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el viento viene el viento se va ...


Published by amphibol , 24 May 2015, 11h56.

Region: World » Switzerland » Grisons » Oberengadin
Date of the hike: 3 April 2015
Mountaineering grading: PD
Ski grading: PD+
Waypoints:
Geo-Tags: CH-GR 
Time: 4 days
Height gain: 3400 m 11152 ft.
Height loss: 3800 m 12464 ft.
Route:Julierpass, la Veduta - Fuorcla d'Agnel - Piz Traunter Ovas - Vadret d'Err, Fuorcla da Flix - Piz d'Agnel - Vadret Calderas - Tschima da Flix
Access to start point:cff logo Julier, La Veduta - Die Fahrt führte uns von Thun via Bern, Zürich nach Chur. Dort umsteigen auf Postautolinie 182 St.Moritz via Julierpass (2h Postautofahrt).
Access to end point:[sbb, Spinas] Man beachte den etwas niederfrequenten Verkehr in Spinas (Druckknopf Halt auf Verlangen am Bahnhof).
Accommodation:Am Julierpass: La Veduta Chamanna Jenatsch: www.chamannajenatsch.ch
Maps:Julierpass

el viento viene el viento se va

Wartend in der warmen Stube unter einem knatternden Dach, Niklas – der Sturm und eine positive Wendung.

berggiis und ich hatten Ferien – endlich (!) – und diese wollten wir so richtig auskosten. Ski’s, Felle, Harscheisen, Helm, Klettergurt, Skischuhe, Seil, Pickel, Lawinensonde, Schaufel und Proviant hatten wir bereits parat. Bereit für einen Aufbruch in die Berge waren wir.

Die Woche zuvor war wie ein Märchen, es herrschte durchs Band weg Traumwetter. Dadurch war die Vorfreude umso grösser! Die ganze Woche sass ich in Fahrtrichtung links und schaute mir ab Thun zuerst die Stockhornkette, danach die Gantrischgruppe an. Nach dem Belpberg und der leichten Wendung des Zuges nach Westen weitet sich der Blick, der Niesen und die Berner Hochalpen erscheinen; ein Berg nach dem anderen kommt zum Vorschein, bis sie im Dickicht der Besiedlung vorerst mal wieder verschwinden. Doch der geneigte Alpinist darf sich auch im kommenden Abschnitt auf einen weiteren Blick, und dazu noch auf einen der wohl schönsten auf die Alpen freuen. Ungefähr auf halber Strecke des Lorraineviadukts offenbart sich einem nämlich  – in dieser Woche im Speziellen jeden Morgen früh ein ungetrübter Einblick in die Berner Alpen, von Wetterhorn bis Doldenhorn! Der Blick schweift jeweils vom Münster in Richtung die Aare herabfallende Altstadt von Bern weiter zum Belbperg und in die Weite zu den weissen Alpen, deren Gipfel von links einfallend in gelb-oranges Sonnenlicht getunkt werden.

Mit diesen guten Voraussetzungen sind wir am Donnerstag nach Hause gekommen und haben die Wetterberichte für das Engadin studiert. Dort wollten wir nämlich hin. Er versprach vorerst mal nichts Gutes für den Freitag, auch nicht für den Samstag. Sofort wurden andere Regionen der Schweiz von unserem Radar aufgenommen. Doch auch da, im Wallis Regen bis 2000, Wind in der Westschweiz, im Südwallis miserabel und in der Innerschweiz ebenfalls. Das bedeutete für uns zuerst mal abwarten, andere Sachen, die bei normalen Arbeitswochen ansonsten zu kurz kommen, erledigen.

