Ruchenpfeiler


Publiziert von 3614adrian , 3. September 2018 um 07:35. Text und Fotos von den Tourengängern

Region: Welt » Schweiz » Glarus
Tour Datum:28 August 2018
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: SS
Klettern Schwierigkeit: V+ (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GL   Glärnischgruppe 

Tourenbericht (von  mde)

'Soll ich, oder soll ich nicht'(*), treffender kann man einen Bericht zum Nordpfeiler am Ruchen (2901m) im Glärnischmassiv nicht beginnen. Unbestritten handelt es sich um eine Kingline in dieser 2000m hohen und 8km breiten Wand. Doch nach einem (bereits sehr alpinen) Zustieg warten noch 1000hm Kletterei am Pfeiler selbst. Diese weisen Schwierigkeiten im 5c/6a-Bereich auf, auf fixe Absicherung kann man nicht zählen, insbesondere gibt es keine eingerichteten Standplätze. Somit ist man bezüglich der Wegfindung herausgefordert, ein Rückzug ist nicht möglich und während es durchaus schöne Kletterstellen gibt, so muss man hier auch mit Bruch, Schotter und Steilgras klarkommen. Wir haben es also mit einer Abenteuerroute durch und durch zu tun, welche in ihren Dimensionen durchaus mit den grossen Nordwänden der Alpen à la Matterhorn, Grandes Jorasses oder Civetta vergleichbar ist. Natürlich ist das nicht etwas für jedermann, trotzdem ist's erstaunlich, dass eine solche Paradetour nur ein paar wenige Male pro Jahrzehnt Besuch erhält!
 
Originalfoto justus

Nachdem wir schon seit einem Jahrzehnt in Phasen von höherer oder tieferer Intensität über den Ruchenpfeiler diskutiert hatten, einigten wir uns im 2018 auf einen Versuch nach Ende der Sommerferien. Schliesslich kam der benötigte, warme Schönwettertag mit 0% Gewitterrisiko und mit ihm nochmals die drängende Frage 'soll ich, oder soll ich nicht'. Meine Bedenken lagen weniger an den Schwierigkeiten dieser Route, sondern drehten sich mehr darum, ob die Sache nicht zu heikel-brüchig-gefährlich-haarsträubend sei. Aber irgendwann muss man einfach 'jetzt oder nie' sagen und so einigten wir uns auf einen Treff um 4.00 Uhr am Rhodannenberg. Eine Viertelstunde später schritten wir vom Hinter Saggberg (1040m) bei angenehmen Bedingungen in die dunkle Nacht. Auf der Standardroute geht's ins Chalttäli bis auf 1600m, das konnten wir effizient erledigen. Von dort stellt sich die Frage, wie man zum Einstieg auf Darliegg (bei P.1919) gelangt. Es handelt sich um steilstes Schrofengelände, in welchem es 'die Optimallinie' wohl kaum gibt. Soweit uns bekannt, versuchten die meisten bisher, direkt über die Osthänge zum markanten Gratzug des Darliegg aufzusteigen, mit gewagten Steilgraspassagen bis T6+. Wir wollten uns dagegen viel weiter links über die weniger steilen NE-Hänge versuchen und am Schluss über Bänder zum Einstieg queren. Adrian hatte diesen Weg verdankenswerterweise zuvor rekognosziert, denn um sich auf Experimente einzulassen, wäre es definitiv der falsche Zeitpunkt gewesen. Tatsächlich war's bis hinauf aufs oberste Querband gut machbar, vor der letzten Querung (T6) hatten wir aber beide leer zu schlucken - aber es ging dann doch gut. Nach einer Pause begannen wir um 6.40 Uhr mit der Kletterei, weniger als 2:30 Stunden nach unserem Aufbruch beim Auto.
 
