Von sterbenden Gletschern und vergessenen Hörnern


Publiziert von Delta Pro , 26. August 2011 um 21:47.

Region: Welt » Schweiz » St.Gallen
Tour Datum:26 August 2011
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: ZS
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-SG 
Zeitbedarf: 6:00
Aufstieg: 1420 m
Abstieg: 1780 m

Spannende Tour im Pizolgebiet über schmelzende Gletscher und brüchige, kaum mehr bestiegene Felsgipfel

Um was geht es eigentlich, wenn man auf Berge steigt? Geht es darum oben gewesen zu sein und den Gipfel abhaken zu können, oder  darum etwas zu erleben, etwas Neues zu entdecken? Entdecken - das suche ich in den Bergen! Deshalb habe ich gerade soviel - wenn nicht noch mehr - Freude, wenn ich zum Beispiel auf einem der Zacken der Lavatinahörner stehe, auf dem wohl seit Jahren kein Mensch mehr war, von dem es keine pfannenfertige Beschreibung der Route gibt, wie wenn ich einen 4000er erreiche.
Die heutige Tour stand neben meiner Arbeit im "Vorbeiweg" auf dem Pizolgletscher ganz im Zeichen des Entdeckens. Und endlich gelang es mir, die letzten mir noch unbekannten Zacken der sagenhaften Lavatinahörner zu besteigen. Bei meiner Tour vor einem Jahr musste ich an den letzten, abweisendsten Gipfeln noch passen - jetzt hat's geklappt! Nochmals möchte ich hier wiederrufen, was der Führer über diese unvergleichlichen Lavatinahörner zu berichten weiss: "Zu brüchig für den Kletter, zu schwierig für den Bergwanderer" - aber etwas für Hikr!


Pizolgletscher (WS-)
Wie bei den Pizolbahnen sinnvollerweise an allen Ecken angeschlagen: Momentan kommt man ohne Steigeisen kaum auf den Pizol. Die drei anderen Gipfelaspiranten, die heute am Pizol unterwegs waren, mussten unter dem Gipfel aufgeben (soweit ich gesehen habe). Neben dem immer steiler werdenden Blankeis ist der Gletscher auch wegen Steinschlag nicht ungefährlich. Auf der Oberfläche liegen hunderte Felsbrocken, die nur aufs Abgleiten warten. Als ich ankam brach links aussen, dort wo man normalerweise aufsteigt, ein 1000kg Block raus! Vorsicht also, auf dem Pizolgletscher! In Zukunft wird sich wahrscheinlich die Route über Pt 2712 und Pt 2813 etablieren. Ich habe sie noch nicht ausprobiert, aber folgt man alles dem Felsgrat kommt man ohne Gletscherkontakt durch. Zu den Schwierigkeiten habe ich noch keine Angabe, wahrscheinlich T5.
Dass der kleine Pizolgletscher stark von der Menge des Winterschnees abhängt ist bekannt. Nun, es gab diesen Winter nicht allzu wenig Schnee, doch der schmolz in April bis Juni auserordentlich schnell, so dass die schützende Schneedecke schnell weg war. Und somit geht's meinem Patient Pizolgletscher momentan sehr schlecht. Seit ich dort oben messe ist noch nie soviel abgeschmolzen! Und der Sommer ist noch nicht vorbei... Nach den Messungen fühlte ich mich richtig niedergeschlagen, hatte keine Lust mehr zum Bergsteigen. Noch nie hatte ich so viel Schmelzwasser über den Gletscher fliessen sehen. Dass es mit dem Pizolgletscher schon bald fertig ist, kann man schnell sehen, wenn man die Veränderung zwischen 2006 und 2011 vergleicht.

Pizol (T4)
Vom Sattel ohne Schwierigkeiten auf den Hauptgipfel. Ich wählte wie immer die Route direkt über den Grat und überstieg dabei erstmals den kleinen Felsturm kurz vor dem Gipfel (II). Der Föhn war dort oben stark und mein ursprüngliches Projekt einem der beiden wilden Grate zu Zanai- oder Sazmartinshorn zu folgen war damit schnell aus der Welt.

Lavatinahorn XII (T6)
Schon oft hatte ich L XII angeschaut und war zum Schluss gekommen, dass für mich dieser senkrechte Schutthaufen nicht besteigbar sei. Da jetzt aber weit und breit kein Mensch in der Gegend war, der den Spinner beobachten konnte, der an diesem brüchigen Turm rumturnt, wollte ich einen Augenschein nehmen. Auf Wegspuren an den Fuss des Turms (T5) und dann direkt, die gar nicht so steile Rinne rauf. Es liegt tonnenweise Schutt rum, aber wenn man vorsichtig den darunterliegenden Fels sucht, geht's ganz gut. Kurz vor dem Gipfel ein paar Kletterzüge und man steht oben.

