Stennenros - Herdengesrunno - Anzen Hasal: Entlang einer Grenze aus dem Jahr 805 (Tag 2)


Publiziert von Nik Brückner , 13. Mai 2019 um 20:13. Text und Fotos von den Tourengängern

Region: Welt » Deutschland » Südwestliche Mittelgebirge » Odenwald
Tour Datum: 6 Mai 2019
Wandern Schwierigkeit: T2 - Bergwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: D 
Zeitbedarf: 6:00
Aufstieg: 150 m
Abstieg: 450 m
Strecke:26,4km

Im Jahre 805 verfügte Karl der Große den Grenzverlauf des Heppenheimer Kirchspiels. Dies ist heute noch zu sehen: In Form einer Steintafel im Nordturm von St. Peter, die etwa im dritten Viertel des 12. Jahrhunderts entstanden ist. Auf ihr sind in althochdeutscher Sprache 26 Grenzpunkte festgehalten, anhand derer ich diese Grenze im Frühjahr 2019 entlangwandern wollte.

Diese Grenzpunkte entsprechen alten Orts- und Flurnamen, von denen ein Teil verschwunden ist, ein anderer sich aber bis heute erhalten hat. Allerdings zumeist nicht mehr in der Form, in der sie auf der Steinplatte stehen. Diese 1200 Jahre alten Namen mit heutigen Punkten in der Landschaft zu identifizieren, und sie dann im Gelände wiederzufinden, ist der Reiz dieses kleinen Abenteuers.


Solche Grenzgänge sind spannend, und nicht minder lehrreich. Sie brauchen aber einiges an Aufwand und Zeit - für die Vorbereitung, wie für die Wanderung selbst. Am Odenwaldlimes war ich vor einigen Jahren vier Tage lang unterwegs, neulich im Pfälzerwald entlang der Grenze des Pirminslandes von 828 zwei Tage. Die Grenze des Heppenheimer Kirchspiels von 805 ist in etwa 40 Kilometer lang, das sind etwas über 50 Wanderkilometer, daher musste ich auch sie auf zwei Tage aufteilen: Am ersten Tag vom Jochimsee am nördlichen Ortsrand von Heppenheim zur Juhöhe (das ist die Nord- und Ostgrenze des Gebiets), am zweiten Tag von der Juhöhe zurück zum Jochimsee (das ist die Ost-, Süd- und Westgrenze). Die Tour macht man am Besten mit zwei Autos, von denen man eines an das jeweilige Ziel stellt.


Der historische Hintergrund

Ein Kirchspiel also. Damit ist kein Spiel gemeint: Das Wort "Kirchspiel" bezeichnet ursprünglich einen Pfarrbezirk (Parochie), in dem die Ortschaften einer bestimmten Pfarrkirche und deren Pfarrer zugeordnet sind. Etymologisch gesprochen ist ein Kirchspiel ein Bezirk, in dem ein Pfarrer predigen und die kirchlichen Amtspflichten ausüben darf: Im Wort "Kirchspiel" steckt nicht "Spiel", sondern althochdeutsch "spël", mit der Bedeutung 'Rede, Erzählung' bzw. (im theologischen Kontext) 'Predigt'. Das Grundwort "spël" ist auch im Wort "Beispiel" enthalten, ebenso wie im englischen "gospel" < "god-spel", 'das Wort Gottes, Evangelium'.

Es ging also um ganz konkrete Rechts-, Besitz- und damit um Machtbefugnisse: Die Größe des Pfarrbezirks, damit seine Einwohnerzahl, sowie die Einkünfte, die sich daraus ergeben. Um diese zu sichern, dürfte die Abgrenzung des Kirchspiels vorgenommen worden sein, ursprünglich vermutlich irgendwann zwischen 766 und 805. Festgehalten wurde sie dann 805 in der kaiserlich-karolingischen Kanzlei in Form einer schriftlichen Urkunde - die leider nicht erhalten ist. Über die konkreten Gründe kann man nur Vermutungen anstellen: Vielleicht deuteten sich um diese Zeit Entwicklungen an, die das Gebiet der Heppenheimer Kirche bedrohten. Um nicht den Einfluss auf Teilbereiche zu verlieren, und damit die Reduzierung der Glaubensgemeinde und der Zehnteinnahmen zu riskieren, könnte man die Kirchspielgrenzen in einer Urkunde festgesetzt haben.

