Neue und alte Wege und Gipfel im Alpstein - Verflixter Hängeten!


Publiziert von marmotta , 4. Oktober 2009 um 02:40.

Region: Welt » Schweiz » Appenzell
Tour Datum: 3 Oktober 2009
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: Alpstein   CH-AR   CH-SG   CH-AI 
Zeitbedarf: 6:00
Aufstieg: 1500 m
Abstieg: 1300 m
Strecke:Schwägalp - Chammhalden - Hüenerbergsattel - Girenspitz - Hüenerberg - Höch Nideri - Öhrli - Hängeten Westgipfel - Lötzlisalpsattel - Schäfler - Ebenalp - Wasserauen
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Schwägalp
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Wasserauen
Kartennummer:LK 1115 Säntis (1:25.000)

Will man ein wahrer Alpsteinkenner sein, kommt man nicht darum herum, den "König" des Alpsteins, den Säntis (2502 m), einmal auf seinem vielleicht schönsten Zustiegsweg zu erreichen: Die Chammhaldenroute. Wies sie in der Vergangenheit in manchen Jahren erschreckende Unfallzahlen auf und war entsprechend berüchtigt, findet sich heute eine fast durchgehende Wegspur und kann bei Trockenheit jedem trittsicheren und schwindelfreien Berggänger empfohlen werden.

Ich brütete gerade darüber, welchem der fürs Wochenende ins Auge gefassten Tourenziele ich den Vorzug geben solle, als ich hier las, dass jemand einen Tourenpartner für die Chammhaldenroute auf den Säntis suchte. Perfekt, stand diese Route doch schon lange auf meiner Wunschliste!

So hatte ich also am Samstagmorgen um 7.30 Uhr am Bahnhof in St. Gallen ein Blinddate mit Bruno. Gemeinsam ging´s auf die Schwägalp, wo wir kurz nach 8.00 Uhr zur Chammhalden aufbrachen. Die Route ist hier auf hikr.org bereits bestens dokumentiert, so dass ich mich auf die Schilderung meiner persönlichen Eindrücke und Erlebnisse beschränken möchte.

Chammhalden - Hüenerbergsattel (T5, I)

Es sollte ein Tag wie aus dem (Berg-)Bilderbuch werden: Nach klarer Nacht präsentierte sich der Himmel wolkenlos, die Sonne würde für angenehme Wärme sorgen. Davon war allerdings am frühen Morgen in der schattigen Nordflanke des Säntis noch nicht viel zu spüren. Vielmehr blies ein kräftiger Südwestwind, der einem die ohnehin tiefen Temperaturen (ab einer Höhe von 2000 m war der Boden noch gefroren) noch kälter empfinden liess. Dennoch wurde mir auf dem sehr steilen Pfad, der kurz nach P. 1577 beginnt und ab hier auch durchgehend orange markiert ist, schnell warm. Dies galt leider nicht für meine Finger, die nicht zuletzt durch den eiskalten Fels, den es in den zahlreichen Kraxelpassagen herzhaft anzupacken galt, bald einmal gefühllos waren. Kurz nach der Gedenktafel am Fuss des Felsriegels, der vor dem Ausstieg am Hüenerbergsattel zu durchqueren ist,  zog ich dann doch meine Handschuhe an, was in der darauffolgenden "luftigen Querung" (auf diese Passage war ich besonders gespannt, wird sie doch fast durchgehend als sehr ausgesetzt und unangenehm beschrieben) auch nicht gerade optimal war, muss man sich dort doch auf einem schmalen Band an etwas abdrängenden Felsen entlangtasten. Wenn man konzentriert und vorsichtig zu Werke geht, ist diese Passage aber kein Problem - ich hatte, ehrlich gesagt, Schlimmeres erwartet (aber besser so, als wenn man dann in der Route eine unliebsame Überraschung erlebt).

Unmittelbar nach der Querung machte ich dann jedoch den Fehler (obwohl ossi in seinem Bericht ausdrücklich davor gewarnt hatte), anstatt in der Runse aufzusteigen, die Querung noch ein Stück fortzusetzen und dann auf teils moosigen und brüchigen Tritten etwas heikel den Sporn direkt zu ersteigen. Oben traf ich wieder auf die Wegspur, ich hatte mich schon gewundert, dass ich über einen längeren Abschnitt weder Wegspuren noch Markierungen mehr gesehen hatte...

Am Hüenerbergsattel angekommen, bin auch ich froh, aus der schattigen und kalten Nordseite auf die sonnige und warme Südseite zu treten - es ist wie der Eintritt in eine andere Welt! 

