Krönten (3108m) via Südturmlücke


Publiziert von Chrichen Pro , 2. Juli 2017 um 14:43.

Region: Welt » Schweiz » Uri
Tour Datum:17 Juni 2017
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-UR 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 1910 m
Abstieg: 2200 m
Strecke:ca. 23.5km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Mit dem ÖV: Zug bis Erstfeld / Bus bis Amsteg, Zeughaus / (ca. 5-10 Min Fussweg) / Luftseilbahn Amsteg-Arnisee
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Mitfahrgelegenheit bis Erstfeld (vielen Dank!!) / Zug ab Erstfeld

Der Krönten stand aufgrund der kurzen etwas kniffligen Kletterei am Gipfelkopf nicht unbedingt zuvorderst auf meiner Liste. Als aber Andreas, den ich einst bei einer Alpinwanderung im Mythengebiet kennen gelernt hatte, den Krönten für eine gemeinsame Hochtour vorschlug, war ich begeistert von der Idee. Für den Aufstieg entschieden wir uns, die R.347 via Leitschachfirn, Südturmlücke und Südwestflanke ab der Leutschachhütte auszuprobieren (laut Führer WS). Abgestiegen sind wir im Rahmen einer rollenden Planung via Kröntenlücke, Glatt Firn und Graw Stock zur Kröntenhütte und dann weiter bis Bodenberg, um nach Erstfeld zu gelangen.

Im Vorfeld liessen sich nicht allzu viele zusätzliche Informationen über die im Führer eher knapp beschriebene R.347 ausfindig machen. Umso mehr waren wir gespannt, was uns erwarten würde. Wie sich herausgestellt hatte, war die Route durchaus abenteuerlich und eher schwieriger als gedacht, aber dennoch ein schönes Erlebnis. Zu Saisonbeginn finden sich generell bessere Verhältnisse vor als später in der Saison.


Tag 1: Hüttenzustieg Leutschachhütte
(910m Aufstieg, ca. 7km)


Bergstation LSB Amsteg-Arnisee - Arnisee (T1)
Da der Linienbus ab Erstfeld sehr gut gefüllt ist, und wir Stau bei der Luftseilbahn Intschi-Arnisee befürchten, entscheiden wir uns spontan die kleinere aber weniger stark frequentierte Luftseilbahn von Amsteg aus zu nehmen. Bei der Station "Amsteg, Zeughaus" steigen wir aus und laufen ein Stücklein zur Talstation. In der rustikalen gelben Viererkabine lassen wir uns gemütlich zur Bergstation hochgondeln, welche etwas weiter vom Arnisee entfernt ist als die Bergstation der anderen Seilbahn. Ein Spaziergang von knapp 1 km Länge über breite Wege bringt uns einigen Alpweiden entlang zum See.

Arnisee - Hinter Arni - Heitersbüel - Nidersee - SAC Leutschachhütte (T2)
Vom Arnisee aus wählen wir den einfachsten und kürzesten Hüttenzustieg durch das lange Leitschachtal. Da ich mich am Vortag etwas erkältet hatte, bin ich froh darüber. Andere Varianten sind *diese Wanderung über Ruchälplistock und Jakobiger oder der wbw markierte Alpinwanderweg via Wichelpass. Beide sind deutlich länger, bei ersterer können im Frühsommer heikle Schneefelder problematisch sein.

Vom Arnisee aus wandern wir auf breiten gut markierten Wegen zum P.1383 und kurz darauf über ein Brücklein. Danach geht es meist in der Nähe vom Bach ins Leitschachtal hinein. An Chäserli und Heitersbüel vorbei wird eine erste kleine Talstufe erreicht, die auf der rechten Talseite gewonnen wird. Nach einem flacheren Teilstück folgt eine zweite Talstufe, über die der türkisfarbene Nidersee erreicht wird (eine einfache Stelle mit Ketten gesichert). Beim Nidersee lassen wir uns Zeit für einige Fotos. Spektakulär und abweisend zeigen sich bereits Mäntliser und Sunnig. Schliesslich steigen wir die letzten 100 Höhenmeter zur Hütte auf, stets ein Auge auf den schon fast unnatürlich gefärbten See gerichtet.

