Neunundzwanzig durch vier - Karwendel classique


Published by Wagemut , 30 November 2019, 19h09.

Region: World » Austria » Nördliche Ostalpen » Karwendel
Date of the hike:19 September 2019
Hiking grading: T6+ - Difficult High-level Alpine hike
Climbing grading: IV (UIAA Grading System)
Waypoints:
Geo-Tags: A   A-T 
Time: 4 days
Height gain: 10000 m 32800 ft.
Route:ca. 45 km

Ein Projekt kann sich manchmal über Jahre ziehen. Den Karwendelhauptkamm zu überschreiten, hatte sich irgendwann als fixe Idee in meinem Kopf festgesetzt. Teilstrecken sind gut machbar, aber einige Abschnitte sind einfach zu schwer zum Klettern und dann auch noch mit schwerem Rucksack...So die ersten Überlegungen.
Langsam erarbeitete ich mir das Gebirge, unternahm lange Tagestouren, tastete mich an die Schwierigkeiten heran. Und schließlich machte ich zwei Versuche. Manchmal verdirbt einem die Ungeduld das Unternehmen. Das musste ich auch lernen. Bei vagen Verhältnissen startete ich den zweiten Versuch, wollte nicht mehr länger warten. Und so ereilte mich im Bockkar Hagel und Gewitter.
Jemanden für diese Mammuttour zu gewinnen, hatte ich schon seit geraumer Zeit abgeschrieben.
Im Sommer 2016 traf ich zufällig Didi am Südgrat der Südlichen Sonnenspitze. Da er an diesem Tag die Ostkante der Nördlichen Sonnenspitze frei und allein bezwungen hatte, war klar, dass er es drauf hat und Karwendelfels zu händeln weiß.
Wir blieben lose in Kontakt, machten zwei Touren im Laufe der Jahre.
Dann 2019 wollte ich einen neuen Versuch wagen. Wir legten zwei Wasserdepots an. Am 12. September sollte es losgehen. Die Anspannung erreichte ihren Zenit und dann -- Wintereinbruch, 40 cm Neuschnee. Letzte Hoffnung, dass die noch starke Septembersonne bis zum darauffolgenden Wochenende gute Arbeit leisten würde. Sie tat es. Am 19.9.2019 (letzter Versuch am 17.7.2017 :-) ) schulterten wir an der Karwendelrast unsere 15-Kilo-Rucksäcke und gingen los...


Vorsicht langer Text! Fürs Visuelle weiter nach unten scrollen! :-)

DIE TOUR: In vier Tagen von der Fiechterspitze über den Karwendelhauptkamm zur Pleisenhütte

Zu Wegverlauf und Schwierigkeiten von der Fiechterspitze bis zum Laliderer Biwak siehe auch Berichte anderer hikrs oder meine alten Berichte:

Fiechterspitze - Mittagsspitze - Schneekopf, ein Karwendelgratschmankerl

Niedernißltürme - Die "Grätchenfrage"


Hochglück (2573 m) . der lange Grat von der Lamsenspitze

Barthspitze und Hochglück - Zweigipfeltour über dem Hochglückkar

Karwendelhauptkamm - a bissl was geht immer

karwendelhauptkammus iterum - es geht auch ein bissl mehr!

Grubenkarspitze, Plattenspitze, Spritzkarspitze, Eiskarlspitze - Vier auf einen Streich


Erste Etappe: Von der Karwendelrast zur Schafkarspitze

Eindrücke:

Unsere Rucksäcke sind am Anfang natürlich maximal voll, gefüllt mit Obst, Wasser, Brot, Speck, Käse, Schokolade... Es bürgert sich ein gepflegter Aufseufzer ein, sobald wir die schwere Last auf- oder absetzen.
Es hat heute Hochnebel. Nach dem Einstieg zur Fiechterspitze erproben wir erstmals Klettern mit schwerem Rucksack. Der Zug geht nach "hintenunten". Wir müssen das Körpergleichgewicht darauf einstellen, sonst würden wir in einem unachtsamen Moment, wie Käfer auf den Rücken fallen. Mental ist das Unterwegssein auf diese Weise völlig unterschiedlich zu einer Tagestour mit leichtem Gepäck.
Ein Wegrutschen könnte zu einer unaufhaltsamen Kettenreaktion führen.

