Von einem Kantonshöhepunkt und unterirdischen Gletschern


Publiziert von jfk , 20. Mai 2013 um 19:40.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Berner Jura
Tour Datum:18 Mai 2013
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-BE   CH-NE 
Zeitbedarf: 4:00
Aufstieg: 200 m
Abstieg: 1040 m
Strecke:Chasseral, Hotel - P.1552,2 - Chasseral - Mét. de Morat - Les Limes du Haut - Creux de Glace - Petite Douanne - Mét. du Prince - Courtelary
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Ab Ligerz mit Ligerz-Tessenberg-Bahn und Bus (nur in der Sommersaison) bis Chasseral, Hotel
Zufahrt zum Ankunftspunkt:ÖV bis Courtelary
Kartennummer:map.geo.admin.ch

Kaum jemand weis, dass es auch im Jura Gletscher gibt. Wer sich jetzt allerdings die gewaltigen Eisströme der Alpen vorstellt, täuscht sich genauso wie jene die bis jetzt noch keine Gletscher im Jura vermuteten. Die 20 Juragletscher bilden sich unterirdisch in Karsthöhlen und haben sogar einen eigenen Namen, werden Glacières genannt. Hinter dem Chasseral liegt eine dieser Glacières und so kann man die Besteigung eines Kantonshöhepunkts elegant mit abenteuerlichem Entdeckungsgeist verbinden.

Die Besteigung des Chasserals beginnt für uns schon in Ligerz. Mit der Standseilbahn fährt man durch die romantischen Weinberge der Montagne de Diesse hinauf nach Prägelz. Durch so bekannte Juradörfer wie Lamboing, wo Dürenmatts "Der Richter und sein Henker" spielt, fahren wir mit dem Bus weiter bis zum Hotel auf dem Chasseral. Ab dort ist man auf seine Füsse angewiesen und in wenigen Minuten erreichen wir den Chasseral Ouest, mit 1552.2m höchster Punkt des Kanton Neuenburg. Vom ersten Tagesziel laufen wir wieder zurück zum Hotel und folgen dem weiteren Grat auf den Chasseral, immer wieder innehaltend um die unzähligen Narzissen und die Aussicht übers Mittelland in die Alpen zu geniessen.

Über die Métairie de Morat und Les Limes du Haut wandern wir weiter über saftige Juraweiden und durch frühlingshafte Bergwälder Richtung Creux de Glace. Dabei muss man aufpassen, dass man die Abzweigung vor Petite Douanne nicht verpasst. Wenn man dem Weg folgt steht man plötzlich vor einem 40 Meter tiefen Loch, dem Eingang zur Glacière. Ein Schild warnt momentan vor dem Eingang, da der sonst schon etwas heikle Abstieg durch eine herabgestürzte Tanne zusätzlich erschwert wird. Die sichernde Eisenkette liegt genau in den steilsten Passagen unter der Tanne und dem Schneefeld das das Nährgebiet der Glacière bildet. Diese Passage muss durch Äste, über feuchten, moosbewachsenen und erdigen Fels und das Schneefeld abgeklettert werden. Alpine Erfahrung und festes Schuhwerk sind dazu unbedingt notwendig. Falls etwas Unerfahrenere dabei sind, könnte ein Seil zum sichern gute Dienste leisten. In der Höhle ist ein Helm pflicht, will man nicht von einem herabfallenden Eisstalaktiten erschlagen werden (passiert zwar äusserst selten aber safety first). Eine Taschenlampe leistet ebenfalls gute Dienste und Ersatzkleider können ebenfalls praktisch sein, man würde nach dem Wiederaufstieg wohl kaum mehr im Dolder eingelassen.

Der Creux de Glace oder Ischlöchli, wie ihn die Einheimischen liebevoll nennen, zählt zwar zu den kleineren Glacièrs, gehört aber mit seinen Stalagmiten und Stalaktiten zu den Beeindruckendsten im Schweizer Jura. Über drei Meter lang sind die die imposanten Eisskulpturen und machen, dass nicht nur die eisigen Temperaturen (auch im Sommer wird's nicht wärmer als 4°C) zu Gänsehautfeeling verhelfen. Der Boden ist von einer dicken Eisschicht überzogen, der grösste Teil des Eises befindet sich aber unter Schutt und Gröll. Über 40 Glacières zählte man in 60er Jahren im Jura, heute sind es noch knapp die Hälfte. Der Klimawandel ist dafür nur zum Teil verantwortlich, das Eisvolumen der Glacière de Monlési, der grössten Glacière der Schweiz, hat sich beispielsweise in dieser Zeit kaum verändert. Die warmen Sommer setzen den Glacières dank der schweren, kühlen Luft die sich in den Höhlen sammelt und ein Luftaustausch mit der Oberfläche verhindert kaum zu. Die warmen und schneearmen  Winter sind das Hauptproblem und haben den Grossteil der verschwundenen Gletscher auf dem Gewissen, denn kalte Luft fliest im Winter in die Höhlen und Schmelzwasser, das im Frühling durch den Karst rinnt, gefriert in der Kälte der Grotten, erstarrt zu den imposanten Stalaktiten und Stalagmiten und bildet zusammen mit dem Schneefeld im Eingang das Gletschereis. Früher wurde das Eis von den Einheimischen abgebaut und als Kühlmittel für Bier und andere Lebensmittel verwendet und verkauft.

