Corona di Redorta 2804 m


Publiziert von basodino Pro , 1. August 2018 um 15:41.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Locarnese
Tour Datum:29 Juli 2018
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Pizzo Barone   Gruppo Madöm Gross 
Zeitbedarf: 8:15
Aufstieg: 1180 m
Abstieg: 1180 m
Zufahrt zum Ankunftspunkt:von Sonogno fuhr ich mit dem Postauto ab 15.02 Uhr nach Tenero, dort 16.10 Uhr mit dem Zug via Bellinzona und Zürich nach Böblingen (an 21.09 Uhr)
Unterkunftmöglichkeiten:Rif. Barone SEV (Selbstversorgerhütte)

Die Corona di Redorta ist für mich kein "normaler" Tessiner Berg, sondern war schon seit Jahren Sehnsuchtsziel. Das liegt an verschiedenen Umständen: Der Berg ist über keine Route durch einen Weg erschlossen, er ist selbst im einfachsten Fall mindestens eine T5-Tour, es gibt keine supergünstig gelegene Hütte und vom Tal aus sind mindestens 1900 Höhenmeter zu ersteigen, um den Gipfel zu erreichen. Gerade letzteres hat mir schon immer Kopfzerbrechen gemacht, da ich im Gegensatz zu so manchem Berggänger zu einer Tour von 1900 m rauf und runter an einem Tag nicht in der Lage bin. Insofern war dieser Berg der Inbegriff von "schwer zu erreichen", und Dinge, die man nicht haben darf, sind ja schon immer reizvoller gewesen ...

Von den drei Hütten Soveltra, Tomeo und Barone ist letztere nicht nur die höchst gelegene, sondern auch die räumlich am nächsten gelegene Hütte. Einziges Manko ist, dass man erst einmal 250 Höhenmeter absteigen muss, um den Aufstieg zu beginnen. Außerdem ist die direkteste Route auch noch die anspruchsvollste von den gängigen Routen: die Nordwand.

Vom Rifugio Barone aus kann man die Nordwand sehr gut einsehen. Aber selbst mit einem Feldstecher ist es schwierig, die günstigste Route auszumachen. Scheinbar könnte man in einer weiten Kehre nach rechts allen Schwierigkeiten weitestgehend aus dem Weg gehen, es wird in der Literatur aber vor der Brüchigkeit dieses Unterfangens gewarnt. Der beste Weg sei im linken Teil der Wand. Nun, mal sehen?!

Zunächst steigt man den Hüttenweg Richtung Sonogno für 200 Höhenmeter ab. Kurz vor der Hütte von Piodoo kann man auf 1965 m vom Weg abzweigen und über einen niedrigen, grasigen Sattel (5 m Aufstieg) die Alpe nördlich queren. Man wandert leicht abwärts, überquert zwei Bäche und erreicht bald die Spur, die die Geröll- und Grashänge von Campala (zwischen Bocchetta und Pizzo herabziehend) quert. Hier ist auch mit ca. 1920 m der tiefste Punkt. Jenseits ist ein klares Trassee in der Vegetation zu erkennen. Man wandert insofern leicht zur Alpe di Porchier hinauf. Nahe der Hütte verliert sich der Weg ein wenig, ist aber bald wieder erkennbar, wenn man nach links zum Lago dei Porchieirsc hinüberquert. T2, 1 h 45 min bis in die Nähe des Sees

