Astwerk eines Lawinengangs zwang zu Umwegen


Publiziert von Henrik , 3. Juni 2009 um 14:13.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Locarnese
Tour Datum: 2 Juni 2009
Wandern Schwierigkeit: T2 - Bergwandern
Zeitbedarf: 3:00
Aufstieg: 200 m
Abstieg: 400 m
Strecke:Ghieiba - San Carlo di Valle Peccia - Peccia
Zufahrt zum Ausgangspunkt:ÖV - sehr rares Angebot 3xtgl ab Peccia
Zufahrt zum Ankunftspunkt:ÖV - sehr rares Angebot 3xtgl ab Peccia
Unterkunftmöglichkeiten:Im Valle Maggia sehr breites Angebot
Kartennummer:Basodino 1 : 25 000

Wenn sich die Massen zurückziehen, begebe ich mich in den Süden – Pfingsten 2009 war das auch so. Seit dem Fahrplanwechsel von 2008 verkürzt sich die Anfahrt ins Tessin beträchtlich – zudem, wider Erwarten, wird mir im ICN am Gotthard nicht übel, ganz im Gegensatz zur Durchmesserlinie nach Genf. Umsteigen in Arth-Goldau, in Bellinzona sind Perronwechsel nötig, nicht bei allen Ankünften. Die seit 2007 nun zwischen Bellinzona und Locarno bzw. Chiasso eingesetzten FLIRTs (Stadler) erleichtern den Zustieg beträchtlich, zudem ist genügend Platz da für Gepäck – die grossen Panorama-Fenster eröffnen Weitsicht, was angesichts steiler Bergflanken im Südkanton von Planungsvorteil ist – man kommt so noch eher ins Schwärmen!
 
Nicht ganz so zufrieden bin ich mit den Umsteigezeiten – der Fahrplan ist ja schweizweit so verdichtet, dass Anschlüsse teils nicht abgewartet werden: Pendler wissen davon ausreichend negativ zu berichten!
 
Ich bin gestern Dienstag ins Valle di Peccia aufgebrochen – der Fahrplan der Postbus AG ist schon sehr spärlich ausgelegt – dafür haben wir hikr. ja Füsse, die uns bis ans Ende der Welt tragen. Ganz hinten im Tal wird Marmor abgebaut – allerdings wirkt der Platz nicht aktiv: Der weiße Marmor von Peccia ist weitum bekannt. Der Marmorbruch befindet sich auf 1200 m Höhe in Ghieiba, rund 2 km von Piano di Peccia, der letzten Fraktion von Peccia, entfernt. Das auf über 160 Mio. m3 geschätzte Vorkommen wurde bereits im 18. Jh. entdeckt, doch eine Nutzung wurde erst anfangs des 20. Jh. erwogen. Mit der Gründung der Aktiengesellschaft Cristallina im Jahre 1946 begann der Abbau, der auch heute noch vorangetrieben wird. Das Geschäft lief auf Anhieb, und bereits 1957 wurden 1140 m3 Marmor abgebaut und im In- und Ausland vertrieben. Im Valle di Peccia kommen auch Talk und Speckstein vor. Der Speckstein, der in dieser Gegend bis zu 60% Antophyllit sowie Tremolit und Biotit enthält, wurde auf der Drehbank handwerklich zu Töpfen, Vasen, Ofenplatten usw. verarbeitet. Dieses Handwerk erlebte seine Blüte im 19. Jh.  Maschinen, die vor sich hinrosten; Marmorgiganten liegen unfertig da und die Gewalt der Sprengungen lässt ahnen, welche Kräfte da zum Tragen kommen: Bruchmaterial aller Orten. Von Ghieiba (1230 m) aus kann diese Region erkundet werden: http://www.maggiore.ch/prospetti/31_Peccia_d.pdf . Mein Weg begann auch hier, mein Ziel Peccia. Zuerst setzte ich mich ein wenig an die Sonne, räkelte mich auf einem der glattgeschliffenen Steine, die ich an der Holzbrücke über den Ri della Crosa vorfand und ließ die Zeit etwas fließen, wie das Wasser, das zu dieser Jahreszeit unüblich üppig von den Bergen herunter kommt. Der viele Schnee dieses Winters beschert dem Tessin Wasser wie schon lange nicht mehr – es verhindert aber auch Zugänge, die gewohnterweise zu dieser Zeit längstens begehbar sind oder wie gestern  erlebt auch auf dem banalen Wanderweg nach Peccia weite Umgehungspassagen nötig machen, da Lawinen Teile des Weges weggeschoben haben oder Astwerk ein Durchkommen verunmöglicht!
 