Auf der Fiechterspitze steigen wir aufgrund des Nebels fast in die falsche Richtung ab. Doch wir besinnen uns. Die Markierungen leiten uns sodann bequem zum Schneekopf.
Die abenteuerliche Überschreitung der Nißltürme beginnt mit einem tiefen Abstieg in der Nordseite des "westlichen Schneekopfs". Nach der Schlüsselstelle (IV), einem gut stemmbaren, kurzen Kamin, komme ich bei einer ausgesetzten Querung auf einem abschüssigen Tritt minimal ins Rutschen. Dieser Schockmoment begleitet mich mindestens eine halbe Stunde.
Doch schließlich haben wir die Nißltürme hinter uns gebracht, können uns für lange Zeit auf gebahnten Wegen entspannen. Im Vorübergehen werfen wir einen Blick auf den bombenfesten Fels der Lamsenspitze. Dieser Gipfel dürfte einer der wenigen im Karwendel sein, die häufig "beklettert" werden.

Erst beim Auf- und Abstieg von der Schafkarspitze muss man wieder hinlangen, wobei dieser Gipfel für geübte Schrofengeher gut machbar ist.
Glücklich und euphorisch erreichen wir hinter der Schafkarspitze unser Wasserdepot und beschließen, die Nacht in einer breiten Mulde zu verbringen.
Den ursprünglichen Plan, am ersten Tag bis zum Hochglück zu gelangen, haben wir irgendwann nach der Lamsenspitze verworfen. Dafür hätte das Tageslicht und unsere mentalen sowie physischen Kräfte nicht mehr ausgereicht. Wir ebenen den Schlafplatz und bemühen uns im Bau einer kleinen Windschutzmauer.
Währenddessen pendelt sich der Hochnebel auf einer Höhe von ca. 2000 m ein. Wir sind auf einer Insel und blicken auf andere Karwendelinseln. Im Abendlicht wird uns ein seltenes Ereignis zuteil: Im Nebel zeichnen sich unsere Schatten im Zentrum einer Dreifach-Halo ab.

Zweite Etappe: Schafkarspitze bis ins weitläufige Bockkar

Eindrücke:

Mit steifen Beinen machen wir uns am nächsten Morgen Richtung Barthspitze auf. Bei unserer Eingehtour haben wir, respektive Didi, eine leichtere, weniger nervenaufreibende Alternative zur markanten Abkletterstelle (steile, nach wenigen Metern abbrechende, brüchige Rinne) vor der Barthspitze gefunden. Durch eine parallel vor dieser liegende Rinne können wir im IIer Gelände abklettern. Nichts desto trotz wird das folgende Aufklettern zur kleinen Scharte eine übliche Übung im Bruch-IIIer-Klettern.
So sind wir wieder einige Zeit hochkonzentriert unterwegs. Jede schöne feste Kletterstelle wie der Schlussaufschwung zur Barthspitze oder die plattige Rinne zur Schafkarscharte muss um so mehr auskostet werden.
Am NO-Grat des Hochglück finden sich auch ein paar recht plattige, auf Reibung zu kletternde Passagen. Hier tritt nochmals zu Tage, wie stark die schweren Rucksäcke die Bewegungsfähigkeit und das Gleichgewichtsgefühl beeinflussen.
Nachdem wir die Steilrinne von der Eiskarlspitze hinunter- und zur gutmütigen Spritzkarspitze hinaufgestiegen sind, beginnt ein völlig anderes Terrain. Über Stunden werden wir auf schrägem Schutt gehen. Dauerbelastung für den linken Innen- und den rechten Außenrist.
Große Platten, die in einer anderen Region des Gebirges als gute Hand- und Fußunterstützung dienen würden, müssen hier vorsichtig beäugt werden. Sie liegen unschuldig herum, aber bei Berührung durch den unbedarften Wanderer geraten sie auf dem losen Schutt unversehens in Bewegung.

