Sauguter Kraxelgranit in den Saulöchern, plus Schwarzenbach-Talsperre und Herrenwieser See


Published by Schubi , 25 November 2021, 14h17.

Region: World » Germany » Südwestliche Mittelgebirge » Schwarzwald
Date of the hike:10 October 2021
Hiking grading: T4 - High-level Alpine hike
Climbing grading: II (UIAA Grading System)
Waypoints:
Geo-Tags: D 
Height gain: 656 m 2152 ft.
Height loss: 656 m 2152 ft.
Route:21,6 km
Access to start point:Forstweg-Abzweig von der B 462 nahe des Bahnhofs Raumünzach
Access to end point:s.o.

In den Hängen und Seitentälern links und rechts der Murg lassen sich mithilfe der Topo-Karte so einige schöne Granitgruppen finden, oft liegen sie *etwas versteckt im *Gehülz. Sie bieten aufgrund ihrer vielgestaltigen Verwitterungsformen ebenso vielfältige Möglichkeiten des kraxeligen Durchstiegs. Die Karte ist zur Planung einer Tour dabei nur ein grober Anhalt, letztendlich muss man mit bissel weglosem Erkunden vor Ort schaun, wo überall im Wald die Dinger emporragen und welche Dimensionen sie haben (könnten). Meist sind es längs zur Fallinie des Bergs liegende Rippen, die sich abschnittsweise zu Graten verengen und zwischendrin gern mal turmartige Felsgruppen beinhalten. Auch am Westhang der Murg südlich Forbachs fielen mir am Kartentisch ein paar ggf. interessante Stellen auf – also mal hingestiefelt und reingestiegen. Anschliessend an die Turnereien im Fels wollt ich spontan noch ein paar "normale" Landschafts-Schönheiten einbinden. Ich bin dann in einer großen Schleife rüber zur Schwarzenbach-Talsperre, hoch zum Herrenwieser See und noch einer weiteren, bissel abseits liegenden Rippe. So ist es also eine etwas längere Runde geworden.

Das Vibraphon in Johnny Lytles Selim passt zum Hüpfen über den Granit übrigens grad perfekt.


Der Begriff Sauloch ist als Name für Gewanne oder Forstreviere übrigens gar *nicht so selten. So wurde früher häufig steiles, verwinkeltes Terrain im Wald bezeichnet, in das man bei Treibjagden die Wildschweine hineintrieb (Danke für diese Info an Sprachwissenschaftler Nikbrueckner).

Ich starte mit der aufgehenden Sonne an einem Forstweg-Abzweig von der B 462 nahe des Bahnhofs Raumünzach. Über bestehende und zugewachsene Forstwege ein Stück herauf, dann weglos: schönerweise gleich eine erste Granit-Gruppe gefunden und fix durchgestiegen. Nur wenig nördlich schon die beiden Nächsten: hier seitlich rauf und oben sogar bissel Blick zum Murgtal erheischt, gerade schiebt die Sonne die über dem Talgrund hängenden Wolken heraus. Und weiter geht es, nun über Block-Gelände. Dann leuchtet oberhalb aus dem Waldhang Farbiges auf. Ich steige hoch und entdecke ... eine Art Schrottplatz im Wald. Hier ragen auf einer Fläche von ca. 50 x 50 Metern Industrieschrott und Autoteile lang vergangener Epochen aus dem Waldboden – ziemlich surreal das Ganze. Ich erinnere mich aber, dass noch in den Achtzigern Jahren immer mal Müll in den Wäldern herumlag, offiziell oder inoffiziell abgekippt wurde. Zuhause finde ich später über Googeln heraus, dass man hier in den 60er/70er Jahren offenbar Stahlschrott und womöglich auch anderen Schutt entsorgte: Das Forstamt Forbach hat für damals eine "Abdeckung des Schuttplatzes im Gewann Sauloch" vermerkt. Schrägerweise passt diese Vermüllung ja zum Name des Gewanns. Traurig, dass Entsorgung früher so gemacht wurde und seltsam, dass man den Schrott nur halbherzig abdeckte. Zum Glück sind die Ausmasse überschaubar und nebenan herrscht direkt wieder Naturharmonie.

