Traumtour: Wildspitze 3770m Nordostgrat


Published by alpensucht , 6 August 2016, 12h26.

Region: World » Austria » Zentrale Ostalpen » Ötztaler Alpen
Date of the hike:27 July 2016
Hiking grading: T3 - Difficult Mountain hike
Mountaineering grading: AD
Climbing grading: II (UIAA Grading System)
Via ferrata grading: PD-
Waypoints:
Geo-Tags: A   A-T 
Time: 9:00
Height gain: 1000 m 3280 ft.
Height loss: 1000 m 3280 ft.
Route:Hütte - Rofenkarferner - Riesenwechte - Nordostgrat - Nord- u. Südgipfel - Mitterkarjoch - Hütte ca.

Dem heutigen Tag voraus ging eine wunderschöne Tour am Vortag über den Ötztaler Urkund. Auch jene Tour habe ich genau wie die heutige seit mehreren Jahren auf dem Zettel und hege große Vorfreude, dass die Chancen auf die Durchführung recht gut stehen. Wir zwei funktionieren nun gut in der Seilschaft und sind aufeinander abgestimmt. Der Zugang über den Gletscher zum Nordostgrat konnten wir einsehen und wir haben uns angefangen zu akklimatisieren.
Sofern wir ein angemessenes Gehtempo veranschlagen, können wir uns heute trotz der regnerischen Prognose für nachmittags die Wildspitz-Überschreitung zutrauen, obwohl Dirk bisher nie zuvor Firn/Eis über 40° gegangen ist.
Für ihn ist ein wichtiger mentaler Faktor zur Motivation, dass wir am Einstieg in den Grat auch der nördlichen Umrundung der Wildspitze folgen können (Spuren liegen laut Bergführer) und eine der leichteren Routen wählen können.


Zustieg und Gletscher bis zum Steilaufschwung  T3, L+, 20°, 2h 20min
Kurz vor 5 Uhr morgens verlassen wir wieder voller Energie unsere hochgelegene Hütte. Erneut werden in etwa ein bis zwei Stunden wohl mehr als 50 Leute den Normalweg auf die Wildspitze unter die Füße nehmen. Da weniger Wolken als am Vortag das morgendliche Licht verschleiern, scheint es um die gleiche Zeit wie am Vortag etwas heller zu sein. Die Lampen knipsen wir nach wenigen Minuten aus.

Am Einstieg gilt es wieder keine Zeit zu verlieren, jede Sekunde sollte für gezielte Handgriffe genutzt werden. Heute führt Dirk den ersten Abschnitt auf dem Rofenkarferner. Wir halten uns weit links im Firn auf der "Autobahn", die gestern die beiden größeren Jugendseilschaften im Abstieg vom Urkund mit den einheimischen Bergführern Martin und Andi gespurt haben. Diese Route ist deutlich weniger spaltenreich und etwas flacher (im Vgl. zu der am Vortag).
Wir halten auf die Felsinsel (P. 3468m), die man auf dem Normalweg zum Urkund ostseitig (rechts herum) umgeht. Kurz davor zweigt die Route Richtung Einstieg des Nordostgrats halbrechts ab und hält auf eine Graterhebung (P. 3552m) nordwestlich vom Rofenkarjoch, bzw. auf die Einsattelung zwischen diesem und der davon südsüdwestlich gelegenen Riesenwechte (für Ostalpenverhältnisse).
Auf etwa 3350m beginnt das Gelände sich deutlich aufzusteilen. 7:15 Uhr.

