Interkultureller Passlauf von Vals nach Turrahus


Publiziert von fuemm63 Pro , 21. Juli 2011 um 22:37.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Safiental
Tour Datum:21 Juli 2011
Wandern Schwierigkeit: T2 - Bergwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR 
Zeitbedarf: 3:00
Aufstieg: 1150 m
Abstieg: 700 m
Strecke:13,64 km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Vals, Vallé
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Thalkirch, Turrahus
Kartennummer:1234 Vals

Die Schuldigen heissen Nemo, Otto und Peter – alle drei meteorologische Tiefs. Nachdem eine weitere Kaltfront mit literweise Regen und 'sommerlichen' Temperaturen von 11 Grad weitergezogen ist und die steilen Berghänge das meiste Wasser wieder 'abgeschüttelt' haben, nehme ich den Tomülpass mit möglichem Exkurs aufs Tomülhoora (wie sie z. B. ivo66 hier beschrieben hat) ins Visier. Zum kalendarischen Sommeranfang liegt aber Schnee bis ca. 2400 Hm, und das Tomülhoora hüllt sich in dicke Wolken. Den Gipfel-Exkurs ersetze ich durch einen kulturgeograpisch interessanten Abstieg auf einem von polnischen Internierten erbauten Weg ins Safiental.

Route
Der Aufstieg erfolgt in drei Phasen: 1. Stotzige 700 Hm auf der Westflanke des Hora. 2. Eine flachere Passage bis zur Alp Tomül (200 Hm). 3. Der wieder etwas steilere, aber einfache Schlussaufstieg zum Tomülpass (250 Hm). Der Aufstieg von Vals-Valé (1266 m) bis ins Schindla-Büdemli (1951 m) ist in meiner letztjährigen Tour aufs Hora beschrieben. Die 700 Höhenmeter sind im Laufschritt oder Speed-Hiking-Tempo in einer knappen Stunde zu bewältigen. Nach dem Schindla-Büdemli folgt eine flachere Passage bis in das schöne Flachmoor Riedboda, in dem der Tomülbach glitzernd mäandriert. Dann steigt der Weg wieder und erklimmt bei der Schroota, einer engen Scharte durch ein Felsband, die nächste Geländeterrasse, auf der man bald die Alp Tomül (P. 2179) erreicht. Der Blick schweift in Richtung Weidegebiet der Alp Tomül und den aus diesem Blickwinkel imposanten Teischer (2688 m). Nach der Alp steigt der Weg in einfachem Aufstieg bis zum Tomülpass (2412 m).
Der Abstieg ist ähnlich leicht und bekömmlich. Der Weg vom Pass ins Safiental wurde von internierten Polen im Zweiten Weltkrieg gebaut. Kein Wunder, dass hier ein Alpin-Bike-Weg verläuft. In einer knappen Stunde steige ich ins 500 Höhenmeter tiefer liegende Turrahus (1694 m) hinunter, wo die Postautoendstation liegt. Beim Kaffee im Gasthaus Turahus (sic) zeigt sich sogar die Sonne und erzeugt interessante Schattenspiele an den mächtigen Ausläufern der Nollachöpf
Schlüsselstellen: keine.

Eindrücke, Begegnungen
1. Murmeltiere, immer wieder Murmeltiere! Vom Riedboda an bis über den Tomülpass hinaus immer wieder die Warnpfiffe. Gwundrige Wesen – und gar nicht so unfit (siehe Fotos).
2. Vom Safiental kommen mir eine Handvoll Wanderer entgegen. Der jüngste sitzt bereits beim Wegweiser auf dem Pass und liest gedankenverloren in einem dicken Buch. Leider habe ich ihn vergessen zu fragen, welche Literatur ihn hier oben mehr gefesselt hat als das Buch der Natur. Es sah von weitem nach einem fetten Fantasy-Thriller aus.
3. Faszinierend ist beim Abstieg ins Safiental die immer wieder wechselnde Ansicht der Pizzas d'Anarosa resp. der Grauhörner (3002 m) sowie der Nollachöpf mit ihren markanten Talausläufern.
4. Das Ausgleichsbecken Wanna, in dem über einen durch den Berg führenden kilometerlangen Überleitstollen das Wasser aus dem Zervreilastaudamm und dem Peiltal "zwischengespeichert" (O-Ton Kraftwerke Zervreila AG) wird. Für mich ein eigenartiger Anblick: Das ganze Wasser des riesigen Einzugsgebiets aus Länta-, Canal- und Peiltal fliesst nicht nach Vals, sondern in dieses Ausgleichsbecken. Null Restwasser fliesst in den Valser Rhein. Ob dies mit dem geplanten neuen Nationalpark Adula kompatibel sein wird?
5. Die internierten polnischen Soldaten. Warum haben die hier hinten Wege gebaut? Auf Touren im Tessin sind mir ihre Spuren auch schon begegnet ("Muraglia polacca"). Eine Internetquelle meint: "Von den ungefähr 12'000 internierten Polen arbeiteten 8'500 verstreut in der ganzen Schweiz in kleinen Gruppen und bauten vor allem im Gebirge Strassen und Brücken, die für Guisans Konzept des 'Reduit' äusserst wichtig waren." Laut Wikipedia sollte der Passweg am Tomül so für leichte Motorfahrzeuge befahrbar gemacht werden und damit die Absicherung des Passo San Bernardino via die Übergänge Safierberg und Valserberg zum Rheinwald hin verbessern. Hintergrundinfos finden sich auch im empfehlenswerten Rotpunkt-Wanderbuch "Surselva" 2011) von Robert Kruker und Reto Solèr (S. 118 f.).
6. Frau B., die sympathische Postautochauffeurin, die mich sicher und routiniert durchs ganze Safiental bis nach Ilanz hinunterfährt. Wir diskutieren die Unterschiede zwischen Safien- und Valsertal – beide von Walsern besiedelt und gestaltet. Da gibt es einige Unterschiede, insbesondere was den Tourismus, die Architektur und die Topographie betrifft. Vals ist katholisch, Safien reformiert. Vals prosperiert, Safien gilt als "potentialarm". Vals ist 'gneisig', Safien 'schiefrig'. Die Architektur in Safien lieblich-holzig, in Vals dominiert (kommunal verordnet) der harte Quarzit auf den Dächern. In Vals hat mit dem Neubau der Therme der globalisierte Tourismus Einzug gehalten, im Safiental gibt es ein bisschen Wandertourismus, c'est tout. Der Weg vom hintersten Safiental bis nach Versam resp. Ilanz zieht sich sehr – ist aber ein absolut faszinierendes Fahrerlebnis (wenn man nicht selber steuern muss), wie bereits bombo hier und KraxelDani da berichtet haben. Da wirkt die 20 km lange zügige Postautofahrt von Ilanz nach Vals hinauf fast wie eine Schnellzugsstrecke. 
7. Die Retourfahrt per öV dauert gleichlang wie die eigentliche Tour. Müde und zufrieden komme ich nach total sechs Stunden wieder in Vals an. Eine halbe Stunde später beginnt es wieder zu regnen. Das nenne ich Timing :-)

Literatur
Irene Schuler: Walserweg Graubünden. In 19 Etappen vom Hinterrhein in den Rätikon. Rotpunktverlag 2010
Robet Kruker, Reto Solèr: Surselva. Täler und Übergänge am Vorderrhein. Wandern im Westen Graubündens. Rotpunktverlag 2011

Tourengänger: fuemm63


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