Nahe oberhalb erreiche ich einen Forstweg, von hier aus hat man vermutlich das Zeug früher ins steile Gelände gekippt. Etwas nördlich bergseitig steht auch schon die nächste Granitrippe, also nix wie hoch! Bald ist ein kleiner Vorgipfel erreicht, und hinter ihm geht es ohne Pause kraxelig weiter. Es folgt eine wild zerklüftete Felsgruppe, die ich zunächst mittig über diverse Verschneidungen angehe. Bei den obersten muss ich jedoch aufgeben, zu heikel ist der Tritt im bemoostem Granit, und winkeltechnisch bekomme ich keinen richtigen Hebel hin. Also wieder ein Stück herabgekraxelt, dann über Bänder und Verschneidungen rechtsseitig stramm herauf – auch schön. Und so geht es in diesem Abschnitt weiter: sobald ich einen Absatz, Vorsprung, Zwischengipfel erklommen habe, winken dahinter auch schon die nächsten, verwinkelt gruppierten Felstrümmer ... Etwas nördlich entdecke ich eine zu einem schmalen Grat verwitterte Rippe. Fix hinauf, und was sehr' ich: dahinter liegt in Sichtweite gleich die Nächste. Ihre nördliche Seite bricht steil zu einem Tobel ab, jedoch mittig auf ihrem Grat komme ich (mit den üblichen Unterholz-Hindernissen) gut herauf. Hier öffnet sich hin und wieder auch mal der (nordöstliche) Blick zum Murgtal. Und so geht es weiter ... schnell vergisst man die Zeit hier.

Irgendwann ist wieder der nächst-obere Forstweg erreicht. An ihm bergseitg hab ich die Qual der Wahl von drei möglichen Kraxel-Fortsetzungen. Ich entscheide mich für eine Felsgruppe mittig, von der aus weiter oben ich vermutlich die links benachbarten, etwas rückversetzten Felsen bestimmt ebenfalls erreichen werde könnte. Das klappt wunderbar und wieder staune ich über die Vielfalt der Verwitterungsformen, die der Granit hier so angenommen hat. Spannend auch, wie sich ausgewachsene Bäume, meist Buchen oder Tannen, auf teils kleinen Fels-Absätzen festkrallen und statisch solide halten. Zwischengipfel folgt auf Kraxelei folgt auf Zwischengipfel, auch in diesem Abschnitt habe ich oft unterschiedlich schwierige Möglichkeiten des Durchsteigens, bei durchgehend bemoosten Felsen siegt aber die Vorsicht.

Ein nächst-höherer Forstweg ist nun wieder erreicht und er begrenzt diese wilde Ecke nach oben nun endgültig. Über einen kleinen Schlenker wandere ich fix auf den nächstliegenden "Gipfel" namens Lachsberg (754 m) und über kurze Weglosigkeit, aufgelassenen Wege und breite Forstautobahnen nun westlich, zur Schwarzenbachtalsperre. Dabei im Gewann Jägersloch vorbei an einer Lichtung, von der ich beim Kartenstudium hoffte, dass sie geneigt genug wäre für einen Blick auf die Talsperre. Aber nix da! Fichten-Mono-Forst begrenzt allüberall Stimmung und Blick. Also herab zum Nordufer der Talsperre. Dort ist es sinnvoll, nicht dem aussichtslosen Wirtschaftsweg zu folgen, sondern einer der vielen Trittspuren durchs Gebüsch wenige Meter herab zur Wasserlinie runter zum eigentlichen Ufer, und da auf Trampelpfad dann immer an der Wasserlinie entlang. Nur so hat man den weiten Blick über die gesamte Länge dieses aufgestauten Gewässers. Im Osten begrenzt von der Staumauer, im Westen vom Seekopf (1001 m). In dessen Ostflanke läge dann auch mein nächstes Etappenziel, der Herrenwieser See. Zu ihm hoch geht es entlang des munter plätschernden Seebachs auf einem Teilstück des bekannt-beliebten Westwegs, auf diesem Abschnitt ist er ein rustikales Pfädle. Angelangt am Herrenwieser See (850 m) freue ich mich über ein Wiedersehen nach über vier Jahren. An einem sonnigen Samstagnachmittag bin ich heute natürlich nicht der einzige Besucher, die Sitzbänke sind alle gut belegt, trotzdem herrscht hier Beschaulichkeit und eher Stille,schliesslich liegt dieser schöne Karsee recht abgelegen. Wie alle Karseen im Schwarzwald befindet sich auch er (schon seit seiner Entstehung in der letzten Eiszeit) in einem langsamen Verlandungsprozess und wird sich irgendwann in ein Hochmoor verwandelt haben. Pittoresk, aber auch ein Phänomen ebendieser Verlandung sind die schwimmenden Inseln aus Torf auf dem See, bewachsen mit Schwingrasen. Überhaupt finden sich am Seeufer so einige seltenen Arten aus Flora und Fauna, weshalb diese Ecke unter Naturschutz steht.

