Ober Tatelishorn - Ein Scherbenhaufen mit vorzüglicher Aussicht


Publiziert von akka , 12. September 2010 um 22:13.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Frutigland
Tour Datum:12 September 2010
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-BE 
Aufstieg: 1877 m
Abstieg: 1877 m
Strecke:Eggschwand 1194m Waldhus 1358m - Gurnigel - Sagiwald - Sagiweid - Unter Tatelishorn 2497m - Ober Tatelishorn 2962m - Unter Tatelishorn - Sagiwald - Stock 1832m - Nasse Bode - Eggeschwand 1194m

Hier müssen einst die Götter einen Polterabend gefeiert haben...
dachte ich mir, als ich vom Gipfel den Abstieg anging und das gutmütige, scherbenartige Geröll unter den Sohlen spürte.

Das Ober Tatelishorn 2962m, ein nordwestlich vorgelagerter Trabant des gewaltigen Altels, fällt auf. Zumindest wenn man von Kandersteg hinaufblickt in die Richtung, wo zuhinderst ein langes Tal am Gemmipass endet. Keck steht es vorne dran und die ebenmässig dezent steile Nordwestflanke fordert einen spätestens am Eingang Spittelmatte zum Duell heraus.
Bislang habe ich die Herausforderung nie angenommen. Die umliegenden Gipfel beackerte ich schon viefach mit unterschiedlichem Erfolg. In den grossen Bruder Altels schaffte ich mich schon so manches mal hinein, ohne je am Gipfel zu stehen.  Früher war dies öfter mal der Fall. Aus Trainingszwecken. Gibt diese Nordwestflanke doch noch einiges mehr her zum Schuttschürfen. Fabelhafte 1200Hm feinster Schutt und Geröll. Da glühen die Wadeln. Auf den 40kg Traktorreifen, den Christian Stangl (angeblich) immer zu Trainingszwecken im ähnlich strukturierten Gelände mit Brustgeschirr hinter sich herzieht, habe ich von jeher verzichtet. Zumindest träumen wir immer noch den gleichen Traum (den vom K2), von welchen ich Lichtjahre weiter entfernt bin, als jener Mann, der den Kilimanjaro in (angeblich) 5:36 Std. hoch- und runterrannte. Lediglich in unseren Träumen sind wir aber auf dem gleichen Stand. Da haben wir beide schon den Flaschenhals durchstiegen und aus 8611müM zu Welt und die Wolken zu Füssen gehabt.

Nun gut, ich habe natürlich niemals realistische Ambitionen für Karakorums 8000er gehegt. Bin ich schon froh, wenn ich an einen guten Tag ein T4+ oder eine II- Kletterstelle meistere. Beides brauchte ich am Oberen Tatelishorn nicht. Ich musste aber auch nicht mit einen Erfolg zurückkommen, den alle (Sponsoren, Medien, Fangemeinde) von mir erwarten. Ich besitze weder Sponsoeren, noch eine Fangemeinde. Von Medieninteresse ganz zu schweigen. Ich gehe gelegentlich in die Berge, wenn es Zeit und Wetter am Wochenende zulassen. Druck setze ich mir selbst auch nicht auf. Komm ich hoch ist es schön. Wenn nicht, war es gleichwohl ein schöner Tag, ich habe mich körperlich angestrengt, habe am Abend einen halbwegs klaren Kopf und eine geruhsame Nacht. Gesund zurück ohne Gesundheit und Leben riskiert zu haben.
Habe nicht auch ich von Christian Stangl den K2 (und natürlich in Rekordzeit als Tagestour) erwartet. Ja, das habe ich und ich fühle mich ein Stück mitschuldig, das er nun der zähnefletschenden Wolfsherde zum Frass vorgeworfen wird.

Zurück zur Tour. Als ich gestern Abend nach der Heimfahrt aus dem Oberhasli (Golegghorn mit Axi ) meine Bedürfnisse für den Sonntag abklopfte, kristallisierten sich vier Eckpfeiler heraus.
1. Ausschlafen
2. Zeitig wieder daheimsein
3. Nicht weit fahren
4. Ein lohneneder und gerne auch etwas höher gelegener Gipfel.

Da war mir klar, das ich auf das Ober Tatelishorn gehen sollte, das seit meinen Ferien Mitte August ganz zuoberst im heimischen Kandertal auf meiner "Sollte nun aber endlich mal gemacht werden - Liste" steht. Die Karte, die ich ohnehin nicht brauchte, in den Rucksack gepackt. Dann las ich kurz vor dem Schlafengehen auch noch den Tourenbericht http://www.hikr.org/tour/post27836.html von Pit  mit den tollen Bildern vom sich verabschiedenden Tag und ich wusste, das am nächsten Morgen nur noch das Wetter oder eine Verschlimmerung der etwas latententen Magenverstimmung mich aufhalten werden.

Eggeschwand - Waldhus - Gurnigel (T2, kurze Stelle T3)
Direkt "hinter" der Sunnbühl-Seilbahn (Eggeschwand, 1194m) geht ein bestens angelegter und markierter Weg an den Wasserfällen entlang, kreuzt kurz die Fahrstrasse ins Gasteretal und führt zum Waldhus 1358m.
Ab hier durch einen Wald, ehe er sich in unüberwindbar scheinendes Gelände hineinwürgt. Der Weg ist dann trotz des steilen Geländes nervig flach in weiten Serpentinen angelegt, so das die ganze Sache länger dauert, als ich zunächst annahm. Bei "Gurnigel" hängt an einer sehr exponierten Stelle ein Stahlseil. Gut so, sonst wärs bei Nässe auf dem abgelatschten Kalkstein spannend. Die Atmosphäre ist feucht und etwas beengend und ich bin froh, als ich den engen Schlauch verlasse und sich bei 1820m die weite Spittelmatte öffnet.