Gleich am Einstieg wartet ein erster Test: steiler Fels, mässig solide, schwierig abzusichern, für Vor- und Nachsteiger psychisch fordernd. Doch für uns gab es keine Zweifel, aufwärts sollte es gehen! Danach folgen im Wechsel schwierige und einfachere Passagen, schöne Kletterstellen und brüchiges Gelände, solche die sich gut absichern lassen und andere, wo dies schwieriger ist. Von weitem würde man auch kaum glauben, dass es am Ruchenpfeiler doch auch diverse Abschnitte mit quasi verschärftem Gehgelände gibt (siehe genaue Routenbeschreibung unten!). Dem ganzen Handling von Seil und Absicherung kommt hier eine eminente Bedeutung zu, wenn's ums effiziente Vorwärtskommen geht. Während sich die schwierigen Kletterpassagen entlang von Rissen und Verschneidungen in solidem Fels meist recht gut mobil absichern lassen, so steht man danach in flacheren Zonen oft in schuttigem, wenig solidem Fels, wo es schwierig ist, Standplätze zu bauen. Dasselbe gilt natürlich auch für die einfacheren und oft brüchigen Abschnitte. Es gilt beständig abzuwägen, wann und wo wie gesichert werden soll. Wir haben diverse Teilstücke auch seilfrei begangen, da wir uns so einerseits sicher fühlten, andererseits eine wirklich effektive Sicherung auch nur schwierig machbar gewesen wäre. Schliesslich gelangten wir um Schlag 12.00 Uhr und damit nach 5:20h Kletterei aufs Band, welches den hellen, oft ziemlich soliden Kalk des unteren Wandteils vom oberen, brüchig-braunen Wandteil abgrenzt.

Vor diesem hatten wir a priori einen grossen Respekt gehabt. Dem Vernehmen nach würden zwar nicht mehr die grossen Kletterschwierigkeiten warten. Dafür aber eben sehr unzuverlässiger Fels und noch schlimmer: es hatte sich aus den bisherigen Begehungen noch keine eindeutige Route herauskristallisieren können. Die einen gingen hier (z.B. alles möglichst dem Grat entlang), die anderen da (z.B. erst in die Schlucht und dann rechts hinaus). Doch eigentlich alle fanden danach, dass es eine bessere Route geben müsse, da ihr Pfad nun doch höchst unangenehm gewesen sei. Man nehme dazu noch die Tatsache, dass es hier oben nun wirklich ein Labyrinth von Schluchten, Graten und brüchigen Felstürmen gibt und fertig ist das Rätsel, wo man nun denn entlangklettern soll. Wir machten uns auf eine Querung nach rechts, um das ominöse Fixseil aufzuspüren. Dieses war schliesslich unschwierig zu finden, er eröffnet den Weg über einen Wulst hinweg zu den Schluchten und Türmen oberhalb. Bei dieser Stelle handelt es sich (freigeklettert) eindeutig um die technische Crux der Route. Es ist schwierig, eine Bewertung für diese Stelle anzugeben. Unter Bedienung aller vorhandenen Griffe wäre es eventuell so im Bereich VI oder VI+. Allerdings bricht das, was am meisten hervorsteht auch am ehesten ab. Weil man an dieser Stelle aber überhaupt nicht absichern kann und ein Sturz nicht drinliegt, beschränkt man sich lieber auf solidere, auflegerige Strukturen. Was dann heisst, dass man vermutlich eher etwas in der Gegend von VII oder VII+ klettert. Oder eben, diese 7-8m am dünnen Fixseil hochhangelt, so lange es noch da und unbeschädigt ist (der Mantel ist an einer Stelle bereits durch und der Kern tritt hervor). Befestigt ist's an einem Profilhaken, das Körpergewicht dürfte es auch weiterhin halten. Ob und wo man diese Stelle umgehen könnte, ist mir nicht restlos klar. Kleinräumig (30m links oder rechts) jedenfalls eher nicht.

Nach dem Fixseil-Wulst geht's Richtung der Ausstiegsschlucht. Da ja bisher noch niemand in diesem Bereich eine als 'gut' taxierte Linie beschrieben hatte, wollten wir es tatsächlich mitten durch die Schlucht probieren. Dort, wo hin und wieder das Wasser läuft, ist der Fels in der Regel ja eher fester. Trotzdem, es handelt sich immer noch um vogelwildes Gelände, mit einigen höhlenartigen Gufeln und nachfolgendem Steilgelände. Das Gestein auch sehr speziell, da man einer Art Quarz- oder Calcitader folgt. Jedenfalls, nach einer Weile standen wir an einem Geröllplatz und erblickten ein Stück oberhalb von uns die markante Scharte im braunen Grat. Dort mussten wir hin, der Weg schien gangbar, somit hatten wir die Passage durch den oberen Wandteil gefunden. Um etwa 13.45 Uhr hatten wir den Grat schliesslich erreicht. Diesem gegen die Schlusswand hinauf zu folgen war kein grösseres Problem, es handelt sich um einfaches Gelände. Die Schlusswand hingegen sieht aus dieser Perspektive nochmals richtig fordernd aus. Doch wie so oft beim Bergsteigen, was von Weitem abschreckend aussieht, präsentiert aus der Nähe dann doch einen gangbaren Weg. Die ersten 2-3 Seillängen an der Schlusswand sind gutmütig und rasch erledigt. Die letzten 70-80m sind dann aber nochmals fordernd, insbesondere mit einer originellen, athletischen Boulderstelle 30m unter dem Grat. Dann war's aber geschafft, um 15.15 Uhr und damit ziemlich genau 11:00 Stunden nach unserem Aufbruch auf dem Hinter Saggberg konnten wir am Gipfel abklatschen. Das war jetzt wirklich ein grandioses Abenteuer gewesen!