So wurde es Montag und so wurde es auch Dienstag. Das Gefühl war jenes – ohne glücklicherweise genau zu wissen, wie sich das in der Realität anfühlt – als wenn das Wetter uns eine Zwangsjacke angezogen hätte. Wir verschoben unsere Reservierung in der Chamanna Jenatsch und meinten, wir würden uns wieder melden. Derweil tobte das Orkantief Niklas – in unserer Dachwohnung knarrte es, der Regen peitschte im vom Wind vorgegebenen Rhythmus an die Hausfassade und wir wurde immer ungeduldiger. Am Mittwoch arbeitete ich gar im Homework-Modus, in Vereinbarung mit meinem Vorgesetzten und im Tausch des Mittwochs mit dem kommenden Dienstag. berggiis bemerkte auf einmal, dass die Meteorologen am Karfreitag für den Julierpass Sonnenschein vermeldeten. Wir liessen uns nicht zweimal bitten und taten unsere Nachreservation.

Julierpass – Fuorcla d’Agnel – Piz Traunter Ovas 3152m – Chamanna Jenatsch

[3. April, Karfreitag, Tag 1: Julierpass 2200m (Hospizio La Veduta) – durch das Val d’Agnel -Fuorcla d’Agnel 2986m – Piz Traunter Ovas 3152m – Abfahrt Val d’Agnel zur Chamanna Jenatsch. Zeitbedarf: Gut 5h mit ÖV auf den Julierpass, dann 5h draussen bis zur Hütte.]

Kurz nach 5:00 Uhr verabschiedeten wir uns von Simba unserer Katze in Richtung Thun. Unsere Rucksäcke hatten schon tagelang in der Wohnung gestanden, parat für die Abreise ins Bündnerland. Deshalb waren wir vorerst ein bisschen unsicher unterwegs, da wir uns nicht mehr ganz im klaren waren, was wir eingepackt hatten.

So kam es, dass wir uns in den Ostern-Reisestrom begaben, der erstaunlicherweise ganz zahm war. Die ÖV-Verbindung auf den Julierpass, also durch die halbe Schweiz, ist dermassen gut, dass wir es nur knapp schafften, in Chur ein Brot zu kaufen. Und auch auf der langen Busfahrt von Chur über Tiefencastel bis auf den Julierpass kam keine Langeweile auf. Zuerst staunten wir über die Schneeberge, welche der Sturm die vergangenen Tage gebracht hatte – die Strasse war weiss bedeckt und trotz des kurvenreichen und topographisch interessanten Kurses liess sich der Buschauffeur davon nicht beeindrucken. Sicher 60cm Neuschnee hatte es hier gegeben. Irgendwann vor Tiefencastel nahm die Schneemenge wieder ab. Tiefencastel packte unsere Aufmerksamkeit von neuem, da wir hier, vom Julierpass herkommend, vor einem knappen Jahr en vélo (klick) durchgefahren waren. Wir erinnerten uns noch gut an die Wetterkapriolen in dieser Region – Regen, feuchtheisse Hitze, Gewitter und Hagel. Doch diesmal dominierte ein strahlend blauer Himmel!

Kurz nach 11:00 Uhr auf dem Julierpass angekommen, liefen wir eine halbe Stunde später mit den Ski’s ab Richtung Chamanna Jenatsch. Wir kamen gut voran, folgten einer angelegten Spur. Die Dicke und Qualität der Schneedecke variierte innerhalb kurzer Distanzen extrem. Über die Kuppen war die Unterlage bis auf die alte Schneedecke eisig gefroren, an anderen Stellen betrug die Schneedecke 60-80cm. Dies war das Resultat der starken Winde und Windböen des Sturms der letzten Tage, denn dies hatte zu starken Schneeverfrachtungen geführt. Wir liefen stetig durch das breite Val d’Agnel. Ungefähr beim Punkt 2569 steht ein eingeschneiter Wegweiser – erst von dort konnten wir die Fuorcla d’Agnel sehen. Im Schlussanstieg vor der Fuorcla nahm der kalte Wind zu und auch die Steigung, wobei diese immer unter 30° bleib. Oben auf der Fuorcla war kein Ort zum Verweilen, wir wollten schnellstmöglich aus dem kanalisierten Windstrom verschwinden und fuhren mit den Fellen an den Ski’s erstmals ein paar Meter ab. Über das freigeblasene Geröll zogen wir die Bretter kurz ab und stiegen ein paar Schritte ab. Am Westhang des Piz Surgonda traversierten wir mit Harscheisen, bis wir die Aufstiegsroute zum Piz Surgonda erreichten. Als wir einen ersten Blick auf die beiden Gipfel der Piz Surgonda erhaschten und beim zweiten Blick die bedrohliche Wächte, welche die beiden verband, planten wir kurzfristig um und steuerten den Piz Traunter Ovas an. Der kalte Wind wurde immer stärker und relativ starke Windböen bliesen uns Schneekörper ins Gesicht. Nach einem kurzen, aber steilen und abgeblasenen Zwischenstück über 35° Hangneigung flacht der Aufstieg oben nochmals ab. Für die letzten 40 Meter auf den Gipfel machten wir ein Ski- und Rucksackdepot. Hier war der Wind unerbärmlich, an ein Ausziehen der Handschuhe war nicht zu denken. Beim Abfellen mussten wir uns gegenseitig unterstützen, sonst hätten wir die Felle nur zusammengeklebt wie eine Handorgel in den Rucksack retten können. Über Nacht sollte berggiis von diesem Gipfelerlebnis Frostbeulen davontragen.