Leichter lässt sich eine solche Begründung für die Erstellung der Steinurkunde im dritten Viertel des 12. Jahrhunderts geltend machen: Zu dieser Zeit etablierten sich im Süden die Pfalzgrafen vom Rhein, im Osten vergrößerten die Schenken von Erbach ihr Herrschaftsgebiet. Um keine territorialen Einbußen zu riskieren, ließ man die Steinurkunde erstellen, und berief sich dabei auf Karl den Großen als eine der höchsten Autoritäten des Mittelalters.

Dass das Heppenheimer Kirchspiel über diese gut 350 Jahre stabil geblieben ist, liegt wohl daran, dass man die Grenze mit exakter Kenntnis der Gegend an natürlichen Begrenzungen wie Bergrücken, Tälern und Bachläufen orientierte. Die Steinurkunde wurde auch im 16. Jahrhundert noch einem wichtig: in dem über dreißig Jahre dauernden so genannten Hemsbacher Kirchenveränderungsprozess (1573 - 1608) zwischen dem Fürstbistum Worms und der Kurpfalz. Im Zuge dieses Prozesses wurde die Grenze auch noch einmal abgeritten. Und auch heute noch folgen Gemeinde- und Gemarkungsgrenzen diesen natürlichen Linien.

Es ist im Übrigen gut möglich, dass die Heppenheimer Grenzbeschreibung gar nicht echt ist. Die ursprüngliche Urkunde von 805 ist, wie gesagt, nicht erhalten. Und so ist es denkbar, dass das Kloster Lorsch, zu dem das Heppenheimer Kirchspiel gehörte, die Steintafel im 12. Jahrhundert in Auftrag gab, um seinen bedrohten Rechts- und Besitzstand abzusichern, indem man ihn auf niemand geringeren als Karl den Großen zurückführte...


Die Inschrift

Die Grenzbeschreibung des Heppenheimer Kirchspiels befindet sich also in eine Steintafel gehauen im Nordturm von Sankt Peter in Heppenheim. Sie ist zwei Meter breit und achtzig Zentimeter hoch. Sie nennt in einem lateinischen Text 26 Grenzpunkte in althochdeutscher Form (von mir gefettet), die eine ungefähr 40 Kilometer lange Grenze markieren. Der Abstand zwischen den einzelnen Grenzpunkten liegt meist zwischen 1,2 und 1,5 km. Die Inschrift lautet (ergänzte Buchstaben in Klammern):

"HEC E(ST) T(ER)MINATIO · ISTIVS · ECCL(ESI)E · GADERO · RVODHARDESLOCH · ANZEN · HA/SAL · HAGENBVOCHA · SVP(ER) MONTEM · EM[M]INESBERC · VSQ(VE) AD CI/LEWARDESDORSVL · KECELBERC · RORE[N]SOLVN · AHVRNENECGA / VSQ(VE) · AD · ISHENBACH · A · ISHENBACH · SVP(ER) RA[Z]EN · HAGAN · A · RAZEN · HA/GAN · VSQ(VE) AD PARVV(M) · LVDEN[WISS]COZ [A] LV[D]ENWISSCOZ · VSQ(VE) · AD / MITDELECDRVN · RICHMANNESTEN · VSQ(VE) ALBENESBACH · VNA · AL/BENESBACH · HVC · ALTERA · ILLVC · F[R]ONERVT · STENNENROS ·VSQ(VE) / SCELMENEDAL · MEGEZENRVT · S[V]LZBAC · VSQ(VE) AD MEDIVM FRETV(M) / WAGENDENROR · BLVENESBVOH[E]L · HADELLENBAC · HERDENGES/RVNNO · SNELLENGIEZO · VSQ(VE) IN MEDIV(M) · WISGOZ · ET IN ME/DIETATE · WISGOZ · VSQ(VE) · AD GADEREN · HEC · T(ER)MINATIO · FACTA · E(ST) · / ANNO · DOMINICE · I(N) · CARNATIONIS · D · CCC · V · A · MAGNO · KAROLO · ROMANOR(VM) · I(M)P(ER)ATORE ·"

Man sieht: Einige Namen sind heute noch zu erkennen, Sulzbac zum Beispiel heißt heute Sulzbach, der Kecelberc Kesselberg. Ein bisschen schwieriger ist es, in dem Wort "Mitdelecdrun" das heutige Mitlechtern zu erkennen. Andere Namen sind dagegen ziemlich rätselhaft, und wollen erst einmal entschlüsselt werden: "Cilewardesdorsul" zum Beispiel, "Scelmenedal" oder "Megezenrut".  Es sind solche urtümliche Formen, die den Text der Inschrift als weitaus älter ausweisen als die Inschrift selbst, die aus dem dritten Viertel des 12. Jahrhunderts stammt.