Nun gut, zu Ende ist die Tour erst, wenn man wieder im Tal ist (oder vielleicht besser, zuhause). Im Falle vom Ruchen ist der Abstieg zwar nicht schwierig, aber dafür ziemlich weit. Ich hatte im Vorfeld hin und her überlegt, ob ich meinen Ultraleicht-Gleitschirm für einen bequemen Abstieg mitführen solle. Bedenken hatte ich einerseits wegen dem Zusatzgewicht - es sind zwar nur 1.7kg für das komplette Flugmaterial, aber für eine solche Kletterei eben doch auch 1.7kg. Andererseits war auch die Windprognose mit der vorherrschenden Richtung aus SW nicht überaus günstig. Ich hoffte darauf, dass der Wind schlussendlich so schwach wäre, dass ich vom Schwander Grat nach NW starten könnte um dann gleich nach rechts übers Chalttäli abzudrehen. So hätte ich retour zum Hinter Saggberg fliegen können. Doch mit den gut 20km/h, die mir am Gipfel aus SW ins Gesicht bliesen wurde dieser Plan zu Makulatur, für diese Windrichtung und -stärke gibt's weder einen geeigneten Startplatz noch Flugweg. So blieb mir nichts andere übrig, als zusammen mit Adrian über den Glärnischfirn bis ins Steintäli auf ca. 2250m abzusteigen. Die Startvorbereitungen dort kosteten mich ob dem steilen Gelände und dem hohen, extrem krautigen Gras wo sich ständig die Leinen darin verhakten zwar auch noch etwas Geduld. Doch schliesslich konnte ich mir doch noch die mühsamen 2/3 des Abstiegs mit einem schönen und bequemen Gleitflug ersparen. Adrian war tüchtig gelaufen, so dauerte es nicht lange, bis wir wieder vereint waren. Nachdem wir uns logistisch gut organisiert hatten, konnten wir uns schon bald auf dem Heimweg machen. Das war jetzt alles wirklich wie am Schnürchen gelaufen - absolut keine Selbstverständlichkeit bei einer solch wilden und anspruchsvollen Tour!

Sicht des Nachsteigers (von 3614adrian)

Den Ruchenpfeiler habe ich wohl erstmals richtig wahrgenommen, als ich vor 10 Jahren mit delta die Chalttäliroute in Angriff nahm. Damals lag uns kein einziger Bericht aus dem Internet vor! Das Chalttäli betreffend hat sich dies deutlich geändert, hingegen gibt es zum Ruchenpfeiler auch heute nur spärliche Informationen. Besonders im Morgenlicht während eines Chalttäliaufstieges leuchtet einem der mächtige Ruchenpfeiler jeweils entgegen. Vor 4 Jahren habe ich mir dann konkretere Gedanken über eine Begehung gemacht und mir gesagt, dass ich mir für so eine Tour einmal einen Bergführer leisten könnte. Vielleicht zum 40. Geburtstag? Vor einem Jahr dann habe ich mit mde erneut darüber gesprochen und wir haben dies Tour ins Visier genommen. Ich glaubte aber noch nicht so richtig daran, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass ein ausgewiesener Sportkletterer mich als Tourenpartner wählen könnte. Bin ich doch die letzten Jahre praktisch gar nicht mehr Sportklettern gegangen. Offenbar machen jedoch die meisten Sportkletterer einen grossen Bogen um so eine Tour und so kam ich wieder ins Spiel und passend hatte der runde Geburtstag auch in diesem Jahr stattgefunden. Bei den schwierigen Kletterstellen konnte ich auf einen kompetenten Vorsteiger zählen, über das brüchige Gelände oben machte ich mir nicht soviele Gedanken. Einzig der Zustieg war mir unklar. Die andererorts beschriebene Grasflanke sieht im unteren Bereich gar nicht einladend aus. So bin ich am 01.08.2018 auf Rekognosziertour gegangen. Schlussendlich habe ich dann die aktuell von uns begangene Route gefunden.