Die Abfahrt war zuerst eispickelhart, gefolgt von einem wunderbaren Pulverhang, welcher uns für vieles entschädigte. Die Hütte war dann bereits in Sichtweite und wir fuhren bewusst an der nicht direkten Linie ab, so dass wir für den Schlusshang zur Hütte nochmals anfellen mussten. Doch die vielen kleinen bis mittleren spontanen Lawinenabgängen an den steilen Flanken des Ostarms des Piz Picougl hatten uns beeindruckt.

In der Chamanna Jentasch gab es endlich ein Wiedersehen mit einem Nepal-Reisegspändli, die wir am Manaslu (klick) kennen lernen durften. Sie arbeitet während der Wintersaison als Hüttengehilfin in der Jenatsch. Kurz nach der Material- und Körperpflege gab es bereits Abendessen. Die frische Gemüsesuppe, Spaghetti mit Tomaten und Ruccola und das Schoggi-Mousse mundeten sehr.

Hüttentag in der gemütlichen Chamanna Jenatsch

[4. April 2015, Tag 2: Hüttentag!]

Natürlich liessen wir das Frühstück nicht sausen und erschienen um 7:30Uhr als Letzte am Frühstückstisch. Gut hätten wir noch länger schlafen können. Wir benieden unsere Hüttengspändli nicht, welche sich nach dem Frühstück dick eingepackt und etwas zögerlich nach draussen wagten. Der Wind war noch da und die Sicht mässig gut. berggiis war froh, dass unser Hüttentag nicht in Gefahr war und sie heute in der warmen Stube bleiben konnte. Mitten in der Nacht war sie mit einem schmerzhaften Nadelstechen im Gesicht aufgewacht und sie fühlte, wie Nase, Lippen und das Kinn anschwollen. Tags wurden die Blasen grösser und die Frostbeule, wohl Erfrierungen zweiten Grades, waren sehr berührungsempfindlich. Doch so lange nichts schwarz wurde war sie überzeugt, dass die Frostbeule ohne Narbe wieder abheilen würde.

So stand an diesem Tag Gesichtspflege, lesen, Tagebuch schreiben, Tourenplanung, Käse-Rösti essen, Kaffee und Kuchen im Vordergrund.

Versuch am Piz d’Err

[5. April 2015, Tag 3: Vormittags 8:45 – 11:15, nachmittags 12:15 – 16:00: Chamanna Jenatsch, Vadret d'Err, Fuorcla da Flix, Piz d' Agnel, Vorgipfel]

Die dichte Wolkendecke wollte einfach nicht aufreissen, auch nach dem zweiten Kaffee nicht. Zusammen mit den anderen Tourengeher wurde gerätselt. berggiis schlug erstmals die Karte auf, obwohl die anderen meinten, es sei zu früh, um nach einer Alternativtour zu suchen. Alle an unserem Tisch wollten heute den Piz d’Err angehen, insgesamt 8 Leute waren wir.

