein Genuss, deine kreativen Berichte zu lesen!

Nik Brückner hat gesagt: RE:
Gesendet am 31. Dezember 2018 um 17:51
Und es ist ebenso ein Genuss, Hannes, es mit einem Fachmann zu tun zu haben. Möge die Macht mit Dir sein!

Gruß,

Nik

WoPo1961 Pro hat gesagt:
Gesendet am 31. Dezember 2018 um 21:10
Aaaaalter! Krass... DAS bist tatsächlich D U auf den Fotos??!!!! Ich hätte dich nicht erkannt.. Aber sowas von nicht. Anyway... Was von dem Tage übrig bleibt: du warst auf der großen Zinne. Und auch wenn es ein schlappes Vierteljahrhundert her ist... Es gratulieren vergnügt die beiden Flachlandhausener!

Nik Brückner hat gesagt: RE:
Gesendet am 1. Januar 2019 um 13:16
Ich grüße Euch zurück, Ihr beiden! Wie gut, dass Ihr wisst, dass ich heute viel besser, jünger und frischer ausschaue! ;o}


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