Matterhorn 4478 m - fast


Published by basodino , 6 November 2009, 18h41.

Region: World » Switzerland » Valais » Oberwallis
Date of the hike:21 August 1997
Mountaineering grading: AD
Climbing grading: III (UIAA Grading System)
Waypoints:
Geo-Tags: CH-VS   I 
Time: 18:30
Height gain: 1220 m 4002 ft.
Height loss: 1220 m 4002 ft.

Der Berg ist hinlänglich bekannt und eine weitere Routenbeschreibung (Hörnligrat) tut nicht Not. Allerdings sind die Erfahrungen an diesem Berg sicherlich vielfältig und so möchte ich auch meine beitragen:

Man muss erwähnen, dass unsere Begeisterung und unser Optimismus wohl weit größer waren, als unsere bergsteigerischen Fähigkeiten. So waren wir 1997 bereits das 2. Mal am Berg, nachdem wir im Jahr zuvor kurz oberhalb der Solvayhütte umgekehrt sind. Damals erreichten wir die Solvayhütte erst nach 3,5 Stunden (10.00 Uhr) und konnten uns ausrechnen, dass es bis hinauf und wieder runter nicht reichen würde. Das war 1997 anders, da wir bereits um 7.00 Uhr an der Solvay waren (nach 2,5 Std.).

Wir, das waren damals ein Freund von mir, der sehr sportlich war, aber noch kaum geklettert hatte, meine damalige Frau, die hohe Berge erst neu kennengelernt hatte, da sie ursprünglich aus Südafrika kam und meine Wenigkeit, begeistert, aber wenig fit.
Das "wenig fit" rächte sich dann auch. Denn obwohl wir immerhin das Breithorn 2 Tage zuvor erstiegen hatten, ging es oberhalb der oberen Mosleyplatte nur noch zäh voran. Unfassbar langsam kletterten wir (ich) weiter. Schließlich erreichten wir die Schulter und die Fixseile. Immer wieder Stau und gehen im Himalaya-Stil (3 Schritte, Stehen bleiben, Atem holen, 3 Schritte) halfen nicht wirklich weiter. Mein Freund war uns an den oberen Fixseilen entschwunden und meiner Frau ging es sichtlich schwerer, so dass sie das oberste Fixseil rein kräftemässig nicht mehr schaffte. Ich stand schon oben und konnte auf das untere Dach sehen und wusste, der Gipfel war mein, aber sie schaffte es einfach nicht hinauf. Mit Tränen im Gesicht, und der Sorge, nie mehr lebend von diesem Berg zu kommen, schaute sie mich entkräftet und erschöpft an, und ich konnte natürlich nicht anders, als den Gipfel sein zu lassen und mit ihr umzudrehen. Außerdem war es inzwischen nach 13 Uhr und wir waren schon beinahe 9 Stunden am Berg.

Fortan seilte ich sie an allen Stellen ab, an denen das an diesem Berg nur geht. Wir verloren langsam an Höhe und erreichten wieder die Schulter. Übrigens ist es erstaunlich, wie wenig mich das jetzt anstrengte. Die Sorge um einen geliebten Menschen scheint magisch zu wirken. War ich im Aufstieg das eigentliche Sorgenkind, so kehrte sich jetzt alles um. Mein sportlicher Freund hatte den Gipfel inzwischen geschafft, wenigstens. Schritt für Schritt ging es hinab und erst gegen 18 Uhr erreichten wir wieder die Solvayhütte. In dieser bot sich ein jämmerliches Bild. 9 Personen saßen dort, alle entkräftet und enttäuscht. Keiner traute sich mehr an den Abstieg bis wir kamen. Eine Nacht in diesem Schutzraum möchte ich mir erst gar nicht ausmalen. Es ist kalt, es existieren kaum Decken, Matratzen schon gar nicht, die Luke des Klos ist verschissen, ich habe selten einen so trostlosen Ort gesehen. Für uns war klar, wir müssen ganz runter.
4 Mann (2 Engländer und 2 Schweizer) wollten es mit uns probieren. So machten wir das Seil fertig und seilten an der unteren Mosleyplatte ab. Bis alle 7 unten waren, dauerte es seine Zeit und inzwischen fehlte mir auch die Kraft ein wenig. Einmal drehte es mich weg, da man in diesem Gelände ja kaum lotrecht abseilen kann, sondern immer etwas queren muss, um weiter zu kommen. Schließlich gelangten wir zurück auf den Teil der Route, den man leichter ohne Seil abklettern kann. Dort fanden wir noch 2 Österreicher, die offensichtlich keinen Plan hatten, wie sie den Weg runter finden sollte, bewegten sie sich doch gefährlich fern der eigentlichen Route. Nun machte es sich zu nutze, dass ich den unteren Teil bereits 4 x geklettert war (in beiden Jahren am Vortag als Erkundung und dann bei der jeweilige Tour). So fanden wir den Weg auch in der Dämmerung und vom elwe Fad an waren wir ganz im Dunkeln. Schließlich erreichten wir die Hütte alle wohlbehalten inkl. der 6 Mann, die wir aufgelesen hatten um 23.00 Uhr nach 18,5 Stunden unterwegs. Getrunken hatten wir alle weniger als 1,5 Liter pro Person und gegessen eine Cervelat, ein Brot und 1-2 Schokoriegel. Für mehr war nie Zeit, wir waren aber auch nie hungrig oder durstig. Auch abends nicht, als der Hüttenwart noch etwas Suppe und Brot brachte, und wir alle beinahe so froh waren, wohlbehalten angekommen zu sein, wie andere auf dem Gipfel vielleicht.