Ich umrunde den See und gehe anschliessend auf unspektakulären Forstwegen nordwestlich, dann östlich: ein langer Hatscher, durchs Gewann Fliegenloch und am Südwesthang der Streitmannsköpfe entlang in Richtung Wegscheidhütte. An der dortigen Wegkreuzung südöstlich weiter, zum nächsten Etappenziel: eine  auf der Topokarte als felsig verzeichnete Ecke namens Hailert (710 m). Aus meiner Laufrichtung ist das eine sich nur allmählich "herausschälende" Granit-Rippe. Vor ihrem westlichen Ende gibt es ein paar Trittspuren zu einem Jägerstand, ab da gehe ich weglos und nicht so tritt-freundlich über kleines Blockwerk, das versteckt unter den Heidelbeeren liegt :-/ Bald erkenne ich eine Grat-Form, das Ganze läuft dann über ca. 50 Meter in recht steil verwitterte Granit-Türme und- Zacken nach Osten aus, spannend! Ich kraxle dort ein bissel herum, sehr urig ist's hier, ein Blick zum nördlichen Murgtal tut sich auf. Die Südflanke des Grats bildet eine kleine Blockhalde, die wäre eine Abkürzung, ich wähle nun aber mal die bequemere Variante, oben entlang wieder zurück. Anschliessend geht es aber eh wieder über die übliche Mischung aus aufgelassen-zugewucherten Wegtrassen und "normalen" Wirtschaftswegen östlich herab, nun zum letzten Etappenziel: das "Wasserschloss II" des Schwarzenbachstollens. Dieser (und einige andere unterirdische Stollen) leiten das Wasser der Schwarzenbachtalsperre und weiterer hiesiger Bachläufe/Quellen nordöstlich über wenige Kilometer zum Rudolf-Fettweis-Werk in Forbach, einem Wasserkraftwerk unten im nahen Tal der Murg. Es ist der zentrale Bestandteil eins ausgeklügelten Systems aus Sperrwerken, Stauseen und Wasserentnahmen aus den umliegenden Bächen, kurz gesagt eine fuchsige Kombi aus Laufwasserkraftwerk und Pumpspeichersystem. Auf einer *früheren Tour hatte ich bereits Bekanntschaft mit dieser verzweigten Infrastruktur machen dürfen. In ihr ergibt es Sinn, dass der Strom also nicht direkt am Fuß der Staumauer des nahen Sperrwerks erzeugt wird, sondern etwas entfernt. Dafür sind neben den Stollen auch Wasserschlösser notwendig, das hier aufgesuchte ist das weithin sichtbarste: von ihm herab führt ein  dickes Druckfallrohr 450 m steil runter zum Kraftwerk in Forbach, etwas unterhalb gesellen sich noch weitere Fallrohre hinzu. Jede Menge Potential für Spitzen des Energiebedarfs in der südwestdeutschen Stromversorgung also und ein seit den zwanziger Jahren fehlerlos funktionierendes System, basierend auf so einiger Logik aus Hydrologie und Ingenieurskunst. Hut ab! 

Und weiter geht es, nun endgültig zurück Richtung Ausgangspunkt der Tour. Oberhalb des Holderbachs auf stimmungsvoll-abwechslungsreichem Pfad, später mit langatmigem Forstweg-Hatscher. Dabei noch schöne Blicke auf Forbach und das erwähnte Wasserkraftwerk, aber auch östlich-gegenüber zum ebenfalls granitreichen  Sasbachtal, das ich im Frühjahr *etwas ausführlicher *erkundete.

Fazit: ein großer Spaß in einer wilden Ecke, die Saulöcher waren auf jeden Fall eine meiner schönsten Neu-Entdeckungen in letzter Zeit. Der hinterlegte GPX-Track beinhaltet einen von vielen möglichen Durchstiegen dort, ich hatte vor Ort aber den Eindruck, die wichtigsten Felsgruppen mitgenommen zu haben. Das Gute am hiesigen Granit: falls man sich doch mal versteigt, ist eine andere Variante meist schnell und ohne riesige Umwege auch machbar. Den Schlenker rüber zur Talsperre und zum Herrenwieser See muss man nicht unbedingt machen (bzw. diese Orte besser von anderen Startpunkten aus angehen), aber ich war halt grad in Schwung. Dabeihaben sollte man im weglosen Terrain wegen der vielen Äste eine Sportbrille und Kleidung mit langen Ärmeln/Hosen.

Eine Tour aus der Rubrik Unterholz-Preziosen


Hike partners: Schubi


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Comments (4)


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Nyn says: saugut
Sent 25 November 2021, 15h40
Toll, toller, saugut!
Welch erfrischende und inspirierende Runde. Nach 1 Woche Nebelgrau sind diese grünen und flechtmoosigen Granitkraxel-Impressionen für mich Balsam.

Danke vielmals, schubi!

Schubi says: RE:saugut
Sent 25 November 2021, 17h38
Gerne ... schön, dass Granite, Moose, Flechten und ich zusammen etwas bewirkt haben :-)

Aendu says: Sau-schön
Sent 26 November 2021, 13h35
Auch als bergverwöhnter Berner muss ich sagen: Der Schwarzwald ist einfach Sau-schön!!

Gerne wieder!

Gruss, Aendu

Schubi says: RE:Sau-schön
Sent 26 November 2021, 15h41
Hallo Aendu.
Schönen Dank für deinen netten Kommentar! Ja, wenn man ein bissel schaut, gibt's auch in den Mittelgebirgen einiges zu entdecken.
Beste Grüße, Frank


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