Via Nicola Balestra - halbwegs


Publiziert von basodino Pro , 31. Juli 2018 um 15:29.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Locarnese
Tour Datum:28 Juli 2018
Wandern Schwierigkeit: T6- - schwieriges Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Madöm Gross   Gruppo Pizzo Barone 
Zeitbedarf: 6:15
Aufstieg: 885 m
Abstieg: 650 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Sonogno habe ich mit dem Zug via Zürich und Bellinzona, ab Tenero mit dem Postbus erreicht, erste Verbindung 6.38 Uhr ab Böblingen, 13.29 Uhr in Sonogno
Unterkunftmöglichkeiten:Cap. Cognora SEV (Selbstversorgerhütte), Rif. Barone SEV (Selbstversorgerhütte)

Im letzten Jahr war ich mit Tourinette bereits am gleichen Ort und mit ähnlicher Planung unterwegs. Dieses Mal sollte es endlich mit der Via Nicola Balestra klappen. Wobei das Wetter ähnlich unsicher daher kam.

Den Aufstieg zur Cap. Cognora und die Überlegungen zur Tour sind an anderer Stelle bereits beschrieben. Also beziehe ich diesen Bericht nur auf den Weg von der Cap. Cognora zum Rif. Barone.

Zum Passo di Piatto brauchte ich fast genauso lange wie vor einem Jahr. T3, 1 h 20 min

Nun ging es die Viertelstunde hinauf zur ersten Schlüsselstelle der Tour. Und obwohl ich die Stelle vom Vorjahr kannte, scheiterte ich erneut an ihr. Hatte ich es vor einem Jahr auf die Feuchtigkeit geschoben, gab es diese Ausrede dieses Mal nicht. Ein wenig Tau im Gras möchte ich nicht gelten lassen.
Zunächst muss man einen hohen Stein erklimmen, dann beginnt das eigentliche Problem. Rechts ist die Wand überhängend, links gibt es eine sehr steile Stufe, dazwischen ist ein schmaler Spalt. Der Spalt ist mit Tourenrucksack auf dem Rücken nicht zu gebrauchen, außer für ein Bein. Links hat es zwar auf ein Drittel Höhe einen kleinen Tritt, dieser ist aber ungünstig gestuft und leicht speckig. Das Seil selbst ist eher lose und von daher nur bedingt hilfreich (natürlich ist es gut zum sichern). Oben hat es eigentlich genug Griffmöglichkeiten, aber es fehlt ein verlässlicher, größerer Tritt, auf dem man das Hauptgewicht hochwuchten könnte. Ich habe es eine halbe Stunde lang probiert und ohne Gepäck wäre es irgendwie auch gegangen, aber der Rucksack wäre dann liegen geblieben, was wirklich keine Option darstellte.

Für mich ist diese Stelle mindestens eine III, so kurz sie auch ist. Man könnte sich evtl. damit behelfen, den Rucksack mit einem kurzen Seil nachzuziehen oder an einem vorhandenen Haken eine Trittschlinge zu legen, aber ohne Material ist die Stelle zuviel für mich. Ich weiß auch nicht, ob eine solche Pförtnerstelle bei einem "Wanderweg" sein muss, und das ist die Via Nicola Balestra in Ihrer Grundstruktur eben noch.

Gefrustet stieg ich zum Wanderweg hinab und nahm die klassische Route auf. Diese ist auch wunderschön, es war aber halt nicht der Plan. In den nächsten eineinhalb Stunden inkl. 20 min Pause konnte ich das Erlebte sacken lassen, bis ich kurz vor P. 2312 an die Stelle kam, an der wir im letzten Jahr die Steinböcke gesehen hatten. T4-, 1 h 10 min

Auf einem Foto sieht man den Routenverlauf zur Bocchetta di Campale eigentlich ganz gut:

Im letzten Winkel vor P. 2312 sieht man zwei Rinnen/Wasserläufe (meist trocken), eine erste, sehr steile, eine zweite nicht ganz so steile mit breiten Felsbänken. Über selbige kann man leicht ansteigen. Nach oben hin wird es steiler und enger und das Gras übernimmt allmählich die Regie. Bevor man in eine schmale, schluchtartige Rinne einsteigt (evtl. auch als Variante möglich), quert man nach rechts hinaus auf ein abfallendes, grasiges Band, welches einen markanten Felsturm umrundet. So quert man zur ersten steilen Rinne hinüber, die hier oben weniger dramatisch ansteigt. Diese Rinne weiter hinauf, dann wieder mehr und mehr im Gras nach rechts hinaus auf eine Rippe. Diese wenige Meter hinauf und weiter nach rechts durch steiles Grasgelände unter einen mächtigen Felsen queren, den man links oder rechts jeweils rinnenartig (aber größtenteils grasig) umgehen kann. So erreicht man den Grat. T5-6, 45 min

Zur Schwierigkeit: man kann sich vor allem in den Querungen einbilden, dass Mensch oder viel eher Tier hier eine Spur gelegt haben. Diese im hohen Gras immer exakt zu treffen, ist das Kunststück, welches man vollbringen sollte und welches darüber entscheidet, ob man eine T5 oder eine T6 Route macht. Das Gelände lässt an einigen Stellen keine Fehler zu und sollte nur von absolut trittsicheren und schwindelfreien Personen in Erwägung gezogen werden.