Das erste Hindernis zur Corona ist nun der Aufstieg zur Bocchetta di Larecc. Im Aufstieg habe ich mich an die Rinne gehalten, im Abstieg an die Grashänge. Man kann beides natürlich auch kombinieren.
Zu Beginn kann man durch die Rinne oder die Hänge daneben leicht ansteigen. Auf ca. 2360 m verengt sich die Rinne deutlich, bleibt aber relativ stabil und selbst nicht so steil. Je höher man aber hinauf kommt, desto brüchiger und steiler wird sie dann doch. Im obersten Abschnitt verzweigt sie sich: die Hauptrinne biegt leicht nach links ab, während rechts Gras und Schutt bis auf den Grat führt. Diese rechte Variante ist auch steil und oftmals brüchig, weshalb es nicht in die Kategorie "angenehm" passt. So erreicht man den Kamm etwas zu hoch und steigt die wenigen Meter zur Bocchetta leicht hinab. Besser ist es, wenn man auf Höhe der Bocchetta über Gras hinüberquert oder gleich ab der Verzweigung den Grashang dazwischen benutzt. T5, 55 min

Von der Bocchetta kann man recht gerade gegen die Corona zunächst über große Blöcke und Platten ansteigen, was für ca. 60 Höhenmeter sehr angenehm ist. Darüber war noch ein kleines Schneefeld (durchaus vorteilhaft), denn darüber kommt feineres Geröll, welches wenig stabil ist. Aus der Nordwand kommt im linken Teil eine Art Kiel herab, welchen man im Schutt hart nach rechts aufwärts umgeht. Bald öffnet sich nach links ein ansteigendes Band, welches man leicht ersteigen kann (ca. 2650 m).
Man erreicht eine erste steile Felsstufe, die sich gut gestuft nach rechts aufwärts ersteigen lässt (II, Achtung: nicht jeder Griff ist fest). Man kann dann nach links aussteigen und kommt auf ein zweites Band, welches man bis zu einer nächsten Felsstufe ersteigt. In der Mitte dieser Felsstufe ist ein Riss, der sich sehr gut ersteigen lässt (nicht senkrecht, II-). Ich habe mich nicht nach rechts abdrängen lassen, sondern bin bald vom Riss linkerhand durch leichte Felsen aufgestiegen. Nochmals erreicht man Gehgelände. Nun stellt sich ein dritter Felsriegel in den Weg, der aber nicht horizontal, sondern beinahe vertikal von rechts oben nach links unten herunterzieht. Man kann ihn links unterhalb umgehen und über eine Verscheidung ersteigen, es finden sich aber auch zwei Durchstiege im Riegel selbst, wobei der obere weit leichter ist (I+). Darüber erreicht man den Ostgrat, den man am besten möglichst nahe der Schneide direkt ersteigt (sehr luftig, herrliche Tritte und Griffe, sehr vergnüglich, II). Im oberen Teil kann man auch links ausweichen, und ist dann fast zu schnell auf dem Gipfel. T6, II, 1 h 05 min.

Zur Schwierigkeit: die Route ist im Alpinführer des SAC mit T6 eingestuft. Ich habe diese Einstufung hier übernommen, auch wenn ich mir nicht 100% sicher bin, ob das nun die schwierigste Wanderroute meines Lebens war. Wenn ich die ganzen IIer-Stellen herausrechne, wäre mir ein T5+ oder T6- auch angemessen erschienen. Einzig der Aufstieg über den ersten Felsriegel war unangenehm, aber eben deshalb, weil hier der eine oder andere Griff nicht fest war und man schon sehr umsichtig steigen musste.

Nach einer halben Stunde auf dem Höhepunkt der Welt, was er für mich in diesem Moment war, stieg ich dann auf der anderen Seite wieder ab. Hierzu benutzte ich die Normalroute über den Südostgrat (Steinmänner) bis auf ca. 2700 m, dann verzweigen sich die Routen nach Sonogno und zum VAVM. Man findet Steinmänner, die nach rechts hinab in die Südflanke des Berges führen. Man erreicht eine schwache Rippe. Die Steinmänner führen einen knapp links der Rippe hinab. Die Rippe wird nach unten hin zu einer kleinen Klippe, die man dann unterhalb von links nach rechts quert. Weiter durch Geröllhänge verliert die markierte Route weiter an Höhe (um kurz vor dem Westgrat in eine Rinne zu führen - Normalweg zum VAVM), ich hielt aber die Höhe und stieg dem Westgrat entgegen. Eine kurze Geröllrinne nach rechts aufwärts erlaubt in einem Zickzack den leichten Durchstieg einer Steilstufe, dann nach links über Gras unter eine Scharte queren, die sich leicht ersteigen lässt (I). T5, I, 50 min

