Die Katze von Grumo
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Von dieser Wanderung ist mir vor allem die Katze von Grumo in der Erinnerung haften geblieben. Daher der Titel. Aber davon später.
(Katzenfreunde, die sich nur für dieses mutige, kleine Biest interessieren und - statt den langen Text über die kurze Wanderung zu lesen - lieber mit ihrer eigenen Katze spielen, mögen einfach weiter nach unten scrollen, oder sogar ausschliesslich die paar Fotos von der Katze mit dem Löwenherz anschauen.)
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Eigentlich wollte ich über Cossüm (1085m) nach Pern (1623m). Pern liegt auf einem breiten, bewaldeten Geländerücken, der von der Cima di Piategn (2476m) ins Valle Leventina abfällt, und der den unteren Teil des Valle d'Usèdi vom Val Fòuda trennt. Im Clubführer, Tessiner Alpen 2 ('Von der Cristallina zum Sassariente'), hatte ich auf Seite 380 unter der Routennummer 1488 a) gelesen, der Weg von der Brücke über den Ri del Cascinello nach Pern sei "in schlechtem Zustand und teilweise zerfallen". Weil ich auf fast alles neugierig bin und deshalb auch auf Wege, die selten begangen werden, wollte ich das mit eigenen Augen sehen.
Das Postauto brachte mich von Lavorgo (Valle Leventina) bis zur Haltestelle 'Chironico, Grumo'. Grumo (813m) ist ein Weiler, der ungefähr einen halben Kilometer weiter südlich des Dorfes Chironico liegt.
Von Grumo als Ausganspunkt laufe ich an Segn und Arla vorbei und der Fahrstrasse entlang in Richtung der beiden Siedlungen Orsino und Sacco. Nach ungefähr einem Kilometer, bei einer Kurve, führt die oben erwähnte Brücke über den Ri del Cascinello - so heisst der Talbach des Valle d'Usèdi. Hier zweigt der Pfad ab, der über den bewaldeten Geländerücken hinauf führt nach Cossüm und dann nach Pern, und wenn man denn unbedingt möchte, kann man weiter hinauf bis auf die Cima di Piategn.
Der schwach ansteigende Pfad führt schon nach 100m zu einer Steinhütte bei P.799. Dort hat es einen weissen Wegweiser, und auf dem steht in grossen schwarzen Buchstaben geschrieben: Pern. Ich bin also auf dem richtigen Weg und der Aufstieg beginnt. Aber weil die Wegführung klar ist, bin ich schon bald abgelenkt und denke über irgendwelche belanglosen Dinge nach, über alles Mögliche und Unmögliche - über Rechnungen, die noch zu bezahlen wären und über die Welt im Allgemeinen und den Lauf der Dinge im Besonderen und über andere, ebenso unwichtige Sachen und verpasse darum prompt die wichtige Abzweigung nach Pern und laufe stattdessen einfach weiter, geradeaus in den Wald bei Nocengo und damit ins Valle d'Usèdi hinein, was ich ja eigentlich nicht beabsichtigt hatte. Ich merke zwar schon bald, dass ich auf einem Irrlauf bin, aber ich mag nicht mehr umkehren.
Denn es ist ein zauberhaft schöner Wald, in den ich da in der Gegend bei Nocengo hinein geraten bin, vom Weg ist oft nur noch eine kaum sichtbare Pfadspur vorhanden, denn in diese Gegend geht kaum einer freiwillig, und wenn ich irgendwo eine Tafel gesehen hätte mit der Aufschrift "Nur Wenige kommen hier vorbei" wie im Val di Lodrino, wäre ich nicht erschrocken.