Die Wirkungen dieser Tour waren allerdings recht unterschiedlich. Für meinen sportlichen Freund war es der Beginn der eigentlichen Bergsteigerei und er hat noch viele sicherlich anspruchsvollere Touren unternommen. Für mich war es ein Highlight und die Erkenntnis, wo meine Grenzen liegen, die Begeisterung für die Berge hat aber in keinster Weise gelitten. Meine damalige Frau verlor in der Folge allerdings ihre Liebe zu Bergfahrten immer mehr.

Übrigens noch eine Anmerkung zum Berg und dem Zirkus dort selbst: Bei beiden Besteigungen zusammen genommen, ist mehrfach über mich blind hinweg abgeseilt worden, das Seil fiel mir sozusagen auf den Kopf, Steinschlag wurde von einem Bergführer mit Gast ausgelöst, Absicht kann natürlich nicht unterstellt werden, es kam ihnen aber sehr zupass, uns auf diese Weise auf Distanz zu halten (die Warnung verbal kam früher als das Geräusch der Steine), ein Bergführer hat seinen weiblichen Gast den Berg beinahe heruntergebrüllt und gestossen, sonst wäre sie wahrscheinlich einfach stehen geblieben, etc. etc.. Wer ein schönes Bergerlebnis der Berge wegen erleben möchte, der ist hier an manchem Tag am falschen Berg, obwohl die Route als solches einzigartig ist und ich sie als Erfahrung nicht missen möchte.

Hike partners: basodino


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Comments (5)


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MaeNi says: Eindrücklicher Bericht!
Sent 6 November 2009, 22h26
Beim Lesen Deiner Zeilen lebt man Auf- wie Abstieg mit! Genial!

Gruss und noch schöne und unfallfreie Touren!
Marcel und Nicole

Naesi says: Merci...
Sent 7 November 2009, 06h57
... für Deinen Beitrag. "Eigentlich" steht das Horu auf meiner Wunschliste, doch nach dem SF Dok Film "48 Stunden Matterhorn" und einigen Reports wie diesem, finde ich das Ziel nicht mehr sonderlich attraktiv. Im Gegenteil. Ich mag am Berg nicht im Stau stehen oder einen solchen verursachen. Unglaublich, was an gewissen Bergen für Zustände herrschen... wann ist der Peak wohl erreicht?!?!

basodino says: RE:Merci...
Sent 7 November 2009, 10h42
Kleine Anmerkung noch: Am Tag unserer Tour waren es nur ca. 70-80 Leute, die auf den Berg wollten. Die Hörnlihütte ist aber an besonders schönen Tagen gerne mehr als doppelt so voll. Ich bilde mir auch ein das 1997 noch nicht so viele insgesamt in den Bergen unterwegs waren, wie heute. Aber vielleicht ist das auch nur ein subjektiver Eindruck.

Baldy und Conny says: Das Horu und sein schlechter Ruf
Sent 7 November 2009, 09h19
beim lesen haben wir uns wieder gesehen. Für uns war dieser Berg auch ein Traumziel. Wir haben sehr viel dafür trainiert und wir wollten au keinen Fall solche Bedingungen wie im " 48 Stunden Matterhorn" haben. Es ist ausserhalb der Hauptsaison möglich, das Horu als sehr schöne Tour zu erleben...allerdings muss man ein wenig dafür tun und dieser Berg nicht unterschätzen. Einen Spaziergang ist es definitiv nicht.

Viel Glück für Deine Touren
Conny

mde says: Was für ein Erlebnis!
Sent 22 July 2010, 23h11
Ich habe diesen Bericht hier nur per Zufall entdeckt, doch er ist wirklich sehr, sehr lesenswert. Super geschrieben, man kann die Emotionen nur so spüren.

Ich persönlich verbinde mit dem Matterhorn sehr angenehme Erinnerungen, ich konnte bei besten Bedingungen einen guten Freund an einem Traumtag auf den Gipfel führen, und alles lief reibungslos ab.

Jedoch hätte ich aus meiner Anfangszeit (meine erste Bergtour überhaupt) auch noch eine 22-Stunden-Epik zu bieten, die Überschreitung von Lenzspitze und Nadelhorn. Vielleicht werde ich das mal noch publizieren.

Auf jeden Fall sind in Deinem Bericht einige Eindrücke (die absolut schreckliche Solvay, das Abseilen über andere, ...) so treffend und gemäss meiner eigenen Wahrnehmung beschrieben, dass ich nun meine Matterhorn-Story als etwas speziellen Tourenbericht auch gleich veröffentlichen werde...


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