Gatschkopf 2945m
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Eiszeit und Weisheit im Tirol – oder wie man einem Rückzug den Vorzug gibt
Die Pläne von Sputnik für die Besteigung des Gatschkopf 2945m sowie der Parseierspitze 3036m existierten schon seit einiger Zeit – dieses Wochenende nach der ersten Schneeschmelze schien perfekt zu sein, um die Vorfreude in die Realität umzusetzen.
Mit dem Auto fuhren wir, Sputnik,
Schlumpf und meine Wenigkeit ins Tirol nach Grins (kurz vor Landeck), wo es dann zu Fuss in ca. 3 ½ Std. (gemütlich, inkl. Pausen) auf durchwegs markiertem Wanderweg hoch zur Augsburger Hütte 2289m (DAV Augsburg) ging. Der Weg hinauf ist ein wahres Naturparadis – anfänglich über Moorlandschaften gehts mitten durch einen dichten Latschenkieferwald (die Össis sagen einfach "Latschen") und später durch schönes Gestein hoch zur Hütte, welche erhaben und mächtig auf einem Felsbalkon unterhalb des Gatschkopf tront. Die "Latschen" übrigens können nebst ihrer sonst schon eher hinderlichen Art noch zusätzliche Tücken aufweisen. Der Schnee der letzten Tage drückte nämlich die Äste so weit herunter, dass wir alle paar Meter zuerst den Schnee entfernen mussten, andernfalls uns sonst eine “Schneedusche” bescherte. Danke
Sputnik, dass Du Dich geopfert und uns so mehr oder weniger einen trockenen Aufstieg geschenkt hast :-) Deine Jacke ist mittlerweilen sicher auch schon wieder trocken... :-)
Angekommen in der Hütte genossen wir zuerst einmal das sonnige Prachtswetter und das Gipfelpanorama von der grossen Hüttenterrasse. Da ich schon im Aufstieg ein Rudel Steinböcke in der Südflanke des Gatschkopf gesichtet hatte, wollte ich diese noch näher betrachten und vorallem noch einige gute Fotos schiessen. Den Tieren wie auch mir selbst gab ich Zeit, um die Begegnung möglichst “freundschaftlich” zu gestalten. Das ganze ging so lange gut, bis ich mich bis auf ca. 10 Meter an den “Rudel-König” heranwagte, welcher noch durch 2 jüngere "Rudel-Prinzen" unterstützt wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich wenigstens meine Fotos im Kasten, so konnte ich mich vollständig auf das bevorstehende Geschehen konzentrieren. Plötzlich ein agressiver Pfiff, und die 3 “Muskettiere” begannen mich einzuschliessen. Links und Rechts oben die 2 Jungtiere, direkt oberhalb über mir der Stammeshäuptling. Ein zweiter Pfiff setzte der Ruhe ein endgültiges Ende und wo dann auch die Tiere mir entgegenkamen war für mich definitiv fertig – jetzt gab’s nur noch den Rückzug. Wie vom Hunde gebissen verliess ich die “Arena” und war sichtlich froh, als dann auch die Steinböcke wieder zu ihrer Herde zurückkehrten. Besser dem Rückzug den Vorzug zu geben war auch heute einmal wieder die Devise.