In einem engen Tal ist der Wald im Allgemeinen immer interessant. Schon hinter der nächsten Wegbiegung kann alles anders sein. Das Licht fällt vielleicht anders durch die Baumwipfel und verändert die Farben auf dem Waldboden. Oder ein Fuchs rennt blitzschnell davon und verschwindet im Unterholz oder im Gebüsch. Oder man kann nur noch knapp verhindern, auf ein Schlange zu treten, die ausgerechnet in diesem Moment und ausgerechnet auf diesem Weg liegt - und sie macht sich nur langsam, langsam davon, hinein in den nächsten Busch oder ins nächste Loch oder sogar auf den nächsten Baum. Oder der Weg ist im letzten Winter eingebrochen und es bleibt einem nichts anderes übrig als einen langen Umweg zu machen oder sogar umzukehren und die Wanderung abzubrechen. Alles schon erlebt.
Auf dem Weg ins Tal hinein steige ich über dicke Stämme oder krieche unter ihnen hindurch, den Rucksack neben mir her schleifend, oder ich laufe im Slalom zwischen entwurzelten Bäumen und Baumstümpfen hindurch. Neben dem Weg schillert die Vegetation in bunten Farben. Gefallene Bäume liegen herum, übereinander und durcheinander, in bizarren Haufen, nackt und schön und chaotisch und wild: Die Natur im Urzustand, noch bevor die Ordnung erschaffen wurde.
Unerwartet taucht eine seltsam friedliche Waldlichtung auf, die gar nicht in diese ungezähmte Gegend passt, die sich aber anscheinend in den Kopf gesetzt hat, sich von dem rabiaten Wald um sie herum nicht vorschreiben zu lassen, ob sie bleiben darf oder verschwinden muss.
Es geht weiter in den Wald hinein. Aber weil der Weg wahrscheinlich das nicht unberechtigte Gefühl bekommen hat, sowieso kaum mehr begangen zu werden, ist es ihm zu dumm geworden und hat sich in den letzten Jahren oder Jahrzehnten langsam aber sicher im steilen Terrain aufgelöst. Ich bin schon dabei, die Übung abzubrechen und umzukehren, da sehe ich eine schwache Pfadspur (vielleicht ist es Wildwechsel), die um einen Felsvorsprung herum in die Talsohle und zum Bach hinunter führt. Dort angekommen, stehe ich vor dem Eingang zu einer Schlucht, durch die der Ri del Cascinello fliesst. Er führt zwar nur wenig Wasser, aber weiter in die Schlucht hinein zu laufen, das kommt nicht in Frage für mich - zu schwierig. Ausserdem biegt die Schlucht schon kurz nach dem Eingang nach rechts ab, falls ich das richtig erspäht habe - wie auch immer, jedenfalls wird es echt unübersichtlich, und ohne GPS weiss ich sowieso nicht genau, wo ich bin.
Ich schaue mich um. Dieser abgelegene Ort hat ein eigenartiges Flair, obwohl man nicht behaupten kann, er sei schön. Man ist von drei Seiten eingeschlossen, nämlich von den beiden steilen Talflanken und in Richtung Talabschluss von der bereits erwähnten Schlucht, deren düsterer Eingang mit Moos und Flechten und mit Sträuchern und Gras bewachsen und bedeckt ist. Über einen Felsen unterhalb Osadigo (Mun, Garnéi, Löita, etc.) plätschert ein reizvoller kleiner Wasserfall ins Tal hinein - aber so wie es aussieht, kann er sich nicht so recht entscheiden, ob er sich zu einem richtigen und grossen Wasserfall entwickeln soll, oder ob es eventuell nicht gescheiter wäre, wenn er sich ganz aus der Gegend zurückziehen und sich verabschieden und verschwinden würde, denn er wird es sowieso nie in die Spitzengruppe der 100 schönsten Wasserfälle schaffen.
Es gibt hier kein Panorama zu bewundern und schon gar keine Naturwunder, aber das hat ja auch seine Vorteile - man fällt dann nicht automatisch in eine BergPanoramaEkstase, aus der man möglicherweise nur mit Mühe wieder heraus kommt und darum zu lange oben bleibt, in der Folge beim Abstieg in die Nacht hinein gerät und im Tal den letzten Bus verpasst. Mir auch schon passiert. (So ne richtige Ekstase kann bekanntlich und bisweilen ganz schön anstrengend sein und man verbraucht viel Energie, die man besser verwenden könnte, zum Beispiel für den langen Abstieg.)