8:45 Uhr klickten wir in unsere Skibindungen ein. Die Sicht war mässig gut, die Temperatur und der Wind akzeptabel. Mit gemächlichen Schritten starteten wir in unseren kleinen Gruppen, wir als letzte des Tages. Denn die Hoffnung, der prognostizierte Wetterbericht würde Realität werden, war gross. Faszinierende Lichterspiele begleiteten uns an diesem Tag – feine Sonnenstrahlen fanden manchmal kurzzeitig einen Weg durch weniger dichte Wolkenschichten. Mild war es heute, kaum Wind, kalt nur wenn man stehen blieb. Ohne grosse Abweichung entfernten wir uns in nordwestlicher Richtung von der Hütte, drehten erst kurz vor dem Gletscherabbruch des Vadret d’Err nach Westen. Einfaches, gut eingeschneites Gelände trennte uns von der Hütte – diese befand sich stets in unserem Rücken und wir waren uns sicher, dass wir auch bei schlechter Sicht problemlos zurückfinden würden. Ausserdem hatten wir gestern ein paar Koordinatenpunkte bei meiner Uhr eingegeben, für den Notfall. Bereits auf den ersten Metern waren wir erstaunt über die Menge des Neuschnees. Je nach Gelände hatte es letzte Nacht 20-40cm Neuschnee gegeben, dies entsprach so gar nicht den Wetterprognosen. Dies war dann beim Anstieg im doch relativ steilen Gletscherabbruch auch der Grund, warum wir umkehrten. Auf Ski-Modus umgerüstet, Seil eingepackt und Sturzhelm aufgesetzt, hatten wir nach den ersten Schwüngen bei relativ guter Sicht die Enttäuschung vergessen. Bei diesen Schnee- und Wetterbedingungen gab es einfach nichts zu holen. Doch, die zu kurz geratene (wie immer) Pulverabfahrt war berauschend, in der Hütte waren wir zufrieden und motiviert, etwas später doch noch in eine andere Richtung des Gebietes loszuziehen.

Nach einem kurzen Picnic mit warmem Tee und Kaffee in der Hütte waren wir diesmal deutlich motivierter und zielstrebiger unterwegs als noch am Morgen. Denn es war bereits 12:15Uhr und wir hatten noch ein Ziel. Nicht alle mögen das, aber eine neue Spur in Pulverschnee anzulegen, ist einfache ein gutes Gefühl. Erst als erste Schwächegefühle in den Beinen von berggiis bemerkbar waren (wohl auch wegen dem hohen Tempo) durfte ich spuren. Aufsteigend auf dem Vadret d’Agnel war es richtig mild, auch wenn die Sonne in weiter Ferne war. Lichterspiele brachten in der düsteren Athmosphäre Abwechslung. Wir fühlten uns im relativ flachen Gelände sicher unterwegs und konnten den Nachmittagsausflug geniessen. Erst auf der Fuorcla da Flix waren wir erwartungsgemäss wieder im unangenehmen Windkanal angekommen. El viento viene, el viento se va..(Manu Chao) summten wir vor uns hin. Die Ski’s drückten wir in den Schnee und zu Fuss, leider ohne Steigeisen im Gepäck (die waren zu Hause), ging’s den Gipfelgrat hoch. Erst kurz vor dem Gipfel Piz d’Agnel kehrten wir um, denn die plötzlich angreiffenden Windböen drohten uns aus dem Gleichgewicht zu bringen und das instabile Geröll unter dem Pulverschnee und zeitweise eisige Schichten boten uns keine gute Unterlage. Der Abstieg, steil und ausgesetzt liess etwas Hochtourenfeeling aufkommen.. Beinahe hatten wir uns schon an die hier vorherschende Unterlage gewöhnt – Pulver! Im Abfahrtsrausch konnten wir nicht bremsen und fuhren doch bewusst bis in den Talboden, so dass wir zur Hütte nochmals 20 Minuten steil ansteigen mussten. Doch der Umweg hatte sich gelohnt!