In der Glacière vergisst man schnell einmal die Zeit und so verweilten wir viel länger als geplant in der eisigen Karsthöhle. Den geplanten Zug konnten wir schnell einmal abschreiben und so nahmen wir es gemütlich für den restlichen Weg hinunter nach Courtelary. Zu viel Jurasonne hat bis jetzt ja noch niemandem geschadet.

Anmerkungen: Das T5 bezieht sich lediglich auf auf den Abstieg in die Glacière. Der Rest der Wanderung ist unproblematisch und kann mit T2 bewertet werden. Auch GA-Besitzer müssen für die Busfahrt auf den Chasseral einen Aufpreis von 5.20 bezahlen. Die Ligerz-Tessenberg-Bahn ist in GA und Halbtax inbegriffen. Am besten besucht man die Glacières im Frühjahr, da im Sommer die meisten Eisskulpturen abschmelzen und einige Höhlen eisfrei sind. Wer noch etwas mehr über die Glacières erfahren möchte, findet hier noch weitere Informationen. 

Tourengänger: jfk

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Kommentare (13)


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TeamMoomin hat gesagt: Genial...
Gesendet am 20. Mai 2013 um 21:08
das mit den Gletschern wuste ich bis anhin nicht wäre wohl nochmals eine Tour Richtung Chasseral wert, Merci für den Tipp!

Lg Oli und Moomin

jfk hat gesagt: RE:Genial...
Gesendet am 20. Mai 2013 um 22:07
Ich kanns dir nur weiterempfehlen. Das war sicher nicht mein letzter Besuch in einer Glacière. Ich verfolge gespannt deine Iranreise. Bin jetzt schon gwunderig ob du den Damavand erreicht hast.

Grüsse Jonas

kopfsalat Pro hat gesagt:
Gesendet am 20. Mai 2013 um 22:49
wobei die meisten der gletscher auf der LK 1:25K oder auf map.geo.admin eingezeichnet

[map.geo.admin.ch/?crosshair=bowl&Y=572847.1&X=222487.3&zoom=...]

jfk hat gesagt: RE:
Gesendet am 20. Mai 2013 um 22:55
Merci für den Link. Da hast du recht. Die meisten sind auf der Karte zu finden, man übersieht sie allerdings leicht.

kopfsalat Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 20. Mai 2013 um 22:58
mit dem suchbegriff "glaciere" findet man auch noch ein paar.

Henrik hat gesagt: Bereits
Gesendet am 21. Mai 2013 um 07:41
Delta hat hier 2010 den Anfang gemacht.

Henrik hat gesagt: Und dazu im Vergleich
Gesendet am 21. Mai 2013 um 08:00
die etwas andere Art der Geologie...der Superlative....wie in Mexico, aber mit Kristallen...z. B.hier!

jfk hat gesagt: RE:Und dazu im Vergleich
Gesendet am 21. Mai 2013 um 11:54
Merci für die Links (vor allem auch für die per pm)! Einige waren mir schon bekannt, andere neu. Da hast du mir auf jeden fall einige neue Tourenideen in den Kopf gesetzt. Hast du selber schon einige der Höhlen und Schluchten besucht?

Grüsse

Jonas

Henrik hat gesagt: RE:Und dazu im Vergleich
Gesendet am 21. Mai 2013 um 12:02
Nein, denn....so die pm eines hikr.. an mich:.

> Was dürftig ist, ist Spazierengehen als Wandern zu verkaufen und dazu noch Tourenberichte zu verfassen

> Mal an die eigene Nase fassen, was Dürftigkeit bei der Tourenauswahl betrifft. Beste Grüße nach Basel!

Gruß! XXX (Schrieb ein hikr....wegen meinen Spaziergängen).

Ich schreibe lediglich etwas für Spaziergänger der Comm TuT... und ich bin nicht schwindelfrei...bei mir hören die Unternehmungen bei T 3..auch im Tessin auf!

Danke herzlich für deinen impressiv narrativ report.

Grüsse

Henrik

jfk hat gesagt: RE:Und dazu im Vergleich
Gesendet am 21. Mai 2013 um 13:37
Auch Spaziergänge haben ihren Reiz und sollen unbedingt weiterhin veröffentlicht werden! Es muss ja nicht immer senkrecht die Wände hoch.

Felix Pro hat gesagt:
Gesendet am 29. Mai 2013 um 14:52
sehr aufschlussreich - das merke ich mir!
lg, Felix

sniper hat gesagt: Aktuelle Infos zu Creux de Glace
Gesendet am 26. Juli 2013 um 21:32
War heute in der Creux de Glace. Die Tanne ist weg, jedoch auch die Eisenkette - nix mehr da.
Der Abstieg ist ohne Seil eigentlich nicht wirklich möglich, zumal der glatte Fels wohl immer etwas feucht ist und somit extrem rutschig!
Bei mir ging's unfreiwillig schneller als gewollt hinab und rauf war auch nicht gerade einfach...
Ein Seil damit wirklich unabdingbar!!!!

Trotz der warmen Jahreszeit sind immer noch zahlreiche Eisskulpturen und Schnee vorhanden! Im Winter wohl noch eindrücklicher als jetzt...

Gruss sniper

Vexoro hat gesagt:
Gesendet am 14. April 2014 um 14:06
War am 13.4.14 da, wirklich sehr eindrücklich!
Wir hatten Seil und Helme dabei. Ein 30 Meter Seil reicht aus und ist wirlich sehr hilfreich, da wie schon von sniper gesagt, der Fels sehr rutschig ist.



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