Schesaplana (2965 m) - Überschreitung CH - AT - CH


Publiziert von gero Pro , 7. September 2010 um 15:32.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Prättigau
Tour Datum: 6 September 2010
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Klettern Schwierigkeit: I (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   A   A-V 
Zeitbedarf: 13:00
Aufstieg: 2030 m
Abstieg: 2030 m
Strecke:Seewis / Gandawald - Cani - Schesaplanahütte - Schweizer Steig - Schesaplana - Tote Alpe - Gamsluggen - Schesaplanahütte - Cani - Gandawald (34,7 km)
Zufahrt zum Ausgangspunkt:In Seewis-Dorf führt ein kleines Sträßchen oberhalb der Kirche, aber kurz unterhalb des Hotels Schesaplana von der Hauptstraße ab; dort Sperrschild, aber der Legende nach erst ab Parkplatz Gandawald. Dieses schmale Sträßchen etwa 2 km befahren bis zum Parkplatz Gandawald (1043 m); hier gebührenfrei parken, Weiterfahrt nur mit Sonderbewilligung erlaubt!
Kartennummer:Freytag & Berndt WK 371 (Bludenz - Klostertal - Montafon)

Einen Kurzbericht dieser sehr langen Tour hat hier in 2006 Cyrill bereits verfaßt; ich möchte von dieser wunderbaren Bergfahrt ein bißchen mehr erzählen.

Da ich mir der Länge der Tour bewußt, starte ich am Parkplatz Gandawald (1043 m) bereits um 3 Uhr früh - Stirnlampe aufgesetzt, und los geht es, immer den Wegweisern und der Forststraße in sanfter Steigung nach in Richtung Schesaplanahütte.

Um es gleich vorwegzunehmen: gut trainierte Radler können sich die Sache erheblich erleichtern, indem sie die etwa 11 km zur Hütte mit dem MTB hochfahren. Ich würde dies nicht schaffen, müßte das Radl häufig schieben. Aber runterwärts ... mei, des wär halt schön gewesen!

Aber ich greife der Erzählung vor. Zunächst also geht es auf der Forststraße hinter bis Cani (auch: Ganei, 1285 m - hier Brücke über den Ganeibach) - ist schon ein eigenartiges Gefühl, in dieser stockdunklen Nacht mutterseelenallein nur im Schein der Stirnlampe durch den Wald zu wandern (überall wispern und raunen die Ewoks, wer zufällig den SF kennt) ! Hinter Cani wird das Forststräßchen etwas steiler, es schlängelt sich in etlichen Kehren (immer auf dem MTB-Weg Nr. 330 der Beschilderung Schesaplanahütte folgen) hinauf zur Alp Fason (1715 m). Nun wird die Steigung der Almstraße geringer, in einem weiten Bogen quert sie das Almgelände hinauf zur längst sichtbaren Schesaplanahütte (1908 m). Für dieses erste, gut 11 km lange Teilstück meiner Tour benötige ich ziemlich genau 3 Std. bei knapp 900 m Höhenunterschied.

Es ist jetzt 6 Uhr; es dämmert, der Hüttenwirt ist grad aufgestanden, um das Frühstück für seine Gäste vorzubereiten. Sehr feundlich erzählt er mir auf meine Frage hin, daß der Schweizer Steig hinauf zur Schesaplana derzeit schnee- und eisfrei und unproblematisch zu begehen sei (in den letzten Wochen hat es ja einige Wetterstürze mit erstem Schnee gegeben). Und auch, das sich das Wetter bessern werde - momentan verbergen nämlich noch unfreundliche Wolken alle umliegenden Berge. Und tatsächlich: kurz nachdem ich weitergegangen bin, löst sich das dunkle Gewölk auf und weicht einem (fast) makellosen Tag.

