Ötztaler Urkund 3556m Überschreitung "verkehrt herum"


Publiziert von alpensucht , 28. Juli 2016 um 21:49.

Region: Welt » Österreich » Zentrale Ostalpen » Ötztaler Alpen
Tour Datum:26 Juli 2016
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS-
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: A 
Zeitbedarf: 11:00
Aufstieg: 1350 m
Abstieg: 1350 m

Vor einer Sektionstour ins Hochstubai habe ich schon einige Tage frei und gehe mit Dirk zum Weißkamm. Wir wollen vor allem akklimatisieren, uns eingehen und in einer Seilschaft beginnen zu harmonieren. Natürlich habe ich immer noch die Traumtouren Urkund-Überschreitung und Wildspitze-Nordostgrat im Hinterkopf. Das Wetter scheint zunächst recht durchwachsen und die Prognosen lassen nicht allzu große Hoffnungen auf große Überschreitungen zu.

 

Am Vortag sind wir angereist, waren noch schnell mit Beginn des Regens auf dem Urkundkolm und haben nachts nicht mehr als 4h geschlafen. Schon 3 Uhr kann ich an Schlafen nicht mehr denken, überprüfe den Fels vor der Hütte und komme schnell zu der Ansicht, dass der angestrebte Südostgrat vom Ötztaler Urkund keine gute Idee für heute wäre. Es regnet zwar nicht mehr und in der ersten Tageshälfte soll es jedenfalls trocken bleiben, dennoch entscheide ich den Normalweg zum selben Gipfel zu gehen.

 

Normalweg zum Gipfel T3, WS-, I, 35°, 4h 15min

4 Uhr steht auch Dirk auf. Ich sitze längst im Gastraum, frühstücke und genieße noch etwas die Ruhe. Die Rucksäcke standen schon am Vorabend gepackt  im Trockenraum. Kurz vor 5 Uhr geht’s los gen Osten. Nach einigen Metern zweigt der Zustieg zum Rofenkarferner links vom Steig zum Wilden Mannle ab. Langsam genügt das Tageslicht, dass wir ohne Stirnlampe gehen können.

 

Um 6:10 Uhr sind wir am Anseilpunkt bereit und gehen relativ unbedarft etwas zwischen den zwei gängigen Routen hinauf, überqueren und umkurven eine Menge gefährlicher Spalten und halten uns links von der Felsinsel. Rechts vorbei an dieser führt der Normalanstieg eigentlich in weit ausladendem Bogen herum. Im Tal liegen Nebelschwaden – die Feuchtigkeit des nächtlichen Regens. Die Spalten sind bald schon mehr und mehr überfirnt und ab ca. 3300m liegt eine geschlossene Firndecke auf dem Eis.

 

Kurz bevor die Flanke aufsteilt, pausieren wir links unterhalb in einer Mulde und besprechen das weitere Vorgehen. Ein etwa 20m Abschnitt wird im steilsten Bereich (max. 35°) blank sein. Weil die Mitreißgefahr dort recht groß wird, binden wir uns aus und packen das Seil weg. Um 8:25 Uhr erreichen wir den weiten Firnsattel zwischen Urkund und Wildspitz-Südgipfel. Den kurzen Nordgrat überklettern wir zügig ohne Steigeisen und erreichen den Gipfel um 9:05 Uhr.

 

Ötztaler Urkund Südgrat und Südrippe am Südostgrat T5, III, 3h 45min

Da der Fels nun trocken ist, wir noch gut in der Zeit liegen und das Wetter noch lange genug zu halten scheint, entscheiden wir uns für den Abstieg über den Südgrat. Hierbei handelt es sich um sehr gut gesicherte (viele BH, teils Stände mit 2 Haken, super Köpfel-, Friend- und Keil-Placements) Gratkletterei in meist festem Fels. Wir sichern die ersten zwei-drei Seillängen von Stand zu Stand und gehen dann über ins Klettern am gleitenden Seil, wobei ich an sinnvollen Stellen, oder wenn Dirk Bedarf sah, schnell eine Stand eingerichtet und ihn richtig nachgeholt habe.

