Schrattenflue komplett


Publiziert von Bergamotte Pro , 3. September 2014 um 11:17.

Region: Welt » Schweiz » Luzern
Tour Datum: 2 September 2014
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: Schrattenflue-Gruppe   CH-LU 
Zeitbedarf: 7:15
Aufstieg: 1500 m
Abstieg: 1500 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:PW bis Alp Schlund
Kartennummer:1189 Sörenberg

Auch wenn mittlerweile etwas aus der Mode gekommen, zählt die Schrattenflue weiterhin zu den beliebtesten Überschreitungsprojekten auf Hikr. Das ist wenig verwunderlich, denn das anerkannte UNESCO-Biosphärenreservat bietet ein landschaftliches Spektakel sondergleichen. Die Schwierigkeiten im teils scharfen Schrattenkalk sind meist moderat. Einzig der Tällen bleibt dem ambitionierten Alpinwanderer vorbehalten.
Für mich bildet die Schrattenflue den Auftakt zu meinen diesjährigen Bergferien, nachdem sich endlich eine einigermassens stabile Wetterphase abzeichnet. Auf Projekte in höheren Lagen verzichte ich des Schnees und der Kälte wegen vorerst noch.


Die Alp Schlund (1477m) – direkt am Fuss der Schrattenflue gelegen – lässt sich bequem per PW erreichen. Man erspart sich so die umständlicheren Zustiege ab Kemmeribodenbad oder gar Flühli. Bereits die allerersten Meter durch einen mystischen Märchenwald sind reizvoll. Wenig später stehe ich bereits auf der Alp Chlus (1773m). Hier öffnet sich der Blick auf den südwestlichsten Schrattenflue-Gipfel, den Schibengütsch. Die lohnende Stollenloch-Route ist nicht signalisiert, dennoch erübrigen sich komplizierte Erklärungen. Denn ab P. 1762 sind durchgehend Wegspuren erkennbar, sie werden im oberen Teil gar immer besser. Eindrücklich überwindet man den oberen Felsgürtel über ein System aus Leitern und Stollen, T3. Auf dem Schibengütsch (2037m) begrüsst mich eine kalte Bise, einziger Wermutstropfen an diesem (zunächst) wunderschönen Herbsttag.

Für die nächsten Stunden gilt meine ganze Aufmerksamkeit dem Grat. Dieser ist über weite Strecken unschwierig und durch einen Bergwanderweg bestens erschlossen. Natürlich lasse ich mir den (fakultativen) Spass nicht entgehen, die Felsköpfe des Türstenhäuptli (2029m) zu überschreiten. In der Verschneidung auf der Südseite erreicht man da durchaus eine II+, deutlich einfacher geht's auf der Nordseite (T4+). Bis kurz vor den Hengst (2092m) läuft man beinahe meditativ auf sanften Grasrücken, erst hier setzt sich auch an der Oberfläche der typische Schrattenkalk durch.

So richtig in Szene setzt sich dieser am und um den Hächle. Es heisst hier an beliebiger Stelle den Bergwanderweg verlassen, denn dieser führt östlich am Gipfel vorbei. Man kann durchgehend dem Grat bis zum Hächle (2091m) folgen. Die vereinzelten Kraxeleinlagen (höchstens eine harmlose II) bedeuten im supergriffigen Kalk Vergnügen pur. Auch die Scharte zum nahen Nordgipfel darf überklettert werden, wobei es hier unterschiedlich schwierige Linien gibt.

Im folgenden Abstieg halte ich mich scharf an die Gratkante, um die wenigen Grasflächen im Schrattenmeer ideal auszunutzen. Hierbei bescheren mir Nebelfetzen auf der Entlebucher Seite ein minutenlanges Glorien-Spektakel. Anschliessend gibt's zwingend die volle Dröhnung Karst, der Grasanteil reduziert sich hier auf ein Minimum. Etwa auf Höhe vom Turm (1921m) heisst es dann gegen Osten absteigen, denn spätestens bei den Hächlenzänd nimmt die Gratwanderung ein (vorübergehendes) Ende. Diese findet ihre Fortsetzung kurz nach der Heftihütte. Zunächst erscheint der Aufstieg auf den Strick (1946m) kaum machbar, doch Fussspuren winden sich geschickt durch den verwachsenen Fels. Schlussendlich – auch dank einer Kette – übersteigt man so die T4 nie.

