Dôme de Slot – Genius Extra (6c)


Publiziert von mde , 29. Juli 2010 um 22:03.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Oberwallis
Tour Datum:29 Juli 2010
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: 6c (Französische Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS 
Zeitbedarf: 13:30
Aufstieg: 1500 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Fiesch - Fieschertal - Gere P.1313

Nachdem ich mir mit Ferdinand Purrligääger und Konsorten die Finger lang gezogen und den Bizeps müde (sport)geklettert hatte, sollte etwas Alpines zum Ausgleich her, so nach dem Motto „a hard day out“. Auf die hier beschriebene Tour am Dôme de Slot passen die Attribute lang, grosszügig, landschaftlich schön, exzellenter Fels und fantastische Kletterei. Selbstredend erfüllte sie unsere Erwartungen voll und ganz.
Nach kurzer Anfahrt von unserem Feriendomizil starten wir unsere Tour um 7.20 Uhr bei P.1313 oberhalb von Gere und entschliessen uns, nachdem wir das Wysswasser überquert haben, für den vermeintlich kürzeren/direkteren Zustieg via Titter und Burghütte, welche wir um 8.30 Uhr passieren, um schliesslich um 8.55 Uhr den P.1931 am Märjeleweg zu erreichen. Dieser Weg ist zwar reich an landschaftlichen Reizen, behindert aber das zügige Vorankommen durch viele Rhythmuswechsel und unbequemem auf und ab. Ich denke, dass man von Unnerbärg via P.1439, P.1694 und P.1864 schneller wäre.
Bei P.1931, dort wo der weiss-rot-weiss markierte Märjeleweg nach SW abzweigt, befindet sich der angeschriebene Einstieg zur Wegspur, welche über dem orografisch rechten Ufer des Fieschergletschers zum Dôme de Slot führt. Es ist darauf zu achten, dass man sich gleich auf der mit roten Punkten markierten, oberen Wegspur etabliert. Diese ist an sich problemlos zu verfolgen, führt aber etwas mühsam durch verbuschtes und überwuchertes Gelände meist leicht ansteigend zur Höhenkurve 2100m bei den Koordinaten (ca.) 652‘620/145‘750.
Hier ist nun eine eindrückliche Runse zu queren. Der „offizielle“ Weg (nochmals mit „Slot“ markiert) führt um die Ecke und durch ein Schafgatter – und bricht dann abrupt ab: hier hat sich vor nicht allzu langer Zeit ein massiver Erdrutsch ereignet. Fast senkrecht geht’s in losem Erdreich runter, alles ist labil, ein Durchkommen ist unmöglich. Es ist 9.30 Uhr, wir sind bereits über 2 Stunden unterwegs und sollte das nun alles für die Katz gewesen sein?
Zum schnellen Aufgeben sind wir nicht bereit und ich beschliesse, der Krete neben der Runse nach oben zu folgen und nach einem Durchgang zu suchen. Etwa 40 Höhenmeter weiter oben geben schwach ausgeprägte Tierspuren den Hinweis, dass der Runsengrund hier tatsächlich zu erreichen ist. Es muss aber im T6-Gelände (plus Kletterstelle im 2. Grad) abgestiegen werden. Danach kann in dünnem Gras, mergeligem Schutt und labilem Geröll exponiert oberhalb der Abbruchkante gequert werden (heikel!).
Diese Passage ist wirklich wild: länger und unklarer als das Schneetal, ohne die Ketten des Horefellicouloirs und deutlich schwieriger wie die Spicherribichelen, um einige ähnlich unangenehme Schlitze von anderswo zum Vergleich zu erwähnen. Es kann auch gut sein, dass das nächste, heftige Gewitter noch mehr Erdreich wegspült, und die Passage dann ganz unmöglich ist. Dann wird für den Zustieg zum Dôme de Slot eine Hängebrücke nötig, oder es muss wieder der alte Weg über den Gletscher und die Mörane hoch (sieht sehr unangenehm aus!) gewählt werden.
Ennet der Runse können wir die Wegspur problemlos wieder aufnehmen. Sie ist hier weiterhin gut markiert, sogar eher ausgeprägter und deutlich bequemer als vor der Runse. Trotzdem schaffen wir es nach der Bachüberquerung (nach „Witi Lamma“) einen Verhauer zu produzieren, indem wir eine auf ca. 2100m weiter horizontal verlaufende Wegspur wählen, anstatt korrekt leicht nach oben zu gehen. Wir holpern und stolpern über mühsames Gelände und treffen erst später, vor dem Sulzbach-Couloir auf 2200m wieder auf die markierte Wegspur (10.20 Uhr).