Nach einer kulinarischen Stärkung folgt ein gemütlicher Nachmittag auf der Hüttenterrasse und in der Umgebung der Hütte. Das währschafte Abendessen ist lecker und reichlich portioniert. Danach lege ich mich schon bald müde ins Bett, während Andreas noch die Abendstimmung zum Fotografieren nutzt. Da die Hütte von zahlreichen Familien besucht ist und an diesem Wochenende die Hüttenputzete mit entsprechendem abendlichen Ausklang stattfindet, hält sich die Ruhe in Grenzen. Weiter schlimm ist das aber nicht.


Tag 2: Krönten via Südturmlücke und Abstieg via Kröntenhütte
(1000m Aufstieg, 2200m Abstieg, ca. 16.5km)


SAC Leutschachhütte - P.2219 - Leitschachfirn - Südturmlücke (WS)
Morgens um 05:30 laufen wir von der Hütte los. Wir sind die einzigen, die ein frühes Frühstück bestellt hatten. Entsprechend einsam gestaltet sich unser Aufstieg. Dem wbw markierten Weg folgen wir zunächst ins Tal hinein in Richtung Sasspass. Hie und da müssen noch einzelne kurze und einfache Schneefelder traversiert werden. Beim P.2219 zweigt der Weg zum Ruchpass ab. Hier hält man links und läuft weiter ins Tal hinein immer noch dem Sasspass entgegen. Bald schon in der Sonne erreichen wir die grosse noch schneegefüllte Mulde, wo sich die Wege zum Sasspass und zum Leitschachfirn trennen.

Der Bequemlichkeit halber ziehen wir schon hier die Steigeisen an. Der auf der Landkarte nicht bezeichnete Südturm lässt sich bereits gut erkennen - ein markanter, fast perfekt geformter Kegel. Die schneegefüllte Rinne, welche zur Lücke südlich vom Turm hochführt, wirkt unglaublich steil und ist bereits voll der Sonne ausgesetzt. Die Spuren zum Sasspass ignorieren wir nun und steigen stattdessen anfangs etwas steil über noch verbliebenen Altschnee dem zuunterst nur wenig geneigten Leitschachfirn entgegen. Trotz stellenweise etwas weichem Schnee lässt es sich meist recht gut vorankommen. Zum Aufstiegscouloir hin wird der Leitschachfirn zunehmend steiler. Einmal kullert uns aus einem benachbarten Couloir ein grösserer Felsbrocken entgegen. Auch auf der anderen Seite löst sich später ein kleiner Steinschlag. Deshalb steuern wir die Aufstiegsrinne auf möglichst sicherer Linie ohne langes Zögern an. Bis zum unmittelbaren Einstieg müssen einige Höhenmeter recht anstrengend gewonnen werden.

Die Rinne selbst ist nicht besonders lang, aber nach oben hin doch vermutlich ca. 50° steil. Wir finden weichen Trittschnee vor. Ganz zuoberst wartet eine nicht überhängende, jedoch fast senkrechte Wechte. Unmittelbar darunter liegen bereits einige Steine frei und der Schnee ist sehr weich, was zu einer mühsamen Kraxelei in einem unzuverlässigem Mix aus Schnee, Fels, lockeren Steinen und Schutt führt. Ich rette mich an den linken Rand des Couloirs (rechts im kompakten Fels kletternd wäre es vielleicht sogar besser gegangen) und steige zur Wechte hoch. Mit dem Pickel schabe ich etwas Schnee weg, damit diese besser zu erklimmen ist. Danach folgt eine heikle Kletterei über ca. 2m in fast senkrechtem Schnee, um über den Wechtenrand zu gelangen. Kurz darauf schafft es auch Andreas zur Lücke hoch. Nun heisst es zuerst einmal durchatmen. Oben in der Lücke gibt es einen grossen Felsbrocken mit einer alten Schlinge. Hier könnte man gut nachsichern oder abseilen (Schlinge besser durch eine neue ersetzen).

Wir machen eine kurze Rast und sind gespannt auf den weiteren Weg. Anfänglich hatten wir drei Möglichkeiten für den Abstieg in Betracht gezogen. Schon jetzt ist klar, dass wir nicht über unsere Aufstiegsroute absteigen würden. Der Schnee im Couloir dürfte aufgrund der Exposition mit fortschreitender Zeit schnell gefährlich weich werden.

Südturmlücke - SW-Flanke - Krönten (WS, III)
Auf der Karte kann man auf der gegenüberliegenden Seite der Südturmlücke deutlich drei Firnterassen erkennen. Über diese hinweg geht es nun dem Krönten-Westgrat entgegen, der ziemlich nahe beim Gipfel erreicht wird.

