Brienzergrat halbtax


Publiziert von Maisander , 7. November 2015 um 15:10.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Berner Voralpen
Tour Datum:23 Oktober 2015
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: Brienzergrat   CH-BE   CH-OW   CH-LU 
Zeitbedarf: 11:30
Aufstieg: 3700 m
Abstieg: 3700 m
Strecke:ca. 35km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:ÖV
Unterkunftmöglichkeiten:Berghotel auf dem Brienzer Rothorn
Kartennummer:1208 - 1209

Uuuuund noch ein Bericht über den Brienzergrat! Da schon unzähige Infos über dessen Begehung existieren, hier nur die Eckdaten und ein paar Eindrücke meiner Variante.

Ich möchte den Brienzergrat in einem Tag in seiner ganzen Länge begehen, Start und Ziel sollen im Talgrund liegen und ich will mich wenn irgendwie möglich immer an den Grat halten. Die Wahl eines Spätherbsttages hat den Vorteil, dass auf stabiles Wetter Verlass ist und im Gegensatz zum Sommer keine brütende Hitze am Berg herrscht, sprich: man braucht weniger Flüssigkeit mitzuschleppen. Allerdings sollte das Bergrestaurant am Rothorn dann noch offen sein, denn hier befindet sich die einzige Wassertankstelle am Grat.

Die Nachteile liegen folglich in der kurzen Tageszeit; ich hatte ein Zeitfenster von etwa elf Stunden Tageslicht und somit insgesamt einen halben Tag Zeit für die Begehung. Zur Sicherheit führte ich eine Stirnlampe mit, welche ich beim finalen Abstieg vom Harder auch tatsächlich brauchte.

Um die angegebenen (ungefähren) Distanzen und Höhenmeter in dieser Zeit zu bewältigen, habe ich den grössten Teil der Tour im leichten Laufschritt zurückgelegt. Es handelt sich somit um ein sportliches Unterfangen, welches aber ohne Probleme mit einer Übernachtung im Berghotel Rothorn entschleunigt werden kann. Selbstverständlich könnte man auch mit der Bahn aufs Rothorn fahren und vom Harder wieder runter. 


Hier noch einige Details:

- An abscheinigen Hängen lag ab etwa 1800m Schnee, in hohen Lagen bis zu 20cm. Dieser störte mit einer Ausnahme (Lattgässli) kaum, allerdings blieben dadurch auch die schattigen, aperen Wegpassagen lange feucht und schmierig.

- Die Überschreitung des Hirendli ist botanisch und widerborstig. Zuerst erklimmt man einen felsdurchsetzten, steilen Grashang. Sobald das Gelände auf dem Grat flacher wird, dominieren Legföhren, welche man in tarzan'scher Manier über- und unterklettern darf. Der direkte Aufstieg von dort aufs Wilerhorn ist dann wieder angenehmer, allerdings liessen Gämsen über mir einige kopfgrosse Felsblöcke zu Tale poltern, was ich als nicht besonders einladend empfand. Das Hirendli ist also höchst fakultativ und kann einfach auf dem Wanderweg nördlich davon umgangen werden.

- Der Abstieg vom Höch Gumme über den Grat bildet die eigentliche Schlüsselstelle der ganzen Überschreitung: nebst anderen exponierten Absätzen besteht einer aus ziemlich losem Fels und ist dadurch heikel abzuklettern (T6). Wer dies vermeiden möchte, benutzt den breiten Wanderweg in der Flanke des Bergs.

- Südlich des Zickzackwegs zum Arnihaaggen finden sich abschüssige Schieferplatten, auf welchen sich der Halt der Wanderschuhe effektiv testen lässt (T4+)

- Im Aufstieg zum Brienzer Rothorn ergibt sich eine interessante Variante, wenn man unmittelbar nach der Bergstation der Eisee-Sesselbahn über Steilgras den NE-Grat erklimmt und diesem dann bis zum Gipfel folgt (abwechslungsreich, T5-)

- die Lanzizähne liess ich aus, ebenso die Roteflue. Erstere wegen alpintechnischer Schwierigkeiten, letztere wegen einem Verhauer, allerlei störendem Gehölz und aufgrund der fortgeschrittenen Tageszeit.