Vom Valle d’Usèdi in den Kosmos und wieder zurück
Dieser Ort bei der Schlucht mit dem schlampigen Charme eines locker-lässig geführten SecondHandLadens (der Vergleich hinkt, ich weiss schon, aber ich finde im Moment keinen anderen) wirkt unordentlich und unaufgeräumt, aber gerade deshalb liefert er einen guten Vorwand, um eine Weile einfach nichts zu tun, sich ein wenig zu langweilen, zu entspannen, sich gehen und die Seele baumeln zu lassen, wie man so schön sagt. Und wenn es einem dann zu langweilig geworden ist, sich zu langweilen, dann kann man ja versuchen, sich ein paar Gedanken zu machen. Der Ri del Cascinello fliesst zum Valle d'Usèdi hinaus, ändert seinen Namen weiter unten zu Baròugia und fliesst bei Giornico in den Ticino. Zusammen mit dem Ticino fliesst er in den Lago Maggiore und dann in Italien in den Po. Mit dem Po zusammen fliesst er in das Adriatische Meer, das mit dem Mittelmeer verbunden ist, dieses wiederum durch die Strasse von Gibraltar mit dem Atlantik, und dieser, grob gesagt, mit allen anderen Meeren. Und die Meere wiederum sind über die ganze Erde verteilt und Ebbe und Flut haben etwas zu tun mit dem Mond und der wiederum mit den Asteroiden, die auf ihm einschlagen, und die Asteroiden mit den Planeten und die Planeten mit den Sternen und die Sterne mit der Milchstrasse und die Milchstrasse mit den anderen Galaxien - und schon sind wir im tiefen Kosmos. Dieser unscheinbare Ort im Valle d'Usèdi ist also - über ein paar Umwege - mit dem Kosmos verbunden, und darum erklärte ich den Ort auf der Stelle und ohne lange zu fackeln zur Mitte der Welt. (Ich meine damit die Mitte des Weltalls, nicht die Mitte der Erde.)
Logisch klar und sauber abgeleitet, hehe! Und weil ich in meiner Wanderkarriere schon mehrere Orte zur Mitte der Welt erklärt hatte, fragte ich mich, ob die Mitte der Welt nicht einfach dort sei, wo man zur Zeit selber ist, und wo es einem gefällt. Think Big!!!
Phhhhhh........(ausatmen). Vom Valle d'Usèdi in den Kosmos...!!! Spätestens jetzt fiel mir auf, dass ich sogar ohne BergPanorama in eine NaturEkstase geraten war und da sagte ich mir, komm wieder raus aus deinem Delirium und auf den Boden zurück, das ist gescheiter. Was ich auch tat.
Was tut einer, wenn er von einer NaturEkstase zurückgekommen und die Mitte der Welt wieder zu einem unscheinbaren, ruhigen Ort in einem Seitental des oberen Valle Leventina geworden ist? Nichts Besonderes. Nach einer Weile des entspannten Staunens und Nichtstuns denkt er, es wäre langsam Zeit, wieder nach Grumo zurück zu laufen.
Die Katze von Grumo
In Grumo angekommen, warte ich auf das Postauto, vertrete mir die Füsse und schlendere der Strasse entlang. Da höre ich plötzlich ein leises, aber verärgertes Brummen und Brummeln neben mir, das in ein bedrohliches Knurren übergeht und sehe auf dem Vorplatz des Hauses, an dem ich gerade vorbei schlendere, eine wunderschöne Katze. Sie schaut mich nicht direkt an, sondern schräg an mir vorbei, aber ihr Knurren wird immer lauter und immer bedrohlicher. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich sei dieser Katze nicht extrem sympathisch. Da bemerke ich hinter ihr, halb verdeckt und versteckt hinter einer Pflanze bei der Mauerecke, ihr junges Kätzchen, das vorsichtig die Szene beobachtet. Das Knurren wird immer lauter und auch gefährlicher, ich gehe ein paar Schritte weiter aber die Katze folgt mir parallel, dann wendet sie urplötzlich den Kopf und fixiert mich - direkt, offensiv und intensiv, und sie knurrt und grollt und faucht und schreit und zischt (ja, das war wirklich so, sie hat gezischt wie eine Schlange). Eine Kampfkatze...!!! Die versteht keinen Spass, die meint es knallhart im Ernst, und darum weiche ich schnell einen Schritt zurück. Gut hat es keinen Verkehr auf der Strasse.