Spittelmatte - Unter Tatelishorn (T3-)
Nun war mein ursprünglicher Plan, mich "irgendwie" die Westhänge des Unteren Tatelishorn emporzukämpfen, um nicht den Umweg über den Sagiwald machen zu müssen. Als ich mir im Gegenlicht dieses Unterfangen ansah, fiel mir beim besten Willen kein brauchbarer und sicherer Durchschlupf auf. Hier würde ich wahrscheinlich viel mehr Zeit und Kraft vergeuden, als wenn ich auf dem Wanderweg die grössere Schlaufe laufe. Ich entschied mich so für Letztere.
Lohnend ist die allemal, weil auch zum x-ten mal, dennoch wieder irgendwie schön. Landschaftlich gefällt es mir hier einfach. Der Anstieg zum Unter Tatelishorn wird zuletzt etwas steiler. Ein bestens angelegter Pfad führt problemlos auf den Gipfel. Diesen lasse ich aber zunächst links liegen.
Strebe ich doch zuerst direkt auf mein Tageszeil zu.

Unter Tatelishorn - Ober Tatelíshorn
(zwischen 2580-2600m kurz T4, ansonsten T3+/T4-)
Vom Sattel sieht die Sache zunächst ungemütlich aus. Ein Schutthaufen par exellence. Also steige ich zunächst mal den letzten Grashang hoch. Schnell bin ich im Schotter. Die vermeindliche Schlüsselstelle ist schnell erreicht. Zwischen 2580-2600m ist der Nordwestgrat am steilsten (38°). Hier kann man einige geneigt Platten einfach überkraxeln. Alternativ rechts davon im feinen, hier sehr mühsamen Schutt eine Pfadspur hochwühlen. Ich entschied mich für die billigere Kraxelvariante (kein Klettern, nicht ausgesetzt).
Der Hang wird nun zunehmend flacher. Der gesamte Aufstieg weist einen schwachen Pfad auf, der ausgezeichnet zu begehen ist. Kein Vergleich zum Terror an der Altels Flanke (zwei Schritt vor, eineinhalb zurück). Die Spur muss aber nicht zwingend genutzt werden. Je näher am Grat, desto bessser das Geläuf. Der scherbenartige Schutt hält nahezu ausnahmslos. 

So gelange ich deutlich schneller und bequemer als erwartet, auf den Gipfel des Ober Tatelishorn 2962m. 
Das Wetter meinte es gut. Obwohl ich erst um 8:30 Uhr in Kandersteg gestartet bin, präsentierte sich der Himmel noch äusserst blau und die Temperaturen waren warm und angenehm. Ausgiebig genoss ich die spezielle Aussicht. Dann schien sich am Himmel etwas zu verändern und mir war klar, das wohl noch am Nachmittag Regen kommen dürfte. 

Ober Tatelishorn - Stock - Eggeschwand 
Auf eine Seilbahnfahrt hatte ich nur im Notfall zurückgreifen wollen, deshalb forcierte ich den Abstieg und rutschte angenehm schnell etwas weiter in der Flanke auf dem feinen Schutt in den Sattel hinab. Dies dauerte nur wenige Minuten. Für einen kurzen Anstieg auf Unter Tatelishorn 2497m nahm ich mir aber noch Zeit und ich genoss erstmal die sommerliche Aussicht von diesem Gipfel, den ich bislang nur im Winter mit Skier und Schneeschuhen bestiegen hatte.
Man kann den Südhang problemlos direkt vom Gipfel absteigen und trifft kurz darauf wieder auf den Weg zum Sagiwald. An der Spittelmatte entscheide ich mich gegen einen Abstieg über Waldhus und querte auf der Aussichtsgalerie zum Gasteretal nach Stock und weiter auf dem von Mountainbiker genutzten Weg (T2) hinab nach Eggeschand. 

Tourengänger: akka

Galerie


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Kommentare (2)


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Pit Pro hat gesagt: Gratuliere
Gesendet am 13. September 2010 um 20:29
Gratuliere zur erfolgreichen Tour. Das Wetter hat offenbar auch mitgespielt:-) . Du hast die Tour mit T4 bewertet, ich mit T5 wobei ich ehrlich gesagt nicht so genau wusste was ich da hinschreiben soll. Nun, Dein Palmarès hat mich überzeugt, deshalb werde ich, um keine Verwirrungen zu stiften, meine Tour ebenfalls mit T4 bewerten.
Ich wünsche Dir eine schöne und unfallfreie Zeit
LG Peter

akka hat gesagt: Merci
Gesendet am 13. September 2010 um 22:43
Ja, es hat super gepasst und Spass gemacht. War richtig, es noch zu probieren.
Bezüglich Bewertung. Hängt oft davon ab, wie man es erwischt. Ein paar Meter weiter rechts oder links kann es eventuell auch anspruchsvoller werden. Letztlich häufig subjektiv.

Gruss
Jörg


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