Sonne pur auf dem Harder


Publiziert von ABoehlen Pro , 23. November 2012 um 16:38.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Jungfraugebiet
Tour Datum:20 November 2012
Wandern Schwierigkeit: T2 - Bergwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-BE 
Zeitbedarf: 4:00
Aufstieg: 770 m
Abstieg: 770 m
Strecke:Interlaken - Bleikiwald - Hardermandli - Harder Kulm und zurück
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Interlaken Ost
Kartennummer:LK2520 (T) Jungfrau Region

Nach dem Besuch beim "Lisi" auf der BLM geht es heute wiederum ins Gebiet der Jungfraubahnen. Die Harderbahn (HB) hat allerdings für dieses Jahr ihren Betrieb bereits eingestellt und bis im April Winterpause. Das macht aber nichts, denn so gehört der Harder jeweils während eines halben Jahres ganz den Wanderern.

Die Bedingungen sind für eine solche Wanderung geradezu ideal. Es herrscht dasselbe Wetter wie bereits seit über einer Woche: Unten grau - oben blau. So erfolgt die Anreise im "grauen", was nicht weiter schlimm ist, denn aufgrund der kurzen Tage im November ist es frühmorgens eh noch dunkel. Da der aus Berlin kommende ICE Vandalen zum Opfer gefallen ist, musste die SBB kurzerhand einen ausIC2000 und EW IV gebildeten Ersatzzug organisieren, weshalb ich mit etwas Verspätung in Interlaken Ost eintreffe. Erwartungsgemäss ist es grau und dazu empfindlich kalt, aber zum Glück beginnt der Aufstieg bereits 5 Minuten vom Bahnhof entfernt, denn zügiges Bergaufwandern gibt warm! Der weiss-rot-weiss markierte Bergweg ist von Anfang an ziemlich steil, was sich bis zum 760 Meter höher gelegenen Gipfel nicht gross ändert. Noch im Nebel passiere ich den denkmalgeschützten Pavillon Hohbühl, welcher Felix Mendelssohn-Bartholdy zu der Melodie auf das Eichendorff-Gedicht "Der Jäger Abschied" inspiriert haben soll:

Wer hat dich, du schöner Wald,
Aufgebaut so hoch da droben?


Überraschend schnell erreiche ich die Nebel-Obergrenze, welche gegenwärtig auf etwa 760 m liegt und auf einmal ist die Temperatur ganz angenehm. Auch zu sehen gibt es bald etwas, denn der Felskopf Pt. 787 erlaubt einen schönen Ausblick über das Nebelmeer und auf die noch mehrheitlich im Schatten liegenden Berge. Nach weiteren rund 100 Höhenmetern quere ich das Trassee der Standseilbahn und sehe etwas weiter oben bereits die automatische Ausweiche, wo die beiden Fahrzeuge kreuzen und welche daher in der Mitte der 1447 Meter langen Strecke liegt.

Dieser zweigleisige Abschnitt beschreibt eine lang gezogene Linkskurve und insgesamt verläuft die gesamte Bahnlinie gekrümmt. Sie bildet so fast einen Viertelkreis. Auf den Grund für diese spezielle Streckengeometrie kommt man wohl nicht auf Anhieb, aber eigentlich ist er durchaus logisch: So nämlich ist die im Bergwald unvermeidliche Schneise vom Tal aus überhaupt nicht zu sehen und das Landschaftsbild wird durch die Bahn nicht beeinträchtigt. Verantwortlich dafür ist der Heimatschutz, welcher bei der Realisierung der Harderbahn erstmals vehement Einfluss genommen hat. Begonnen wurde mit dem Bau im Jahre 1905, und die Eröffnung erfolgte 3 Jahre später, am 15. Mai 1908.

