Tour de Chanrion


Publiziert von jfk , 22. August 2012 um 21:33.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Mittelwallis
Tour Datum:21 Juli 2012
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS   I 
Zeitbedarf: 6 Tage
Zufahrt zum Ausgangspunkt:ÖV bis Mauvoisin
Zufahrt zum Ankunftspunkt:ÖV bis Arolla
Unterkunftmöglichkeiten:Cabane de Chanrion, Cabane de Dix, Bivouac de l'Aiguillette à la Singla

Erstens es kommt anders und zweitens, als man denkt. Mit dieser Weisheit fasst sich meine Tour durch eine der unbekanntesten Regionen der Schweiz vortrefflich zusammen. Zum Zusammenkommen dieser wohl einzigartigen Route quer durch die Walliseralpen haben mehrere Faktoren beigetragen, sei es nun der Klimawandel, aktuelle Verhältnisse oder ganz einfach das Wetter. Trotz all dem war dies aufgrund der atemberaubenden Landschaft, artenreicher Fauna und Flora und nicht zuletzt dank einigen unvergesslichen Gipfelerlebnissen eine meiner schönsten Touren überhaupt. 


Tag 1 - Der Hüttenweg

(Cabane de Chanrion, T4, 2h45min)

Nach einer langen und schönen Zug- und Busfahrt traff ich um 15 Uhr endlich in Mauvoisin ein. Ich verlor keine Zeit und machte mich bei etwas nebligem Wetter auf Richtung Cabane de Chanrion. Von der Barrage de Mauvoisin ging es durch Tunnels und über sanfte Hänge hinauf zum Col de Tsofeiret, wo mich schon die ersten Edelweissmatten erwarteten. Vom Col ging es nun auf dem letzten Wegteil etwas ausgesetzter hinunter zur Cabane de Chanrion. 
Die Cabane de Chanrion ist eine typische SAC Hütte wie man sie kennt und wird von einer sehr sympathischen und hilfsbereiten Hüttencrew geführt. Obwohl weder der Hüttenwart noch seine Gehilfen Deutsch sprechen hat die Verstänigung einigermassen geklappt und der Hüttenwart konnte mir hilfreiche Informationen über die Zustände der Routen in der Region geben.
Nach dem die Vormalitäten alle geklärt waren, stand schon das Abendessen auf dem Programmm und danach gings ab ins Bett um am nächsten Tag auch schön frisch zu sein.  

Tag 2 - Höhepunkt und Irrfahrt

(La Ruinette, T6 WS III 35°, 9h) 

Um halb vier war dann fertig mit Schlafen und nach dem Frühstück ging es auch schon los Richtung La Ruinette. Die ersten 700 Höhenmeter bis zum Col de Lire Rose werden über einfache Pfade und bei Dukelheit gewonnen. Mein Zeitplan ging perfekt auf, so dass ich genau bei Sonnenaufgang auf dem Pass ankam.
Nun beginnt der Aufstieg über den breiten Blockgrat Richtung P. 3386. Am Anfang hält man sich Vorzugsweise an seiner Kante und steigt in einfacher Kletterei bis auf den ersten Gendarm um dann über dessen senkrechte Ostseite hinunter in die Scharte vor dem Steilaufschwung zu steigen. Von hier folgte ich nicht den verlockenden Pfadspuren hinauf Richtung Steilaufschwung, sondern brav den Anweisungen des Führers (Clubführer Walliser Alpen 2, 1.Auflage 1999) und stieg in die abweisende und steile Gröllflanke zu meiner Rechten. Diesen heiklen Abschnitt begeht man über Kies, ein steiles Firnfeld (das wohl in einiger Zeit ganz verschwunden sein wird) und einige Felsen mit viel Luft unter den Füssen um dan den Kamm im SSE von P. 3386 wieder zu erreichen (T6 II+). Von hier aus sah ich, dass man wohl auch (wahrscheindlich besser) von der Scharte aus den Pfadspuren folgend über den Steilaufschwung klettern könnte, was zwar technisch schwieriger wäre (etwa eine III), dafür sicherer und weniger heikel.Von hier geht es dann über Gröll und den linken Rand des Ruinettegletschers leicht in den Sattel bei P. 3710. Der folgende Finale SW-Grat entpuppte sich dann als absolutes Highlight der Tour. Den schmalen und ausgesetzten Grat erkletterte ich in dem ich mich möglist an seiner Schneide hielt (hier warten die schönsten Kletterstellen), bis auf den Gipfel (WS III-). Die Gipfelankunft und das wunderschöne Panorama wollte ich dann sogleich fotografisch festhalten, was sich dann leider nicht als möglich erwies, weil mich mein Fotoapparat nicht auf diese Tour begleiten wollte und stattdessen  einen freien Tag in der Hütte einzog.