Und jetzt dämmert es mir langsam, was passiert ist. Für sie bin ich ein Fremder und bin, ohne es zu merken, in ihr Revier eingedrungen und sie glaubt, ich hätte es auf ihr Kätzchen abgesehen. Dieses wiederum beobachtet währendessen irgendwie ungläubig und überrascht die Szene aus der sicheren Distanz und fragt sich offensichtlich, was denn hier eigentlich gespielt wird. Dem Kätzchen ist es schleierhaft unklar, was da vor sich geht, das sieht man ihm an - es ist ja noch klein und hat nur wenig Erfahrung mit der grossen Welt.
Eigentlich hatte ich in diesem Moment vor, mich zurückziehen und gehe langsam weiter, aber die Katze will es genau wissen, setzt sich auf die Steintreppe neben dem Haus und starrt mir direkt in die Augen, starrt und starrt und starrt mich an, Auge in Auge (und auch: Auge in Linse, weil ich ja Fotos machte), und hört nicht mehr auf, mich anzustarren, bis sie mich ausgestarrt hat und ich als erster den Blick senke und die Kamera einpacke.
Nun wirft sie noch einen Blick zurück zu ihrem Kätzchen, um sicher zu gehen, ob alles in Ordnung ist, bevor sie sich entspannt ausruht. Das Ganze hat eigentlich kaum zwei Minuten gedauert, aber die intensive Begegnung mit diesem furchtlosen kleinen Biest mit der grossen Seele ist mir viel länger vorgekommen.
Ich war tief beeindruckt. Dieser Katze gehört nicht viel auf dieser Welt, aber was ihr gehört, nämlich ihr junges, reizendes Kätzchen, das verteidigt sie mit Zähnen und Krallen und mit Fauchen und Grollen und mit allem, was ihr zur Verfügung steht. Die wäre mir voll ins Gesicht gesprungen, hätte mir die Ohren, die Nase, die Lippen und den Hals, die Hände und die Arme zerkratzt, wenn ich mich noch einen Schritt genähert hätte. Die wäre nicht zurückgewichen und hätte ohne zu zögern ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt, um das Leben ihres Kätzchens zu verteidigen.
Diese furchtlose, mutige, zu allem entschlossene Katze von Grumo werde ich nicht so schnell vergessen. Ich habe ihr damals alles Gute gewünscht und ein langes, interessantes Katzenleben. Und in ihrem nächsten Leben (Katzen haben neun Leben) wird sie als brandgefährlicher, schöner, Schrecken erregender Jaguar wiedergeboren werden (von denen gibt es nämlich nicht mehr viele), und er wird dazu beitragen, das allmähliche Verschwinden der Jaguare zu stoppen. Er wird sich nichts gefallen lassen. Und die üblichen Verdächtigen, die ihm ans Leder wollen, werden es sich - gegen ihren eigenen Willen - anders überlegen und die Gegend panik- und fluchtartig, zähneklappernd und angstschweissgebadet verlassen, sobald sie erfahren, dass sich unser Jaguar aus Grumo in der Nähe herumtreibt.
Und damit die Katze von Grumo in ihrem nächsten Leben als Jaguar wiedergeboren wird - dafür habe ich mich damals persönlich und noch unter dem Eindruck des Erlebten bei dem einflussreichen, schönen und mächtigen Hindu-Gott namens "Shiva" stark gemacht. Der ist nämlich für die Vergabe der Wiedergeburten aller Art zuständig. Da kann also nicht viel schief gehen.

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