Wildsandhorn (T5)
Ein weiterer Gipfel, der nur im Führer benannt ist. Aber dieser Name tönt schon so nach "wildem Schutthaufen", dass ich einfach rauf musste. Vom Pizol zurück in den Sattel und auf dem soliden Grat über P 2813. Abstieg in eine kleine Scharte und ohne grössere Schwierigkeiten in felsdurchsetztem Gras (T5) auf den schlanken Felsturm.

Giblistock (T3)
In all den Jahren bin ich vom Pizolsattel noch nie nach Süden abgestiegen. Dabei liegen dort landschaftlich schöne Geröllebenen und viel Einsamkeit. Ich wanderte zu Pt 2718 um einen Augenschein des Plischinachamms zu nehmen - grauenhaft brüchig und abweisend. Aber wohl schon möglich... Ein ander Mal. Weiter absteigend (!) zum Gipfel des Giblistock, ein weit ins Weisstannental vorstehendes Eck, das nur von unten wie ein Gipfel aussieht.
Weiter geht es zurück über die grosse Geröllebene gegen den Pizol. Dabei entdecke ich per Zufall einen kleinen Gletscherest, ein Relikt der einst grossen Vergletscherung des Pizol-Massivs. Ich wandere über die grosse Geröllterrasse am Fuss der Lavatinahörner durch unwegsames Gelände (ein sicher nicht mehr begangener rot-weisser Wanderweg führt hier durch !?). Unterwegs passiere ich einen weiteren Gletscherrest und wohl einen der einzigen aktiven Blockgletscher des Kantons SG – was es am Pizol nicht alles zu entdecken gibt! Durch anstrengendes Gelände hinauf zur Scharte zwischen Lavatinahorn V und IV (T5).

Lavatinahorn IV (T6, III, WS+)
Bei meinem ersten Zusammentreffen mit den Lavatinahörnern vor einem Jahr musste ich hier meine Segel streichen. Nun wollte ich es bei trockenen Bedingungen noch einmal versuchen. Man steigt das Wändchen mit solidem Fels ca. 5m in einer Rinne hinauf und quert dann auf einem Felssims 3m nach links. Von dort kann man die Stufe mit 2 feinen Tritten überwinden (III) – gar nicht so schwierig, nur eine Frage der Psyche. Weiter in einfacherem, felsigen Gelände an den Gipfelkopf. Diesen knackt man, indem man auf allen Vieren durch eine enge Geröllrinne (SW) kriecht. Dann in ein paar Schritten zum verfallenen Gipfelsteinmann. Was für eine Freude auf dem König der Lavatinahörner, dem formschönsten Gipfel zu stehen!
Der Abstieg in die Scharte L III/IV erfordert dann weniger Kletterei. Man folgt zuerst dem exponierten W-Grat und steigt dann steil durch die Flanke ab. Durch eine Steinschlag-Rinne quert man dann in die Scharte (T6).

Lavatinahorn III (T6, II)
L III ist für Nicht-Kamikaze nicht direkt aus der Scharte zu schaffen. Man steigt rund 50m durch die steile, und extrem unangenehme Rinne nach Osten ab. Das geht, obwohl es von oben erst unmöglich aussieht. Die Rinne ist eng, teils felsig und mit feinem Sand und grossen Blöcken befüllt – nicht jedermann’s Sache…  Wo sich die Rinne etwas öffnet steigt nach links auf einer markanten Felsrampe auf eine Schulter auf (T6, II). Von dort quert man in die ebenfalls steile Geröllrinne, die von der Scharte L II/III herunterzieht. Von der Scharte erreicht man ohne grössere Schwierigkeiten  den Gipfel von L III (T5).

Lavatinahorn II (T6, II)
In anregender Kletterei geht es zu einem offenen Kamin mit gutem Fels (II-III). Dann auf einem schwach ausgeprägten Sporn, ein brüchiges Türmchen überschreiten zum Gipfel. Da es mittlerweile etwas zu regnen begonnen hat, steige ich auf dem gleichen Weg wieder ab und folge der Rinne nach unten. Achtung: Auch beim Abstieg muss man über die Felsrampe in die Rinne von L III/IV wechseln, da die andere Rinne nicht durchgängig ist.