Ich bedanke mich herzlich bei mde für das Vorsteigen in den klettertechnisch schwierigen Passagen. Um diese Stellen im Vorsteig bewältigen zu können und dann auch noch vernünftig absichern zu können fehlt mir die Erfahrung und das Können. In der aktuellen Konstellation hat dies aber sehr gut funktioniert und ein langjähriger Traum ging somit in Erfüllung! Last but not least möchte ich mich auch noch bei dolmar bedanken. Seine Informationen in Bild und Text waren uns in der Vorbereitung sehr hilfreich. Auch möchte ich mich noch bei Roman Fischli, dem Bergführer und Sohn des Erstbegehers bedanken, der uns kurz vor der Tour einige Informationen zum oberen brüchigen Teil geben konnte und uns somit etwas von der Ungewissheit nehmen konnte - uns sozusagen bei der Entscheidung 'soll ich oder soll ich nicht' ein weiterer Faktor war.
 
 
Facts

Glärnisch Ruchen (2901m) - Nordpfeiler (TD, 6a) - ca. 1000hm, 1600 Klettermeter - Fischli/Schindler 1964

Eine reinrassige Abenteuerroute durch die imposante Glärnisch Nordwand. Schon der Zustieg erfordert Können und Mut im Steilgras. Die Kletterei danach weist so gut wie keine fixen Sicherungen auf. Sie bietet einen Mix von stellenweise schönen Passagen in recht gutem Fels mit einfacherer Kletterei an brüchigem Gestein. Ebensowenig fehlen schuttige Abschnitte und Sequenzen im Steilgras. Kurzum eine Tour, bei der man auf alles vorbereitet sein muss.


Wissenswertes

Seil: mindestens 50m-Seil, damit kommt man durch. Je länger jedoch das Seil ist, desto mehr erhöht man seine Optionen, nach einem geeigneten Standplatz zu suchen, was ja oft nicht einfach ist. Ein Rückzug bzw. Abseilen ist komplett utopisch, daher ist ein Doppelseil kein Muss. Natürlich bietet dieses Vorteile bzgl. Steinschlagsicherheit und Seilverlauf. Andererseits hat das Einfachseil Vorteile im Handling und Gewicht. Also Geschmackssache...
 
Exen: wie viele Exen man auf solche Trad-Routen mitnimmt ist ja auch immer ein wenig Geschmackssache und hängt davon ab, wie viel man schlussendlich legt und bastelt. Jedenfalls ist die Kletterei selten anhaltend schwierig und sowieso gibt's oft nicht viele Sicherungsmöglichkeiten. So 10-12 Stück sind ausreichend. Alles verlängerbare Alpine Draws, normale Sportkletterexen taugen hier wenig bis nix. Genügend Schlingen o.ä. für den Standplatzbau nicht vergessen!
 
Mobile Sicherungen: wir sind die Route mit 1 Set Camalots von 0.3-4 und einem Satz Keile geklettert. Den Camalot 4 habe ich zwar durchaus ein paar Mal eingesetzt, würde ihn aber im Rückblick nicht mehr mitnehmen. Dafür passt gefühlt der Camalot 1 in jeden Riss an diesem Berg und man könnte ihn ungefähr 27-fach brauchen. Darum die Grössen 0.5-1 auf jeden Fall doppelt, evtl. 0.3, 0.4 und 2 ebenfalls. Die Keile waren immer wieder einmal nützlich.
 
Hammer und Haken: würde ich auf jeden Fall mitnehmen! Ich habe unterwegs ca. 10-15x einen Haken geschlagen, damit ich an diesen Stellen in weiterem Umkreis überhaupt eine Sicherung anbringen konnte, der Fels akzeptiert bei weitem nicht überall Cams & Keile. Bis auf einen einzigen haben wir alle wieder mitgenommen. Daher hätte es auch die 10 Haken, die ich dabei hatte, nicht zwingend gebraucht, 3-4 Stück wohlsortiert hätten ausgereicht.
 
Schuhe: total Geschmackssache! Ich bin mit normalen Zustiegsschuhen zum Einstieg gelaufen, war von dort zum Gipfel in Kletterfinken unterwegs. In den schwierigen Seillängen muss man durchaus plattig antreten, was für mich in schweren Schuhen deutlich langsamer, unangenehmer und weniger sicher wäre. Würde ich auf jeden Fall wieder so machen, sonst wird die Route wohl meistens in Bergschuhen geklettert. Für solche habe ich nirgends Bedarf verspürt.
 