- Meine persönliche Schlüsselstelle dieser Tour war der Abstieg durchs Lattgässli: sämtliche Tritte vereist, Haltemöglichkeiten nur sporadisch an Drahtseilen.

- Der Aufstieg vom Blasenhubel aufs Augstmatthorn ist für einen weiss-rot-weiss markierten Weg gar nicht ohne. Wahrscheinlich haben Lawinen im letzten Winter einige Kettengeländer niedergedrückt. Vielleicht war es aber auch nur der Schnee, die dunkle Schattenlage und meine Verfassung, welche den Abschnitt schwieriger erscheinen liessen.

- Der Abschnitt vom Augstmatthorn zum Harder zieht sich wirklich noch mal in die Länge. Die Zeitangabe von 2.5h auf dem Augstmatthorn kann für einen Durchschnittswanderer kaum stimmen. Ich selbst machte zwar noch Umwege über den Wannichnubel und andere Gratabschnitte, benötigte aber trotz Laufschritt deutlich mehr als zwei Stunden.

- Ich wollte möglichst leicht unterwegs sein, deshalb entschied ich mich für normale Laufschuhe mit gutem Profil, dazu einen kleinen Rucksack mit Jacke, Reserveshirt, Food und zwei Liter Flüssigkeit. Auf dem Rothorn war der Trinkbeutel leer, hier kippte ich anderthalb Liter im Restaurant runter und füllte den Beutel wieder auf. Insgesamt kam ich also mit ca. sechs Litern Flüssigkeit durch. Es liegt auf der Hand, dass insbesondere im Sommer und bei längeren Marschzeiten mehr Wasser mitgeführt werden muss. Im Notfall hätte ich auch Schnee zuführen können, doch dieses Back-up steht in der warmen Jahreszeit kaum zur Verfügung!

- Einen groben Zeitplan hatte ich mir zurecht gelegt. Dieser sah vor, am Mittag auf dem Brienzer Rothorn zu sein, um ca. 15.30h auf dem Augstmatthorn und um 17.30h beim Harder. Vor allem im letzten Drittel geriet ich etwas in Rückstand, die Uhr zeigte 18.40h beim Harder und schliesslich 19.20h in Interlaken. Start war um 8 Uhr beim Bahnhof Brienzwiler.

Alles in allem war es ein grandioser Tag mit vielen bleibenden Eindrücken. Die schönen Ausblicke und das fantastische Ambiente auf dem Grat liessen alle Strapazen vergessen. Besonders freute ich mich auf den Anblick der zahllosen Steinböcke und den farbenreichen Sonnenuntergang. Auf der ganzen Tour fühlte ich mich wohl und war froh, dass ich keinen einzigen Gedanken an einen möglichen Abbruch verlor. Überhaupt empfand ich tiefe Dankbarkeit, an so einem schönen Tag einen kleinen Traum wahr werden zu lassen... 

Tourengänger: Maisander


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Kommentare (4)


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Bombo hat gesagt:
Gesendet am 9. November 2015 um 17:18
Gratuliere Dir zu dieser tollen Leistung, aber auch zu den einladenden und schönen Fotos. Der Brienzer Grat ist und bleibt eine der schönsten Gratüberquerungen in den Voralpen - im Prinzip ein Muss für jeden Alpinwanderer.

Weiter so, beste Grüsse
Bombo

Maisander hat gesagt:
Gesendet am 10. November 2015 um 13:06
Danke Bombo :-)

Tobi hat gesagt: Uuuuund noch...
Gesendet am 11. November 2015 um 20:43
...eine Gratulation zu dieser rasanten Überschreitung des Brienzergrates!
Das Hirendli ist bei meiner Überschreitung vergessen gegangen. Da habe ich noch etwas nachzuholen...

Gruss Tobi

Maisander hat gesagt: RE:Uuuuund noch...
Gesendet am 12. November 2015 um 16:18
Danke Tobi. Ich würde mir das Hirendli nicht nochmals antun, und wenn, dann mit der Ausstattung eines Forstarbeiters, bestückt mit Schutzausrüstung und schwerem Sägewerk...


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