Chratzerengrat - der zweidimensionale Berg


Publiziert von Nik Brückner , 29. August 2016 um 21:45. Text und Fotos von den Tourengängern

Region: Welt » Schweiz » Schwyz
Tour Datum:22 August 2016
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-SZ   Ortstockgruppe 
Zeitbedarf: 7:30
Aufstieg: 1150 m
Abstieg: 1150 m
Strecke:15,5km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Über die Pragelpasstraße zur Alp Unter Roggenloch. Dort kann man park(ier)en.

Der Chratzerengrat mag der niedrigste Rücken der Ortstockgruppe sein, er ist aber gleichzeitig einer der spektakulärsten: Er hat Länge (4,5 Kilometer) und Höhe (immer so um die 200 Meter), aber keine Breite...

Und genau über die muss man rüber!


Der Hinweg ist einfach: Über die Pragelpassstraße fährt man zur Alp Unter Roggenloch (1525 m). Dort kann man park(ier)en. Auf dem Wanderweg geht es an der Alp Ober Roggenloch vorbei zur Toralp (1701m). Dort nahm ich dann den Weg Richtung Torloch, nicht den weiter oben paralell verlaufenden Wanderweg (Toralp - Chratzerenfurggel), weil ich keinen Meter vom Chratzerengrat verpassen wollte.

Unter Roggenloch - Torloch: T3, 1h


Über Gras geht es hinauf, zunächst noch gemächlich, und man quert bald den oberen Wanderweg. Danach steilt die Route, immer noch im Gras, auf, und man nähert sich von T2 über T3 dem T4-Gelände. Oben wird es dann gemütlich, es geht über Hügel weiter. Ein steiler Grasanstieg entpuppt sich beim Näherkommen als gar nicht mal so steil, danach wird der Grasgrat erstmals richtig schmal und es geht ordentlich bergauf. Hier hat man noch gute, wenn auch steile Abstiegsmöglichkeiten nach rechts (Süden), darauf kurz auch nach links. Später werden die Abstiegsmöglichkeiten weniger.

Eine erste Felskante umgeht man kurz links in einem Schotterfeld. In diesem könnte man nun weitergehen, aber schließlich soll das eine Gratüberschreitung werden. Also gleich wieder über Fels hinauf (II) - so früh wie möglich!

Die Felskante wird schmal - aber lange nicht so schmal wie es noch werden wird! Wer hier auspsycht, sollte besser umkehren. Denn bald steht man wieder in einem Grateinschnitt, und wieder muss eine Felskante links umgangen werden. Der Aufstieg durch eine brüchige Rinne und oben über schräge Platten ist nicht mehr ganz ohne (II).

Oben entfuhr mir dann ein unwillkührlicher Lacher: Der Grat wird von nun an für etwa einen Kilometer (bis zum höchsten Punkt) derart absurd schmal, dass man sich kaum vorstellen kann, dort drüberzugehen! Ein Rasiermesser, das seinesgleichen sucht. Sehr, sehr schmale Gegend...

Größere Stufen gibt es nun bis zum höchsten Punkt nicht mehr zu überwinden, weder im Auf- noch im Abstieg. Bald gelangt man an einem kleinen Kreuz (2310m) ans Gratbuch, in einer Röhre am Fels festgekettet. Sich dort (hinzusetzen) einzutragen (und wieder aufzustehen), erfordert mindestens genauso viel mentale Stärke, wie das Hinkommen!

Es folgt die vielleicht spektakulärste Stelle des spektakulären Grates: Das Gämsiloch (2250m). Dieses etwa 3 Meter im Durchmesser messende Loch befindet sich direkt unter der Gratkante. Man könnte - äußerst ausgesetzt und im IIIer-Bereich oben rüber, aber natürlich will man das Loch fotografieren. Also kurz rechts runter vom Grat (50°, II), in einer Steilrinne (auch Abstiegsmöglichkeit) hinauf zum Gämsiloch, und dann auf der anderen Seite aus der Steilrinne wieder hinauf (50°, II, etwas leichter als der Abstieg).

Danach geht es auf lächerlich schmaler Kante zum höchsten Punkt des Chratzerengrats (2349m, hierher auch einfach über wegloses Gelände aus der Chratzerenfurggel - und folglich Abstiegsmöglichkeit dorthin).

Hier habe ich erstmal gepaust und mich an der herrlichen, zentimeterbreiten Landschaft erfreut, die ich eben überwandert hatte. Unglaublich sowas.

Torloch - höchster Punkt des Chratzerengrats: T6/II, 2,5h


Der Abstieg über Grasschrofen ist über weite Passagen leichter, dann im T5-Bereich, weiter unten wird es sogar immer wieder mal T4 und T3, dazu kann man oft nach rechts zum Wanderweg absteigen. Es gibt aber für den, der auf dem Grat bleibt (man kann auch im Abstieg konsequent auf der Kante gehen), immer wieder T6-Passagen und leichte Kletterstellen. Ein markanter Felsaufschwung wird direkt an der Kante genommen (II, brüchig, könnte auch rechts umgangen werden), der Abstieg über Gras ist überraschend leicht.

