Ein paar Arnspitzen


Publiziert von Nik Brückner , 26. Juni 2014 um 10:54. Text und Fotos von den Tourengängern

Region: Welt » Österreich » Nördliche Ostalpen » Wetterstein-Gebirge und Mieminger Kette
Tour Datum:21 Juni 2014
Wandern Schwierigkeit: T5+ - anspruchsvolles Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: D   A 
Zeitbedarf: 8:00
Aufstieg: 1600 m
Abstieg: 1600 m
Strecke:18km

Die Arnspitzen!

Geheimtipp? Klassiker? Wilder Weg? Beliebte Tour? Mittlerweile wohl ein bisschen von allem.

Ich hab am Wochenend die Judith7 eingepackt und Freund Ignasi aus Catalunya, und auf ging's über die Arnspitzen!



Parkung am Gasthof An der Mühle, Unterleutasch (1030m). Von hier aus in wenigen Minuten zum Wald und bald links hinauf. Nun 40 Minuten lang in stetigem Zickzack auf einem Waldsteig hinauf zur Riedbergscharte (1449m). Nun in ebenso abenteuerlicher wie konsequenter Wegführung immer um die Kante herum pendelnd hinauf zum Riedkopf (1860m). Oder so. Denn morgens ist noch ein bissl Nebel herumgezogen, und da sah jeder Kopf gleich aus. Ob Ried- oder Achter- wussten wir nicht zu sagen. Alles aber schöne grasige Graterhebungen, die sich zur Großen Arnspitze hinaufschwingen.

Von einem der Achterköpfe geht es dann in die Südflanke hinein. Das ist eine jene Querungen, bei denen ich immer an die Wegebauer denken muss - solche Passagen machen immer wieder viel Arbeit.

Am kleinen Arnspitzhüttl (2003m, anderthalb Stunden ab der Riedbergscharte) haben wir dann eine erste längere Pause gemacht. Bissl was gegessen, bissl was getrunken. Die Schlümpfe sind derweil schon vorausgegangen.

Vom Hüttl aus geht es in einer halben Stunde hinauf zur Großen Arnspitze. Zunächst auf gutem Wanderweg eine breite Rinne hinauf zu einem Sattel, hier nach rechts weiter in einfaches Klettergelände. Nun schön kraxelig über viele Einserstellen (Obacht auf Nachsteigende!) und durch ein spektakuläres Felsentor hinüber in eine weitere Rinne und im Zickzack hinauf auf eine Schulter, wo nachher die Überschreitung beginnt. Vorher aber weiter rechts hinauf, wieder über Einsergelände zum Gipfel.

Die Große Arnspitze (2196m) ist einer jener Berge, deren Gipfelkreuz auf einem Vorgipfel stehen, damit man sie vom Tal aus sehen kann. Der Übergang zum Kreuz ist ein IIer, teils steil und zwischendurch ausgesetzt, aber kurz und nicht so schwer.

Hier sind wir den Schlümpfen wiederbegegnet. Wir haben sie dann eingepackt und mitgenommen. Vom Gipfel aus geht es in einer Rechtskurve wieder hinunter zu der Schulter. Hier wechselt man dann in wegloses Gelände. Zunächst geht es über Gras hinüber zu einer Gratkante und links davon über erdig-schotterige Schrofen hinunter. In der Folge orientiert man sich am Besten immer am Grat und wählt einfach den besten Weg. Es geht eine weitere Rinne links hinunter. Unten warten dann zunächst einmal keine größeren Auf- oder Abstiege auf den Begeher: Immer am Grat entlang geht es über kleine Zacken und/oder an ihnen vorbei. Eine fröhliche Gratkraxelei, leicht, aber teils recht luftig.