Nach knapp vier Stunden Marschzeit habe ich mir die Mittagsrast verdient. Dick eingepackt geniesse ich das lohnende Panorama. Weniger Freude bereiten die aufkommenden Quellwolken. Der Strick Nordostgipfel (1913m) lässt sich von Süden unschwierig erreichen (T4+), wobei die Felszähne westseitig umgangen werden. Wer nun weiter dem Grat gegen Norden folgen will, sollte eine III im Abstieg beherrschen. Das liegt mir nicht, so wähle ich stattdessen das schuttige NW-Couloir (R. 1810). Man erreicht hier maximal eine T5-. Anschliessend alles dem Wandfuss entlang um den Nordostgipfel rum zurück zum wbw-Wanderweg, welcher zur Tällenlücke (1750m) runterführt.

Dank Hikr weiss ich, dass sich der Tällen Westgipfel vorzugsweise von Norden durch eine Rinne ersteigen lässt. Diese Rinne erreicht man unschwierig über ein Grasband. Wobei es korrekterweise RinneN heissen müsste. Prompt wähle ich eine andere Variante als meine Vorgänger und erreiche so den Tällen (1812m) über die Scharte auf dessen Ostseite. Das Resultat ist dasselbe. "Meine" Rinne besteht vorwiegend aus Fels und ist durchgehend eng. An einer Stelle hängt ein kurzes (unnützes) Seil drin. In der weiten Delta-Rinne hingegen bewegt man sich vorwiegend über Schrofengelände. Die Schwierigkeiten sind in etwa vergleichbar: T6/II.

Zurück im Sattel der Blick auf die Uhr: erst 13:30. So entscheide ich spontan, die verbleibenden zwei Gipfel der Gruppe ebenfalls noch einzusacken. Warnung: Vom typischen Schrattenflue-Reiz bleibt hier wenig übrig, es handelt sich um reine Fleissarbeit. Kurzer Wiederaufstieg an den Fuss vom Strick NE-Gipfel, um von dort über den vergandeten Wanderweg Richtung Toregghöhe (1473m) abzusteigen. Warum's die Weidekuppe in den Clubführer geschafft hat, bleibt ein Rätsel. Man geniesst immerhin einen guten Einblick in die Nordwand vom Tällen. Via Alp Tor (1383m) ziehe ich weiter Richtung Bärsiligrat. Wer dem offiziellen Wanderweg folgt, verliert dabei unnötig Höhenmeter zur Alp Emmental runter. Ich quere stattdessen weglos (und mühsam) unterhalb des Felsbands, bis ich wieder den markierten (aber stark vergandeten) Wanderweg erreiche. Ab Bärsiligrat (1545m) dann unschwierig in knapp zehn Minuten auf den bewaldeten Bärsilichopf (1578m).

Akku leer, doch es verbleibt der Rückweg zur Alp Schlund mit einem nervigen Gegenanstieg. Kurze Verschnaufpause und Schwatz mit dem Älpler auf Gummen. Dieser klagt mir sein Leid mit den Skitürlern, welche die offiziellen Routen missachten und einen Grossteil der Gemsen vertrieben haben. Selbst das Dach seiner Alphütte werde als Piste und Pausenplatz missbraucht. Mich nervt anschliessend vor allem das komplett aufgeweichte Gelände im Gegenstieg nach Silwängen (1567m), typisches Merkmal des Sommers 2014.

Zeiten
1:20  Schibengütsch
0:50  Hengst
0:45  Hächlen
0:50  Strick
0:40  Tällen
0:45  Toregghöhe
0:55  Bärsilichopf
1:15  Alp Schlund

Tourengänger: Bergamotte

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