So ging es halt nach einer kleinen Stärkung ohne fotografische Erinnerung über Grat und Gletscher wider hinunter zu P. 3470. Ich hatte hier keine grosse Lust über die teils mühsame Route zum Col de Lire Rose hinunter zu Steigen und so beging ich den grossen Fehler, der Im Führer als Normalroute beschriebenen Route über die Südhänge und den Glacier du Brenay zu folgen.
Zu Anfang ging das über Schnee- und Gröllfelder noch ganz gut, bis ich auf der etwa 200m hohen und fast unüberwindbaren Moräne angelangte (dem Klimawandel sei dank). Über die steile und sandige Moräne abzusteigen wäre glatter Selbstmord gewesen und auf einen Wiederaufstieg zu P. 3386 hatte ich keine grosse Lust (500Hm). Also beschloss ich einigen Steinböcken in die alles andere als einladend wirkenden Felsen Richtung Westen zu folgen. Über Fels, Steilgras und und feinen Schutt gelangte ich an einen steilen Abschnitt der aus einer Art Treibsand und einigen grösseren Steinen zu bestehen schien und nur 50 Hm weiter oben an einer Felswand entlang passierbar war. Danach stieg ich wieder zur nun nicht mehr ganz so steilen und hohen Moräne ab, über welche ich mühsam bis ans Ende des Gletschers hinabstieg (T6). Ich war heidenfroh dieses gefährliche Gelände, das mich etwa 2h gekostet hatte endlich hinter mir zu haben und traf nach insgesamt 9h etwas erschöpft bei der Hütte ein. Der Hüttenwart meinte dann, dass dieser Weg "très dangreux" sei und schon seit Jahren nicht mehr begannen werde.
Den Rest des Tages verbrachte ich dann noch mit Essen, Lesen und Schlafen.

Nachtrag vom 8.9.2013: Die Direktbegehung des Steilaufschwungs im Grat zu P.3386 wurde von Schneeluchs *hier begangen und wird von ihm mit II bewertet. Diese Variante scheint also tatsächlich besser geeignet zu sein als die im Führer beschriebene und von mir begangene Umgehung in der Südflanke.  

Tag 3 - Wenn Gämsen zu Alpinisten und Alpinisten versuchen zu Gämsen zu werden

(Bec d'Epicoune, Bivouac de L'Aiguillette à la Singla, T5 WS+ II 45°, 8h) 

Der dritte Tag begann schon gut: Ich hatte um etwa eine Stunde verschlafen und  machte mich so um 5.30 mit etwas Verspätung auf den Weg. Von hier an sollte ich nun bis Mittwoch keinen Menschen mehr sehen. Ich wanderte gemütlich via die von etlichen Felsbrocken demolierte Brücke bei P. 2357 zu den darüberliegenden Seelein, auf deren glatter Oberfläche sich die umliegende Bergwelt spiegelte. Von hier ging es mehr oder weniger weglos weiter ostwärts bis zu einer Moräne über die ich die erste Steilstufe einigermassen gut gewinnen konnte. Von hier geht es der westlichen Flanke der Pointe du Jardin des Chamois entlang weiter bis zum Felsporn, der vom Grat des Bec d'Epicoune herunterzieht. Da die beiden Scharten 3191 und 3185 durch den starken Gletscherschwund nur noch sehr schwer und mühsam zu erreichen sind, stieg ich über den einfachen Sporn bis auf den Grat. Auf dem erst noch felsigen Grat geht es dann weiter, bis man den Firnteil erreicht und die Steigeisen montiert. Was von unten noch wie ein sanfter Firnhang aussieht, giebt sich dann hier als steiler Firngrat zu erkennen. Ich machte mich also auf diesen "Mini Biancograt" zu besteigen und kam am Anfang auch recht gut vorwärts. In den ersten Teilen des Steilstücks  fanden meine beiden Eisen und die Eisgeräte noch genügend halt, aber je weiter ich nach oben kletterte, desto dünner wurde die Firnauflage auf dem Eis. Nach etwa 3/4 des Grates, ca. 70m unter dem Gipfel, eierte ich dann auf 45° steilem Blankeis herum und ich entschied mich wieder vorsichtig abzusteigen. Gerade als ich den ersten Fuss wieder abwärts setzte, geschah etwas erstaunliches, wunderbares und demütigendes zugleich: Eine Gämse sprang leichtfüssig vom Gipfel über die Gipfelfelsen herab auf den obersten Teil des Firngrates, betrachtete mich kurz und verschwand dann in der äusserst steilen Ostflanke. Ein wenig packte mich nun der Ehrgeiz, es konnte doch nicht sein, dass eine Gämse anscheinend mühelos auf diesem Gipfel herumsprang, während ich als Alpinist mit all meinen technischen Mitteln am Aufstieg scheiterte. Ich beschloss bis in bessere Firnverhältnisse abzusteigen und es da der Gämse gleich zu tun und über die Felsen der NW-Flanke auf den Gipfel zu steigen. Sehr brüchiger Fels und die Aussicht auf weiter Blankeisstellen bewogen mich dann zur endgültigen Umkehr und ich musste mein Scheitern gegenüber dem Berg und der Gämse eingestehen. So stieg ich halt statt weiter auf, auf der Aufstiegsstrecke wieder bis zur Moräne ab und musste mir auf dieser Strecke vollends eingestehen, dass nun wohl die Gämsen die wahren Alpinisten sind.