Danach wird der Grat breiter, Genusswandergelände. Oberhalb des Silberenseelis rücken dann die beiden letzten Gratzacken näher. Beide können direkt auf der Kante oder, vermutlich etwas leichter, von Süden erstiegen werden (bis II).

Ein Türmchen vor dem Gipfel des ersten Zackens wird rechts umgangen. Der Abstieg erfolgt über die Gratkante, ein senkrechtes Wandl hinunter in die Scharte zwischen den beiden Zacken kann über eine Schwachstelle südlich abgeklettert werden (II)

Der zweite Zacken wird ebenfalls über die Kante genommen, und auf der anderen Seite sollte man ebenfalls unbedingt über die Kante abklettern. Unten angekommen, dreht man sich um und schießt dann dieses unglaubliche Foto!

Ich bin noch bis nach Pt. 2140 vor, dort wird der Grat dann langsam uninteressant. Auf einem Steiglein in der Südflanke kehrte ich zurück in die Scharte zwischen den beiden letzten Gratzacken, aus der stieg ich dannn nordseitig zum Silberenseeli (1944m) ab (nochmal T4).

Höchster Punkt des Chratzerengrats - Silberenseeli: T6/II und leichter, 2h


Vom Silberenseeli aus ging es dann über Karst nordwestlich hinauf zum Wanderweg und auf diesem über Schwarz Nossen und den Ruchen Tritt zurück zur Alp Unter Roggenloch (1525 m).

Silberenseeli - Unter Roggenloch: T3/I, 2h


Fazit:


Vielleicht die geilste Gratüberschreitung, die ich je gemacht habe. Keine Ahnung, warum diese Tour nicht längst zu den vielbegangenen T6-Klassikern gehört. Sie ist der Hammer.


Ausrüstung:

C-Schuhe, Stecken sowie jede Menge Psyche und Balance!

Tourengänger: Nik Brückner


Galerie


Slideshow In einem neuen Fenster öffnen · Im gleichen Fenster öffnen


Kommentare (6)


Kommentar hinzufügen

Felix Pro hat gesagt:
Gesendet am 29. August 2016 um 22:00
was für ein Grat - unglaublich schneidig ;-)

Bravo!

lg Felix

Nik Brückner hat gesagt: RE:
Gesendet am 29. August 2016 um 22:08
Absolut faszinierend, kann ich nur sagen! Danke!

Gruß,

Nik

paul_sch hat gesagt: Fantastisch!
Gesendet am 30. August 2016 um 09:15
Sieht fantastisch aus, hab ich mal vorgemerkt. Hab vor T6 jedoch schon viel Respekt. Wenn ich den Nadlenspitz schon heiss fand, muss ich diese Tour wohl gar nicht erst versuchen...?

Und: Was sind C-Schuhe? :-)

paul_sch hat gesagt: RE:Fantastisch!
Gesendet am 30. August 2016 um 09:29
Anders gefragt: Könnte man die wildesten Stellen bei Bedarf mit einem 15m-Seilchen halbwegs sinnvoll absichern wenn man zu zweit ist, oder ist das eher schwierig?

Nik Brückner hat gesagt: RE:Fantastisch!
Gesendet am 2. September 2016 um 15:00
Hi nochmal!

Am Grat absichern? Hm, schwierige Sache. Haken hab ich keine gesehen. Stell Dir mal den worst case vor: Der Hintermann stolpert und fällt. Der Vordermann muss das rechtzeitig bemerken, bemerken, dass der Hintermann tatsächlich fällt und nicht nur kurz unsicher wurde, bemerken, auf welche Seite der Hintermann fällt - und schnell genug auf die andere Seite springen.... ;o}

Gruß Nik

Nik Brückner hat gesagt: RE:Fantastisch!
Gesendet am 2. September 2016 um 14:49
Hi Paul!

Bergschuhe haben verschiedene Kategorien, je nach Material und Verarbeitung. A-Schuhe z. B. sind Leichtwanderschuhe mit relativ weicher Sohle. C-Schuhe sind für T6-Touren sehr gut geeignet. Ich würde sowas nicht mit A- oder B-Schuhen gehen.

Was deine andere Frage angeht: Ich will's mal so sagen: Beim Nadlenspitz bist Du etwa zehn Minuten in T5-/T6-Gelände, auf dem Chratzerengrat vier Stunden lang. Darin dürfte wohl der Hauptunterschied bestehen. Dazu kommt, dass das eine eine Nadel ist, das andere ein Grat, das eine ein Grasberg und das andere weitgehend Fels. Probier halt erst einmal die leichtere Ostseite, dann siehst Du schon, wie Du dich dabei fühlst.

Gruß Nik


Kommentar hinzufügen»