Der Text ist allerdings nicht mehr ganz original: Da die Quelle von 805 nur in Form der Inschrift aus dem 12. Jahrhundert erhalten ist, enthält sie nicht die reinen althochdeutschen Formen von 805, es liegen einige Einflüsse aus dem 12. Jahrhundert vor.
In deutscher Übertragung, unter Beibehaltung der alten Formen der Ortsnamen (in verdeutlichender Schreibung) lautet die Grenzbeschreibung:

"Dies ist die Grenzbestimmung dieser Kirche. Gadero, Ruodhardesloch, Anzen, Hasal, Hagenbuocha über den Berg Eminesberg bis zu Cilewardesdorsul, Kecelberc, Rorensolun, Ahurnenecga bis zu Ishenbach. Von Ishenbach über Razen Hagan. Von Razen Hagan bis zum kleinen Ludenwisscoz. Von Ludenwisscoz bis zu Mitdelecdrun, Richmannesten und bis Albenesbach, von dem einen Albenesbach hierhin, vom anderen dorthin, Fronerut, Stennenros bis Scelmenedal, Megezenrut, Sulzbac bis zur Mitte des Wassers von Wagendenror, Bluenesbuohel, Hadellenbac, Herdengesrunno, Snellengiezo bis zur Mitte der Wisgoz und in der Mitte der Wisgoz bis nach Gaderen. Diese Grenzbestimmung ist im Jahre der Fleischwerdung des Herrn 805 von Karl dem Großen, Kaiser der Römer, verfügt worden."

(Text und Übersetzung nach Deutsche Inschriften online.)


Literatur

Meine Wanderidee war es, wie gesagt, die Kirchspielgrenze von 805 im Gelände nachzuvollziehen. Dazu musste ich die Namen erst einmal entschlüsseln, und dann auf einer Karte wiederfinden, um sie dann im Gelände anlaufen zu können. Dabei halfen mir neben dem Eintrag in der Datenbank Deutsche Inschriften online vor allem die folgenden Texte:

  • Frhr. Schenk zu Schweinsberg, Die Grenze des Kirchspiels von Heppenheim a. d. Bergstraße, in: AHG AF 14 (1879) S. 740ff.
  • Heinrich Büttner: Heppenheim, Bergstraße und Odenwald - Von der Franken- zur Stauferzeit, in: 1200 Jahre Heppenheim, Heppenheim 1955, Bes. S. 36ff.
  • Wilhelm Metzendorf: Die Steinurkunde von St. Peter in Heppenheim (805)
     (1983). In: Geschichtsblätter für den Kreis Bergstraße Bd. 16 (1983) S. 27-64, bes. S. 29f. u. 35, und S. 37-51.

Weitere Literatur ist bei Metzendorf genannt. Außerdem interessant ist der Text "Das ,,Steinerne Roß" bei Hemsbach (Rhein-Neckar-Kreis), eine karolingische Grenzmarke" von Dietrich Lutz. Und der wanderfreudige  Heppenheimer Geschichtsverein war auch schon an der Kirchspielgrenze unterwegs, wie in seinem Pressespiegel nachzulesen ist.

Am detailliertesten ist der Text von Wilhelm Metzendorf, der bis dato am meisten Licht in die alten Namenformen gebracht, und damit den alten Grenzverlauf nachvollziehbar gemacht hat: Das Heppenheimer Kirchspiel grenzte demnach westlich an Lorsch, nördlich an Bensheim und östlich an Fürth und verlief dann südwestlich von Mörlenbach, Birkenau und Weinheim parallel zur Weschnitz zu seinem Ausgangspunkt zurück. Eingeschlossen waren somit die Orte Laudenbach, Hemsbach und Sulzbach und der heute zu Heppenheim gehörige Stadtteil Ober-Laudenbach. Metzendorf hat seinem Text eine Karte beigefügt, in die er die in der Steinurkunde genannten Grenzpunkte eingetragen hat. Damit ließen sich die Grenzpunkte auf einer aktuellen Wanderkarte bzw. im Gelände ganz gut wiederfinden. Ein wenig suchen musste ich hin und wieder aber doch...