Jenseits wurde ich zunächst enttäuscht, denn ich hatte auf einen leichten Abstieg auf die Firnterasse unterhalb von P. 2614 gehofft. Wenn hier noch Schnee liegt, sollte es kein Problem sein, so schien mir diese feuchte und brüchige Rinne nicht die erste Wahl. Ich bin nach links dem Grat entlang die Höhe beinahe haltend gequert, über Blöcke und Leisten, einmal kurz auf den Grat zurückkehrend, dann weiter querend bis wieder Gehgelände erreicht wird. T5+, I, 10 min

Nun kann man leicht über Geröll zu einer Senke (derzeit noch mit Firn) absteigen, wo die Querung der Corona-Flanke bis zur Bocchetta di Larecc beginnt. Dieser ewige Geröllhang hat so fast alle Qualitäten von Geröll aufzubieten. Von gut gangbar bis "hier hält ja gar nichts" ist so circa alles dabei. Man versucht nur zögerlich an Höhe zu verlieren und mache für sich die beste Route aus. Einen Weg oder eine logische Routenführung gibt es im engeren Sinne nicht. T5+, 45 min

Nun kam ich wieder zurück auf die Aufstiegsroute, wobei ich beim Abstieg von der Bocchetta di Larecc die Rinnen selbst quasi nicht mehr berührt habe. Zunächst bin ich zwischen den beiden Armen der Rinne im Steilgras hinabgestiegen, dann am Vereinigungspunkt der Arme nach links über eine verführerische Ziegenspur hinausgequert. In der Folge quert man zu einer zweiten Rippe nach links hinüber und steigt den folgenden steilen Grashang bis zum markierten Weg vom Lago Porchieirsc ab. Dabei verlieren sich leider die gut gestuften Ansätze des Ziegensweges bzw. des oberen Weidegeländes zusehends, was eher unangenehm ist. Ich kann also kaum sagen, ob die Rinne oder der Grashang die bessere Wahl ist. Wahrscheinlich wäre eine Kombination aus beidem (oben Gras, unten Rinne) am geschicktesten gewesen. Für den Abstieg habe ich quasi genauso lange gebraucht, wie für den Aufstieg in dieser Passage. T5, 55 min

Dasselbe gilt für die restliche Tour. Da man am Lago auf derselben Höhe wie dem Rifugio Barone liegt, kann man hier auch kaum Zeit gut machen. Man muss halt 250 Höhenmeter runter und wieder rauf. T2, 1 h 45 min

Aufstieg 3.45 Std., Abstieg 4.30 Std.. Die Umgehung kostet schon etwas Zeit, zumal man sich lange in heiklem Gelände befindet.

Insgesamt hatte ich einen Traumtag ohne jedes Gewitterrisiko erwischt. Es ist ein Privileg in einer solch wilden Natur unterwegs sein zu dürfen. Vielleicht ist sogar die Variante aus dem SAC-Führer mit Abstieg zum Rif. Tomeo letztlich die bessere Tour, da man sich einige weniger schöne Stellen in der Umrundung der Corona spart. Der Aufstieg über den linken Teil der Nordwand gehört schon jetzt zu den schönsten Erinnerungen, die ich an Touren in den Tessiner Alpen habe.

Am folgenden Tag blieb dann leider nur noch der Abstieg nach Sonogno, analog zur Tour des Vorjahres.

Tourengänger: basodino


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Kommentare (2)


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froloccone hat gesagt:
Gesendet am 1. August 2018 um 18:45
Grazie per le tue belle foto e complimenti!!!!
Ciao
ALE

basodino Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 1. August 2018 um 21:39
Grazie per il riconoscimento.
I migliori saluti
Marcel


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