Fazit des Tages: auch Schlechtwettertage haben etwas zu bieten, auch wenn man hie und da zum Umkehren gezwungen wird.

verflixter Wind am Piz Tschima da Flix

[6. April 2015, Tag 4: Start 7:45 – 11:45 draussen unterwegs: Chamanna Jenatsch, Vadret Calderas, Tschima da Flix Osztgipfel]

Unsere ganze Hoffnung auf optimale Skitouren-Bedingungen hatten wir auf diesen Ostermontag gesetzt. Zwei Gipfelziele hatten wir in unsere Köpfe gesetzt – Tschima da Flix und Piz Calderas. Das Thermometer zeigte bei Abmarsch -15° C, doch die Sonne (!) schien mit voller Kraft.

Nach den vergangenen Tagen natürlich perfekt an diese Höhe akklimatisiert, waren wir bereits auf den ersten Metern in zügigem Tempo unterwegs. In uns brennte das Feuer, der stahlblaue Himmel motivierte uns zusätzlich. Einmal mehr kamen wir zur Erkenntnis, dass die verschneite Hochalpinlandschaft ebenfalls reizende Bilder abgibt, auch wenn sich Farbtöne auf ein paar wenige beschränken, sich jedoch mit vielen Kontrasten der Steine, Felsen, Spuren und dem Himmel präsentieren. Nach ca. einer halben Stunde bogen wir von der gestrigen Spur Richtung Westen zum Vadret Calderas ab und mit der zunehmenden Steigung drehten wir nach Süden und weiter nach Südosten ab. Bisweilen war die Steigung noch moderat und wir fühlten uns trotz dem vielen, nicht sehr gut verfestigten Schnee sicher unterwegs. 



Bald machte sich unser treuer Kollege, el viento, schon wieder bemerkbar. Unterhalb des Gletscherabbruchs des Vadret Calderas drehten wir wieder nach Südwesten, die Steigung nimmt da markant zu. In diesem Gelände hinterliessen wir noch die typische Skitouren-Spur, natürlich in Zick-Zack-Manier. Unterhalb der Nordwestflanke des Piz Picuogl und Tschima da Flix wurde der permanente Wind wieder bissig und die plötzlichen Böen tückisch. Die Flanke war teilweise vom Wind hart gefroren, abwechselnd mit den selteneren Triebschneeansammlungen in den kleinen Rinnen. Oft hinterliessen wir nur zwei feine, von den Skikanten eingekerbten Spuren, die sicher 5 Minuten später wieder verschwunden waren. Schon frühzeitig hatten wir die Harscheisen montiert und waren deshalb auch in diesem Gelände sicher unterwegs, doch wir durften die Umgebung nicht aus dem Auge lassen, da wir den harten fliegenden Triebschnee als Vorbote auf die nächste Böe nicht verpassen wollten, um nicht überrascht zu werden. Irgendwie kamen heute auch die Gortex-Kleider ans Limit, den der Wind schien halbwegs durch die ultrafeinen Poren des Matierals durchzudringen. Als wir auf der harten Piste die zwei letzten Spitzkehren unterhalb des Skidepots der Tschima da Flix gemacht hatten, platzierten wir unsere Ski’s bedacht unterhalb des felsigen Aufstiegs und drückten ebenfalls den Rucksack in den Schnee – wir wollten möglichst aerodynamisch unterwegs sein, obwohl wir alleine ohne Ausrüstung Angriffsfläche genug waren. Mit den dicken Handschuhen und dem Pickel in der Hand schlug ich mit den Skischuhen gute Stufen in den harten Schnee und wir kamen gut voran. Der Wind peitschte dermassen, dass wir unser gegeneinander Schreien zwecks Kommunikation nicht verstanden. Später sagte berggiis zu mir, dass sie sich so ungefähr eine Besteigung eines 7000er’s vorstellen würde. Leider hatte sie zuvor vergessen, die Skibrille anzuziehen und so kam es, dass ihre Sonnenbrille von den Tränen durch den Wind auf der Innenseite zugefroren war und sie beinahe nichts mehr sehen konnte. Im Abstieg hatte sie als Orientierung eine Hand an meinen Rucksack gelegt, um den Abstieg noch zu finden. Zurück beim Skidepot waren wir uns angesichts der grenzwertigen Wetterbedingungen einig, dass wir direkt in die Hütte zurückkehren würden. Der Aufstieg zum Piz Calderas wäre uns ohnehin heute zu heikel (weil um bis 40 Grad) gewesen.