Am Grat trifft man unmittelbar wieder auf blaue Punkte, wenn man die linke, steilere Rinne zum Grat genommen hat. Ansonsten muss man den Felsaufbau dahinter umgehen. Sofort befindet man sich in leichterem Gelände (meist T4 oder T5). Man folgt dem Grat, wobei man den größten Schwierigkeiten jeweils ausweicht. Es kommt noch eine kleine Kletterstelle (I-II) und später direkt am Grat der schon imposante Kamin (II). Hier sind 4 Bügel angebracht, die ihn gangbar machen. Nur ein Bügel an der richtigen Stelle am Beginn des Weges, und ich wäre rundum glücklich gewesen.
Nach dem Turm muss man dem Grat rechts abwärts in einer durchaus mutigen Traverse ausweichen (Tendenz eher gegen T6 als T5), dann wird das Gelände deutlich einfacher bis zum höchsten Punkt der Tour. Belohnt wird man durch den Triumphbogen, der auf dem Grat steht, als wäre ein Architekt am Werke gewesen. T6-, II, 1 h 10 min

Am höchsten Punkt habe ich erst einmal eine Mittagspause gemacht. Nach der einen oder anderen Gewitterwarnung aus der Leventina kam die Sonne nochmals heraus. Also noch schnell auf den Gipfel des Pizzo della Bedeia. Dazu wenige Schritte den Weg zurück, die massive Felsbank hart unterhalb umgehen, dahinter leicht gerade hinauf zum Grat, über diesen bis unter einen steilen Kamin, hier aber nach links über eine Felsbank exponiert, aber leicht queren und über leichte Felsen bis zum Nordgipfel mit Gipfelbuch. II-, 20 min für hin und zurück

Das Gipfelbuch hat seit August 2017 keinen Eintrag mehr, was vornehmlich am zerbrochenen Bleistift als einzigem Schreibmittel liegen mag. Auch ich konnte mich nicht eintragen. Der nächste Besucher möge einen Stift mitbringen, bitte!

Der Weiterweg wird dann unmittelbar von einem Felsklotz blockiert. Diesen umgeht man steil absteigend nach rechts, dann über ein schmales Band zurück zum Grat (T5+). Die nächsten Hindernisse umgeht man links leichter. Dann erreicht man nochmals kurz den Grat selber. Die blauen Punkte queren nun linkerhand des Grates bis zum Monolithen, wobei der Weg zunehmend schmaler wird und durch steilere Flanken führt (T6-). Voller Konzentration kann man hier die Abzweigung nach unten verpasst haben. So kehrte ich nach dem Monolithen wieder um und querte für 5 min zurück. Ein direkter Abstieg vom Monolithen ist heikel.
Sobald man die blauen Punkte unterhalb erkannt hat, steigt man zu diesen hinab und kann durch einen steilen, aber einfachen Grashang den Felsriegel durchbrechen. Allmählich wird das Gelände etwas weniger steil, aber keineswegs angenehmer. War es meine Müdigkeit oder sind es die vielen losen Steine, die im Gras verborgen liegen, aber es ist ein blödes Geeier, bis man den klassischen Weg wieder erreicht. Der Weg wird zu selten begangen, damit sich hier eine stabile, gut gestufte Spur bilden könnte.

Die Vorzeichen für Niederschlag verdichteten sich immer mehr, deshalb gab es keine längere Pause mehr. Sekunden, bevor ich das erste Mal das Rifugio Barone sehen konnte, warnte mich ein gut sichtbarer Blitz, dass ich mein Zeitlimit erreicht hatte. Mit den ersten Regentropfen erreichte ich dann die Hütte. T6-, 1 h 30 min

Abschließend kann ich sagen, ich hätte auch gerne die gesamte Via Nicola Balestra gemacht. Ich sehe die Sinnhaftigkeit von Pförtnerstellen am Beginn einer Tour ein, bezweifele aber hier die Angemessenheit. Durch meine Variante kommt man aber immerhin in den Genuss des Triumphbogens und des Monolithen.

Am nächsten Tag ging es weiter mit der Corona di Redorta. 

Tourengänger: basodino


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