Also die nächsten 1000 Hm angepackt! Hinter der Schesaplanahütte geht es zunächst steile Wiesenhänge auf erfreulich guter Spur hinauf. Die weiß-blau-weiße Markierung, die mich nun über den ganzen Schweizer Steig bis zum Gipfel leiten wird, läßt wirklich keine Wünsche offen! Der Wiesenpfad geht nach einer halben Stunde zusehends in Fels über, erste ausgesetzte Passagen in den untersten Bereichen der Schesaplana-Südwestwand sind mit Ketten abgesichert. Das Gelände wird immer eindrucksvoller - kaum zu glauben, daß durch diese Steinwüste ein derart angenehmer Steig führt! Absätze, Bänder und Platten wechseln einander ab - dazwischen immer wieder Gehgelände und besagte Markierungen - oft genug frage ich mich, wie es dort oben wohl weitergeht. Und dann lösen sich etwaige Wegprobleme von alleine: der vielfach eisenharte Kalk (wie angenehm!) bietet im entscheidenden Moment Tritte, Griffe, Henkel zum festhalten - immer wieder macht es großen Spaß, hier hinaufzuturnen! An einer Stelle überwindet man einen kleinen Absatz mit einer 1m hohen Leiter .... aber abgesehen von einigen Ketten im untersten Stück gibt es keine fixen Sicherungen, sie sind auch nicht nötig.

Diese untere Hälfte des Schweizer Steiges ist geprägt von einem Wechsel zwischen Gehgelände und Genußkletterei - nie ist es schwer, der 1. Grad wird kaum erreicht, und wirklich ausgesetzt ist es erstaunlicherweise auch nicht. Freilich, man muß absolut schwindelfrei und trittsicher sein, und runterfallen darf man nicht - und auch die Kondition muß passen. Unter diesen Voraussetzungen kommt man aber zügig hinauf. Der DAV-Führer "Rätikon" spricht hier von einem "Tobel", aber als solchen habe ich das Gelände eigentlich nicht empfunden. Jedenfalls großartiger Tiefblick zur Schesaplanahütte !

Der obere Hälfte des Steiges besteht in einer langen Querung: dieser sogenannte "Schwarze Gang" beginnt dort, wo sich auf etwa 2500 m die Felsstufen allmählich zurücklegen und in gebänderte Mergelstrukturen übergehen. Ebenfalls unschwierig und kaum ausgesetzt, begeht man diese Bänder Richtung Osten auf weiterhin bestens markiertem Steig. Früh am Morgen war der Mergel leider durchfeuchtet und von der nächtlichen Kälte oberflächlich gefroren - dies und die Tatsache, das die Bänder immer leicht abwärts geneigt sind, machte mir hier das Steigen etwas mühsamer als die vorhergehende, angenehme Kraxelei im festen Kalkfels. An einem kleinen Einschnitt wird der markante Punkt 2598 m passiert - hier hat man etwa die Hälfte der langen Querung hinter sich. Und weiter geht es hinauf, immer unschwierig, aber immer konzentriert wegen besagter Feuchtigkeit.

Und dann zuletzt ... ein Moment höchster Freude, der Schritt um die letzte Ecke und aus dem Schatten der südwestlich orientierten Wand hinaus ins Licht gleißender Morgensonne! Jetzt stehe ich urplötzlich dem Gipfel der Schesaplana unmittelbar gegenüber - aber es sind nochmals 300 Hm bis hinauf. Ein mächtiger Steinmann markiert das Ende des eigentlichen Schweizer Steiges, wenige Minuten sind es von hier bis zum Schesaplanasattel (2728 m) westlich unterhalb des Gipfels, unmittelbar an der Grenze zwischen der Schweiz und Österreich.

Auf dem Wegweiser ist der Weiterweg zum Gipfel mit 45 Minuten ausgeschildert - und die brauche ich auch. Je höher ich komme, desto stürmischer wird es nun - aber der Sturm sorgt für weiterhin gutes Wetter! Über Schnee und steilen Schutt erreiche ich kurz unter dem Gipfel den Punkt, wo von Norden der Normalweg über die Totalphütte heraufführt. Dann sind es nur noch 30 Hm und ich stehe droben auf der Schesaplana (2965 m) - genauso hoch wie Deutschlands höchster Berg! Es ist 9:30 Uhr, ich habe also (ohne nennenswerte Pause) 6,5 Std ab Parkplatz Gandawald gebraucht.