Hier muss nun bis auf etwa 2260m aufgestiegen werden, bevor horizontal das Couloir, bzw. mehrere Bachrunsen etwas mühsam weglos gequert werden können. Zuletzt überquert man dann noch ein Blockfeld, bevor wir um ca. 10.50 Uhr, nach 3.5 Stunden harten Aufstiegs, endlich die bequeme Grasterrasse am Fuss des Dôme de Slot erreichen. Hier könnte man übrigens, vielleicht nicht gerade zelten, aber doch recht komfortabel biwakieren, Wasser gäbe es in höchstens 10 Minuten Entfernung auch.
Das Ausmachen des Einstiegs scheint gar nicht so einfach, denn es gibt doch etliche Routen und Varianten, und nur wenige Routen sind angeschrieben. Zudem wurde der Einstieg der „Genius“ bei einer Sanierungsaktion offenbar verlegt und ist nicht mehr dort (links der grossen Verschneidung), wo mein Topo suggeriert. Schliesslich finden wir aber die Anschrift „Genuis“ (sic!), 5m links von „Hannibal“ etwas um die Ecke versteckt. Nach physischer und mentaler Vorbereitung und dem Montieren des kompletten Gears kann es dann um ca. 11.20 Uhr losgehen:
SL 1, 40m, 5c: über eine geneigte Platte zum ersten BH, dann weiter zum Wulst mit dem zweiten BH, und darüber hinweg. Hier wartet bereits der erste Test für den Vorsteiger, eine feingriffige und –trittige Querung (Crux) zum weit oben steckenden dritten BH. Wer hier fällt, knallt aus über 10m auf die Einstiegsplatte! Der Weiterweg zum Stand ist dann wieder gemütlicher, aber Achtung auf Seilzug!
SL 2, 40m, 5c: schöne, gemütliche und griffige Kletterei, nun auch gut abgesichert. Die Crux dieser Länge dann am letzten BH, wo ein zwar einfach aussehender Aufschwung doch recht knifflig überwunden werden muss. Dann noch wenige Meter zum Stand ganz links auf dem Pfeilerkopf.
SL 3, 25m, 6a: sehr schöne Steilplattenkletterei in ausgewaschenem Fels mit vielen Leisten und sogar Löchern, für ein Granitgebiet wirklich aussergewöhnlich. Wirklich fordernd ist es nicht, und auch die Absicherung ist gut. Zuletzt noch wenige einfachere Meter zum Stand.
SL 4, 50m, 5c: erst einfach leicht rechtshaltend hoch einer Art Rampe/Verschneidung entlang, die dann, als sie ausläuft, nach links über eine Wandstufe (Crux) verlassen wird. Achtung Seilzug, hier stecken die Haken etwas kreuz und quer, gut verlängern! Danach über eine Art Rampe nach rechts hoch, zuletzt über eine weitere Wandstufe (war teilweise wasserüberronnen, aber gut abgesichert) zum Stand.
SL 5, 35m, 5b: entweder in der Piazverschneidung direkt über dem Stand hoch (war komplett nass) oder etwas rechts herum. Nach dem ersten BH dann entlang der Quarzfuge nach rechts, dann hoch und wieder zurück nach links, ohne grössere Schwierigkeiten.
SL 6, 50m, 6a+: nach rechts ausholen und nach links zurück, die Crux über dem 2. BH ist voll obligatorisch zu meistern. Hier könnte es sich um die Vorstiegcrux der Route handeln, zumal die Stelle wohl auch nicht selten nass ist. Bei unserer Begehung hörte der Wasserstreifen 30cm oberhalb des obersten zu benützenden Griffs auf, Glück gehabt! Danach nichttrivial weiter, zuletzt einfacher über 2 Stufen hinweg zum Stand.
SL 7, 40m, 5c: nach links in die Kaminschlucht hinein, eine nicht sonderlich attraktive Seillänge wartet. Einige Schuppen sind nicht ganz fest und die Sache war ziemlich nass, zudem stecken lange keine BH. Oben wird die Kletterei schwerer, es stecken dort aber auch 4 BH. Zuletzt nach links aus dem Kamin hinaus zum Stand.
SL 8, 50m, 5c: über die Terrasse hinweg zu pfeilerartigem Gebilde, wo sich die Züge erstaunlich gut auflösen. Eine weitere Terrasse ist zu überqueren, dann fein einer Verschneidung entlang und diese athletisch nach links verlassend zum Stand.
SL 9, 35m, 5b: einfachere SL, wo man stets etwas diagonal nach rechts oben klettert, die schwierigste Stelle wartet am Schluss und ist mit einem Plättli vom Alteisen-Markt gut abgesichert.