Der "Weg" von der Spritzkarspitze- zur Scharte vor der Plattenspitze ist am Anfang und am Ende möglichst nah am Grat zu verfolgen; im Mittelteil kann man auch ein bisschen tiefer in der Südflanke bleiben. 
Die schlechte Erreichbarkeit macht die Plattenspitze zu einer der selten besuchtesten Gipfel des Karwendels. Wir halten uns hier aber nicht lange auf. Das Laliderer Biwak ist noch weit.

Und der Aufstieg zur letzten Hürde genannt Grubenkarspitze ist ein warer Schuttschinder!
So ist mir das jedenfalls von frührern Begehungen in Erinnerung geblieben. Doch dieses Mal werden wir einen anderen Weg wählen.
Da die Quelle im Grubenkar zu dieser Jahreszeit ohnehin versiegt ist, besteht kein Anreiz, so tief abzusteigen wie letzmals. Wir halten uns also so hoch wie möglich an der Schutt-Fels-Grenze (ähnlich wie Kollege bergteufel) gerade nach Westen. Relativ weit südlich des Gipfel erreichen wir den Grat.

Ein Blick ins riesige Bockkar zeigt uns die letzten verbliebenen Schneefelder des Winters. Unser Fokus richtet sich am Ende des Tages ganz klar auf die Wasserversorgung. Wir peilen ein Dolinenschneefeld unter der Grubenkarspitze an. Wir rasten dort einige Zeit, lassen die vergangenen Stunden am inneren Auge vorbeiziehen und widmen uns ansonsten den naheliegenden Themen Wasserschmelzen und Essenszufuhr.

Es ist bereits dunkel, als wir wieder aufbrechen. Didi ist eher dafür, unser Nachtlager an Ort und Stelle aufzuschlagen. Mich lässt der Gedanke an eine weiche Matraze im nahen Biwak nicht los. Auf dem guten Pfad zur Biwakschachtel sollte es kein Problem sein, auch im Dunkeln das Ziel zu erreichen. Aber tatsächlich entpuppt sich das Weitergehen als Fehlentscheidung.
Im Dunkeln sieht alles anders aus; die Übersicht fehlt. Unsere Stirnlampen malen lächerliche Lichtpunkte auf beliebige, gleichzeitig bekannte und doch unbekannte Felsgestalten über uns. Einmal glaube ich den waagrecht gezackten, massigen Gipfelkörper der Laliderer Wand zu erkennen (was sich am nächsten Morgen bestätigt), bringe das Ganze in meinem Kopf zu dieser späten Stunde aber nicht mehr zu einem stimmigen Orientierungsplan zusammen.
Zum Schluss kreisen wir noch ein paar Runden im Kar wie hilflose Motten um das Licht. Dann müssen wir notgedrungen unser Nachtlager bauen. Erschöpft kriechen wir gegen 23:00 Uhr in unsere Schlafsäcke. Des Nachts ereilen mich ordentliche Krämpfe in der Oberschenkel und Brustmuskulatur. Vermutlich Calcium- und Magnesiummangel. Im Mondschein Wasser trinkend und Brotzeit mampfend normalisiert sich mein Zustand nach geraumer Zeit. 

Dritte Etappe: Vom Bockkar zur Kaltwasserkarspitze

Eindrücke:

Am nächsten Morgen sehen wir, dass wir nur 15 min von der Biwakschachtel entfernt waren. Ein unbedeutender Felsen der Laliderer Wand, den ich in der Nacht für einen der Ladiztürme gehalten habe, hatte mich vollends aus dem Konzept gebracht. Jetzt bei Tageslicht erblicken wir wenige Minuten links dahinter das legendäre, ufoartige Biwak. Ein freundlicher Zeitgenosse ließ hier Spinatnudeln zurück. Die Speise wird kurzerhand zubereitet und gierig verspeist. Kaum gerät man in zivilisationsnäheres Gebiet, beginnt man davon zu profitieren.