Gletscherausrüstung: braucht es nicht! Der Glärnischfirn hat sich bereits stark zurückgezogen. Im Sommer könnte man an seinem rechten Rand absteigen, ohne das Eis überhaupt betreten zu müssen. Schneller und bequemer geht's jedoch, über das flache und apere Eis zu laufen, was mir jetzt in jeglicher Art von Schuhwerk problemlos scheint. Achtung: einige (problemlos umgehbare) Löcher hat es aber durchaus, wenn noch Schnee liegt herrscht Spaltengefahr!
 
Zeitmanagement: wir brauchten gut 2:00h zum Einstieg und von dort rund 8:30h Kletterzeit zum Gipfel, was mit den Pausen dazwischen 11:00h vom Auto zum Gipfel ergibt. Für den Abstieg ins hintere Klöntal sind dann nochmals 2:30h zu veranschlagen. Man kann sicher sowohl schneller als auch langsamer wie wir sein. Wir haben den Weg überall gut gefunden, uns keine Verhauer geleistet und waren effizient unterwegs. Andererseits haben wir uns auch immer die Zeit genommen, um die Kletterpassagen solide abzusichern und zuverlässige Standplätze zu bauen (was oft einiges an Zeit in Anspruch nimmt!).
 
Logistik: Start- und Endpunkt der Tour sind nicht identisch! Vom Endpunkt sind es dem See entlang und hinauf zum Hinter Saggberg nochmals 1:30-2:00h Fussmarsch. Es gibt einige wenige öV-Verbindungen (jedoch nicht spät am Abend), man kann evtl. ein Taxi rufen, auf Autostopp vertrauen (spätabends bestimmt nicht mehr so einfach), ein Velo/Auto platzieren oder dann halt doch laufen.
 
Gleitschirm: auf dem Ruchen zu starten ist eher schwierig, falls kein Schnee mehr liegt, da sehr geröllig. Der beste Startplatz ist bei P.2859 auf dem Schwander Grat, wo man danach rechts ins Chalttäli abbiegen und zum Ausgangspunkt fliegen kann. Das ist jedoch nur bei leichten Wind aus Sektor Nordwest bis Nord möglich. Der Flug über den Glärnischfirn ist vom Gleitwinkel her (zu) knapp. Weiter unten (Steintäli, oberhalb der Glärnischhütte) lässt es sich gut nach SW starten und ins hintere Klöntal fliegen. Zurück zum Ausgangspunkt reicht es so aber nicht.


Routenbeschreibung

Zustieg: vom Hinter Saggberg auf gutem Bergweg via Tschingel und Vorder Schlattalpli nach Mittelstafel. Von hier auf dem horizontal verlaufenden Weg ins Chalttäli queren. Durch dieses weglos hinauf zur Munggenplangge. Zuletzt über Geröll zum Einstieg in den Grasteil, der sich bei den Koordinaten 719'180/208'450 (CH1903) bzw. 47.01639/9.00619 (WGS84) auf 1685m befindet (Kartenlink).
 
Grasteil: Im Fels hinauf (II), leicht rechtshaltend auf einen ersten, etwas grasigen Rücken (total ca. 30hm). Der folgende Kessel wird deutlich rechtshaltend in felsig-gerölligem Gelände gequert, mit dem Ziel, die markanteste, teils buschbewachsene Grasplangge zu erreichen (ca. 60hm zu Beginn derselben, T5). Über die Plangge hinauf bis ganz an deren oberes Ende (1925m, ca. 150hm, T6). Nun auf dem meist problemlos gangbaren Band horizontal nach rechts (ca. 160m, T5) zu einer markanten Graskanzel. Nun folgt über 40m ein schmales, abschüssiges, schuttig-felsiges Band, das man horizontal traversiert (T6). Dann in Kürze leicht aufsteigend zum Einstieg.
 
1. Stufe: vom Einstieg 10m steil und etwas brüchig empor (V, H zu Beginn, dann schlechte Sicherungsmöglichkeiten) zu schwach ausgeprägtem Band mit losen Felsen. Diesem linkshaltend für 40m folgen (I-II), dabei zuletzt eine Rinne überqueren, Stand an der Rippe (schlechte Sicherungsmöglichkeiten). Nun diagonal in einfachem, grasdurchsetztem Gelände nach rechts hinauf an den Fuss der folgenden Steilstufe (ca. 60m, T5-T6, II), zuletzt ein wenig nach rechts queren zu schöner Rissverschneidung. 
 
2. Stufe: die Rissverschneidung mit guten Sicherungsmöglichkeiten hinauf (IV), bei der Gabelung des Risses nach links und hinauf in schuttbedecktes Gelände und einfach (T5) zur nächsten Felsstufe (ca. 50-55m), Stand an deren Fuss auf bequemem Band.
 