Der weitere Weg zum Biwak führte mich über endlosscheinende, steile und mühsame Gröllhalden und die Punkte 2604, 2591, 2743 und 2976 auf den Glacier de L'Aiguillette, wobei ich die neue Trendsportart Gröll-Rutsch-Steigen erfand und einige Steinböcke mit mir die Schlacht am Morgarten mit meiner Wenigkeit  in der Rolle der Österreicher  nachspielen wollten.  Ich vergas hier noch zu erwähnen, dass ich etwa bei P. 2591 von einem Schneehun angegriffen wurde (so einen "angry bird" hatte ich noch nie gesehen), das seine beiden Küken verteidigen wollte.
Nun weiter. Der Weiterweg über den Gletscher ist einfach und die Spaltengefahr ist gering. So erreichte ich nach einem 20 minütigen Gletschermarsch den Fuss der Aiguillette und nach weiteren fünf Minuten das Biwak.

Natürlich hate es im urtümlichen und gemütlichen Biwak kein Wasser und so musste ich wieder zum Gletscher hinunterkrakseln um Schnee zu holen. Danach gieng es dann noch ans Schneeschmelzen und Teekochen und nach dem Abendessen versuchte ich noch ein wenig zu lesen.
     
Tag 4 - Biwakleben

(Aouille Tseuque, WS I 45°, 3h)

Am Dienstag wollte ich eigentlich die Singla über das W-Couloir und den NNW-Grat besteigen, aber wegen dickem Nebel und leichtem Schneefall musste ich diese Tour schon bald einmal canceln. So musste ich sozusagen Zwangsausschlafen und konnte mich ein wenig erholen. Im Falle einer Wetterbesserung hatte ich mir nun die Aouille Tseuque als Trosttour und neues Ziel gesetzt. Während dem Morgen hies dann die Devise "lesen und Teetrinken" und so wartete ich auf besseres Wetter. Gegen Mittag riss es dann auch tatsächlich auf und so machte ich mich um 11 Uhr, nur bewaffnet mit Steigeisen, Eisgeräten, zwei Müslirigeln und einem halben Liter Tee, auf und bestieg die Aouille Tseuque. Der Weg führte mich dabei zuerst über den spaltenarmen Gletscher und danach gewann ich über die steile NE-Flanke aus Gröll und Eis P. 3350, von wo es einfach über den NNE-Rücken auf den Gipfel geht. 
 
Nach knapp drei Stunden war ich wieder zurück im Biwak und verbracht den Rest des Tages vorwiegend mit dem Lesen von Daniel Kehlmanns "Die Vermessung der Welt", was ich jedem Hikr herzlichst empfehlen kann, und Teetrinken.    

Tag 5 - Drei Hütten und eine Panoramadouche 

(Cabane des Dix, L, 7h)