Plötzlich steht man dann vor einem senkrechten, fünf, sechs Meter hohen Wandl. Direkt von Grat hinauf dürfte wohl ein leichter IIIer sein, das ließ sich Ignasi natürlich nicht nehmen, deutlich einfacher ist es, ein paar Meter nach links in die Südseite abzusteigen und über ein kleines Rinnl hinauf zur Kante zu steigen. Dort helfen einem kleine Latschen dann eher als dass sie stören, beim Übergang nach rechts die Kante hinauf zum Gratkopf.

Der Gratkopf ist dann ebenso leicht wie schnell überschritten. Der Abstieg sieht ähnlich wie der Aufstieg wilder aus, als er ist: Am Besten steigt man eine mäßig steile Rinne in der Nordseite hinunter, bis zu ihrem Ende, und quert dann nach links. Nach einigen weiteren Felsstufen, die teils unangenehm kleingriffig sind, wandert man dann auf Gras an ein paar Latschen vorbei zur Engen Scharte (1988m).

Die Mittlere Arnspitze. Die war ein Thema. Wir hatten uns offengelassen, ob wir sie mitnehmen oder nicht. In der Engen Scharte würde das Böse Band nach links hinüberführen, danach ginge es hinauf zum Gipfelaufbau. Ich traute meiner Beschreibung nicht - es wurde nicht mal klar, ob das Böse Band hier nach rechts oder nach links führt. Ebenfalls war uns nicht klar, wie es oberhalb des Latschengeländes weitergehen sollte, oder in welcher Richtung die Besteigung/Überschreitung besser wäre.

Kurze Disku, dann haben wir die Mittlere Arnspitze schließlich nordseitig überraschend leicht auf zwei schotterigen Bändern umgangen: Das eine führt schräg hinunter, das andere schräg hinauf, und in kaum 10 Minuten hat man die Weite Scharte (1998m) erreicht.

Ich habe schließlich noch versucht, die Mittlere Arnspitze von dieser Seite aus anzugehen, bin dann aber an einer recht steilen Stelle lieber umgekehrt. Ich hatte einfach nicht genügend Infos und kannte das Gelände oberhalb nicht. Dazu schien mir nun die Ostseite einfacher zu sein - und da waren wir ja schon vorbei.

Also lieber eine gemüüütliche Pause mit Schlümpfen in der Weiten Scharte. Wir haben's uns gutgehen lassen und vier Vorausgeher beim Aufstieg auf die Arnplattenspitze (die in der AV-Karte Hintere Arnspitze, Hoher Spitz bzw. Zwölfer Kopf heißt) beobachtet. Von unten sieht der 170 Meter hohe Aufstieg nach einem nervigen Latschengewühle im unteren und einer ausgesetzten Risskletterei im oberen Teil aus. Dass unsere Beschreibung diese Passage als die schwierigste auswies, machte uns nicht zuversichtlicher.

Tatsächlich erwies sich die Latschenpassage dann aber als ganz einfach und die Kletterei als halb so wild. Durch die Latschen führt ein gut durchgepunktlter, soll ich sagen, Weg, den man hier und da mal verlieren kann, was aber nicht schlimm ist. Entweder man kehrt um, oder man klettert halt ein bisschen, weiter oben findet man dann schon wieder einen Punkt. Ein bisschen Gespür für's Gelände braucht's halt.

Oben tritt man dann aus den Latschen heraus und steht vor der berühmten Craquelure der Arnplattenspitze. Dieses Muster sieht von unten sehr individuell und wunderschön aus, aus der Nähe verstärkt sich der Effekt noch einmal. Man quert nun halblinks in den großen Riss hinein und verlässt diesen nach oben in einem großen Bruch, dort, wo der Riss deutlich schmaler wird. in diesem Bruch geht es nun viel zu schnell hinauf. Eine oder zwei größere Stufen sind ein bissl schwieriger, über eine II geht es aber nicht hinaus. Man kann sich selbstverständlich auch eine schwierigere Route suchen.