Die "Zivilisation" verlassen wir jedoch bald. Nach einem kurzen Abstecher zur Laliderer Spitze, queren wir unter dieser zur Scharte vor der Bockkarspitze rüber. Didi drängt zum Weitergehen und auch ich will diesmal der Bockkarspitze nicht zwingend einen Besuch abstatten. Im Nachhinein natürlich schade, da wir von den Gipfeln über dem Bockkar nur Grubenkar- und Lalidererspitze mitnahmen. Mein eigentlicher Plan war, möglichst jeden Gipfel des Hauptkamms zu überschreiten. Aber ein Tour zu zweit hat ihre ganz eigenen Dynamiken, vorwiegend im Positiven wohlgemerkt, und es sollte nicht der letzte Gipfel bei dieser langen Tour sein, den wir ausließen. Außerdem ist der Tag schon fortgeschritten; die unangenehmen Intermezzi in der Nacht (Verhauer, Krämpfe, Schlaflosigkeit) fordern ihren Tribut. Nach zwei langen Tagen mit täglich durchschnittlich 8 Gipfeln läuft der Turbo nicht mehr einwandfrei. Der Schlafmangel tut sein Übriges.

Um ca. 11 Uhr steigen wir in die Steilrinne zur Nördlichen Sonnenspitze ein. Der Fels ist bekanntlich ziemlich gut, doch zeigte sich hier wieder die Andersartigkeit der Fortbewegung mit schwerem Rucksack. Stellen, über die ich mit Tagesrucksack schon leicht und mit Genuss hoch- und sogar abgeklettert bin, werden jetzt zur richtigen Aufgabe. Ich weiche vom Rinnengrund in die Felsen knapp linkerhand aus und komme so mit III+ durch. Didi rampft sich noch die erste sehr plattige, griffarme Stelle im IV Grad hoch (alte Bewertung von mir mit Tagesrucksack III+). In der Folge halten wir uns gemeinsam eher etwas links der Verschneidung, bis das Gelände endlich abflacht.
Die Nördliche Sonnenspitze ist bald erreicht. Ich bin froh, diese Hürde endlich geschafft zu haben, bin ich doch bei den zwei früheren Versuchen der Hauptkammüberschreitung aus diversen Gründen immer nur bis zur Bockkarspitze gekommen.

Müdigkeit und Anspannung lassen nicht nach, erfahren nur eine Abmilderung, da wir nun in die schattige Nordwestflanke des Gipfels absteigen. Nachdem der Abstieg gemacht ist, freue ich mich auf drei vergleichsweise entspannte Gipfelbesteigungen von Kühkarl-, Moserkarspitze und Unbenanntem Gipfel. Didi und ich genießen sehr die neuen Ausblicke; v.a. die schönen südlichen Wiesenhänge des Unbenannten tun der Seele gut. Gedanklich längst mit der Flüssigkeitszufuhr beschäftigt, erinnere ich mich, dass im Moserkar westlich unter dem Gipfel beim letzten Mal ein Schneefeld lag. Und so ist es auch diesmal. Allerdings steht uns noch der gache, kleinbrüchige und kleingriffige Abstieg vom Gipfel bevor. Nach dem ersten steilen Abklettern nahe am Grat, können wir nach rechts in eine gutgriffige Rinne queren und erreichen so schnell den Karboden.

Das Schneefeld ist wie eine Oase für uns. Nachdem der erste große Durst gelöscht ist, saugen wir die Umgebung in uns auf. Das Rauhkarl ist einsam und verlassen. Selbst das Summen einer Fliege wäre hier eine Lärmbelästigung. Ein Ort, der zum Verweilen und Staunen einläd. Tatsächlich mache ich Didi den Vorschlag, heute hier zu bleiben. Doch dieser will noch zwei letzte Schwierigkeiten hinter sich bringen. Es ist auch durchaus vernünftig Rauhkarl- und Kaltwasserkarspitze noch anzupeilen, vor allem mit der Aussicht, danach einen recht adrenalinarmen, entspannteren, vierten Tag zu verleben.