Während die Route bis zu diesem Stand mit wenigen Ausnahmen als „gut“ abgesichert bezeichnet werden kann (BH an den schwierigen Stellen alle 3-5m, an den einfacheren alle 5-10m) und ich keine einzige zusätzliche Sicherung platzieren musste, ändert nun der Charakter. Die Seillängen werden anhaltend anspruchsvoll und es stecken nur noch „Quoten-Bohrhaken“, d.h. bei anhaltenden Schwierigkeiten so rund alle 10m einer, und nicht gerade dort wo es am schwierigsten ist. Hier war wohl der Akku leer, die BH alle, oder gleich beides zusammen. Auch wenn es hier und da gute Placements für Klemmgeräte gibt, so gibt es auch etliche zackige Kletterstellen, die deutlich über der letzten Sicherung bewältigt werden müssen.
SL 10, 40m, 5c: es mag scheinen, als ob es die Verschneidung (BH) direkt ob dem Stand hochgeht. Dies ist aber falsch und schwer (6c), korrekt klettert man leicht rechtshaltend auf einer Art Pfeiler entlang sehr schöner Schuppen/Risse zu einem BH, der vom Stand gerade noch sichtbar ist. Dann weiter anhaltend und sehr schön an Rissen zu einem zweiten BH und hinauf zum Stand.
SL 11, 50m, 6a+ oder 6c: vom Stand weg folgt gleich ein harter Piaz an mässig griffiger Verschneidung mit schlechten Tritten. Kein Kletterstil sagt mir weniger zu als das, zudem droht ein Sturz auf die Sicherungsperson. Tja, und so geht’s, am Vortag noch beschwingt 7c gestiegen, nun im 6a am Limit! Endlich ist der BH geklippt, die Verschneidung wird etwas einfacher und läuft aus. Oben warten weitere 30m anspruchsvolle Risskletterei mit gerade mal 2 BH. Auch 3m rechts verläuft eine Linie mit mehr BH, wo ich dann auch einsteige, weil es mir sympathischer erscheint und ich echt nicht weiss, welche Linie die „Genius“ ist. Erst geht’s gut, doch dann muss glatt gespreizt und an Auflegern gezaubert werden. Ich komme gerade so an der Sturzgrenze onsight durch, das kann unmöglich 6a+ sein! Genaue Konsultation der Topozettel zeigt schliesslich, dass es sich hier um eine 6c-SL der „Hannibal“ gehandelt hat – schwerer, besser, und besser abgesichert. Der „Hannibal“-Stand kann überklettert werden, 7m weiter oben ist jener der „Genius“.
SL 12, 50m, 6a: und es wartet eine weitere, lange Hammer-Seillänge entlang von Rissen und Schuppen mit anhaltenden Schwierigkeiten und gerade mal 4 BH. Hier und da kann etwas gelegt werden, doch es warten auch Runouts und man muss cool bleiben und die richtige Linie wählen.
Auf allen bisherigen Topos, auch auf demjenigen der Erstbegeher, sind nur 11 SL eingetragen, eigentlich müssten wir nach 12 gekletterten SL längst am Ende der Tour sein. Gut, eine zusätzliche SL können wir uns durch den alternativen Einstieg vorstellen, dann hätte auch das Topo bisher so mehr oder weniger gepasst. Doch selbst dann müsste hier das Ende der Tour sein. So sieht es aber nicht aus, es wartet noch mehr steiler Fels. Da stellt man sich unweigerlich die Frage: hat je einer der Topo-Abzeichner diese Tour jemals geklettert? Ist zählen so schwierig? Oder sind wir einfach zu pedantisch, dass wir in der Anzahl SL korrekte Topos erwarten?
SL 13, 50m, 5c+: auch diese Bonus-Seillänge wartet nochmals mit erstklassiger, grosszügiger Risskletterei auf, super! Wiederum stecken bei anhaltenden Schwierigkeiten nur gerade 4 BH, in der Mitte muss eine etwa 5m breite Grasterrasse gequert werden.
Dann ist der letzte Stand erreicht, und hier ist nun endgültig das Ende der Schwierigkeiten. Es ist indessen 16.50 Uhr, die total 555 Klettermeter haben uns weitere 5.5 Stunden in Anspruch genommen. Mittels leichter Kletterei könnte der (vollkommen unbedeutende) „Gipfel“ des Dôme de Slot wohl erreicht werden. Angesichts der fortgeschrittenen Zeit, und der Tatsache, dass sich der tagsüber lange wolkenlose Himmel nun plötzlich überzogen hat und sogar einige wenige Tropfen fallen, nehmen wir die Abseilerei in Angriff.