Die Tour

Ich teilte meine Runde also in zwei Etappen ein: Während ich am ersten Tag allein die Nord- und die Ostgrenze des Heppenheimer Kirchspiels erwandert hatte, war am zweiten Tag die Waldelfe mit dabei. Zusammen mit ihr startete ich am zweiten Tag in Richtung Juhöhe, im Auto das unglaubliche Album "EU LIVE CUT 2018" von Special Providence. Los ging's ebendort, an der Juhöhe, südlich der Fronerut, und wir wanderten über den Rücken südwärts zum Stennenros und weiter bis zum Scelmenedal. Dort hinunter zur Megezenrut und weiter zum Sulzbac. Unten dann weiter westwärts bis zum Wagendenror, am Bluenesbuohel vorbei und weiter zu Hadellenbac, Herdengesrunno und Snellengiezo. Dann folgten wir der Wisgoz bis hinauf  zu den Gaderen. In der Nähe des Ruodhardeslochs und der Anzenhasal wanderten wir dann zurück zum Jochimsee am nördlichen Ortsrand von Heppenheim.

Alles klar?!?


Startpunkt des zweiten Tags war der Wanderparkplatz Frauenhecke (361m) am westlichen Ortsausgang der Juhöhe. Unser erstes Ziel: Das "STENNENROS". Dieser Grenzpunkt war lange Zeit nicht erkannt worden, zumal er vom vorhergehenden Punkt, Fronerut, mit 3,2 Kilometern ungewöhnlich weit entfernt liegt, ist heute aber in jeder Wanderkarte eingezeichnet - sogar mit seinem althochdeutschen Namen. Bisweilen steht da auch "Steinerner Gaul". Klingt, als wäre klar, wonach man da Ausschau zu halten hat...

Um zum Stennenros zu gelangen, durchquert man den Ort Juhöhe (371m) Richtung Süden. Der rote Balken und das weiße Dreieck weisen in die richtige Richtung: Der Weg führt weiter nach Süden, und folgt dabei immer dem natürlichen Verlauf des Bergrückens. Das hatte ich am Vortag gelernt: Die Grenze von 805 folgte natürlichen Gegebenheiten, wie eben einem solchen Bergrücken. Wir waren also richtig.

Südlich der Juhöhe wanderten wir in den Wald hinein, drüben wieder hinaus, wo der Weg an Feldern vorbei und über Wiesen Richtung Kreuzberg schwenkt. Das Stennenros befindet sich etwa 400 Meter südlich des Gipfels, und die Steintafel in Heppenheim gibt keine Auskunft darüber, ob die Grenze über den höchsten Punkt verlief, oder südlich davon direkt zum Stennenros hinüberquerte. Um sicherzugehen, nahmen wir also den Gipfel mit, den man auf seiner Westseite auf einem kurzen Pfad ersteigen kann. Doch der Kreuzberg (372m) ist weniger eindrucksvoll als der nächste Grenzpunkt, daher stiegen wir auf dem gleichen Weg gleich wieder hinunter, und wanderten auf dem breiten Weg nach Süden, an einem Schutzhüttl vorbei zu dem hier ausgeschilderten Stennenros (347m).

Das Stennenros ist ein etwa vier Meter langer Granitfels, der (entfernt) einem liegenden Pferd ähnelt. Eine Laune der Natur - behauen ist der Stein nicht. Allerdings wurde er restauriert, 1971, nachdem man Anfang des 20. Jahrhunderts einen Teil abgesprengt hatte, um mehr Platz für einen Weg zu schaffen. Heute steht der Stein unter Schutz. Eine Tafel informiert vor Ort über das Stennenros, wer sich genauer informieren möchte, der kann den Text "Das ,,Steinerne Roß" bei Hemsbach (Rhein-Neckar-Kreis), eine karolingische Grenzmarke" von Dietrich Lutz im Netz finden. (Er stammt ursprünglich aus: Denkmalpflege Baden-Württemberg, Jg. 2, 1978, S. 46ff.)

"STENNENROS ·VSQ(VE) / SCELMENEDAL" heißt es nun weiter, also "(vom) Stennenros bis (zum) Scelmenedal". Auch das ist recht einfach zu identifizieren, der Name "Schelmental" findet sich ebenfalls noch heute auf Wanderkarten. "Schelm", althochdeutsch "scalmo", bedeutete 'toter Tierkörper'. Das Schelmental war demnach ein Schindplatz, an den man Tierkadaver brachte. Es zieht bei Nieder-Liebersbach von Osten zur Kammhöhe hinauf. Die Stelle ist im Gelände leicht anhand einer Rodung zu identifizieren, die von Osten zum Weg hinaufreicht. Hier kommt auch ein Weg von Nieder-Liebersbach herauf, der auf der Westseite nach Sulzbach hinunterführt. An diese Stelle gelangt man, indem man einfach weiter dem roten Balken folgt.