Es geht also weiter. Der Aufstieg zur Rauhkarlspitze geht recht unschwierig vonstatten, doch ich weiß, dass darauf ein haarsträubender, ordentlich brüchiger Abstieg folgt. Ich gehe voraus und suche den geeignetsten Weg über die schuttbedeckten Absätze. Zwischem dem Schutt sucht das geübte Auge nach den wenigen "festsitzenden" Blöcken. Erst geht es gerade nach Westen, dann queren wir nach rechts und gewinnen über einen in Anbetracht der Umstände guten Kamin direkt den Fuß der Scharte. Didi macht seiner Anspannung deutlich Luft. Diesen Bruchabstieg wird er bestimmt kein zweites Mal machen. Es bleibt festzuhalten, dass dieser Abstieg den psychischen Tiefpunkt unserer Unternehmung darstellt, sowohl was die eigenen Empfindungen als auch die Beziehung unter uns Bergsteigpartnern betrifft. Doch wir stecken mittendrin im Gelände und haben das Ding bei weitem noch nicht in trockenen Tüchern. Keine Zeit und Kraft für eine ebenso nervenaufreibende Auseinandersetztung über Sinn oder Unsinn der Unternehmung.
Wir müssen uns weiterhin konzentrieren. Vorsichtig gehen wir  von der Scharte schräg links abwärtsquerend auf steilem Schutt, der von harter, schlecht zu tretender Erde unterbrochen wird, möglichst nah an den Felsen zum Einstieg des Grauen Kamins.

Der Kamin ist so, wie ich ihn in Erinnerung hab, eng für den großen Rucksack, aber wunderschön zu klettern. Mit dem letzten Licht kommen wir auf der Kaltwasserkarspitze an. Ein Traum hat sich erfüllt. Es ist wie eine Rückkkehr zum Beginn meines Karwendeldaseins. Im ersten "Jahrhundertsommer" 2003 war ich erstmals im Karwendel und wir hatten die Kaltwasserkarspitze über den Sägezähnegrat anvisiert. Schon damals war unsere Fußwanderung von Scharnitz zum Gipfel eine anachronistische Angelegenheit. Das Rad war längst gängiges Mittel zur Tourenerleichterung. Dennoch oder gerade deswegen ist diese Tour zum prägenden Erlebnis geworden, unwiederholbar und einmalig.
Erneut hier zu sein, erfüllt mich mit feierlicher Hochstimmung.
Wir finden einen Platz unter dem Gipfel und bereiten mit Akribie einen ebenen Untergrund für zwei müde und geschundene Karwendelkörper in der lauen Föhnnacht.


Vierte Etappe: Von der Kaltwasserkarspitze zur Pleisenhütte

Eindrücke:

Der neue Tag bricht an, der letzte unserer langen Reise. Wir werden die Weite des Karwendels noch einmal voll auskosten, das schöne Ödkar und die Große Seekarspitze sehen, letzte Kräfte für das übrige Wegstück der Überschreitung mobilisieren.

Mittlerweile bewegen wir uns ziemlich routiniert durch die Landschaft. Den Abstieg von der Kaltwasserkarspitze spulen wir locker ab. Häufige Steinmanndl weisen uns den Weg zum Hochjöchl. Was für ein gutmütiger, breiter Gipfel! Endlich mal kein Absturzgelände!
Den Schutt-Aufstieg zur Birkkarspitze nehmen wir stoisch hin. Bei einer großen Schulter im Ostgrat queren wir nach rechts Richtung Schlauchkar, ein Waten und Krabbeln im fließenden Schutt.
In unserer Vorfreude auf den markierten Weg sind wir versucht, zu früh im Schutt abzufahren, obwohl wir noch nicht einmal die Nordschulter des Gipfels passiert haben. Dort angekommen, offenbart sich unser Orientierungsdebakel und wir nageln die sich drehende Welt wieder sorgfältig am Norden fest.