Zugang zum Nordostgrat, NO-grat zum Nordgipfel  ZS, bis 50° Eis/Firn, 3h 10min
Nun steilt der Firn (mit kurzen blanken Passagen oder nur mit dünner Auflage) bis 40° auf. Noch befinden wir uns links unterhalb der weithin sichtbaren Riesenwechte. Wir gehen ziemlich direkt gerade empor bis die Firnschicht wieder stärker wird.
Hier wird klar, dass die letzten beiden Nächte etwas Neuschnee gebracht haben müssen (10-20cm). Dann spure ich rechts diagonal bis auf Sockelhöhe der gigantischen Woge und schließlich waagerecht (ca. 45°, oberflächlich teils etwas aufgeweicht) hinüber direkt unter das Eisdach. Wir könnten auch viel weniger mühsam zum Grateinstieg weiter rechts gelangen (mutmaßlich max. 30°), doch ist es so spannender und spektakulärer.
Wir benötigen einige Zeit diesen sagenhaften Ort auf uns wirken zu lassen und um Fotos zu schießen. Wie viele Jahrzehnte, ja sogar Jahrhunderte brauchte es, diese urgewaltigen Eismassen aufzutürmen, geformt von Unwetter, Sturm und Hitze?
Dann bauen wir einen Standplatz am rechten unteren Ende im steilen Eis des Wechtenansatzes und ich balanciere vorsichtig hinaus auf den schmalen Firnsims, unter dem das Gelände bis über 50° abfällt. Nach einigen Metern setze ich eine Zwischensicherung um den Pendler in den Stand zu vermeiden. Zwei Eisschrauben für den oberen Standplatz habe ich noch - doch nur weil wir noch zwei Schrauben in der Hütte ausgeliehen haben (3€ pro Stück und Tag)! Die aufgetürmten Schneemassen links von mir wölben sich scheinbar etwas nach außen, so dass ich extrem nahe dran bleiben muss um das Gleichgewicht halten zu können. Der Pickel hält links gar nichts, da es sich um losen, weichen Schnee ohne festen Grund handelt.
Erinnerungen an gewisse ausgesetzte Felsbänder mit bauchigem Sandsteinaufsatz kommen mir hoch von vielen Klettertouren im Elbsandsteingebirge.
Es ist gut, dabei die Nerven behalten zu können. Der Pickel stochert rechts voraus, der Stock hält links das Gleichgewicht, das der Rucksack oder das Material am Gurt durchaus plötzlich stören können und der Oberkörper schmiegt sich nahe an den Schneewulst. Rund 8m nach der Zwischensicherung trete und wühle ich drei Stufen links in den losen, senkrecht getürmten Schnee (zählt das auch als Wechte?) und steige leicht angespannt aber froh auf den Gratrücken aus. Einige Meter hinter dem Rand befindet sich sehr kompaktes Eis unter dem Firn, so dass ich einen soliden Standplatz schrauben und Dirk nachholen kann. Der steigt, bzw. wühlt sich, schon auf halber Strecke zwischen Zwischensicherung und meinem Ausstieg hinauf. Es fühlt sich wie der erste kleine Gipfel an!
Noch umhüllen flotte Wolkenfelder den Aufschwung zur Kreuzerschneide (Punkt 3677m - woher stammt die Bezeichnung bei Hikr?). Wir beeilen uns den ersten noch gutmütigen Aufschwung in Angriff zu nehmen. Und da zeigt sich endlich die genial geformte Firnschneide des "Jubiläumsgrats" (AVF "Ötztaler Alpen", 2006) mit seinen nach Süden beinahe schwappenden Eiswellen. Grandios kontrastiert das Weiß für kurze Zeit den Grat gegen den königlich blauen Himmel.
Eine Spur, wie sie uns Bergführer Andi aus Imst am Vorabend versprach, ist nicht zu entdecken, doch können wir jedenfalls von ansonsten super Firnverhältnissen berichten.

Am Punkt 3677m pausieren wir um 9:30 Uhr für 15min und machen uns schließlich an den letzten Ab- und Aufschwung zum Nordgipfel. Andi behauptete am Vorabend auch, es gäbe die Möglichkeit südlich direkt am Ansatz der Wechten im Fels auf einer Art Wanderweg hinauf zu gelangen. Bei Überprüfung dieser Aussage im Gelände zeigt sich, dass es tatsächlich eine Möglichkeit dazu gibt, doch sind wir nicht sicher, wie und wo wir dann am besten zurück auf den Grat gelangten (erneut eine Wechte überklettern? - Nein Danke!)
Hier wird der Grat nun nochmal richtig steil (über 45°). An einer Stelle scheint der Firn etwas abgeblasen zu sein, so dass das Blankeis (nicht ganz sichtbar) mit den Zacken der Steigeisen berührt wird. Dirk wird davon überrascht, strauchelt ein wenig, hält sich super mit dem Pickel in Position, verliert aber dabei seinen Stock aus der anderen Hand. Der rutscht nun einige Meter hinab, doch nur so weit, dass ich ihn flott wieder zurück holen kann.
Die letzten 80Hm zum Nordgipfel haben es sehr in sich von der Steilheit her und heute auch wegen einigen oberflächig weichen Schnees. Das heißt Spur legen und Einsinken bis über das Knie. Bei dieser Steilheit ist das besonders anstrengend, aber irgendwie taugt mir das Ganze dennoch gewaltig, weil ich mich immer noch großartig und fit fühle. Gerade deshalb und sicher auch, weil nun endlich ein länger gehegter großer Traum endlich (zumindest halb - erst im Tal vollständig) in Erfüllung geht, ergreifen mich hier viele Emotionen, die ich beim Händedruck mir Dirk kurz herauslasse. 10:25 Uhr.