Unten auf dem Gletscherboden angekommen, waren wir bereits dem Windkanal entflohen und die erste Wärme durch die Muskelarbeit der ersten paar Schwünge hatte uns erreicht. Der Kälteschock war überstanden! Doch da unsere Skifahrkarriere erst 3 Monate alt war, waren wir sehr bestrebt, unversehrt wieder unten anzukommen. 

Val Bever

[7. April 2015, Tag 5: 8:00 – 11:40 auf den Ski’s, dann 5:42 mit dem ÖV nach Hause unterwegs]

11:23Uhr stand neben dem Ortsnamen “Spinas” auf der ausgedruckten Karte, auf welche auf zwei Papieren das ganze Val Bever topographisch abgebildet war. Dies war die Uhrzeit, an welcher der Zug nach Chur abfuhr und diesen wollten wir erreichen, da berggiis heute noch ein Nachtdienst (Arbeit) erwartete.
Unser Nepal-Reisegspändli begleitete uns auf der Rückreise durch das Val Bever. Ein Blick auf die Karte hatte schon gezeigt, dass heute keine längere Abfahrt auf uns wartete. Doch das langezogene Tal hatte uns irgendwie gereizt und wir scheuten den längeren Abstieg mit angefellten Ski’s nicht.

Nach einer kurzen Abfahrt im Pulverschnee beinahe bis auf den Talboden, etwas in der Talflanke am linken Flussufer des Beverin, fellten wir bereits an und fingen mit dem Berg- und Talabstieg an. Mal ging’s mit zögerlichen Schritten bergauf, mal im Skating-Stil tendentiell bergab. Nach knapp einer Stunde vernahmen wir das knattern von zwei Helikoptern, die schnell und tief über uns hinwegflogen. Wir blieben stehen und beobachteten die Umgebung. Wir hatten kein lawinenverdächtiges Geräusch gehört. Der Rega-Heli kam zurück zu uns und flog ganz nah über uns, wohl um nachzufragen, ob wir wüssten, wo was passiert sei. Doch wir konnten ihnen nicht weiterhelfen. Unsere Beine waren längst weich geworden und wir dachten an unsere vier Tischgspändli, die heute morgen Richtng Piz Jenatsch losgegangen war – dort, wo die Helis nun hinter dem Bergkamm verschwunden waren. Wir hofften ganz fest, dass niemandem etwas passiert war. Im online Hüttenbuch der Chamanna Jenatsch ist im Bericht Berg- und Talfahrt der Tag des 7. Aprils aus ihrer Sicht beschrieben.

Mit unsicheren Schritten machten wir uns wieder auf den Weg, in Gedanken immer noch an den Vorfall. Das Val Bever ist ein idyllisches, einsames Tal, welches sich in prächtigem Winterkleid präsentierte. Nur ein paar Hasenspuren waren auszumachen, welche sogar zur Überbrückung des noch grösstenteils zugefrorenen Flusses Beverin auch lieber die Holzbrücke benutzten, um nicht kalte Füsse zu bekommen.

Ich musste unterwegs noch eine 2km Zusatzschlaufe drehen, da ich meine Hochtourenjacke verloren hatte. Ausserdem hatte uns der Heli-Vorfall irgendwie aus dem gewohnten Rhythmus gebracht. So kam es, dass wir 15 Minuten zu spät beim Bahnhof in Spinas ankamen, dem Bahnhof, der einem in der Winterlandschaft wie eine Fata Morgana erscheint. Aber es war halb so schlimm. Wir hatten bisher einen schönen Tag gehabt und uns war nichts passiert, das war das Wichtigste!