Wir sehen plötzlich Menschen. Karawanenmäßig hiefen sich Grüppchen den Berg hinauf. Wir hüpfen glücklich die letzten Meter zum Normalweg hinunter. Ein Weg, ein gebahnter Weg! An welchen Banalitäten man sich nach Tagen der Abgeschiedenheit so erfreut...
Wir passieren zwei Herren und eine Dame mit hochrotem Kopf, allerdings nicht in Pumphosen, Wanderrock und Haferlschuhen, sondern im modernen Wanderdress, denn wir sind ja jetzt im 21. Jahrhundert. Wir fliegen den Berg hinauf zur Scharte bei der Birkkarhütte.
In dessen Nähe hat Didi vor ca. einer Woche Trinkflaschen für uns versteckt. Er geht auch gleich daran, den Schatz zu heben. Doch was für ein Schock: Es soll Menschen geben, die glauben, andere tragen für sie Trinkflachen den Berg rauf! Das Depot ist bis auf eine Flasche vollständig ausgeraubt!!! Eine unserer Flaschen finden wir in einer großen Mülltüte in der Hütte. Welches asoziale A. macht so etwas? Wie kann man so ums eigene Ich kreisen? Hätten wir eine Spende machen wollen, hätte Didi die Flaschen in die Hütte gestellt. Wenige Menschen - wenige Dumme. Viele Menschen - viele Dumme!
Das es in der Hütte ein Mülltüte gibt, finde ich übrigens taktisch unklug, weil jeder Depp geneigt ist, seinen Dreck dort zu lassen, anstatt ihn ins Tal zu tragen.
Wenigstens bekommen wir auf Didis spontanen Wutausbruch folgend eine milde Flüssigkeitsspende zweier anwesender junger Bergsteiger ..
Schnell statten wir der Birkkarspitze einen Besuch ab und beruhigen die Gemüter im Gespräch mit anderen Gipfelbesuchern.

Aufgrund der neuen Umstände halten wir auf dem Weg zu den Ödkarspitzen Ausschau nach Altschneefeldern. Unter der Marxenkarspitze werden wir fündig. In Ermangelung von Zeit und ausreichend Gas stopfen wir den Schnee in unsere Flaschen. Kurz vor der Marxen' machen wir noch einmal Pause. Ein Stückchen Speck, ein Stückchen Brot und ein halber Müsliriegel bleiben übrig. Ich habe aus Gewichtsgründen beim Proviant Abstriche gemacht, wobei ich Didi in den letzten Tagen um seine Mondnahrung sehr beneidet habe. Aber dann muss man sich halt mal 4 Tage zamreißen. Eine geniale Neuerung, die bereits im "Hochtourist" aus dem 19. Jahrhundert empfohlen werden, hat Didi eingeführt, Sardinen in Olivenöl. Schon allein wegen der Grundfeuchtigkeit, die Brot und Käse nicht zu eigen ist, sind die Sardinen und Speck die beliebteren Nahrungsmittel auf der Tour

Der Abstieg von der Marxenkarspitze macht mir noch ein bisschen Sorgen, eine der wenigen Stellen, die ich noch nicht kenne. Sie entpuppt sich als nicht zu hoher, aber brüchiger Absatz, den wir vorsichtig prüfend abklettern. Danach ein bisschen Geeiere auf schmaler, erdigbrüchiger Schneide, dann ist es geschafft.
Pfadspuren eröffnen die Möglichkeit zum Sattel zwischen Kl. und Gr. Seekarspitze zu queren, aber das hätte einen "Rückweg" zur Gr. Seekarspitze bedeutet. Deswegen bleiben wir bis zum Ende am Ostgrat, den ich zur Hälfte von der Tour über den östlichen Südgrat kenne.
Wir freuen uns auf diesem Gipfel zu sein. Ab der Birkkarspitze entfaltet der Hauptkamm einen anderen Charakter. Sind die Gipfel zwischen der Nördlichen Sonnenspitze und der Kaltwasserkarspitze eher gerafft und kurz aufeinanderfolgend, so entfaltet sich jetzt eine große, ausladende majestätische Weite.

