Hohe Berge, tiefe Täler: über Schilt und Wiggis


Publiziert von Bergamotte Pro , 5. Juli 2014 um 14:06.

Region: Welt » Schweiz » Glarus
Tour Datum:21 Juni 2014
Wandern Schwierigkeit: T5+ - anspruchsvolles Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GL   Schilt-Mürtschengruppe   Oberseegruppe 
Zeitbedarf: 12:00
Aufstieg: 3720 m
Abstieg: 3370 m
Kartennummer:1153 / 1154 (R. 1056, 1057, 177a, 178)

Den Schilt hatte ich im Sommer noch nie besucht und er war für diesen Samstag eigentlich gesetzt. Da erinnert mich der kürzliche Bericht von justus an die lohnende Täli-Route auf den Wiggis. Ich mag keine Qual der Wahl und beschliesse kurzerhand, beide Gipfel zu besuchen. Schliesslich liegen gerademal sieben Kilometer Luftlinie dazwischen – doch da hat man die Rechnung ohne den Zigerschlitz gemacht.

Start um 4:00 beim Bahnhof in Mitlödi (504m). Der Aufstieg zum Schilt verspricht ein humanes Erwachen: einfache Wege, sanfte Steigung. Doch meist kommt es anders, als man denkt. So gilt es kurz nach dem Start eine Kuhherde zu queren, was ich wie immer ohne hastige Bewegungen mache. Die Viecher beachten mich kaum. Doch dann, wie von der Tarantel gestochen, springt eine Gruppe von Teenager-Kühen auf und rast direkt auf mich zu. Eine der Furien erwischt mich voll an der Seite und ich falle zu Boden. Die geprellten Rippen spüre ich heute, zwei Wochen später, immer noch.

Nach so viel Aufregung bin ich froh um die kurze Pause auf dem Bärenboden (1446m). Man geniesst von hier einen lohnenden Blick auf die Lichter des erwachenden Glarus. Ab der Alp Begligen kühlt es merklich ab und spätestens auf dem Rotärd (2216m) herrschen an diesem Sommertag frostige Temperaturen. Auf Jacke, Mütze und Handschuhe hatte ich aus Gewichtsgründen verzichtet. Schlotternd und mit den Händen in den Taschen kraxle ich von Südost auf den Siwellen (2307m) und ziehe über den Grat weiter zum Schilt (2299m). Mit steifen Fingern kritzle ich eine Belanglosigkeit ins Gipfelbuch. An das erhoffte Panoramafrühstück man erblickt von hier die gesamte Glarner Prominenz wie Glärnisch, Tödi, Bifertenstock, Mürtschenstock, Chärpf ist unter diesen Umständen nicht zu denken, so mache ich mich nach dem Tristli (2286m) direkt an den langen Abstieg Richtung Netstal (458m).

Im Tal dann die nächste Überraschung: Wegen Schiessübung ist die Normalroute auf den Wiggis im untersten Teil gesperrt. Da ich weder um die Treffgenauigkeit der Netstaler weiss, noch Lust auf einen tobenden Schiesswart verspüre, nehme ich den Umweg um den Grundkopf zähneknirschend in Kauf. Zugegeben, der Zeitverlust hält sich in Grenzen, doch bei 3000+ Touren verspüre ich jeweils wenig Lust auf unnötige Mätzchen. Glücklicherweise verläuft der Anstieg lange Zeit im Wald, denn die Temperaturen ziehen nun rasch an. Auf der Alp Unter Stafel (1507m) fülle ich den Wasservorrat auf und quere dann auf Wegspuren ins Unter Bützi rüber.

Nun heisst es zunächst mühselig durch Kraut hochsteigen. Entweder man hält sich rechts, wo der Bewuchs weniger dicht ist oder folgt wo möglich der Geröllhalde im linken Teil. Wie auch immer, man lässt hier zünftig Energie liegen. Die eigentliche Täli-Route selber bietet dank hervorragenden hikr-Berichten keinerlei Orientierungsprobleme mehr. Am besten gefällt mir *derjenige von justus, auch tricky hat schöne Topos *drin. Hier nochmals in Kürze:

1. Über Schrofen auf der linken (westlichen) Seite einfach aufs erste Band (T4-)
2. Querung übers erste Band bis zu einer Gruppe von kleinen Tännchen. Heikel ist eigentlich nur diese schiffrige, brüchige Stelle, welche kaum Haltegriffe bietet (T5+). Bei Nässe abzuraten. Ich hielt mich ganz oben direkt an der Felswand, doch das ist Geschmackssache.
3. Von den Tännchen einfach aufs zweite Band und Querung unter leichtem Höhenverlust in die Gegenrichtung (kurz T5-).
4. Über Schrofen hoch aufs dritte Band (T4+), welches direkt zu den Nägeln (Drahtseil) führt.
5. So erreicht man das Täli, welches man nach Osten zum Südgrat verlässt. Dieser endet direkt auf dem vom Wiggis (2282m), kurz T4.