Eigentlich wollte ich nun kräftig brotzeiteln - aber der zum Orkan angewachsene Wind macht mir einen Strich durch die Rechnung. Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, muß festgehalten werden - schlechte Voraussetzungen für eine gemütliche Gipfelrast. Dabei ist es noch nicht mal ausgesprochen kalt, aber einfach ... ungemütlich. Also schnell einige Fotos, zu einem Panorama kann ich mich ebenfalls nicht entschließen, ich kann ja noch nicht mal die Kamera stillhalten, so zerren die Böen an mir. Dabei ist die Aussicht schon wirklich phänomenal, wie bereits Tef im Mai 2009 hier treffend dokumentierte!

Wie geht es weiter? Ich möchte gern eine Art Überschreitung aus meiner Unternehmung machen, und so steige ich nordseitig auf dem Normalweg Richtung Lünersee ab. Im karstigen Gelände der Toten Alpe gibt es viel tiefer drunten einen Wegweiser zur Gamsluggen, auch Gemslücke genannt. Ich weiß, daß nun meine Tour sehr lang werden wird - aber sei es drum, der Tag ist so schön, und die Beine strotzen voller Tatendrang. Es geht also gut beschildert und wieder markiert hinunter zur Gamsluggen, wobei man weiter absteigen muß, als man zunächst meint. Das karstige Gelände im Bereich der Toten Alpe ist dabei recht unübersichtlich, mehrfach komme ich ins Zaudern, wie weit ich noch hinuntermuß, weil im oberen Bereich rechst gegen Süden hin zwei einladende Sättel geradezu verführerisch locken. Jedoch NICHT dort hin - die Gamsluggen liegt wesentlich tiefer und ist relativ unscheinbar, die weiß-blau-weißen Markierungen in Kombination mit den Wegweisern sprechen eine eindeutige Sprache!

Zur Gamsluggen (2380 m) selbst geht es nach diesem Abstieg nochmals 50 Hm hinauf - und dann bin ich etwas verdutzt, wie grimmig diese Lücke südseitig im ersten Moment aussieht! Über wirklich ausgesetzte Absätze geht es hinab Richtung Hintersäß, Cavelljoch und Golrosa - aber viele fixe Ketten lassen dann den Abstieg letztlich doch zum Genuß werden. Schließlich stehe ich drunten auf den Wiesen oberhalb Hintersäß und schlendere den Rätikon-Höhenweg westwärts bis zur Schesaplanahütte. Dort gibt es nochmals eine Stärkung, und dann nehme ich die 11 km Alm- und Forststraßen unter die Sohlen, die mich zurückbringen zum Ausgangspunkt Gandawald.

Tourengänger: gero

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Geodaten
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Kommentare (5)


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Ray hat gesagt: Klasse Tour
Gesendet am 7. September 2010 um 16:26
Wäre mir aber persönlich zuviel zum Laufen ;)
Fand den Normalweg mit Südwandsteig Abstieg schon recht lange..

ADI hat gesagt:
Gesendet am 7. September 2010 um 18:29
Hallo, Gero!

Bist ein eisenharter Legionär...um 3 Uhr losmarschieren, das schaffen nicht viele.

Ich wär um 7.00 Uhr mit dem MTB losgezogen....
Schöne Tour bei Topwetter,

VLG, ADI


alpstein Pro hat gesagt:
Gesendet am 7. September 2010 um 19:42
Gratuliere zu dieser tollen Tour.

Gruß
Hanspeter

Ursula hat gesagt: Gratulation
Gesendet am 7. September 2010 um 20:42
Hallo Georg

Herzlichen Glückwunsch zu der wirklich ganz gelungenen Bergreise... fast könnte Frau neidisch werden... ja nu... wenn ich mal "gross" bin, gell!

Herzlichst,
Ursula

Felix Pro hat gesagt: Herzlichen Glückwunsch, Georg!
Gesendet am 26. September 2010 um 23:23
Ich habe diesen Weg auf beinahe identischer Route zu der Schesaplana und zurück (allerdings nur bis zum Bähnchen nach Seewis runter - das Beizchen dort ist alleine eine halbe Reise wert!) vor ca. 25 Jahren unternommen - kaum Wegmarkierungen vorhanden, doch herausfordernd, annregend alleweil!

glg Felix


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