Vom Stennenros aus führt der schöne Wanderweg weiter über den Kamm, und dann wildromantisch zwischen mannshohen Granitfelsen hindurch hinunter zum Wanderparkplatz Schaumesklingel (280m).  Hier tritt man aus dem Wald heraus, und sofort fällt der Waldnerturm auf, der den freigerodeten Pass zu bewachen scheint.

Der Waldnerturm ist ein 10 Meter hoher Aussichtsturm, der auf einem Sattel zwischen dem Kreuzberg im Norden und dem Bocksberg im Süden oberhalb des heute Schafhof genannten Waldnerhofs steht. Er sieht auf den ersten Blick mittelalterlich aus, stammt aber aus dem 19. Jahrhundert: Errichtet wurde er auf Initiative von Graf Theodor Waldner von Freundstein, dem damals der Waldnerhof gehörte. Der Turm, zu dieser Zeit noch mit einem Küchenanbau versehen, diente als Rastplatz für adlige Jagdgesellschaften. Heute gehört er der Stadt Hemsbach und dem Odenwaldklub, und ist als Aussichtsturm frei zugänglich. In den oberen Ecken des Turms sind vier Ritterskulpturen eingelassen. Der Turm wird deshalb auch "Vierritter(s)turm" genannt.

Südlich des Turms führt der Weg wieder in den Wald. Gleich danach kommt von rechts der Teufelslochweg herauf, ein paar Meter weiter führt ein schmaler Pfad rechts in die Hänge des Bocksbergs hinauf. Ihn wählten wir, um so nahe wie möglich an dem vermuteten Grenzverlauf zu bleiben, der diesen Gipfel sicherlich nicht ausließ. Südwestlich davon gelangten wir dann wieder auf den breiten Weg, und kurz darauf an die Rodung, die das Schelmental markiert.

"SCELMENEDAL · MEGEZENRVT · S[V]LZBAC" steht auf der Heppenheimer Steintafel, also "Scelmenedal, Megezenrut, Sulzbac". Was "Megezenrut" sein soll, ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich, aber "Sulzbac" ist problemlos mit dem heutigen Namen "Sulzbach" zu identifizieren - auch wenn nicht klar wird, ob damit der Bach oder der Ort gemeint ist. Wir mussten also nach Sulzbach hinunter, in der Hoffnung, dass sich unterwegs klären ließe, was "Megezenrut" ist.

Wie gesagt, hier kommt ein Weg von Nieder-Liebersbach herauf, der auf der Westseite nach Sulzbach hinunterführt. Westseitig handelt es sich allerdings um einen winzigen, zugewachsenen, und deshalb kaum noch zu erkennenden Pfad, der seinen Namen "große Hohl", nicht verdient zu haben scheint. Folgt man ihm jedoch, rechtfertigt er bald seine Bezeichnung: Er verwandelt sich nämlich schnell in einen tief eingeschnittenen Hohlweg. Auf dem gelangt man, mit einiger Mühe, hinunter in ein Tal, wo ein breiter Weg hinaus zum Wanderparkplatz Spelzengrund (233m) führt. Hier in diesem Bereich muss sich die "Megezenrut" befunden haben.

"Megezenrut" ist wieder ein zweiteiliger Name. Er funktioniert wie "Fronerut", der letzte Grenzpunkt vom Vortag: "Rut" bedeutet 'Rodung', in diesem Fall handelt es sich um die Rodung des Megizo. Heute ist der Talgrund oberhalb des Wanderparkplatzes gerodet, unterhalb sogar noch größere Flächen. Es ist wahrscheinlich, dass sich die Rodung des Megizo ebenfalls hier befunden hat, denn der Bach, der hier fließt, trägt den Namen unseres nächsten Grenzpunkts: Sulzbach.

Wir wanderten nun am Sulzbach entlang, vorbei am Sulzbacher Hof (203m), und durch die Bachgasse hinunter in den Ort (107m).

"Sulz" bedeutet 'Sumpfwasser'. Der Bach mündete hier in die sumpfigen Niederungen des Rheintals. Ob der Platz im Jahr 805 bereits besiedelt war, ist nicht ganz klar. In der Heppenheimer Markbeschreibung von 795 ist der Ort - anders als Hemsbach und Laudenbach - nicht aufgeführt.

