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Tag 40: Neun Stunden Einsamkeit: Auf dem Sentiero delle Palete durch die nördliche Brentagruppe


Published by Nik Brückner , 1 October 2015, 12h01. Text and phots by the participants

Region: World » Italy » Trentino-South Tirol
Date of the hike:18 June 2015
Hiking grading: T4+ - High-level Alpine hike
Climbing grading: I (UIAA Grading System)
Via ferrata grading: PD
Waypoints:
Geo-Tags: I 
Time: 9:00
Height gain: 1390 m 4559 ft.
Route:19km
Accommodation:Die Rifugi Peller und Graffer

Im Sommer 2015 kamen Judith7 und ich auf einer Alpendurchquerung von Wien nach Monaco auch durch die Brentagruppe. Dort war ich als Kind schonmal gewesen, damals mit meinem Vater auf Klettersteigen unterwegs, und seit damals interessiert mich die nördliche Brenta: Nur eine einzige Hütte weit und breit, keine berühmten Gipfel, keine berüchtigten Routen, und deshalb völlige Einsamkeit. Nun wollte ich endlich dorthin!

Die Route unserer Alpendurchquerung war von Anfang an so angelegt, dass wir hier durchkommen: Von Bozen auf den Penegal, dann den ganzen Mendelkamm entlang auf den Monte Roen, Abstieg zu dem unglaublichen Kloster San Romedio, und dann hinauf zum Rifugio Peller (2022m), auf der nördlichsten Kanzel der Brentagruppe. Von hier aus würde es in einem Tag zum Rifugio Graffer gehen, je nach Quelle 10, 11 oder gar 13 Stunden Gehzeit. Das klingt sehr lang, ergibt sich aber einfach aus der Entfernung der beiden Hütten und aus den Schwierigkeiten am Weg. Wie sich herausstellte, ist diese grandiose Tour allerdings jede Mühe wert.

Mit diesen Zeitangaben im Rücken gingen wir morgens um 6:30 Uhr am Rifugio Peller los. Das erste, was wir dann mitbekamen, war, dass der Weg über den Monte Peller gesperrt war, also entschlossen wir uns schweren Herzens, außenherum zu gehen. Wie unbegehbar der Weg letztlich wirklich war, wissen wir nicht, vermutlich wären wir schon hochgekommen. Aber bei einer derart langen Tour geht man nicht schon zu Beginn ein zeitliches Risiko ein.

Also auf dem Fahrweg bergab, am Lago Durigal (1906m) vorbei, wo die ersten Kühe schon munter waren! Genauso wie unzählige Murmelis, die v.a. während der ersten Stunde unseren Weg gesäumt haben. Es geht, immer noch auf einem Fahrweg, um den Monte Peller herum hinüber zur Malga Tassulla (2090m) (in der Kompasskarte auch: Malga Tasullo). Das ist ein großes, langgestrecktes Almgelände östlich des Brentahauptkamms. Es zieht sich unterhalb der Gipfel Pellerot, Palon, Cima Cesta und Cima Nana entlang.

Bald verlässt man den Fahrweg. Auf einem schmalen Wanderweg geht es weiter nach Süden und das Almgelände verkarstet zusehends. Ca. eineinhalb Stunden nach dem Rifugio Peller gingen wir dann so langsam bergauf, und bald standen wir im Talschluss. Gegen Viertel vor neun gelangten wir schließlich an ein Geröllfeld, wo uns ein altes Holzschild informierte: "Sentiero Alpinistico Difficile". Das ist richtig: Ab hier ist die Route solo per esperti. Es gibt zwar Markierungen, die sind auch, naja, halbwegs okay, aber der Weg ist schlecht bis inexistent, kein Wunder, so selten wie er begangen wird. Kein Vergleich zu den berühmten Routen in der südlichen Brenta, die jeden Tag abgestaubt und poliert werden.

Also genau das richtige für uns!

Es ging also, immer nach Markierungen suchend, über Geröll hinauf zu einer senkrechten Felswand. Eine kleine, steile und enge Schlucht gewährt den Durchlass hinaus auf ein Karrenfeld. Sehr schön ist's hier - ich LIEBE Karst!

Oben geht es über das Karrenfeld hinüber und dabei ein paar Stufen hinauf. Man läuft hier wie durch Tetris. Vorsicht, Spalten! Die Ponte del Sospiro hilft über eine besonders große.

Auch hier oben muss man sich gut orientieren, damit man den Abstieg vom Karrenfeld nicht verfehlt. An der Cima Uomo geht es an einer Felswand hinunter, und drüben hinauf auf ein Grasband. Typisch Brenta hier! Das Gebiet ist ja berühmt für seine langen, waagrechten Bänder. Hier im Norden hat man da halt Gras.