3. Stufe: man kann entweder direkt an einem breiten, steilen Riss klettern, oder dann einfacher an der Rissverschneidung, welche 10m weiter rechts ansetzt (IV). An dieser hinauf mit Ausstieg nach links (ca. 30m). Es folgt nun ein einfacherer, teils fast gratartiger Abschnitt, der zum Fuss des nächsten, kompakten Aufschwungs führt (II-III, ca. 70m).
 
4. Stufe: vom bequemen Stand am Fuss in steiler Kletterei an sehr gutem Fels mit athletischen Zügen 20m aufwärts (2H, gute Sicherungsmöglichkeiten, V+). Man gelangt zu einem schwierigen Überhang. Entweder a) diesen direkt an einem Riss erklettern (VI?) oder b) 4m nach links queren und einen etwas weniger ausgeprägten Überhang an Riss ersteigen oder c) 10m nach links queren um dann hinauf auf den Absatz zu steigen, wo man das Frifad erreicht (IV, total 40m).
 
5. Stufe: vom Frifad in einfacherem, gratartigen und grasigem Gelände hinauf (T5, II). Man überklettert eine Stufe aus auffälligen, hellen Felsen (II-III) und gelangt über grasiges Gelände zum Fuss der nächsten Stufe aus dunklem Gestein (total ca. 100m vom Frifad). Entlang einer Verschneidung hinauf (IV), unter der überhängenden Zone über eine kompakte Platte nach links (V, gut absicherbar) und in einfacherem Gelände ans obere Ende der Stufe (50-55m). Erst über Gras, dann über Fels und schliesslich im Schotter an den Fuss der nächsten, eindrücklichen Steilstufe, zuletzt nach rechts querend (total ca. 100m).
 
6. Stufe: dies ist die höchste Stufe, sie wird von rechts nach links auf logischem Weg via eine Art Rampe erklettert. Erst über geneigte, griffige Felsen (IV+, einige Cam-Möglichkeiten), dann kurze Linksquerung in etwas grasiges Gelände und etwas heikel über glatte, ausgewaschene Felsen steil hinauf (V+, schlechter H, bescheidene Sicherungsmöglichkeiten, evtl. besser rechts in kompakterem, auf den ersten Blick schwierigeren Fels klettern?). Man kommt zu einem Band, auf welchem man noch 10-15m nach links zu Stand an 2H quert (total 50-55m). Vom Stand in steiler, schöner und griffiger Kletterei 20m gerade hinauf (V), dann entlang von einem Riss zu einer kleinen Gufel (H), nach links querend plattig aus dieser hinaus (IV+) und über schuttbedecktes Gelände zum Fuss der nächsten Stufe (50-55m).
 
7. Stufe: diese nur ca. 10m hohe Stufe wird etwas rechts durch vom Wasser dunkel gefärbtes, griffiges Gestein ersteigen, zuletzt über einen kleinen Überhang hinweg (V, schlechter/alter H, gute Cam-Möglichkeiten). Man gelangt auf ein grosses Schuttband. Darüber hinauf zum Fuss der mächtigen Steilstufe zu Stand an Cams (50-55m, schlechte Kommunikation mit dem Nachsteiger).
 
8. Stufe: die Überwindung dieser kompakten und mächtigen Steilstufe bildet gemäss den Informationen im SAC-Führer 'den Schlüssel der Besteigung' und erfolgt 'leicht links durch eine abdrängende Rissverschneidung in hellem Gestein'. Während zweiteres absolut zutreffend ist, lässt sich über das erstere diskutieren. Zuerst 15m aufwärts in noch etwas losem, braunem Gestein, dabei einen kleinen Überhang meisternd (H) zu einer Art Höhle (H). Athletisch an guten Griffen im nun hellen Kalk daraus hinaus (H) und dem sich zu einer Verschneidung entwickelnden Riss entlang in sehr schöner Kletterei weiter (gut absicherbar, V+). Standmöglichkeiten nach 40m, 45m oder am besten sehr luftig nach 50m an 2H (wovon 1 mies ist, jedoch gute natürliche Sicherungsmöglichkeiten vorhanden). Weiter in schöner Kletterei der Verschneidung entlang (V, 1 H, gut absicherbar) und zuletzt in graduell einfacher werdendem Gelände hinauf zum Band zu Beginn der braunen, brüchigen Felszone (30m, schlechte Standmöglichkeiten an mobilen Sicherungen, Haken schlagen!).
 
