4 Tage Rätikon: 5x Jugend + 1x Leitkuh (Sulzfluh, Saulakopf, Geiß- + Kreuzspitze)


Publiziert von lila Pro , 2. Juni 2014 um 22:45.

Region: Welt » Österreich » Zentrale Ostalpen » Rätikon
Tour Datum:29 Mai 2014
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   A 
Zeitbedarf: 4 Tage
Aufstieg: 4080 m
Abstieg: 3680 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:6 km mautfreie Straße von Brand zur Talstation der Lünerseebahn, bei Liftbetrieb geöffnet
Unterkunftmöglichkeiten:Douglashütte, ÖAV; Lindauer Hütte DAV
Kartennummer:Schweizer Landeskarte Nr. 238 T, Montafon 1:50 000

Meine Annahme, die Anzahl der mitgehenden Kinder würde sich mit zunehmendem Groß-werden reduzieren hat sich als falsch herausgestellt, das Gegenteil ist vielmehr der Fall: Zusätzlich zu den eigenen Kindern (12, 14, 16 und 19 Jahre) kommt diesmal sogar noch die Freundin unseres Ältesten mit. Und das, obwohl wir keinerlei Heldentum versprechen-des Equipment wie Seil, Kletterzeug oder Eisgeräte dabei haben, noch nicht einmal das Klettersteigzeug, nur uncoole Bergschuhe und noch viel uncoolere Gamaschen. Und natürlich Berge von Nahrungsmitteln, ein junger Mensch hat ja schließlich immer Hunger. Und für fünf junge Menschen braucht man dann schon einen halben Supermarkt-Regalmeter an Schokolade und Studentenfutter, gefühlte 50 Kabanossi und 2 Kilo Schokomüsli, das mit viel Pflanzenfett angereicherte natürlich, Crunchy heißt das dann. Und 3 Liter Milch, denn Milchpulver hat ja schon vor 30 Jahren nicht geschmeckt und weit tragen müssen wir sie ja nicht, aber dazu später mehr. 

Freunde, die ursprünglich mitgehen wollten, haben mit Blick auf den Wetterbericht abgesagt, wir starten also erstmal alleine, meine langjährige Berg- & Schulfreundin und ihr 9-jähriger Sohn kommen später nach. 

Donnerstag (Himmelfahrt):
Wenn man um 5.00 Uhr in der Rhein-Main-Ebene aufsteht, kann man ohne Stress zu ver-breiten um 11.00 Uhr an der Talstation der Lünerseebahn losgehen. Wie versprochen ist es wolkig, aber trocken, kein Grund also, Geld für die Seilbahn zu verschwenden. Über den Bösen Tritt brauchen wir trotz der - noch - prall gefüllten Rucksäcke nur eine Stunde zum Lüner See. Dort angelangt wirft mein Ältester lässig den Rucksack in die Wiese und setzt sich drauf, die Freundin auf den Schoß. Das ist der 1,5-Liter Milchpackung im Rucksackinneren dann doch zu viel, sie platzt aus allen Klebefalzen und ergießt ihren Inhalt auf gierig saugende Fleece-bekleidung, Hüttenschlafsack, Reserveunterwäsche und was man halt sonst noch alles in der regendichten Plastiktüte hat. Wie gut, dass wir witterungsbedingt unseren ursprünglichen Plan, im Winterraum der Totalphütte zu übernachten, schon daheim verworfen und uns für die Weicheivariante bewirtschaftete Douglashütte entschieden hatten. So muss mein Ältester nicht einmal Schnee schmelzen, um seinen Rucksack und dessen Inhalt waschen zu können. Ein leichtes Milch-Lüfterl wird ihn trotzdem die nächsten dreieinhalb Tage umwehen. Aber das ist mehr das Problem der Freundin als meines...

Die Besteigung des Saulakopfes über den Normalweg, also via Saulajoch und Saulakopf-steig (drahtseilversicherter Wanderweg, kein Klettersteig) ist dann vergleichsweise unspek-takulär. Wir freuen uns über die an Schottland erinnernden Wolkenstimmungen und dass es nicht regnet.

Aufstieg: 1130 HM
Abstieg: 730 HM
insges. 5 Std Gehzeit, T3 (Saulakopfsteig), sonst T2

Freitag:
Heute ist - wie vorhergesagt - nicht im engeren Sinne Bilderbuchwetter. Egal, wir verlassen die Douglashütte (außerordentlich nettes Personal & gute Küche) trotzdem wie geplant, wir müssen ja nicht auf die Schesaplana, sondern nur rüber zur Lindauer Hütte. Weil der kleine Bagger den Weg durch die Scheefelder noch nicht für die Touristen freigeschaufelt hat ist der Uferweg um den Lüner See offiziell noch gesperrt - bei einem Ausrutscher würde man direkt in selbigem landen. Auf unserem Rückweg am Sonntag sind dann schon die ersten Schnee-gräben von bis zu 3 Meter Tiefe entstanden. 
Wenn hier schon überall alte Zollwachthäusl herumstehen, dann drängt sich eine Grenz-überschreitung  ja quasi auf, zumal die Freundin noch nie in der Schweiz war. Also queren wir die Kirchlispitzen nicht auf der Nord- (der österreichischen) Seite, sondern gehen über das Cavelljoch auf die schweizer Südseite. Von sonnigem Süden kann zwar nicht die Rede sein, aber wir lassen uns die Laune trotzdem nicht verderben. 
Die Jugend will natürlich keinesfalls die elend lange Kehre ausgehen, mit der man die wenige Meter lange Drahtseilstelle unterhalb des Schweizer Tores umgehen könnte. Sogar die Freundin - zum ersten Mal im Gebirge unterwegs - stellt sich sehr geschickt an, fühlt sich aber dann doch dank einer plötzlich aus dem Rucksack gezauberten Schlinge plus Karabiner gleich erheblich wohler. 
Zwischen Schweizer Tor und Öfapass leisten uns dann zahlreiche Murmeltiere Gesellschaft, die überall neugierig aus ihren Bauten lugen. 