Auch den fünften Tag muss ich leider mit einem Konjunktiv beginnen, denn am Mittwoch wäre mit der Tour über die Pointes du Brenay, die Pigne d'Arolla, La Serpentine und den Mont Blanc de Cheilon die Königsetappe angestanden.
Stattdessen zwang mich erneut schlechtes Wetter mit erst Nebel und Schnee und dann dunkeln Wolken und starkem Wind zum Abstieg in die Chanrionhütte. So räumte ich schweren Herzens das Biwak und stieg zur Cabane hinab. Im Gegenaufstieg von P. 2357 zur Hütte besserte sich dann das Wetter langsam und bei der Ankunft bei der Hütte herrschte eitler Sonnenschein. Die Hüttencrew war überrasch und erfreut zu gleich mich wieder zu sehen und der Hüttenwart suchte mir im Internet ( ja das gibt es Heute auf den Hütten) den aktuellsten Wetterbericht für den nächsten Tag. Das Wetter sollte perfekt werden und so beschloss ich über den Col du Mont Rouge auf die Dixhütte zu gehen um am Donnerstag doch noch den Mont Blanc de Cheilon zu besteigen. So verabschiedete ich mich nun endgültig vom Hüttenwart und zog auf bekannten Pfaden weiter zum Col du Mont Rouge. Bis zum Col de Lire Rose verweilte ich dank Edelweiss und Steinböcken oft beim Fotografieren. Ab da wanderte ich dann zügig über den Col du Mont Rouge und den Glacier du Giétro, der einige kleine Spalten aufweisst die Vorsicht verlangen, zur Cabane des Dix, die momentan mitten in einer Bergmohnwiese aus der sonst so kargen Landschaft ragt. Auf der Hütte gab es dann beim Abendessen ein paar angeregte Gespräche mit drei Bernerinen und ein paar Belgiern und danach kam eine jener unruhigen Hüttennächte auf mich zu, wie sie wohl jeder zu genüge aus SAC-Hütten kennt.  

Tag 6 - Der Abschluss

(Mont Blanc de Cheilon, Arolla, WS II 35°, 9h)

Mit dem Mont Blanc de Cheilon stand am Donnerstag auch schon die Abschlusstour auf dem Programm. Frisch gestärkt und bei klarem Himmel verliess ich kurz nach 5 Uhr die Hütte um auf dem vom Vortag schon bekannten Weg zum Col de Cheilon zu wandern. Die einzige Seilschaft die heute neben mir am Berg war (ein Führer mit seinem Gast) hatte ich dabei schon bald ein- und überholt und so konnte ich auf dem Col einen wunderschönen Sonnenaufgang in Einsamkeit geniessen.  Ab dem Col de Cheilon wird die Sache auf dem WNW-Grat dann ernster und volle Konzentration ist gefragt. Ich kletterte dabei vorwiegend an der Gratschneide, wo die Kletterei wesentlich schöner, sicherer und schwieriger ist als in der häufig besuchten Flanke. Auf knapp 3500m wechselt dann die Unterlage von Fels auf Eis und ich stieg über die mässig steilen Gletscherhänge weiter bis in den Sattel bei P. 3781 auf. Hier wartete dann mit dem SW-Grat, bestehend aus schmalen Firn- und einigen schönen Felsabschnitten, das leider viel zu kurze Schlussbouquet einer Traumtour, bei Traumbedingungen. Auf dem kleinräumigen Gipfel waren dann bei atemberaubende Tiefblicken in die Nordwand und bekanntem Panorama, Biberli, Tee und einige Fotos angesagt und schon ging es Auf der Aufstiegsroute wieder runter Richtung Cabane des Dix.

Nach gut 5h war ich wieder in der Hütte, packte schnell meine sieben Sachen zusammen und stärckte mich für den Weiterabstieg nach Arolla. Beim Pas de Chèvres wurde ich dann Zeuge eines durchaus amüsanten Schauspiels das eine Gruppe von etwa 20 Holländern zum besten gab. Da Holländer ja bekanntlich aus einem Land stammen, das noch 10 mal flächer als Flachlandhausen ist, waren sie sich nicht ganz sicher ob es wohl gesund ist über so steile Felswände abzuklettern, wie sie der mit Leitern versicherte Pas de Chèvres bietet. Um zu prüfen wie tief dieser Abgrund nun auch wirklich ist, warfen sie  immer wieder ihre Reepschnur hinunter, nur um dann wieder und wieder festzustellen, dass diese ja viel zu kurz ist  und sich der Abgrund mit der Zeit auch nicht verkleinert. Das Treiben wurde mir dann doch zu bunt  und so erkletterte ich rasch und in der Hoffnung nicht von herabstürzendem Seil und Holländer erschlagen zu werden die paar Sprossen auf den Pass.
Auf dem weiteren Abstieg nach Arolla legte ich mich noch kurz in eine von einem Bergbach geschaffene Badewanne (eine Wohltat nach dieser Woche) und schlenderte zum Schluss gemütlich Richtung Arolla, wo ich mit dem letzten Bus heimwärts fuhr.      


Tourengänger: jfk


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