Hohes Rad (2934 m) - Versteckspiel im Aufstieg, verhängnisvoller Abstieg


Publiziert von marmotta , 29. März 2009 um 15:16.

Region: Welt » Österreich » Zentrale Ostalpen » Silvretta
Tour Datum:27 September 2008
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: I (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: A 
Aufstieg: 950 m
Abstieg: 950 m
Strecke:Bielerhöhe - Radsattel - Radschulter - Hohes Rad - Bielerhöhe
Zufahrt zum Ausgangspunkt:mit PW über Bludenz, Schruns nach Partenen und auf der Silvrettahochalpenstrasse (Mautgebühr 11,50 Euro für PKW bis 5 Personen oder 3,00 Euro/Person bei Auffahrt mit Postbus) zur Bielerhöhe (Silvretta-Stausee)
Unterkunftmöglichkeiten:Berggasthof Piz Buin (Tel.:+43 5558 4231), Silvretta-Haus (Tel.:+43 5558 4246) oder Madlenerhaus DAV (Tel.:+43 5558 4234) oder Unterkünfte in Gaschurn und Partenen
Kartennummer:LK 1178 Gross Litzner

Wenn man aufgrund anhaltend schlechten Wetters und grosser Lawinengefahr keine aktuellen Touren anbieten kann, hilft nur der Griff in die Mottenkiste, in der ich jedoch nicht allzu tief kramen möchte. Allerdings gilt es, einen noch grossen weissen Fleck auf der hikr-Landkarte langsam zu schliessen: Das Hochmontafon führt -obwohl in unmittelbarer Nähe zur Schweizer Grenze gelegen und mit schönen Touren in meist solidem Fels lockend- noch immer ein stiefmütterliches Dasein.

Eigentlich sollte es ein Traumwochenende werden: Herrliches Herbstwetter, nochmals milde Temperaturen und ein Quartier auf 2.032 m als Ausgangsbasis für Touren zu Gipfeln, die neben interessanten Anstiegen vor allem beeindruckende Ausblicke in die Bergwelt der Silvretta und darüber hinaus garantieren. Nun, unvergesslich war das Wochenende dann in jeder Hinsicht - wenngleich nicht bei allen Beteiligten in ausschließlich positivem Sinne. Doch der Reihe nach...

Nachdem wir etwa zur Mittagszeit auf der Bielerhöhe eingetroffen waren, hielten wir uns nach dem Einchecken im Gasthaus Piz Buin nicht lange am wunderschön gelegenen, aber tagsüber vor allem an Wochenenden von (zu) vielen Tagesausflüglern, Töff-Fahrern und Reisebussen bevölkerten Silvretta-Stausee auf, sondern brachen gleich zu einer "kleinen" Nachmittagstour auf das Hohe Rad (2.934 m) auf - ein hervorragender Aussichtsberg, direkt über dem Silvretta-Stausee und somit für uns ideal gelegen!

Bereits nach wenigen Metern verliessen wir den Rundweg um den See auf der Ostseite des Silvretta-Stausees, und folgten dem markierten Steig in Richtung Wiesbadener Hütte bis zu P. 2352. Dort begann eine schier unglaubliche Verkettung unglücklicher Umstände:

Um den Weg abzukürzen und schneller auf die Südseite des Hohen Rads zu gelangen, folgte ich hier dem steilen Bachlauf, der vom kleinen See bei P. 2532 herunterführt, von dem der Anstieg zum Radsattel wieder auf markiertem Weg fortgesetzt werden kann. Dort wollte ich auf meine Begleiter warten, die noch ein Stück dem Wanderweg zur Wiesbadener Hütte folgten, um dann in einem Bogen auf markiertem Pfad -den erwähnten Bachlauf etwas höher querend- ebenfalls zur Südseite des Hohen Rades zu gelangen. Dummerweise travesiert dieser markierte Pfad die Westflanke des Hohen Rades bzw. dessen Ausläufer etwas unterhalb des Plateaus mit dem kleinen See, an dem ich wartete und so geschah es, dass meine Begleiter hinter meinem Rücken zum Beginn des steilen Anstiegs auf den Radsattel (2.652 m) marschierten, während ich -in der sicheren Annahme, sie kämen von Süden über den "Umweg" Wiesbadener Hütte- unentwegt auf den aus dieser Richtung kommenden Wanderweg starrte. Nach einer knappen Stunde kam mir die Sache dann doch seltsam vor, ich ging nun davon aus, meine Freunde seien in der Wiesbadener Hütte "hängengeblieben" und stieg zum Radsattel auf. Klar - wird jetzt so mancher denken, ist ja in Zeiten moderner Telekommunikationsmittel überhaupt kein Problem, man kann sich ja via Handy kurzschliessen und einen Treffpunkt abmachen. Nun muss man allerdings wissen, dass im gesamten Bereich um das Hohe Rad die Mobilfunk-Netzabdeckung derart schlecht ist, dass einem -auch im Notfall- das Handy überhaupt nichts nützt! 

