Clariden, angekettet ..


Publiziert von PStraub , 4. September 2011 um 15:04.

Region: Welt » Schweiz » Glarus
Tour Datum: 3 September 2011
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: ZS
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GL   CH-UR   Claridengruppe   Ortstockgruppe 
Zeitbedarf: 9:00
Aufstieg: 2250 m
Abstieg: 2200 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Klausenpasshöhe
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Urnerboden
Unterkunftmöglichkeiten:u. a. Claridenhütte
Kartennummer:1193

Diese Tour ist eigentlich die zweite Hälfte von dieser hier: Es ging mir darum, wieder einmal ein paar der selten oder gar nie besuchten Gipfel der Region zu besteigen. Dass ich dafür über den "angeketteten" Clariden musste, ergab sich aus der Routenplanung.
 
Irène, die später am Gemsfairenstock auf mich warten wollte, brachte mich auf die Klausenpasshöhe. 
Von dort hinauf zum Plateau auf rund 2400 m Höhe. Die beiden vor mir, die das Tempo beschleunigten, als sie mich auftauchen sahen, musste ich enttäuschen. Ich wollte sie gar nicht überholen, sondern nach links auf das Rau Stöckli (P. 2470).
Das geht über den Schuttrücken ab P. 2417 sehr einfach, ein knappes T3. Das muss aber nicht sein, denn - obwohl das die Claridenstürmer wohl wenig lockt - bietet das Rau Stöckli in seinen Flanken wunderhübsche, einfache Klettereien.
 
Der Tierälpligrat ist eigentlich der Gratrücken beidseits von P. 2417. Während im Winter dort viele ihren ersten Halt einlegen, wird der Grat im Sommer umgangen. 
In HIKR war als "Tierälpeligrat (P. 2798)" ein Punkt erfasst, den es gar nicht gibt. Die Schreibweise ist falsch und die Höhenkote gibt es in der LK nicht; zudem liegt der Punkt viel zu hoch. Ich habe mir erlaubt, diesen in "Iswändli" umzubenennen und die Höhe entsprechend anzupassen. Denn beim Iswändli kommt, im Gegensatz zum Tierälpligrat, nun wirklich jeder vorbei.

Hingegen gibt es auf der LK den P. 2526. Das sind zwei Felszacken über dem Tierälpli. Auch diese werden von Claridenbesteigern gänzlich ignoriert. Gerade darum wollte ich dort rauf. Das geht durch die Schuttrinne in der Mitte recht gut, wenn man, statt auf den Schutt zu treten, die guten Griffe und Tritte neben der Rinne benutzt (knappes T5). 

Bei der Höhenangabe würde ich ein Fragezeichen machen. Auf dem Luftbild aus Googlemaps sieht man, dass sich die beiden Zacken deutlich aus der Umgebung abheben, weit mehr als die rund 20 m gemäss Karte. 
 
Nun hinauf zum Iswändli. Dort herrschte ein munteres Gewusel von Seilschaften. Von einigen Gruppen wurde da für die verbleibenden paar hundert Meter bis zum Gipfel eine eindrückliche Materialschlacht betrieben. Der Gletscher hier ist derzeit praktisch aper und mit Eisen gut zu begehen. 
 
Im Endanstieg zum Gipfel habe ich dann diese neuen Ketten gesehen. Warum um Himmels Willen musste dieser Berg derart angekettet werden? Wollte er fliehen? 
Wegen der technischen Schwierigkeit kanns wohl nicht sein. Verglichen mit früher, wo das ein heikler Eisgipfel war, ist der Aufstieg heute ja nun wirklich ein Kinderspiel. 
Ich finde es vernünftig, heikel gewordene Stellen mit Stangen zu sichern, so wie es dieser Tage am Hausstock-Ostgrat gemacht wurde. Aber einen Vollkasko-Aufstieg wie hier: Nein, danke ..
 
Also schnell über den Ostflanke runter. Der gefürchtete Bergschrund dort zeigte sich recht freundlich. An der kritischen Stelle liegt reichlich Schutt von einem Bergrutsch, das ist sicher und gut zu begehen.
Das nächste Ziel war der Hinter Spitzalpelistock. Hier musste ich erst einen Weg quer durch alle Spalten des Gletschers und dann hinunter in den Windkessel - den grössten Europas - finden.
Der anschliessende Aufstieg ist technisch einfach: Ins Joch im Nordostgrat, dann in der Südflanke durch Schutt auf den Grat (T4).
Der von weither sichtbare Mocken auf dem Grat ist nicht der höchste Punkt, der liegt genau über der Planurahütte. Knappe Wegspuren beweisen, dass der Gipfel noch ab und an bestiegen wird.
 