Beim Abstieg stopfen wir noch einmal Schnee in die Flaschen. Wir erreichen das Breitgrieskar-Biwak, wo ich ein Paar um eine Wasserspende für uns anhaue. Sie sind bestürzt, dass wir heute noch zur Pleisenhütte wollen, ohne dabei zu ahnen, dass wir vorhaben nicht "unten-" sondern "obenrum" zu gehen.:-)
Wir klären sie nicht auf und machen uns auf den Weg zum Südgrat der Breitgrieskarspitze. Wir sparen uns Zeit und Kräfte und gehen unter dem Gipfel vorbei ins Hinterkar .

Die Weite der Landschaft ist großartig. Das Ende unserer Reise ist in greifbare Nähe gerückt. Die Kalkformationen auf dem Haupkamm sind nicht einfach nur grau, sondern in ihren Formen sehr vielgestaltig. Das geht einem besonders auf, wenn man das Gebirge mehrere Tage durchquert. Nach der Gr. Riedlkarspitze, für die wir nochmal unsere letzten Kraftreserven mobilisiert haben, folgt auf dem Westgrat ein mit versteinerten Korallen versehener Abschnitt, die scheinbar unversehrt Jahrmillionen überstanden haben.
Unter der Larchetkarspitze abwärts querend, erreichen wir die Scharte in deren Südgrat. Die letzte Zeit ist Didi vorausgegangen und ich habe mich gemächlich hinterhergeschleppt. Die Strapazen der vergangenen Tage und der (unverschuldete) Wassermangel zehren an der Substanz.

In der Absicht, die übrigen Kräfte für die Pleisenspitze zu sparen, machen wir uns sogleich mit Hilfe der alten Fixseile (grau gewordene, nicht mehr ganz vertrauswürdige Kletterseile) an den Abstieg.
Dort, wo die Fixseile enden, machen wir nochmal eine Pause. Das erste Mal seit vier Tagen mache ich einen Anruf nach zu Hause. Ein großer Glücksmoment, eine vertraute Stimme zu hören, die sich in einer ganz anderen Welt befindet.
Didi und ich überlegen, wie wir weitergehen sollen. Das Hinterkar wird von einer Gratrippe in zwei Teile geteilt. Der Weg zur Pleisen' soll den Sporn auf halber Höhe mit Hilfe eines Gamswechsel überqueren. Danach stünde der Schlussanstieg zum Südgrat der Pleisenspitze bevor. Aber irgendwie ist die Luft raus. Ich stelle mir vor, wie wir uns auf der mir unbekannten Wegstrecke versteigen und erst spätnachts die Pleisenhütte erreichen. Und dort aufgrund der späten Stunde womöglich nichts mehr zu essen bekommen! Bei mir stehen die Zeichen auf Abstieg, obwohl ich es auch gleichzeitig ein bisschen bedauere, damit den letzten Gipfel der Überschreitung auszulassen. Vielleicht ein Grund wiederzukommen? :-) Didi hat auch nichts dagegen, abzusteigen und die legendäre Pleisenhütte auf direktem Wege anzupeilen.

Rasant fahren wir ins Kar ab. Endlich sind wir am Ende der Schwierigkeiten angelangt. Ich sinke zufrieden ins Gras und stoße eine Juchezer aus.
Bei Dämmerlicht erreichen wir endlich die Hütte. Die Reise ist zu Ende. In der Stube werden wir vom warmen Licht der Petroleumlampen empfangen. Die Hüttenwirtin stellt uns Getränke und Essen hin. Wir sind glücklich. Und nach dem zweiten Teller Eintopf beginnen wir, von unserem Abenteuer zu erzählen...

Zum Schluss:

Mein großer Dank geht an Didi, der mich auf dieser langen Tour begleitet hat. Er war ein wunderbarer, lustiger und verlässlicher Tourenpartner. Wir haben diese Tour gemeinsam erlebt, viel gesehen, die Stille gehört und sind eins mit dem Gebirge geworden. Wir können uns gegenseitig und anderen immer wieder davon erzählen und eine lange Zeit von den Eindrücken zehren, die dieses großartige Gebirge uns geschenkt hat. Didi hat gesagt: "Das ist ein guter Abschluss meiner Bergkarriere" Ein letztes großes Ding quasi. Aber wer weiß, was noch passieren wird auf unserer Lebensreise?