Von der Lücke steigen wir durch eine schneefreie schuttige Rinne ca. 30m ab. Die Rinne ist nicht ganz so steil wie das Aufstiegscouloir und der weiche Schutt bietet erstaunlich guten Halt. Da sich Rock 'n' Roll kaum vermeiden lässt, bleiben wir nahe zusammen. Der weitere Weg von der untersten muldenartigen Terrasse aus zur nächsten Stufe ist uns zunächst nicht klar. Die Beschreibung im Führer hilft kaum. Andreas findet aber eine Linie, die in den rechten Begrenzungsfelsen über Bänder traversierend hochführt. Anfänglich bin ich ich nicht so ganz überzeugt. Die von Andreas gewählte Linie ist aber in jeder Hinsicht perfekt. Erstaunlich einfach zu klettern (II) und nicht allzu exponiert. Für dieses Teilstück habe ich die Steigeisen abgenommen, da ich mich so sicherer fühle. Andreas klettert mit Steigeisen. So erreichen wir das mittlere Firnfeld.

Die im Führer beschriebene Rippe ist nun zu erkennen. Uns scheint aber der Aufstieg durch ein schneegefülltes Couloir am oberen linken Rand einfacher. Deshalb steigen wir weiterhin auf der rechten Seite des Firnfeldes noch ein Stück weit auf, bevor wir nach links zur Rinne queren. Einige dünne Spalten geben zu erkennen, dass sich unter dem Altschnee noch Eis befindet. Kurz vor Erreichen der Rinne wird das Gelände wieder recht steil, und die Frontalzacken der Steigeisen kommen zum Einsatz. Auch dieses Couloir erreicht vermutlich ca. 50°, der Ausstieg über einen wenig geneigten grossen Stein gestaltet sich aber einfach. Von der nun erreichten Scharte steigen wir auf der anderen Seite in der Flanke nach Nordwesten traversierend einige Meter ab, um dann über einfaches Blocksteingelände mehr oder weniger direkt der Fallinie nach an den westlichen Rand des dritten und obersten Firnfeldes zu gelangen (I). Hier könnte man vermutlich wie im Führer beschrieben direkt über die Rippe aufsteigen. Unsere Variante ist aber ziemlich einfach zu kraxeln.

Beim dritten (obersten) Firnfeld hat man nun direkten Blick auf die letzten Meter vom Westgrat und den Gipfelkopf vom Krönten. Über Schnee und Schutt steigen wir zum Grat auf, wo sich unsere Route mit dem Normalweg vereint. Der Blick über den Glatt Firn zu den Spannorten und zum Zwächten fasziniert. Wegspuren führen nun im feinen Schutt dem Gipfel entgegen. Am Schluss wird der Grat etwas schmaler und das Gestein ist interessant geschichtet. Der Weg bis zum Gipfelkopf bewegt sich ca. im T4-Bereich.

Unter dem Gipfelkopf deponieren wir unsere Rucksäcke und seilen an für den Schlussaufstieg. Dabei können wir gerade eine andere Seilschaft beim Aufstieg beobachten. Andreas ist klettertechnisch versiert und steigt durch den Kamin vor. Danach sichert er mich von oben nach. Der Kamin (III, ein Bohrhaken direkt unter dem Kamin) ist relativ leicht zu erreichen. Danach wird es im wahrsten Sinne des Wortes eng. Man hat eher Angst nie mehr rauszukommen als abzustürzen. Mit einer Linksdrehung des Körpers kann ich mich schliesslich durchwursten. Zusammen mit zwei anderen Zweierseilschaften machen wir eine Gipfelrast bei bester Fernsicht und wechseln ein paar Worte. Nachdem sich eine Seilschaft verabschiedet hat, lässt mich Andreas mit dem Seil ab (eingerichteter Abseilstand auf dem Gipfelkopf, für mich ein recht spezielles Erlebnis), und seilt sich schliesslich selbst ab. Das 30m Seil reicht gerade bis ganz zuunterst. Die letzte Seilschaft kommt sogleich nach. Die beiden Gebirgsspezialisten haben uns freundlich Tipps gegeben und unterstützt. Vielen Dank nochmals!