Auch vom Radsattel aus waren die Kameraden mit dem Fernglas nirgends auszumachen, also bestieg ich noch den kleinen Gipfel (P. 2701) südöstlich des Radsattels (herrliche Aussicht auf die 3000er zwischen Bieltal und Jamtal) und lief einmal durch das schneebedeckte Blockgelände bis fast zur Radschulter (2.697 m) und zurück. Aber eben: Wäre ich gleich ganz bis zur Radschulter gegangen, hätte sich das Rätsel vorzeitig aufgelöst, so dauerte es nochmals eine halbe Stunde, bis ich abermals zur Radschulter aufbrach, wo wir alle unseren Augen kaum trauten, als wir uns dort am Einstieg zum Gipfel des Hohen Rads begegneten. Auf das nun folgende Wortgefecht, in dem natürlich jeder versuchte, seine Position zu verteidigen, möchte ich nicht näher eingehen... Irgendwie erinnerte mich das Ganze aber an die Fabel vom Wettlauf zwischen Fuchs (oder Hase) und Igel. ;-)

Während die Anderen auf eine Besteigung des Hohen Rads über den schneebedeckten und teilweise leicht ausgesetzten Steig (T4,I) durch die Ostwand verzichteten, liess ich es mir dann doch nicht nehmen, zum Gipfel aufzusteigen und die unbeschreibliche Aussicht in der Abendsonne zu geniessen. Nachdem die letzten "Gäste" für diesen Tag gerade abgestiegen waren, als ich aufstieg, konnte ich diese einzigartige Stimmung alleine geniessen, was zwar zum Einen schade war, da wir ja bereits die halbe Tour nicht gemeinsam bestritten hatten, zum Anderen aber auch etwas Spezielles hatte. Auf dem Abstieg war -insbesondere an den kurzen Kletterstellen- Vorsicht und Konzentration geboten, da der hartgerfrorene Schnee diesen ansonsten einfachen und jedem Trittsicheren zu empfehlenden Steig doch etwas unangenehm machte. 

Und nun zum weniger erfreulichen Teil der "Pleiten, Pech und Pannen": 

Auf dem nun vollständig im Schatten liegenden Abstieg von der Radschulter zum darunterliegenden grossen Geröll- und Blockfeld rutschte Jutta, nachdem wir uns hier etwas verstiegen hatten, auf dem Schnee aus und fiel so unglücklich mit dem Rücken auf eine Felskante, dass angesichts grosser Schmerzen und schlimmster Befürchtungen bis hin zu einer Wirbelsäulenverletzung an ein weiteres Absteigen zunächst nicht zu denken war. Wir befanden uns ca. 500 Höhenmeter über dem Silvretta-Stausee, der Abstieg zur Bielerhöhe wäre unter normalen Umständen in einer halben Stunde zu meistern gewesen. Glücklicherweise konnte unsere Begleiterin nach einer längeren Pause und einer ersten "Blitz"-Diagnose dann doch aus eigener Kraft vorsichtig zur Bielerhöhe absteigen. Eine Heli-Rettung hätte uns gerade noch gefehlt - zumal wir ja, wie erwähnt, kein Mobilfunknetz hatten und somit erst jemand hätte zum Stausee absteigen müssen!

Der Rest ist schnell erzählt: Noch am selben Abend wurde die bedauernswerte Bergkameradin in Galtür geröntgt. Der Arzt stellte einen glatten Bruch der 7. Rippe fest und verordnete entsprechende Schonung. Natürlich fiel damit der für den nächsten Tag geplante Übergang zur Tübinger Hütte mit Abstieg nach Gaschurn durch das Garneratal ins Wasser, was aber in dieser Situation sicher das kleinste Problem war. Nach längerer Diskussion beschlossen wir dann, nicht mehr in der Nacht heimzufahren, sondern am Nachmittag des nächsten Tages.

Zwischenzeitlich -das Unglück ist nun ein halbes Jahr her- ist der Bruch ohne Komplikationen vollständig verheilt und die Bergkameradin hat auch ihre Freude an den Bergen und dem Bergsport  nicht verloren, worüber ich sehr froh bin!

Was habe ich daraus gelernt:
 

  1. Eine Entfernung von der Truppe bzw. eine Aufteilung derselben sollte nur nach genauster Absprache und bei Ortskenntnis aller Beteiligten erfolgen 
     
  2. Man kann und sollte sich auch heutzutage nicht blind auf das Mobiltelefon verlassen
     
  3. Auch (oder gerade) im vermeintlich "einfachen" Gelände können sich schwere Bergunfälle ereignen

Tour mit Jutta, Stephan und Andi
  

Tourengänger: marmotta

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