Dies läuft eigentlich ganz flott, obwohl es nicht extrem steil ist, „kommt“ das Seil gut, denn es gibt nur wenige Bänder und es liegt überhaupt kein loses Gestein herum. Dennoch gibt es am Stand 11 und am Stand 8 jeweils einen kurz einen Seilverhänger, jedoch in unmittelbarer Nähe, so dass die Sache in beiden Fällen in minutenschnell geklärt ist. Dennoch dauert es eine Stunde, bis wir um 18.00 Uhr nach 12 Abseilmanövern wieder am Wandfuss stehen.
Nun wird das ganze Gear verstaut und zwei, drei Happen gönnen wir uns vor dem langen Rückweg auch noch. Ein kurzer Schauer hat das Gras ziemlich nass gemacht, für das anhaltende T4-Gelände und die T6-Crux nicht gerade optimal, doch es ist schlussendlich alles problemlos. Um 18.15 Uhr gehen wir los und sind dann um 19.35 Uhr wieder zurück bei P.1931, wo wir auf den Wanderweg treffen. Die „böse“ Runse lässt sich im Abstieg deutlich einfacher begehen, weil man auf den heikelsten Passagen eher aufsteigen kann.
Nun auf der Zielgeraden, können wir es, im Vergleich zum bisherigen, bis zum Auto „rollen lassen“. Zuletzt warten im Märchenwald oberhalb Unnerbärg dann nochmals 50 Höhenmeter Aufstieg, wo uns die Beine zeigen, dass wir bereits über 13 Stunden unterwegs sind und dabei nur 2 kurze Pausen gemacht haben. Um 20.45 Uhr sind wir dann da, auch der Abstieg hat also nochmals volle 2.5 Stunden gekostet. Zum Glück ist’s nicht weit bis in unser Feriendomizil, wo der Znacht bereits auf dem Tisch steht, danke!
Fazit zur Tour und Tipps:
Mit der „Genius“ am Dôme de Slot konnten wir nicht nur eine weitere Lücke in unserem Schweizer Kletterpalmares schliessen, sondern auch eine lange, abenteuerliche und fantastische Kletterei geniessen.
-       die Länge der Routen am Slot ist vergleichbar mit denen am Eldorado. Die Kletterei ist aber steiler, griffiger, anhaltender und deutlich anstrengender als im Grimselgebiet.
-       es handelt sich um exzellenten Granit, die Touren können den Vergleich mit dem Gross Bielenhorn, der Grauen Wand und dem Salbitgebiet in jeder Hinsicht standhalten.
-       für die vergleichsweise recht tiefen Bewertungen handelt es sich doch um eine ziemlich anspruchsvolle Tour! Die „Mummery“ (Remy 1994, 10 SL, 6b+) an der Handegg fanden wir eher gemütlicher.
-       der Dôme de Slot ist nach SSW exponiert, und nicht wie Schweiz Plaisir suggeriert nach SE. Die Sonne bescheint den Einstieg in der zweiten Julihälfte erst etwa um 10.00 Uhr, und bleibt dann bis zum späten Nachmittag.
-       die Topos vom Dôme de Slot haben wohl schon viele zum Träumen angeregt. In die Realität umgesetzt werden diese Träume aber wohl eher selten. Will heissen, die Routen werden wohl nur selten begangen. Der Zustieg ist in der Tat weit, aber landschaftlich schön und keineswegs langweilig. Kurzum: es lohnt sich!
-       leider wurden sämtliche Touren nur mit verzinkten Haken (nicht Inox!) ausgerüstet. In diesem hochalpinen Gelände, das auch nicht selten vom Wasser überronnen ist, genügt das leider nicht. Will heissen, der Zahn der Zeit hat an einigen BH schon ziemlich genagt. Dies dürfte insbesondere auf die schwierigeren Touren zutreffen, wo nicht (wie in der „Genius“) zumindest teilweise noch nachträglich nachgebessert wurde. Nachgebessert wurde leider auch wieder nur mit verzinktem Material.
-       eigentlich muss man dazu raten, den Dôme de Slot so bald wie möglich zu besuchen. Die Haken werden nicht besser, und der Zustieg womöglich auch nicht. Es kann gut sein, dass er in Zukunft nicht mehr (so relativ einfach) machbar ist.
-       die bisher publizierten Topos zum Dôme de Slot sind eher von rudimentärer Natur. Dies ist insbesondere darum ein bisschen störend, weil sich die Touren teilweise kreuzen, berühren oder nahe beeinander verlaufen und man sich so verklettern kann. Für die „Genius“ steht hier nun aber ein hoffentlich passendes Topo zur Verfügung!
Bonne grimpe!

Tourengänger: mde


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