Auf der Arnplattenspitze (2170m, zwei Stunden von der Großen Arnspitze) dachten wir, wir hätten das Schlimmste hinter uns. Also große Pause - und die Schlümpfe wieder rausgeholt! Wir waren die Einzigen am Gipfel und haben's dort oben richtig genossen.

Vom Gipfelaufbau ist es nicht weit hinunter in gemächliches Latschengelände, vielleicht hundert, hundertfünfzig Höhenmeter. Aber dieser Absteig wartet mit den schwierigsten Passagen der Tour auf: Zwei nahezu senkrechte, teils ausgesetzte IIer-Stellen wollen sicher abgeklettert sein. Auspsychen verboten! Also vorsichtig (Judith7 und ich) oder läjsich (Ignasi) runter - dazwischen und darunter über nervig rutschiges Gebrösel vorsichtig weiter.

Unten angekommen kann man dann aufatmen - jetzt kommt nichts Schwieriges mehr. Man kann hier zum Hohen Sattel absteigen, das sollte man aber besser bleibenlassen. Denn der Weiterweg über Weißlehnkopf (2002m), Arnkopf (1934m) und Zwirchkopf (1773m) gehört zum Schönsten, was ich in den Alpen kenne! Ein fantasievoll angelegtes Weglein führt in unzähligen verschlungenen Kurven über Felsen durch ein weitläufiges Latschenlabyrinth, vorbei an Blumen, blühenden Büschen und frischen Lärchlein. Ein Traum! Und eine wundervolle Wegführung. Das sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen!

Am Ende wird's nochmal lustig. Der Abstieg vom Zwirchkopf (1773m) ist zwar perfekt markiert - einen Weg gibt es allerdings nicht. Sausteil geht es im Wald hinunter, über Waldboden, Wurzelstufen und Fels, immer vom Markierung zu Markierung, die Augen pendeln zwischen dem steilen Hang und dem nächsten rot-weiß-roten Zeichen. Erst ganz weit unten im Gras zeichnet sich eine Wegspur ab, von dort sind es dann aber nur noch 5 Minuten zum breiten Weg an der Leutascher Ache (1098m). Inklusive der Kletterei am Anfang 2h 20min von der Arnplattenspitze bis zum Fluss. Ein herrlicher Weg!

Wir hatten's an dem Tag nicht eilig und wollten eher genusswandern mit Schlümpfen. Anstatt auf Fahrpläne zu achten, haben wir lieber einmal mehr gepaust. Und so haben wir auch den letzten Bus sausenlassen, deshalb ging es jetzt zu Fuß zurück zur Mühle (Dauer: ca. eine gute Stunde). Aber hier ist das kein langweiliger Talhatscher, sondern ein wunderschöner Weg am Fluss entlang (nicht: entlang des Flusses), gespickt mit schönen Blicken ins atemberaubend riesige Puit-Tal, zur Wettersteinwand und später hinauf zur Arnplattenspitze. Eine schöne Überraschung war die Begegnung mit einigen Ultra-Trailern, die mitten drin waren in einer 100km-5400Hm-Challenge. Wir tauschten Anfeuerungen gegen Infobrocken. Jungs, Mädels, wer von Euch das hier liest, sei nochmal herzlich unserer Anerkennung versichert: geil seid's!


Alles in Allem:

Als Wanderung schwer, aber das Gehgelände ist nie schwerer als T5. Wenn geklettert werden muss, geht es bis II, am schwierigsten ist der Abstieg von der Arnplattenspitze. Ausgesetzt ist es meist nur mäßig, stellenweise geht es aber auf der Schneide schon recht schneidig zu. Der lange Abstieg von der Arnplattenspitze durch das Latschenlabyrinth gehört zum Schönsten, was ich kenne!