Krönten - Kröntenlücke - Glatt Firn - Graw Stock (T4, L)
Nach einem Austausch mit anderen Personen und dank Einblick in grosse Teile der Route haben wir definitiv entschieden via Kröntenhütte abzusteigen. Über den Westgrat, eine kurze Blocksteinflanke und ein Schneefeld steigen wir zur Kröntenlücke ab. Dort seilen wir an, um den Glatt Firn an dessen rechten Rand in Abstiegsrichtung zu überqueren. Vorhandenen Spuren folgen wir bis knapp oberhalb vom Graw Stock, wo der Gletscher verlassen wird. Einige glatt geschliffene Felsen laden zu einer Pause ein. Die Sicht auf die gigantische Südwand vom Schlossberg und den Sunnigstöck beeindruckt. Auch das Gross Spannort thront majestätisch über dem Glatt Firn.

Graw Stock - Kröntenhütte (T4)
Weiter geht es auf dem noch von einigen Schneefeldern bedeckten wbw-Wanderweg dem Grat entlang. Hie und da lassen sich spektakuläre Tiefblicke gegen Nordwesten geniessen. Später führt der Weg in die Flanke, an einigen Stellen helfen Fixseile. Der Abstieg bis zur Kröntenhütte zieht sich etwas in die Länge, so sind wir froh, den Obersee zu erreichen. Bei der Hütte trinken wir im kühlen Innenraum etwas und füllen unsere Flaschen auf. 

Kröntenhütte - (Geissfad) - Hutzi - Bodenberg (T2)
Auf der Hütte erkunden wir uns über den Abstieg nach Erstfeld, denn diesen hatten wir bei der Planung kaum berücksichtigt. Man empfehlt uns den Geissfad als kürzesten Weg. Leider ist dieser nicht von Beginn an angeschrieben. Aber dank fragen finden wir den Weg gut. Er führt beim P.1853 (dort angeschrieben) gerade aus weiter und dann am Fusse eines Felsbandes ein langes Stück talauswärts. Knapp auf halbem Weg, sobald wir zum ersten Mal ein Hauch von Handyempfang haben, fällt uns etwas ziemlich Dummes auf. Zwar hatten wir in der Hütte nach dem Alpentaxi gefragt und die auf einem Schildchen notierte Nummer wohlwollend zur Kenntnis genommen, scheinbar waren wir aber so zufrieden mit dieser Information, dass wir sie weder aufgeschrieben noch abfotografiert hatten. Der Dumme muss laufen, ausser er hat Glück...

Im Bereich von Hutzi werden nochmals intensiv Höhenmeter vernichtet, was unsere Beine langsam aber sicher erschlaffen lässt. Die mit sinkender Höhe ansteigenden Temperaturen tun das ihre dazu. Deshalb freuen wir uns über das flachere Strässchen nach Mettlen und die Ankunft in Bodenberg. Das Alpentaxi haben wir von weitem wegfahren gesehen. Soweit kein Glück. Also entscheiden wir uns den Weg nach Erstfeld unter die Füsse zu nehmen. Bald aber hält ein Auto neben uns an und wir werden gefragt, ob wir mitfahren wollen. Sehr dankbar nehmen wir dieses Angebot an!!


Eine Tour, die für uns spannend und nicht ganz ohne Nervenkitzel war. Es scheint als hätte die R.347 ein wenig unter der globalen Erderwärmung gelitten. Dies hat uns auch das Paar, das uns freundlicherweise mitgenommen hatte, bestätigt. Möglicherweise wurden dadurch die Schwierigkeiten leicht erhöht. Früh in der Saison ist sie aber immer noch gut gangbar und bietet viel Abwechslung. Unsere Routenwahl über das zweite Couloir war soweit richtig, wie uns das Paar sagte. Ein früher Start ist sehr zu empfehlen, denn die Schneecouloirs sind ost- respektive südostexponiert. Schlüsselstelle war die Wechte an der Südturmlücke. Danach lag die grösste Herausforderung in der Wegfindung. Die Kletterei am Gipfelkopf war etwas einfacher als erwartet. Um die Seilsicherung war ich dennoch froh. Nochmals einen grossen Dank an Andreas für die tolle Tour!

Tourengänger: Chrichen


Galerie


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Kommentare (2)


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Stevo47 Pro hat gesagt:
Gesendet am 2. Juli 2017 um 20:59
Ciao Christian, eine tolle, abwechslungsreiche Tour mit allem was das Herz begehrt habt ihr da gemacht, dazu mit sensationellem Ambiente. Gratulation und herzliche Grüsse, Steve

dominik hat gesagt:
Gesendet am 3. Juli 2017 um 14:26
Gefällt mir und toll dokumentiert. Merci!


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