Zum Fixseil am braunen Wulst: auf dem Band quert man 50m gut gangbar nach rechts (T5) und steigt über geneigte Felsen 50m hinauf (II) zum braunen Wulst mit dem ominösen Fixseil, welches sich direkt in Falllinie der Schlucht befindet. Hier haben wir einen Standhaken am Fuss der Steilstufe des braunen Wulsts geschlagen und belassen.
 
Brauner Wulst mit Fixseil: die Steilstufe mit dem ca. 8m langen, an einem NH befestigten Fixseil bildet die klettertechnische Crux (VI oder VI+, alternativ A0 am Fixseil). Es bestehen keine weiteren Sicherungsmöglichkeiten, ein Sturz liegt nicht drin und der Fels ist mässig solide. Eine Bewertung ist schwierig, da man sich aus Sicherheitsgründen nicht die besten, sondern die solidesten Griffe auswählen muss (d.h. in freier Kletterei ca. VII obligatorisch!). Oberhalb vom Wulst einfacher in den ausgewaschenen Beginn der Schlucht klettern (IV, keine Sicherungsmöglichkeiten, heikel). Nach 45m Standmöglichkeit an Cams.
 
Durch die Schlucht: nun ca. 100m in einfachem, teils schuttig-brüchigem Gelände durch eine Art Kessel zwischen verschiedenen Türmen durch die hier einfache Schlucht hinaufsteigen (II-III). Zum Schluss steilt sich diese wieder auf und weist mehrere Gufeln und Steilstufen auf (spezieller, kristallhaltiger und einigermassen solider Fels). In einer Seillänge von 50m (V, einige Sicherungsmöglichkeiten) zum Ende dieser Schluchtreihe bei einem Geröllplatz.
 
Hinauf zum Grat: rechtshaltend 20-30m aufwärts, und a) entweder direkt über die 10m hohe Stufe (V, wenig exponiert aber kaum Sicherungsmöglichkeiten) oder b) diese in einem Rechtsbogen über geneigt-schuttiges Gelände umgehen (III). Nun erst schuttig-lose nach rechts hinauf (I-II), dann rechts der markanten, zur Turmscharte führenden Rinne über eine Art Rippe in braunem Gestein hinauf zum Grat (ca. 100-150m, III).
 
Über den Grat: dem Grat folgend in einfacher Kletterei (max. II) und teils in Gehgelände (T5) in 10-15 Minuten (ca. 200-300m) an den Fuss der Gipfelwand, ein etwas schwierigerer Turm wird dabei SE-seitig umgangen.
 
Schlusswand: die wieder aus hellem, solidem Kalk bestehende Gipfelwand wird entlang einer rampenartigen, diagonal nach rechts ziehenden, weniger steilen Zone angepackt. Die ersten ca. 100m ist das Gelände gutmütig (III), geneigt und etwas schuttbedeckt. Man trifft auf einem H, ab diesem folgt eine sehr schöne Seillänge in gutem, rauem Gestein. Zuerst an Rissen und über Wandstellen hinauf (V), zuletzt mit einem Boulder athletisch nach links auf die geneigte Platte (V+, H) zu Stand an Cams (50m). Erneut athletisch über eine Stufe (IV+) und hinauf zum Grat (30m), den man wenig westlich vom Gipfelsteinmann erreicht.

Tourengänger: 3614adrian, mde


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Kommentare (14)


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HBT hat gesagt: Fantastische Tour
Gesendet am 3. September 2018 um 08:16
Gratuliere euch beiden zu dieser eindrücklichen, wilden Tour. Schön, das an diesem regnerischen Morgen aus sicherer Warte "miterleben" zu können. Danke für diesen detaillierten Bericht.
lg hbt

Zoraya hat gesagt: Brava
Gesendet am 3. September 2018 um 08:47
Meine Bewunderung, Respekt und Gratulation zu dieser Tour. Ein detaillierter Bericht, der sehr interessant zu lesen war.

Macht's gut und weiterhin tolle, abenteuerlich Touren.

Grüsse
Zoraya

Alpin_Rise hat gesagt: Grosses Kino und super Doku,
Gesendet am 3. September 2018 um 10:28
gratuliere euch zum Durchstieg der Glarner Kingline. Freut mich, dass alles rund gelaufen ist und wieder Mal von mde hier zu lesen ist.

Sicher von Vorteil ist, wenn man bereits mit dem Ambiente der Wand vertraut ist, Adrian3614 scheint DER Spezialist für Vreneli Nord zu sein.
Vielleicht wage ich mich mal ans Chalttäli für einen Blick hinüber zum Pfeiler ;-)

G, Rise


DonMiguel Pro hat gesagt: Imposant!
Gesendet am 3. September 2018 um 11:13

Gratulation! Danke vielmals für den detailierten Bericht. Unglaublich dass Dolmar das im Alleingang gemacht hat.