Übergang zum Hauptgipfel und Abstieg zur Hütte  WS-, II, 35°, T4,   3h 30min
Die letzten zwei der vielen Seilschaften, die vom Hauptgipfel herüber kommen, haben viele Fragen bezüglich ihres (!) Abstiegwegs, dich sich leicht beantworten lassen, da vor ihnen einige Seilschaften jeweils mit Bergführer über den Nordwestgrat absteigen. Der Übergang zum Hauptgipfel erweist sich für uns als äußerst genussreich und schön. In 20min bringen wir das hinter uns und bleiben auch am Hauptgipfel wegen der Wetterprognose nur wenige Minuten sitzen.
Im Abstieg über den Normalweg bewegen wir uns in uns bekanntem Gelände zügig und überholen eine sehr langsame Zweierseilschaft. Am Gletscher seilen wir wieder an und eilen ins Mitterkarjoch. Dieses Tempo schmerzt das Bergsteigerherz etwas, weil nicht genügend Zeit zum Genuss der großartigen Landschaft bleibt. Viel mehr schmerzt der Gedanke an ein Gewitter im Klettersteig beim Abstieg vom Mitterkarjoch.
Dieses erreichen wir gegen 12 Uhr. Dirk legt direkt seine Steigeisen ab und wählt den Abstieg über den Klettersteig. Ich behalte sie noch an und stapfe den Steilen Firnhang rechts vom Steig etwa 50Hm runter und quere dann links hinein und lege auch die Eisen ab. Sehr flott bewege ich mich hinab und staune unten nicht schlecht: Den Einstieg kenne ich nur vom Oktober 2011, als wir es nur noch mit 40° steilen Blankeis und einem tüchtigen Kletterzug zu den ersten Drahtseilen hin zutun hatten. Nun liegen die unteren Versicherungen teif unter dem Schnee und insgesamt scheint mir der Aufschwung hier hinauf deutlich weniger steil.
Ich rutsche genüsslich ab bis das Gelände flacher wird, als es vor mir Richtung Hauptkamm rumpelt. Dunkle Wolken liegen vor uns. Ich halte an, lege meine Steigeisen wegen des bevorstehenden Blankeises wieder an und rufe Dirk zur Eile mahnend hinauf. Ich warte 10min und hoffe dabei, dass das Gewitter vom Haupt- und Kreuzkamm nicht zu uns hinüber kommt. Diese Zeit muss ich Dirk jedenfalls geben, denn durch den Firnabstieg und im Klettersteig war ich in nicht einmal 10min unten am Einstieg. Bei normalen Abstiegstempo benötigt man sicher 20-30min. Dirk fühlt sich unterhalb im steileren Firn auf dem Hosenboden rutschend wohler als stehend und gelangt so mit viel Spaß und meinem beifälligem Gelächter bis zu meiner Position, möchte aber nicht nochmal die Steigeisen anziehen.
Als er später lange nach der besten Routenwahl sucht, legt er sie nach meiner Bitte dazu doch nochmals an und wir gelangen sicher an das Ende des sichtbaren Eises.

Der Rest des Abstiegs zieht sich nochmal ziemlich in die Länge. Das Gewitter verschont uns zum Glück. Hinter uns steigen noch zwei Mitterkartouristen und die langsame Seilschaft ab, die wir unter dem Gipfel überholt haben. Um 13:49 Uhr treffen wir an der Breslauer Hütte ein, wo gerade der Hüttenwirt seinen Sohn David im Toprope an der Außenwand klettern lässt.

Nach kurzem Austausch mit Andi über unsere jeweiligen Tagestouren (er war mit der niederländischen Jugendgruppe auf dem Vorderen Brochkogel) genießen wir den Tag an der Hütte. Der dankbare Dirk wäre ohne mich niemals die gestrige und heutige Route gegangen und war sehr glücklich über unsere Abstimmung und meine Führung. Sicherlich kann er sich mehr zutrauen und benötigt nur von außen eine Hinführung zu technisch schwierigerem Gelände. Für mich persönlich gilt das Gleiche bezüglich der Dankbarkeit gegenüber Dirk, denn alleine kann der tüchtige Bergsteiger vielleicht viel schaffen und wagen, doch geteiltes Glück ist doppeltes Glück, ja - geteiltes Leid ist halbiertes Leid und vor allem wagte er zu viel, beginge er einen überfirnten Gletscher allein!

Ich danke Gott für alles allgemein und besonders heute dafür, dass wir eine meiner schönsten Hochtouren bis dahin sicher und gesund abschließen konnten und Dirk für die treue Begleitung an drei genialen Tagen zur Vorbereitung der Sektionstour in den Stubaier Alpen. Berichte und Bilder folgen. Zusammenfassende Berichte folgen auch in einer der folgenden Ausgaben von BerlinAlpin (Zeitschrift unserer Alpenvereinssektion).



Hike partners: alpensucht


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