P.S.: Auf den Fotos ist nicht absichtsvoll nur jedesmal mein Gfries abgelichtet. Aufgrund eines Missgeschick sind leider meine Fotos verloren gegangen...

Hike partners: Wagemut


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Comments (16)


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Nic says: Chapeau!
Sent 30 November 2019, 19h17
Gratulation zu dieser großartigen Leistung! Endlich hat es geklappt. Stark!

VG Nico

Wagemut says: RE:Chapeau!
Sent 1 December 2019, 11h30
Servus Nico,

vielen Dank! Es war eine schöne Sache, es nach all den Versuchen jetzt durchzuziehen und die Einzeltouren zu dieser großen zusammenführen zu können. :-)

Viele Grüße,

der Joseph

hefra says:
Sent 30 November 2019, 23h01
Der Wahnsinn ! Extreme Körperbelastung; gut, dass ihr gesund da durchgekommen seid und jetzt lange davon zehren werdet !

VG Frank

Wagemut says: RE:
Sent 1 December 2019, 11h40
Servus Frank,

da werden wir wahrlich lange zehren! Bei der Tour muss schon alles passen: Fitness, Ernährung, Tourenpartner, Wetter, Motivation...

Viele Grüße,

der Joseph

Westfale says: Chapeau!
Sent 1 December 2019, 00h10
Ich gratuliere auch auf diesem Wege nochmal in aller Form! :-)

Toni83 says:
Sent 1 December 2019, 13h15
Einfach nur super!!

PS: meistens ist der Salzverlust für die Krämpfe verantwortlich.

Grüße Toni

hannes80 says:
Sent 1 December 2019, 15h55
Ich ziehe meinen Hut vor eurer Leistung. Überragend!

Wagemut says: RE:
Sent 2 December 2019, 19h58
Servus Hannes

Vielen Dank! Ich werds weitergeben.:-)

Viele Grüße,

der Joseph

ReinerD says:
Sent 2 December 2019, 20h54
Dem Team "Joseph & Didi"

Glückwunsch zur erfolgreichen Überschreitung vom Hauptkamm.








Wagemut says: RE:
Sent 7 December 2019, 15h28
Servus Reiner,

danke Dir! Es war eine Runde Sache und nach ca. 10 Jahren einfach Zeit, dass die Tour hinhaut. :-)

hanef says:
Sent 14 November 2020, 20h44
Danke für den aufwändigen Bericht. Sehr inspirierend!

Wagemut says: RE:
Sent 16 November 2020, 14h15
Danke Dir Hanef,

wär bestimmt auch was für Dich, wobei, wie mir scheint, Du eher einer von den schnelleren bist und die Tour auch in 3 Tagen (oder kürzer?) runterreißen könntest. Erkundungstouren und das Anlegen von Wasserdepots sind aber auf jeden Fall ratsam, bevor man` s angeht.

Viele Grüße,

Joseph

hanef says: RE:
Sent 16 November 2020, 17h42
Also 4 Tage find ich schon flott für das Ding, v.a. mit schwerem Gepäck. Gerade im Karwendelbrösel will man ja auch nicht zu schnell unterwegs sein...

Nyn says:
Sent 14 March 2021, 17h21
HGLW! und Hut ab vor dieser Leistung.
Schon ein kleiner "Graus" ist es mit dem Warten und Planen für manche Projekte, - aber solche Kaliber brauchen halt ihre Zeit, um zu reifen.

Wagemut says: RE:
Sent 17 May 2021, 14h09
Servus Nyn,

Danke! Manchmal denke ich, bequem auf dem Kanapee sitzend, an eine Wiederholung. Aber es gibt ja auch noch eine Reihe anderer nicht umgesetzter oder vielleicht niemals umsetzbarer Projekte. Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dass diese Tour endlich geklappt hat...

Was heißt HGLW?

Nyn says: RE: hglw
Sent 17 May 2021, 15h56
HGLW = "H"erzlichen "GL"ück "W"unsch

Ein geläufiges online/internet/socialnetwork-idiom :D


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