Nun wanderten wir auf unterschiedlich schmalen Grasbändern um die Cima Uomo herum, senkrechte Felswände über und unter uns. Der Blick hinunter zum Tovelsee öffnet sich, es geht weit hinunter, allzu ausgesetzt wird es aber nirgends.

Gegen zehn kamen wir auf der Pra Castron di Tuenno an, wo wir erstmal eine Pause einlegten. Die Route ist herrlich, die Sicht war's ebenfalls, und wir wollten den Tag genießen!

Südlich der Pra Castron di Tuenno wird es dann wieder ernster. Q
uerungen im steilen Gras stehen an, der Weg ist zugewachsen und allenfalls ein schmales Schnürl, das kaum zu sehen ist. Markierungen im Gras sind selten, und so wird es schwierig, den spärlichen Trittspuren zu folgen. Wir tasteten uns voran, eine Markierung nach der anderen. Dass wir dabei noch einige Schneefelder überqueren mussten, machte es nicht leichter, denn so war die Route erst recht nicht zu sehen.

Dadurch machte es aber nicht weniger Spaß, im Gegenteil!  Wir waren bei unserer Alpendurchquerung so viel auf breiten Wegen unterwegs, da kam so eine Abwechslung gerade recht. Gegen Mittag kamen wir allerdings an eine Stelle, an der der Weg erosionsbedingt abgerutscht war, das im Steilgras zu umgehen, war ein bissl haarig (erosionsbedingt T5, ansonsten nicht schwerer als T4).

Die schwierigste Stelle stand uns allerdings noch bevor: Die Bocchetta delle Palete. Unsere App sagte: Aus dem Kar davor bis hinauf in die Scharte 15 Minuten. Dass uns hinauf sehr steiles Schottergewühle erwarten würde, wusste die App allerdings nicht - wir haben 40 Minuten gebraucht.

Wir wussten, dass uns nach der Scharte ein Klettersteig erwarten würde. Der Plan war, sich diesen zunächst einmal anzusehen, und die Stelle im Zweifelsfall über den Passo di Val Gelada zu umgehen. Doch als wir endlich oben ankamen, war klar, keine zehn Pferde würden uns da wieder hinunterbringen. Also rein in den Klettersteig!

Aus der Bocchetta delle Palete (2332m) geht es in einer schotterigen Steilrinne hinunter. Seile dienen hier als Handlauf. Gleiches gilt für die nun folgenden ausgesetzten Querungen, die man luftig am Seil oder vorsichtig mit Stöcken geht. Es folgt der dritte Abschnitt: Es geht über mehrere senkrechte Studen tief hinunter. Gute Eisenklammern entschärfen die Passagen. Unten, im letzten schwierigen Abschnitt, gibt es keine Seile mehr, hier ist es recht bröselig und ungut zum Gehen. Ausgesetzt ist's schon, im Ganzen würde ich den Klettersteig aber nicht schwieriger als WS/T4+ bewerten.

Nun geht es unter den Ostwänden von Corno di Flavona und Pietra Grande weiter Richtung Grostèpass. Auf einer schönen Wiese unterm Val delle Giare haben wir nochmal eine ausgiebige Pause eingelegt. Der Blick zum Tovelsee und hinüber zu den schneebedeckten Brentagipfeln lässt einen hier nicht einfach durchlaufen!

Danach folgt noch ein leichter, aber langer Marsch über die Pra Castron di Flavona zum Grostèpass, die schöne 2898 Meter hohe Cima Grostè immer im Blick. Wir atmen auf, als wir gegen 17Uhr endlich am Pass (2450m) ankommen! Ein wunderschöner, aber auch langer Tag geht zu Ende. Von hier sind es noch knapp 20 Minuten zum Rifugio Graffer (2261m) hinunter.

In der Hütte wurde noch kräftig umgebaut. Sie war eigentlich noch zu, aber wir wurden sehr nett aufgenommen und mit einem einfachen, aber leckeren Abendessen versorgt. Danach fielen wir müde in die Betten.


Fazit

Großartige Tour durch typisches Brentagelände - aber grüner als das, was der Brentatourist so gewohnt ist. Mir hat das landschaftlich weit besser gefallen als die zentrale Brenta. Wunderbar ist die völlig Einsamkeit, die sich aus den langen Wegstrecken ergibt. Wer hier läuft, sollte konditionell gut drauf sein, oder muss in einer der wenigen Biwakschachteln übernachten die es in der Gegend gibt. Unsere Gehzeit betrug 9 Stunden, es geht also schon in einem Stück.
Die Wege sind nicht im besten Zustand, aber das macht gerade den Reiz der Tour aus. Dieser Tag gehört zu den absoluten Highlights unserer 103tägigen Tour!

Hike partners: Nik Brückner, Judith7


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