Weiter schöne Touren!

Gruss Miguel

Lu3418 hat gesagt: Grossartig! Gratulation!
Gesendet am 3. September 2018 um 11:17
Mir stockt jetzt noch der Atem nach dem Lesen Eures eindrücklichen äusserst exakten Berichtes und dem informativem Bildmaterial. Bin überglücklich, Adrian, dass Dein lang gehegter Wunsch in Erfüllung ging an einem meteorolgisch perfekten Tag und im Nachgang zu Deinem 40. Geburtstag. Du kennst das "Vreneli" so gut wie kaum ein anderer. Diese fundierte Kenntnis gepaart mit einem grossartigen Gefährten haben wohl viel zum guten Gelingen beigetragen.

Wünsche Euch beiden weiterhin viel Glück auf Euren Touren.
Liebe Grüsse Lukas

maenzgi Pro hat gesagt: WOW
Gesendet am 3. September 2018 um 11:59
Gratulation zur erfolgreichen Tour. Was für eine Leistung, dazu mit einem super Bericht dokumentiert. Grössten Respekt teile ich für diese Tour. Es gibt wohl kaum schönere Geburtstagsgeschenke als eine solch grandiose Tour.

Weiterhin super Touren wünsche ich.

Lg Manu

jungens hat gesagt: Nice
Gesendet am 3. September 2018 um 21:14
War kürzlich beim Rautispitz, hab ehrfürchtig den Pfeiler bewundert und mich gefragt, wie schwer es wohl sei, da raufzukommen. Jetzt weiss ich es! Liest sich wie ein Krimi.

Herzliche Gratulation

Mueri hat gesagt:
Gesendet am 3. September 2018 um 21:32
No further questions, your honour...

Absolute Klasse, egal ob Tour oder Bericht! Gratuliere euch beiden zu dieser Leistung. Ich war gespannt wie ein Pfeil, von eurer Expedition zu lesen. Als Morgenlektüre vor der Arbeit hat die Zeit heute allerdings nicht gereicht, doch das ist gut so; es wäre der Unternehmung wohl kaum gerecht geworden;-)

Gruss

Armando

alpensucht hat gesagt: Da muss man sich Zeit...
Gesendet am 3. September 2018 um 22:25
zum Lesen nehmen! Also erst am Wochenende. Vielen Dank für deinen Aufwand alles so genau zu beschreiben. Beim ersten Blick auf den Pfeiler und eure wirklich königliche Linie, fiehl mir unwillkürlich der Bumiller ein... Bin sicher noch einige Jahre von solchen Begehungen entfernt! Einfach DANKE

Primi59 hat gesagt: Wahnsinn.....
Gesendet am 3. September 2018 um 23:50
Wahrhaftig eine bombastische Tour !
und nicht selbstverständlich das alles so gut gelaufen ist. Es liest sich wie im Film, sehr spannend und respektvoll, herzliche Gratulation zur dieser Besteignung vom Ruchen....

Lg Primi

justus Pro hat gesagt: Grosse Leistung
Gesendet am 4. September 2018 um 18:11
Nochmals Glückwunsch zu dieser Tour. Eine grosse Leistung! Und Danke für den informativen Bericht.
Gruess,
justus

Delta Pro hat gesagt:
Gesendet am 4. September 2018 um 21:06
Herzliche Gratulation zu dieser lang gehegten Traumtour auch von meiner Seite! Gut geplant, stark durchgezogen und ausserordentlich dokumentiert - Top!
Gruss Delta

Dolmar hat gesagt: Gratulation
Gesendet am 6. September 2018 um 20:47
Gratuliere zur erfolgreichen sehr spannenden Tour am Nordpfeiler, bestimmt eine in Erinnerung bleibende Tour passend zum runden Geburtstag, auch hierzu Gratulation und Wünsche dir immer tolle Tourenpartner.
Hat mich gefreut wenn ihr ein wenig aus meinem Bericht rauslesen konntet, ich durfte auch schon sehr oft aus deinen, sowie auch anderen Hikr Berichten gute Tipp`s rauslesen.
Ziehe respektvoll den Hut.
Auf weiterhin spannende Berg Erlebnisse.
Grüße
Dolmar

Djenoun hat gesagt: Top!
Gesendet am 10. September 2018 um 19:04
Gratuliere!
...und der Bericht ist Spitzenklasse!

Gruss, Michael


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