Eine hübsche Lichtung im Bereich von Pt. 947 bietet eine umfassende Aussicht, ehe der Weg wieder im Wald verschwindet. Der rechterhand abbiegende Pfad, Elfenweg genannt, ist immer noch gesperrt, sodass ich auf dem Hauptweg bleibe, der bald wiederum die Bahn quert, diesmal unter den Gleisen hindurch. Wenig später erreiche ich auf einem kurzen Abstecher die kleine Schutzhütte auf Pt. 1113. Die Felsformation mit dem Namen Hardermandli bricht hier senkrecht ab und erlaubt packende Ausblicke durch ein "Loch" in der Nebeldecke auf die 550 Höhenmeter tiefer liegende Aare, die hier Interlaken und Unterseen trennt.

Bis zur Hardermatte, wo der Weg aus Unterseen hinaufkommt, folgt nun ein Abschnitt, der mit nur geringer Steigung durch den sonnendurchfluteten Bergwald führt. Kurz auf die Nordseite des Grates ausholend, zickzackt der Weg dann zum Schluss noch einmal sehr steil zum Gipfel hinauf, wobei die neueste Attraktion, der Zweiseensteg schon von weit unten sichtbar ist. Unvermittelt gelange ich so nach rund anderthalb Stunden aus dem steilen Bergwald auf die flache Gipfelterrasse, auf der sich das Restaurant Harder Kulm stolz erhebt. Auch dieses "schmucke, in die Landschaft passende Gebäude", das ein bisschen wie ein Schloss aussieht, hat vor über hundert Jahren der Heimatschutz durchgesetzt. Ganz neu ist dagegen der bereits erwähnte Zweiseensteg, welcher sich an das Gipfelplateau nahtlos anschliesst. Auf den Tag genau vor 13 Monaten wurde er offiziell eingeweiht, wobei der Harder damals im dichten Nebel lag, wie die Berner Zeitung berichtet. Dieses Problem gibt es heute nicht; der Nebel liegt weit unten und keine Wolke trübt den tiefblauen Himmel.

Diese Plattform ist schon eindrücklich und am Fern- und Tiefblick kann man sich kaum sattsehen. Zum Picknicken begebe ich mich dann aber zur windgeschützten Bank vor dem Restaurant. Dort verweist ein Pfeil auf den Eingang, wo sich vor der verschlossenen Türe in einem Holzkasten das Gipfelbuch des Vereins Harderfründe befindet. Später besichtige ich noch die natürlich ebenfalls abgeschlossene Bergstation und geniesse zum Schluss nochmals die Sicht vom Zweiseensteg, ehe ich mich auf den Weg zurück ins Tal mache. Während meinem mehr als einer Stunde dauernden Aufenthalt bin ich keinem Menschen begegnet, was ein kräftiger Kontrast zum Sommer ist, wenn hier oben ein "fröhlicher Rummel" herrscht, wie sich der Autor des in diesem Jahr erschienenen Wanderbuches "Wandern mit den Jungfraubahnen" (Coop Presse) ausdrückt.

Ich steige wiederum nach Interlaken ab, benutze vom Bleikiwald (980 m) an jedoch das Forststrässchen, da das Bergabwandern auf dem steilen, steinigen und mit viel Laub bedeckten Weg auf die Dauer ziemlich mühsam ist. Im Bereich von Pt. 947 auf der Waldlichtung sinkt die Temperatur rapide ab, was zeigt, dass ich mich wieder der Inversion nähere, die jetzt deutlich höher liegt als noch am Morgen. Und so lässt auch der Nebel nicht mehr lange auf sich warten. Bereits auf ca. 850 m tauche ich in die graue Suppe ein. Ade Sonne...

So könnte man denken, aber es kommt ganz anders: Nach rund einer halben Stunde, als ich schon fast wieder unten angelangt bin, löst sich der Nebel derart schnell auf, dass man fast zuschauen kann. Und so kann ich die letzten Meter zwischen der Aarebrücke und dem Bahnhof wieder unter einem blauen Himmel zurücklegen und dabei nochmals einen Blick zum heutigen Wanderziel werfen, das sich weit oben auf dem bewaldeten Grat befindet.

Tourengänger: ABoehlen

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