Einmal müssen wir abseilen dort, wo in Aufstiegsrichtung sicherlich die Schlüsselstelle am oberen Grat ist. Dafür opfern wir einen Schnapper.

Gehäuft mache ich auch zwischendurch an einer guten Zacke einen Stand. Wir kommen insgesamt ziemlich langsam, aber stetig voran.

 

Als wir uns so richtig eingespielt haben, und gerade schlechte Sicht herrscht, verpasse ich den einfachsten Abzweig auf die Südrippe (lt. AVF „ehem. Partschweg“), so dass wir an geeigneter Stelle zwei schwach ausgebildete Rippen östl. davon runter gehen. Nach ca. 100Hm brüchigen Abstiegs (II und leichter, zwei schöne Firnfelder) queren wir unschwierig hinüber zu einem erkennbaren Steinmanndl an der Südrippe und steigen den Rest nun teils auf Trittspuren unschwierig ab. Über den Urkundkolm geht’s wieder hinab zur Breslauer Hütte, wobei ich ab dem Gipfel einen Laufschritt einlege. Gegen 14 Uhr erreiche ich die Hütte, packe nur schnell alles aus.

 

Talabstieg und Wiederaufstieg nach einer großen Tour T3, 2h

Einige mir wichtig Utensilien habe ich u.a. in Vent deponiert. Die möchte ich heute noch vor dem Abendessen unbedingt heraufholen. Also renne ich bis Stablein in 28min hinab, nehme den Sessellift hinunter, spare dadurch rund 400Hm und packe unten schnell die paar Utensilien ein. Inzwischen beginnt es leicht zu regnen.
Hinauf geht’s wieder (diesmal für 9,50€!) per Sessellift und wieder im flotten Tempo zurück zur Hütte (45min). Ziemlich fertig aber auch gut gelaunt komme ich lange vorm Abendbrot an, dehne meine Beinmuskulatur lange und falle in mein Lager. Nach 90min Schlaf gibt’s Abendbrot und anschließend einen sehr informativen Plausch mit Bergführer Andy aus Imst. Er kam nochmal auf mich zu, weil ich am Vorabend nach den Verhältnissen am Wildspitz-Nordostgrat fragte und antwortete mir nun sehr ausführlich.

Seit einiger Zeit treibt mich der Gedanke an die heute realisierte Route herum, wobei ich sie natürlich richtig herum angehen wollte. Da die Wettervorhersage eine defensivere Taktik verlangte, sind wir zunächst fast den Normalweg gegangen (Unterschied zur Normalroute: wir sind links um den Felsporn am Rofenkarferner statt rechts vorbei gegangen. Insgesamt zeigt sich auf unserer Tour am nächsten Tag, dass es zu Beginn viel leichter und weniger spaltenreich am Rofenkarferner zugeht. Die Entscheidung zur Überschreitung von oben her dauerte insgesamt nicht viel länger, als der Abstieg über die Aufstiegroute gedauert hätte und ist deutlich kürzer aber auch technisch schwieriger.

Danke für schönes Wetter und danke Dirk für's Begleiten und Durchhalten im losen Geröll und Schutt.

 


Tourengänger: alpensucht


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Kommentare (2)


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yeti11 hat gesagt: wieso ausbinden?
Gesendet am 28. Juli 2016 um 22:33
Servus, wieso bindest Du Dich vor einer blanken Stelle auf dem Gletscher aus, zumal bei einer Steilheit über 35 Grad? Wenn blank, 2-3 Schrauben reindrehen und t- bloc o.ä. einhängen, gut ist...Ausbinden auf Gletscher ist ein "No-go"
Beste Grüße

alpensucht hat gesagt: RE:wieso ausbinden?
Gesendet am 31. Juli 2016 um 19:05
Tach auch! Mitreißgefahr vs. Spaltensturzgefahr - diese Diskussion möchte ich hier nicht erneut eröffnen. Tiblocs hab ich keine und wir haben im gegenseitigen Einvernehmen entschieden den Abschnitt ohne Seil zu gehen. Insgesamt hätte es auch ein Fixseil oder eben normale Standsicherung getan, das hätte uns aber zu lange gedauert... Grüße nach M


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