Nachdem auch Bruno kurze Zeit später eingetroffen war, rasteten wir zusammen mit einer Gruppe von Bergsteigern, die kurz vor uns durch die Chammhaldenroute aufgestiegen waren und nun weiter auf den Girenspitz via NE-Grat klettern wollten. Ich rang einige Zeit mit mir, ob ich mich der Gruppe anschliessen soll, entschied mich aber dann doch für den "Normalweg" auf den Girenspitz über den Blau Schnee, von dem momentan nicht mehr viel zu sehen ist. Zum Einen kannte ich die Route über den NE-Grat nicht und konnte daher die Schwierigkeiten nicht einschätzen, zum anderen hatte ich immer noch kalte Finger... :-(

Hüenerbergsattel - Girenspitz (T3)

Über ein markantes Couloir links neben dem markierten Wanderweg (das Kraxeln über die griffigen Schrattenkalkfelsen macht halt einfach Spass) erreichte ich schnell den Girensattel, auf dem ich in die Welt des Bergbahntourismus eintauchte. Hier ist´s endgültig vorbei mit der Einsamkeit...

Kurze Rast auf dem Gipfel des Girenspitz (2448 m), immerhin der zweithöchste im Alpstein, wenn man ihn denn überhaupt als eigenständigen Gipfel ansieht. Eindrücklicher Tiefblick zur Schwägalp und den Hütten unterhalb der Chammhalden!

Hüenerbergsattel - Hoch Nideri (T4)

Da Bruno in Richtung Tierwies absteigen wollte, trennten sich nun unsere Wege - ich stieg zunächst wieder auf den Blau Schnee bzw. die dortigen Karrenfelder ab und folgte ein Stück dem Säntisweg, bevor ich -um nicht zu viel Höhe zu verlieren- in nördliche Richtung weglos über zerfurchte Schrattenkalkfelsen zum Grat zwischen Hüenerbergsattel und Hoch Nideri aufstieg. Auf dem Grat über P. 2309 und P. 2312 zum Höch Nideri-Sattel, wo wieder viel Volk unterwegs war. Der aussichtsreiche Grat zwischen Hüenerberg und Hoch Nideri birgt keinerlei Schwierigkeiten, ist jedoch stellenweise etwas ausgesetzt. Einzelne Felsstufen und Gratabbrüche können auf Bändern in der Südflanke umgangen werden. 3 ausgewachsene Steinböcke hatten es sich auf dem Grat bequem gemacht und wichen nur widerwillig in die Flanken aus.

Höch Nideri - Öhrli (T4, I)

Vom Höch Nideri-Sattel erreichte ich auf dem markierten und stellenweise mit Drahtseilen versicherten Bergweg entlang der Hängeten-Nordwand die Ödlandschaft am Öhrlisattel und über den SW-Grat zunächst auf Pfadspuren und dann in ganz leichter Kletterei in wenigen Minuten den Gipfel des Öhrlis. In dem am Gipfelsteinmann deponierten Gipfelbuch konnte ich neben dem Eintrag einiger prominenter Hikrs sogar noch meinen letzten Eintrag aus dem Jahr 2007 sehen. Das Gipfelbuch ist von 2003, entweder wird dieser Gipfel so selten begangen (was mich wundern würde, liegt er doch unmittelbar am stark frequentierten Säntisweg und ist für Geübte leicht zu besteigen) oder es trägt sich kaum jemand ein.

Hängeten, Westgipfel (T5, II)

Bereits auf dem Weg vom Höch Nideri Sattel zum Öhrli inspizierte ich den Kamin, der die Nordwand der Hängeten durchreisst und zu einer Scharte im Gipfelgrat führt. Links (östlich) der Scharte gelangt man über den sehr ausgesetzten Grat zum höchsten Punkt der Hängeten (P. 2211 auf der LK). Rechts (westlich) der Scharte gelangt man zu dem etwas niedrigeren Westgipfel (auf der LK nicht kotiert). Der Einstieg in den Kamin befindet sich über einem Geröllhang (etwa auf Höhe des "u" von Hintere Öhrligrueb auf der LK). Dort deponierte ich meinen Rucksack und damit leider auch meine Kamera, denn ich hatte in der Eile am Morgen den Gürtel für meine Berghose vergessen. Dies brachte zwei Nachteile mit sich: zum Einen rutschte ständig meine Hose und zum Anderen konnte ich unterwegs keine "Action-Fotos" schiessen, da sich die Kamera in den Tiefen meines Rucksacks befand. :-(