Sichler - Schwarze Hörner (T4+)
Die Traverse der Schwarzen Hörner hatte ich nach meinem zweiten Besuch der Lavatinahörner schon gemacht und beschrieben. Hier deshalb nicht mehr dazu. Damals wusste ich noch nicht, dass es am „Hörnli“, dem markanten mit einem Gipfelkreuz gekrönten Turm, Fixseile gibt. Diese Lücke sollte nun noch geschlossen werden.

Hörnli (III, ZS?)
GingerAle war am Vortag auf dem Hörnli. Ich hatte aus ihrem Bericht nur noch was von viel „Armkraft“ aufgeschnappt und ihn nicht genau studiert. Hätte ich das, wäre mir klar geworden, dass es am Hörnli mehr als eine Route mit Fixseilen gibt – ansonsten könnte man sich die vielen Einträge im Gipfelbuch nämlich nicht erklären – denn meine Route ist nicht wirklich empfehlenswert…
Auf einem Pfad steigt man gegen den Turm hoch und hält bald etwas rechts bis zu einem breiten Felsspalt. Hier wandte ich mich nach links unter eine überhängende Felswand. Und tatsächlich baumelt dort mitten aus dieser heraus ein altes Stahlseil aus einem senkrechten Riss. Da hoch? Nun ja, Armkraft, dann man los! Die ersten drei Züge bringt man praktisch als freihängende Klimmzüge hinter sich. Dann kann man sich in den ca. 30cm breiten Riss schieben (ohne Rucksack). Man kann sich am Fixseil festhalten, doch das gibt nicht sehr viel Sicherheit. Daneben muss auch geklettert werden, sicher III. Im Riss oder leicht daneben arbeitet man sich ca. 15m die fast senkrechte Wand hoch. Dann gibt’s eine exponierte Querung nach rechts und dann nochmals eine Stufe (mit einem zweiten Fixseil). Durch eine gut begehbare Rinne (hier kommt wahrscheinlich die Normalroute mit Fixseil aus der Ostflanke dazu) gelangt man zum schönen Gipfel.
Abstieg auf einem hübschen Pfad zu den Wanderwegen und mit vielen 5-Seen-Wanderern zurück zu den Pizolbahnen.

Wieder einmal eine super Ausbeute für 6 Touren-Stunden: Gletschermessungen, 11 spannende Gipfel und viel Eindrücke und Entdeckungen

Tourengänger: Delta

Galerie


Slideshow In einem neuen Fenster öffnen · Im gleichen Fenster öffnen


Kommentare (3)


Kommentar hinzufügen

dulac Pro hat gesagt: Alternativer Aufstieg
Gesendet am 27. August 2011 um 01:25
Hallo Delta

ich war im letzten Jahr zum ersten Mal im Pizolgebiet, und jetzt 2 Tage vor Dir erneut. Auch ich war erstaunt, wie sich die Landschaft verändert hat.
Leider hatte ich keine Steigeisen dabei, daher wurde es leider nichts mit der (erstmaligen ) Besteigung des Pizol.
Einen Versuch links am Rand des Gletschers hochzukommen habe ich abgebrochen, da es mir zu riskant erschien. Statt dessen bin ich nach kurzem Abstieg auf den (flachen) Grat gestiegen, der sich zu P. 2.712 und P. 2.813 fortsetzt und dort ein kurzes Stück hochgestiegen. Auch nach meinem Eindruck könnte sich dort zumindest für die „Profis“ in der hikr-Gemeinde tatsächlich eine Alternativ-Route auftun.
Ich selbst habe es nicht versucht, da durch aktuelle Knieprobleme nicht voll einsatzfähig, und bin statt dessen auf den Hochwart gestiegen – auch ein schöner Aussichtsberg.

LG dulac

gurgeh hat gesagt: Wintereinbruch
Gesendet am 29. August 2011 um 23:40
Am Tag danach 20cm Neuschnee... Für die kleinsten Gletscher gibts noch Hoffnung :)

Delta Pro hat gesagt: RE:Wintereinbruch
Gesendet am 30. August 2011 um 10:07
Was für ein Kontrast - habe Deine Bilder gesehen!
Leider sind die 20cm Neuschnee nur einen Tropfen auf den heissen Stein (oder eben Gletscher). Auch dieses Jahr hat der Gletscher (bis jetzt) schon wieder rund 10% seines Eises eingebüsst - und der Sommer ist noch nicht vorbei. Die einzige Chance, die der Pizolgletscher hat, ist sich mit dem immer dichter werdenden Schutt zu schützen / sich darunter zu verstecken - aber ob man dann noch von einem "schönen" Gletscher sprechen kann?
Gruss Delta


Kommentar hinzufügen»