Zurück bei der Hütte - normalerweise mit 70 Betten und einem Restaurant versehen, aufgrund der späten Jahreszeit jedoch geschlossen - bereite Chefkoch Sputnik das Nachtessen vor – zuerst musste jedoch einmal Schnee geschmolzen werden. Im Winterraum hätte es einen schönen wärmenden Holzofen, von welchem wir jedoch wussten, dass dieser mit grosser Sicherheit ausser Betrieb ist. Also fingen wir gleich damit an, diesen in Betrieb zu nehmen und ein allfälliges Problem zu lösen. Hätten wir Indianer in der Nähe gehabt, so wüsste ich nicht, wie die unsere Rauchzeichen intepretiert hätten. Mengenmässig hätten wir auf jeden Fall den Rauchzeichen-Wettkampf gewonnen und hätten wir Würste dabei gehabt, so wären dies die besten Rauchwürste des Jahres geworden... Was den eigentlichen Zweck des Ofens betrifft, na ja.. das ist ein anderes Thema. Infolge fehlendem bzw. defektem Luftanzug im Holzofen erstickte das Feuer jedes Mal, wenn wir die Ofentüre schliessen wollten. So blieb uns also nichts anderes übrig, als auf die willkommene Wärme und “Hüttenromantik” zu verzichten und uns stattdessen am Gaskocher von Sputnik die Hände zu reiben. Als dann auch die Sonne unterging und wir die genussvolle Sputniksche Suppe verspiesen haben, war’s schon bald einmal Zeit, im riesigen Schlafsaal in die Schlafpelle zu kriechen. Glücklich war, wer ein Schlafsack dabei hatte (gäll Roger!) – ich zählte leider nicht dazu. Mit 2 T-Shirts und einem Fleece-Pullover, Tights und Tourenhose sowie der Wollkappe auf dem Kopf – dazu noch mind. 5 oder 6 Wolldecken – fror ich mir die ganze Nacht über den A...sch ab – dazu noch der unüberhörbare Holzfäller ein paar Betten neben mir - und war selten so froh, als um 05.00 Uhr endlich der Wecker dieser Leidensnacht ein Ende setzte...
Ein klarer Himmel, Vollmond sowie angenehme Temperaturen begrüssten uns und versprachen einen traumhaften Bergsteigertag zu werden. Mit Stirnlampe und Tatendrang ausgerüstet verliessen wir um 05.30 Uhr die Hütte und stiegen über die Südflanke des Gatschkopfes zum Gipfel hoch (wahrscheinlich vorbei an meinen lieben Steinböcken...). Guter Trittschnee, unendlich viele Wegmarkierungen sowie angenehme Felsstrukturen machen diesen Aufstieg zu einem sicheren und spannenden Aufstieg. Pünktlich zum Sonnenaufgang erreichten wir das Gipfelplateau des 2945m hohen Gatschkopf – versehen mit einem schönen Gipfelkreuz, Steinmann sowie Gipfelbuch. Die aufgehende Sonne wärmte mit jedem einzelnen Strahl – genau solche Momente bilden die Antwort auf die Frage, warum man in die Berge geht und vorallem, weshalb man sich die Tortur mit Frühaufstehen sich antut. Darum! :-)
Vom Gatschkopf aus betrachtet sieht man in voller Grösse den heutigen “Zielberg” – die Parseierspitze 3036m. Als ich die Südflanke, dort wo der Aufstieg durchführt, genauer betrachtete, spürte ich schon ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Steil, ausgesetzt und vielerorts mit Restschnee durchmischt zieht diese Flanke hoch zum Gipfelkreuz, welches den höchsten Punkt der Lechtaler Alpen bildet. Zuerst mussten wir jedoch vom Gipfel des Gatschkopf via Patrolscharte 2848m hinunter zum Grinnerferner (Übrigbleibsel eines Mini-Gletschers) steigen – traumhafter Pulverschnee unter den Schuhen begleitete uns dabei. Spätestens hier mussten die Steigeisen her und schon standen wir zu dritt im Einstieg der mit roten Punkten markierten Aufstiegsroute.