Aufstieg zu den Achterköpfen: T3
Querung zur Arnspitzhütte: T4
Aufstieg zur Großen Arnspitze: bis T4 und I
Übergang zum Kreuzgipfel: T5 und Stelle II, ausgesetzt
Grat zur Engen Scharte: T5
Übersteigung des namenlosen Gratkopfes: II
Umgehung der Mittleren Arnspitze: T4
Mittlere Arnspitze: III (?)
Aufstieg zur Arnplattenspitze: T4, weiter oben T5 und I
Abstieg von der Arnplattenspitze: zwei Passagen II, dazwischen und kurz darunter T5
Über den Weißlehnkopf nach Ahrn T3, der steile Abstieg T4(+)
Am Fluss entlang zur Mühle: T1

Andersherum scheint mir die Tour leichter zu sein.

Tourengänger: Nik Brückner, Judith7

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Kommentare (4)


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Chiemgauer hat gesagt: Modeberg?
Gesendet am 26. Juni 2014 um 17:56
Servus Nik,
die Arnspitzenüberschreitung scheint ja echt Mode zu werden, denn als du deinen Bericht online gestellt hast, war ich gerade auf der Großen Arnspitze ;-)
Ich habe allerdings die Mittlere auch mitgenommen, gebe aber ehrlich zu das Böse Band war schon grenzwertig. Den Rest fand ich dazu gemütlich. Wenn dir allerdings der Aufstieg über den Westgrat schon zu steil war, dann hast du dich richtig entschieden, denn den fand ich schon deutlich gemütlich und eigentlich kaum schwerer wie den Normalweg zur Arnplattenspitze.

Zum Thema Wegemacher: Habe heute Zufällig eine Gruppe Ehrenamtliche getroffen, die den Weg über den Zwirchkopf neu markiert haben und luxuriös ausgeschnitten. Habe es natürlich nicht nehmen lassen und jedem persönlich für seinen Einsatz gedankt!

Gruß,
Hans

Nik Brückner hat gesagt: RE:Modeberg?
Gesendet am 26. Juni 2014 um 18:10
Hi Hans!

Ach wie schön! da haben wir uns ja nur um ein paar Tage verpasst. Ja, ich glaube auch, dass die Tour in Mode kommt, daran ist "Wilde Wege" sicher nicht unschuldig.

Was die Mittlere angeht, die hatten wir eigentlich schon im Programm. Aber die drei Tourenbeschreibungen, die wir dabeihatten, waren einfach nicht gut genug, um sich damit in den Fels zu wagen. Wir wären sowohl übers Böse Band gegangen als auch von Westen hoch, wenn wir mehr Infos gehabt hätten. Da sind wir dann lieber auf Nummer sicher gegangen. Wenn man allerdings weiß, dass es kaum schwerer gewesen wäre als der Normalweg zur Arnplattenspitze.... grmbl... Naja, man kann ja wiederkommen!

Vor den Wegebauern hab ich großen Respekt. Irgendwann schließe ich mich da mal so einer DAV-Aktion an. Bissl was zurückgeben.

Herzlichen Gruß,

Nik

ATP hat gesagt: RE:Modeberg?
Gesendet am 26. Juni 2014 um 21:45
Hallo zusammen,

das anspruchsvollste an der Überschreitung ist die Mittlere Arnspitze. Ich empfand den Aufstieg über das "Bösartige Band" als anspruchsvoll, den Abstieg aber als deutlich anspruchsvoller, insbesondere im Vergleich zum Aufstieg auf die Hintere A., welche im Vergleich nur wenig ausgesetzt ist.

VG - und lieber verzichten, so kommt die nächste Bergtour bestimmt.
ATP

Chiemgauer hat gesagt: RE:Modeberg?
Gesendet am 26. Juni 2014 um 22:13
Habe deinen Bericht vor meiner Tour schon gesehen und deswegen sehr großen Respekt vor dem Westgrat.
Hier merkt man dann wieder wie subjektiv Bewertungen immer sind, denn wie geschrieben fand ich den Westgrat "gemütlich" im Vergleich zum Bösen Band, das ich auch (weil senkrecht) ausgesetzter fand.
Hans


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