Durch den engen und glattwandigen Kamin (II) erreichte ich schnell die Scharte im luftigen Gipfelgrat. Dort traute ich meinen Augen nicht, denn mich empfing eine Horde Steinböcke, die keinerlei Anstalten machten, den Gipfelgrat östlich der Scharte zu verlassen (wie sollten sie auch, fällt der Grat doch dort auf beiden Seiten senkrecht  ab). Die ca. 10 Jungtiere waren sichtlich beunruhigt - an Wochenenden wie diesem bleibt ihnen angesichts des Massenansturms von Wanderen im Säntisgebiet ja oftmals nur die Flucht in die entlegensten und unzugänglichsten Winkel des Alpsteins. Und dann kommt da so ein Typ daher, der meint, an einem solchen Tag unbedingt den höchsten Punkt der Hängeten aufsuchen zu müssen...

Nun, die Entscheidung fiel nicht leicht, aber da ich wirklich ein Tierfreund bin und es für nicht angemessen hielt, die armen und ohnehin bereits gestresst wirkenden Tiere über den ausgesetzten und brüchigen Grat vor mir herzuscheuchen, begnügte ich mich schweren Herzens mit dem Westgipfel, den die Steinböcke mir gnädigerweise überliessen. Im Führer war von einem "zweiten, kurzen Kamin" die Rede, durch den man auf den westlichen Gratzacken gelangt. Nach ein, zwei querenden Schritten nach links (Süden) auf Felsplatten (T5) wählte ich dann einen von hier hochziehenden, schmalen Kamin mit bräunlichem Gestein. Dieser Kamin war gegen Ende leicht überhängend und nicht ganz trivial zu klettern (III). Leichte Bedenken kamen auf, ob und wie ich diese Passage wieder runterkomme. Glücklicherweise stellte ich oben fest, dass ich den "falschen" Kamin gewählt hatte, im Abstieg wählte ich den (von oben aus gesehen) linken Kamin (der von unten nicht wie ein Kamin aussah), in dem in unschwieriger Kletterei (II) zum Nordkamin abgeklettert werden kann.

Der westliche Gratzacken, dessen höchsten Punkt man sehr ausgesetzt vom Ausstieg aus dem zweiten Kamin erreicht, ist wenig spektakulär. Von hier wäre auch ein Abstieg über den Westgrat zum Höch Nideri Sattel möglich, ich wählte jedoch für den Abstieg die Aufstiegsroute. Der Nordkamin ist nicht allzu schwierig, erfordert aber -vor allem im Abstieg- eine gewisse Gewandtheit. 

Es scheint fast, als läge ein Fluch über dem Gipfel des Hängeten: der Eine traut den losen Felsblöcken kurz vor dem höchsten Punkt nicht, und ich komme erst gar nicht an diese Stelle, weil mich ein Rudel Steinböcke von der Gratbegehung abhält. Egal, ich werde einen zweiten Versuch wagen, den höchsten Punkt und damit das begehrte Gipfelbuch zu erreichen - aber wohl kaum mehr in diesem Jahr, da man sich nun nur noch kalte Finger im eisigen Nordkamin des Hängeten holt...

Öhrlisattel - Lötzlisalpsattel - Schäfler - Ebenalp

Viel gibt´s über diese "Wanderautobahn" nicht zu berichten, ausser dass ich auf dem Schäfler einen herrlichen Blick auf den Alpstein bei einem Glas trübe Saft und einer Portion Rösti mit Spiegelei genoss und dann von der Ebenalp mit der Bahn ins Tal nach Wasserauen schwebte. Vorsicht auf dem Säntisweg vor Steinschlag unterhalb des Öhrlis und der Altenalptürm, wenn sich dort Kletterer (oder Steinböcke) befinden!  


  
   


Tourengänger: marmotta

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Kommentare (3)


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Nicole hat gesagt: Gratulation!
Gesendet am 4. Oktober 2009 um 08:33
Toller Tourenbericht - macht an! :-)
....so nun muss ich aber los....ein Gipfel wartet :-)

Herbstsonnengrüsse Nicole

marmotta hat gesagt: RE:Gratulation!
Gesendet am 4. Oktober 2009 um 10:45
Danke! Und ich gratuliere DIR zur Tour auf den Falknis, einem wirklich fantastischen Aussichtsgipfel in einer wunderschönen Gegend! Ob mit oder ohne lackierte Fingernägel... ;-)

Beste Grüsse

marmotta

alpstein Pro hat gesagt: Willkommen im Club
Gesendet am 4. Oktober 2009 um 20:19
der Chammhalden-Begeher. Jetzt gehen Dir aber bald die T5-Routen im Alpstein aus.

Grüße
Hanspeter


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