Bereits zu Beginn gilt es eine erste klettertechnische Schwierigkeit zu überwinden (II) – für uns jedoch noch problemlos. Wenige Meter später folgte ein steiles Restschneefeld, wo ich mich dann überhaupt nicht mehr sicher fühlte – zu fest studierte ich über den Abstieg in der Mittagssonne nach und sah mich samt Schnee und Mensch in die Tiefe rutschen. Ich konnte mich nochmals für ein paar Aufstiegsmeter und Felsbrocken überwinden, doch als ich sah, dass es mind. in dieser Schwierigkeit und vorallem ohne Sicherungsmöglichkeiten weiter geht, gab ich auf und liess meine beiden Kollegen weiter ziehen. Zum zweiten Mal innert 2 Tagen gab ich dem Rückzug den Vorzug. Es ist frustrierend, wenn man sieht, dass sich die Kollegen sicher fühlen und sogar noch Freude daran haben, während man selbst in grossem Zweifel ist und das Glas ausnahmsweise halbleer statt halbvoll ist. Ich probierte mich aufzumuntern, dass der Entscheid “Nein” zu sagen wohl noch schwieriger ist, als auf den Gipfel zu kraxeln und so war ich dann einfach nur froh, dass ich wieder gesund und munter unten auf dem Gletscher stand und den anderen beiden beim Aufstieg zusehen konnte. Hier blieb ich noch einige Zeit und genoss die Sonne im Gesicht.
Weil Sputnik und
Schlumpf noch mitten in der Flanke waren und ich mich wieder ein wenig bewegen wollte, bereite ich den Abstieg zur Hütte vor. Zwei Wege führen vom Grinnerferner zur Augsburghütte: Einerseits den selben Weg, welchen wir hergekommen sind (via Gatschkopf und dann die Südflanke herunter) oder den Weg durch die Gasillschlucht, welche klettersteigmässig und sehr ausgesetzt talabwärts führt und dann schlussendlich beim Hüttenweg zur Augsburger Hütte endet. Da ich jetzt auf mich alleine eingestellt war und mir der Solo-Abstieg durch die Schlucht zu gefährlich schien (es war glaube ich einfach nicht mein Tag...) wählte ich nochmals den Weg über den Gatschkopf. Diesen erreichte ich sehr schnell und durfte das Gipfelkreuz jetzt sogar für mich ganz alleine geniessen. Genau in dem Moment übrigens, wo ich zuoberst auf dem Gipfel stand, erreichten die anderen beiden Gipfelstürmer ihr Ziel – die Parseierspitze 3036m gehörte in diesen Minuten ihnen ganz alleine. Ich freute mich mit ihnen und jubelte zu – war aber auch froh, dass ich den Abstieg, welchen sie noch vor sich hatten, nicht unter meine Füsse nehmen musste. Ich hätte mir dies an diesem Tag nicht zugetraut.
Ueber die Südflanke stieg ich auf den Aufstiegsspuren wieder richtung Augsburger Hütte entgegen, schloss erneut Kontakt mit diversen Steinböcken – die meisten haben mich jedoch gar nicht bemerkt – und genoss dann bis zum erfolgreichen Eintreffen von Sputnik und
Schlumpf die warme Nachmittagssonne und die einsame Stille dieser Gegend. Es wartete noch das Aufräumen des Winterraumes auf uns und schon war es Zeit, sich auf den Heimweg zu begeben. Der Schnee auf den "Latschen" hatte sich nun definitiv verabschiedet, entsprechend schnell, nach rund 1 ½ Std., waren wir wieder beim Ausgangspunkt in Grins, wo der wohlriechende Duft unserer Schuhe wahrscheinlich noch heute das Dorfbild trübt...
Fazit: Auch wenn ich den einen Gipfel nicht besteigen konnte, so war dieses Tiroler-Weekend eine sehr gelungene und erfolgreiche Sache. Klar ist es schön, wenn man mit Gipfel-Trophäen nach Hause kommt, die Vergangenheit hat mich aber auch belehrt, das es für mich noch wichtigere Sachen gibt. Entsprechend glücklich bin ich, dass wir wieder alle zusammen gesund, erfüllt und zufrieden nach Hause kehren durften. Danke den beiden Mitgängern – auf ein baldiges neues!
Tour mit Sputnik und
Schlumpf.
Bericht von Sputnik - präziser geht's nimmer
Bericht von Schlumpf - wie immer spannend und informativ
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