 
 
 
 
Das schottische Hochlandrind, das hier die Weiden bevölkert zusammen mit etlichen genügsamen Eseln erstaunt den Wanderer ja schon deshalb – man wähnt sich ja nicht unbedingt im Tessin, wenn man ihnen vorbei kommt oder sie sich unverrückbar auf dem Weg niedergelassen haben und nicht weichen. Später wundere ich mich über ein Rustico, das just unter der Hochspannungsleitung renoviert wird – Gnade ihm mit dem Elektro-Smog...  Am Dorfrand oder eher Weiler Piano di Peccia angekommen, eröffnet sich eine beeindruckende Sicht nach Süd-Osten hin: der Anblick der Pyramiden des Pizzo Madàs und der Corona di Redorta beeindrucken – sie wirken durch den vielen Schnee wie vergletschert. Ich folge dem Weg durchs Dorf, später entlang der kleinen Kraftwerksanlage der OFIMA und komme nach San Carlo: im Ristorante Monaci sind jetzt sogar zur Mittagszeit nicht mal Einheimische an den Tischen. Ausführliches zum Valle di Peccia liefert die Site: http://alpi-ticinesi.ch/ticino/valli/peccia.html inklusive die teils schwierigen Zugänge früherer Alpi! Beim nächste Weiler Cortignelli stösst man rechts der Strasse auf den Maultierpfad, der bis 1924 den einzigen Zugang ins Tal bildete. Eigentlich hoffte ich diesem nach unten folgen zu können, doch die aus dem Valle Bavorchia bekannten Lawinenniedergänge verhinderten eine Begehung – dichtestes Astwerk und verschwundener Bergweg zwangen zum Rückzug zur Strasse, die an dieser Stelle sowohl frei wie tunneliert geführt wird! Zu Veglia (Ortsschild) oder Veia (Karte) finden sich keine Erhellungen, der Bergwanderweg führt hinunter zum Fiume Peccia und folgt ihm bis zur Oase des Grotto Pozzasc – eine ehemalige Mühle: hier wird die Polenta noch auf dem offenen Feuer gekocht. Im Grotto Pozzasc wird eine Grotto-Küche gepflegt, wie man sie im Tessin nur noch selten findet. Einzigartig auch die Lage des Grottos, direkt an einem kleinen Wasserfall mitten in der rauen Natur. Gegessen wird an grossen Granittischen, mit Blick auf den Fluss – ein Muss und schon lange kein Geheimtipp mehr; das Grotto Pozzasc ist das perfekte Idyll. Von hier sind es nur noch ein paar Schritte zum Cristallina-Marmor – hier wird ein hochstehendes Naturprodukt industriell gebrochen und kann in beeindruckender Architektur Bottas auch ganz in der Nähe besucht werden – in Mogno: http://www.info-ascona.ch/mogno_fusio.htm ! Bei der kleinen Post, die es tatsächlich noch in Peccia gibt...setze ich mich auf eine Steinbank, und warte auf den Bus nach Fusio, der Serpentinen wegen ich mitfahre und um sozusagen für die Rückfahrt nach Bignasco in der ersten Reihe sitzen zu dürfen.

Tourengänger: Henrik

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Kommentare (1)


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Seeger Pro hat gesagt: Henrik, der Eisenbahnfan
Gesendet am 3. Juni 2009 um 15:29
Ciao Henrik
Super Reportage. Süffig zu lesen und immer etwas zum Lernen.
Deine Exkurse über die Bahn sind einfach köstlich. Warst und bist Du etwa auch ein Modellbahnbauer? Wäre nicht überrascht.
Tanti saluti
Andreas


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