Dann wieder in den Windkessel runter, aus dem raus - und erneut den Weg durch die Spalten suchen. Wer sich beim Überhüpfen der Spalten überlegt, wie viel Luft er unter sich hat, gefährdet hier seinen Seelenfrieden ..
 
Vom Hinter zum Vorder Spitzalpelistock sind es nur rund zwei Kilometer Luftlinie. Aber auf einem zerklüfteten Gletscher zieht sich das noch. Dann nochmals das gleiche Spiel: Runter in den Windkessel, rauf auf den Gipfel, der hier von Südwesten angegangen wird und keinerlei Besucherspuren aufweist, dann wieder in den Windkessel und wieder raus aus dem.
Auf P. 2919, dem nördlichen Vorgipfel, steht ein Totalisator. Der wird von den Gletschermessern regelmässig besucht. Giovanni Kappenberger, mit dem wir dort oben auch schon Löcher ins Eis gegraben haben, soll übrigens dieses Wochenende dort die Herbst-Messungen gemacht haben. 
 
Wieder eine Gletscherquerung, dieses Mal Richtung Bocktschingel. Beim Aufstieg zum "Gross Tüfelsstock" sieht man den Gletscherschwund eindrücklich. Bei meiner ersten Besteigung vor 18 Jahren erreichte man das Einstiegsband fast horizontal ab dem Gletscher. Heute liegt dieser mindestens 50 Meter tiefer. Und das Zwischenstück ist böse zerrissen. Immerhin liegen in den Spalten zentnerschwere Brocken, auf denen man diese bequem queren kann. Vom Grat Bocktschingel - Tüfelsjoch krachts übrigens ständig, und noch die kleinsten der Steine würden einen problemlos erschlagen ..
Immerhin ist das Band eher besser geworden. Darum hier leicht durch und auf dem Grätchen zum Schuttfeld auf rund 2920 m (WS). Ich wollte den Grat ganz "machen", also hinauf auf das westliche Ende. Das war keine gute Idee. Abgesehen von einem rostigen Haken fand ich nur abweisend geschichtete Platten ohne Griffe und Tritte. Also zurück und durch die Rinne in Plattenmitte. Das ist nicht ganz einfach, aber mit Vorsicht begehbar (ZS). Wer auf diesem Gipfel rasten möchte, sollte Lederhosen anziehen, da gibt es keinen ebenen Fleck!
Aber dafür eine grandiose Aussicht, einerseits runter Richtung Roten Nossen, andererseits in die Türme der "Chli Tüfelsstöck" und den ganzen Grat zum Gemsfairen.
 
Der Abstieg auf den Gletscher, der Gegenanstieg zum Gemsfairenjoch und der Gwaggel zum Fisetenbähnli waren - weitgehend - unspektakulär. 

Tourengänger: PStraub

Galerie


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Kommentare (4)


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Bergamotte Pro hat gesagt:
Gesendet am 4. September 2011 um 15:18
Hallo Peter

Immer wieder gerne lese ich Deine Berichte aus der Serie "selten besucht". Das Problem der falsch gesetzten Wegpunkte ist mir auch aufgefallen. Das nahe Märcher Stöckli existiert gar zwei Mal, eines davon auf Höhe Klausenpass... Eine Aufräumaktion täte not.

Gruss
Bergamotte

Alpinist hat gesagt:
Gesendet am 4. September 2011 um 15:21
Wegpunkte kann man beim erfassen der Berichte anpassen, also Höhe, Koordinaten usw.

PStraub hat gesagt: Gute Idee ..
Gesendet am 4. September 2011 um 16:17
.. ich habe dem "falschen" einen neuen Namen und eine andere Höhe verpasst.
Die doppelt erfassten kann jedoch nur der ADMIN (= Stani) bereinigen.

El Chasqui Pro hat gesagt: Pro und Contra Clariden-Halskette
Gesendet am 4. September 2011 um 18:22
Interessanter Bericht. Wenn man bedenkt, wieviele Leute den Clariden - insbesondere auch im Frühling auf Skitouren - besteigen, sind die stabilen Ketten sehr gut investiertes Geld. Es gibt noch genügend Gipfel in der Umgebung - wie ja auch dieser Bericht zeigt - die man ohne irgendwelche Hilfsmittel ersteigen kann.
Gruess
Urs


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