Nach langer Pause verbleibt der Abstieg ins Klöntal via Planggen. Nicht nur die Beine sind mittlerweile müde, sondern auch der Kopf. Denn prompt versteige ich mich - trotz bekanntem Weg - im Bereich vom Felskopf P. 1740. Unter Singen wüster Lieder steige ich wieder hoch und erreiche schliesslich die idyllischen Hütten in den Planggen. Nach der Ankunft im Rhodannenberg (851m) bringt eine Kombination aus See und Panixerperle die gewünschte Abkühlung. Für einmal pfeife ich auf meinen Rundtouren-Anspruch und lasse mich per ÖV zurück nach Mitlödi bringen.

Zeiten
3:40  Schilt
2:15  Netstal
4:00  Wiggis
2:00  Klöntal

Tourengänger: Bergamotte

Galerie


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Kommentare (9)


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Bergmax hat gesagt: Gratulation...
Gesendet am 5. Juli 2014 um 22:18
...zu dieser sehr ordentlichen Leistung!
3800 Höhenmeter Aufstieg traue ich mir noch nicht zu...

Weisst Du, wie viele Kilometer Du gegangen bist?

Gruß aus Pirna

Max



Bergamotte Pro hat gesagt: RE:Gratulation...
Gesendet am 6. Juli 2014 um 18:44
Sali Max. Danke fürs Kompliment erstmal. Es waren so um die 33km.

Gruss

Bergmax hat gesagt: Steiler Weg
Gesendet am 6. Juli 2014 um 19:46
Interessant. Meine Erzgebirgs-Runde letzten Donnerstag hatte 60 Kilometer Strecke, aber nur 1800 Höhenmeter. Also war Dein Weg 4 mal so steil.

Freue mich schon auf die nächste Alpen-Tour (die aber wohl keine Monstertour wird ;-)).

Gruß

tricky Pro hat gesagt:
Gesendet am 7. Juli 2014 um 16:40
Gratuliere dir zu dieser fetten Tour

Bergmax hat gesagt: Danke
Gesendet am 8. Juli 2014 um 22:52
Hat viel Spaß gemacht!

Gruß

Tobi hat gesagt: War das jetzt...
Gesendet am 8. Juli 2014 um 11:40
...das angekündigte grosse Ding?

Gratulation zur Ausdauer. Dürfte wohl die Monstertour mit den bisher minimalsten Anzahl an Gipfel sein. Zum Glück habe ich da keine Limite definiert... :-)

Wünsche weiterhin tolle Bergerlebnisse (scheinst ja im Moment einen beneidenswerten Lauf zu haben),

Gruss Tobi

Bergamotte Pro hat gesagt: RE:War das jetzt...
Gesendet am 8. Juli 2014 um 11:43
Leider noch nicht. Musste feststellen, dass ich konditionsmässig doch nicht ganz so gut dabei bin wie gedacht. Mal schauen, ob es dieses Jahr noch reicht. Die Tage werden ja bereits wieder kürzer und Touren im Dunkeln schlägt bei mir immer stark auf die Motivation.

justus Pro hat gesagt: ungewöhnliche routenkombinationen
Gesendet am 8. Juli 2014 um 18:47
du wirst ja immer mehr zum spezialist für ungewöhnliche routenkombinationen. und wieder eine beachtliche menge höhenmeter.

die aggressiven kühe sind dir bei der ruine sola begegnet? tönt ziemlich unangenehm, glücklicherweise hatten wir noch nie so ein erlebnis.

und schön, das die werbung fürs täli schon früchte getragen hat.

glückwunsch zu dieser tour
/justus

Bergamotte Pro hat gesagt: RE:ungewöhnliche routenkombinationen
Gesendet am 8. Juli 2014 um 18:51
Herzlichen Dank. Muss noch ein bisschen trainieren, mein Formstand ist doch nicht so gut, wie ich mir eingebildet hatte. Ja, das böse Kuhvolk tätigt seine Angriffe in der Nähe der Sola Ruine. Also aufgepasst!


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