Aufstieg: 600 HM
Abstieg: 840 HM
insges. 6 Std Gehzeit, T4+ (Drahtseilstelle am Schweizer Tor), sonst T2

Samstag:
Mit dem heutigen Sonnenschein sind alle gestrigen Wehwehchen plötzlich geheilt und auf einmal wollen doch alle mit auf die Sulzfluh. Zumindest versuchen wollen wir es, denn laut Hüttenwirt war am Donnerstag einer oben - allerdings mit den Skiern!! Rachen oder außen herum über die Tilisunahütte, das ist jetzt die Frage. Die Zeitangabe auf dem Wegweiser in Tramosa unterbindet allerdings weitere Diskussionen: Rachen oder gar nicht beschließt die Jugend. Also gut, probieren können wir es ja. Das unterste Schneefeld auf nicht einmal 1700 Meter Höhe ist allerdings so hart, dass man eigentlich Steigeisen braucht. Das kann ja heiter werden... Mit zunehmender Sonneneinstrahlung schmelzen meine Bedenken allerdings schnell dahin. Bis auf eine Höhe von ca 2200m kann man die Schneefelder zumeist umgehen, danach herrschen optimalste Bedingungen: Der Schnee ist noch hart genug, dass man nicht einsinkt, aber oben doch so weit angetaut, dass man auch ohne Steigeisen in der zwei Tage alten Aufstiegs-Skispur gefahrlos gehen kann. Die Gams, die vor uns auch hier unterwegs war, ist mit ihren dünnen Beinchen offensichtlich deutlich tiefer eingesunken. 
Nach einer ausgiebigen Gipfelbrotzeit ist der Schnee ein bisschen aufgefirnt, aber immer noch so, dass man nicht einsinkt. Figl (Firngleiter = Kurzski) wären jetzt recht oder Poporutscher oder halt der Rucksack, Milchpackungen haben wir ja keine mehr dabei... Ist jedenfalls eine Riesengaudi und nachher, auf 2200m Höhe, trocknen wir unsere nassen Unterhosen und Hinterteile in der warmen Sonne. 
Unten an der Lindauer Hütte sind meine Freundin und ihr Sohn inzwischen angekommen, die Kinder-/Jugendgruppe ist damit vollzählig. 

Aufstieg und Abstieg je 1300 HM
insges. 5,5 Std Gehzeit, im Sommer vermutlich T2 oder T3

Sonntag:
Wenn man nicht durch den für die Jugend nicht allzu spannenden Sporentobel zurück auf den Öfapass gehen möchte, bietet sich der Grat darüber an: Geißspitze - Kreuzspitze - Zerneuer Kopf. Trittspuren sind vorhanden, Schnee kaum noch. Der Aufstieg auf die Geißspitze ist ein Spaziergang durch eine üppige Blumenwiese, Aurikel, verschiedene Enziansorten, Mehlprimeln, Butterblumen, langspornige Veilchen, Hahnenfuß und Schneerosen leuchten um die Wette. Bis in die Scharte zwischen Geiß- und Kreuzspitze folgt man dem Wanderweg, danach dem Gratverlauf über Kreuzspitze und Zerneuer Kopf. Den Öfakopf haben wir ausgelassen, wenn man keine Kinder dabei hat, bietet es sich an, den auch noch zu überschreiten.  Wir sind allerdings nach dem Zerneuer Jöchl auf Höhe des Öfapasses (2291m) vom Ostgrat des Öfakopfes nach links abgebogen und auf den steilen Wiesen zum markierten Weg im Pass rübergequert. 
Die Strecke zwichen Öfapass und Schweizer Tor schaut natürlich bei Sonne gleich ganz anders aus als am Freitag, aber so ist es halt im Gebirge. Diesmal nehmen wir den kürzeren Weg an den Kirchlispitzen vorbei auf der österreichischen Seite, den über das Verajoch. Danach geht es nur noch bergab, zum Zollhäusl, vorbei am Ombrometer und zurück zur Schotterstraße um den Lüner See in die Zivilisation. 

Aufstieg: 1050 HM
Abstieg: 810 HM
insges. 6 Std Gehzeit, T4 (Grat Geißspitze - Kreuzspitze - Zerneuer Kopf), sonst T2

Tourengänger: lila


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Kommentare (2)


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pika8x14 Pro hat gesagt:
Gesendet am 4. Juni 2014 um 22:51
… wir beschränken uns beim Kommentieren ja eher auf das Beantworten - aber das möchten wir dann doch loswerden:

Wir haben auf HIKR selten einen derart unterhaltsamen und gleichzeitig informativen Bericht gelesen. Und das Ganze über eine wirklich "coole Aktion" - trotz Gamaschen ;-)

Da hätte man am liebsten gleich selbst vier Kinder …

Viele Grüße, A. + A. + A.

lila Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 5. Juni 2014 um 06:42
danke, freut mich. Sachlich "technische" Wegbeschreibungen gibt es von dieser Gegend ja schon genug - und lustig war's wirklich.

viele Grüße, lila


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