Am Bahnhof Spinas, in the middle of nowhere, vergingen die zwei Stunden wie im Flug. Endlich konnten wir uns noch entspannt unterhalten – es gab von den letzten Monaten noch einiges zu berichten. berggiis hoffte einfach, dass die ÖV-Verbindungen durch die halbe Schweiz zurück nach Hause klappen würden, damit ich es rechtzeitig zur Arbeit schaffen würde. In Samedan reichte es noch für einen Express-Kaffee zurück in der Zivilisation, dann mussten wir uns schon wieder von unserem Nepalreisegspändli verabschieden. Wir verblieben mit einer Abmachung für eine Bergtour im Sommer, irgendwo in der Schweiz.

Zufrieden, aber doch irgendwie geschafft von den letzten Tagen sassen wir im Zug, doch mit ausruhen war nichts. Die Durchsagen im Zug weckten unsere gedämpften Lebensgeister und mit grosser Begeisterung waren wir dann mit der Albulabahn unterwegs, welche zwischen Thusis und St.Moritz verkehrt und zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Auf der 62km langen Strecke überquert die Bahn 144 Brücken und durchfährt 42 Tunnels sowie Galerien. Wir wechselten ständig von einem Zugabteil zum anderen, um die beste Sicht nach draussen zu haben. Glücklicherweise war der Zug nur wenig ausgelastet.

Spätestens im Zürich ordneten wir uns in den normalen Pendlerverkehr ein, und schafften es planmässig nach Hause. Nach auspacken, duschen, essen und kurz Beine strecken rief für berggiis bereits die Nachtschicht im Inselspital. Ich sage da nur Chapeau! 
 


Hike partners: amphibol, berggiis


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Comments (4)


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simba says: Kleine Hikr-Welt ;)
Sent 24 May 2015, 12h11
Servus,
glaube wir saßen am Abend des Ostersonntag am gleichen Abendessens-Tisch und am Ostermontags-Morgen auch Frühstücks-Tisch. Ich war als Einzelgänger am rekognoszieren für eine Sektionstour unterwegs, habe zwischendurch am Tisch mit 4 netten Schweizern gewürfelt und hatte mir leider arg Augen und Gesicht verbrannt (in den 30Min Sonne, die es vllt. gab).
War am 6. (Ostermontag) dann am Piz Agnel und habe mir noch überlegt, ob es ev. am Tschima da Flix weniger windig und a....kalt gewesen wäre - jetzt weiß ich es ;)
Danke für den tollen Bericht, der mir meine eigenen Kälte- und Windleiden nochmals in Erinnerung gerufen hat (habe in Bolivien auch an hohen Berge bisher nie so gefroren :D)
Beste Grüße
Si

amphibol says: RE:Kleine Hikr-Welt ;)
Sent 25 May 2015, 15h53
Servus simba
ich mag mich an dich gut erinnern. Du bist jeweils - Nachtessen wie Frühstück - direkt neben mir gesessen! Ohja die Kälte war definitiv krass.. Die Tschima da Flix würde sich für eine Sektionstour sicher empfehlen. Sollten die Mitglieder sehr gerne Ski fahren, dann würde ich euch dann aber die Abfahrt über den Vadret Calderas empfehlen, das ist wunderschön!

Wer weiss, auf ein ander Mal, die Welt ist klein.. :-)
Viele Grüsse
amphibol

Chüderas says: el viento viene el viento se va ..
Sent 24 May 2015, 12h13
... por la carretera.
ist mir beim laufen auch schon oft nachgelaufen :)

amphibol says: RE:el viento viene el viento se va ..
Sent 25 May 2015, 15h57
:-) das war jetzt nicht das erste mal, dass ich Manu Chao sang, aber es war wiederum sehr passend.. :-)
Viele Grüsse!


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