Wir durchwanderten den Ort Richtung Westen und traten dann auf dem Dammweg hinaus ins offene Rheintal.

An dieser Stelle änderte sich der Charakter unserer Wanderung abrupt. Nicht nur hatten wir die bewaldeten Hügel des Odenwalds verlassen, dessen abwechslungsreiche Landschaften für eine schöne Tour gesorgt hatten, wir ließen auch jenen Abschnitt zurück, in dem Grenzpunkte mit einiger Sicherheit lokalisiert werden können, und sich zum Teil sogar bis heute zweifelsfrei wiederfinden lassen. Ein Granitbrocken wie das Stennenros etwa verschwindet nicht so leicht, ebensowenig Berggipfel wie der Hemsberg und der Kesselberg, oder Orte wie Mitlechtern und Täler wie das Schelmental. Das Rheintal allerdings war um 800 eine riesige, flache Sumpflandschaft ohne viele auffällige Landmarken. Felsen, Berge, und Täler, an denen man den Grenzverlauf hätte orientieren können, gab es hier nicht. Bäche dagegen waren zuhauf vorhanden, allerdings verliefen diese vor 1200 Jahren vollkommen anders als heute. Denn die Landschaft ist im Rheintal derart gründlich überformt worden, dass hier kaum noch ein Stein auf dem anderen steht: Wo früher Sümpfe waren, ist heute fruchtbares Ackerland. Rechteckig. Die Bäche sind dementsprechend kanalisiert, und fließen in kilometerlangen Geraden aus dem Odenwald Richtung Rhein. Wo sie 805 geflossen sein mögen? Wer weiß.

Schon die allerersten Flurnamen links und rechts des Dammwegs lassen erkennen, wie stark die Landschaft überformt worden ist: Von einer Lache ist keine Spur mehr zu sehen, ein Holderstock blüht auch nirgends mehr, und von einem Seebühl ist weder der Hügel (Bühl) noch der See mehr zu sehen. Und das sind nur die drei ersten Namen links vom ersten Wegkilometer hinter Sulzbach. Welche Chance würden wir haben, Wagendenror, Bluenesbuohel, Hadellenbac, Herdengesrunno, Snellengiezo, Wisgoz, Gaderen, Ruodhardesloch, und Anzen Hasal zu finden?


Nun, eine nach der anderen halt. Wir begannen unsere Suche mit dem Grenzpunkt "Wagendenror".

Das althochdeutsche Wort "ror" war mir am Vortag schon begegnet, am Grenzpunkt "Rorensolun". Das waren schilfene, also mit Schilf bestandene Suhlen; mit "ror" ist Schilfrohr gemeint. Die Form "wagend" gehört zu dem althochdeutschen Wort "wac", das 'bewegtes Wasser' bedeutete, und sich im Dialekt der Gegend bis heute als "Waag" oder "Woog" erhalten hat. Seen in der Gegend heißen so, der Schönmattenwag etwa (im Dialekt "Schimmelewoog"). Auch im Pfälzerwald drüben gibt es zahllose Wooge.

"VSQ(VE) AD MEDIVM FRETV(M) WAGENDENROR" heißt "bis zur Mitte des Wassers von Wagendenror". Es muss sich um einen Schilfsee gehandelt haben, vermutlich gebildet durch den alten Neckarlauf, der sich hier in der Gegend befand. Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es noch Reste solcher Schilfgebiete zwischen Hemsbach und Heppenheim. Wo genau sich das Grenzgewässer bzw. seine Mitte befunden haben mag, blieb uns aber verborgen.


Wir unterquerten die A5 und wandten uns nach rechts, Richtung Bohäckersiedlung (99m).

Die Höfe hier lagen einst wie auf einer Insel etwa zehn Meter hoch über den den Feuchtgebieten des Rheintals. Von diesem Hügel ist in der weiten Ebene heute nichts mehr zu sehen. Vielleicht trug diese Höhe einst den Namen "Bluenesbuohel". "Bluenesbuohel" kann man als 'Bühl/Hügel des Bluom' deuten, womit wieder ein Stück Land und der Name seines Besitzers genannt wären.

Wir wanderten weiter gen Norden, überquerten die L3110, die Hemsbach mit Hüttenfeld verbindet, und wanderten drüben in die gleiche Richtung weiter bis zum Hemsbach.

Der nächste Grenzpunkt trägt den Namen "HADELLENBAC", also "Hadellenbach". Der Name ist als "Bach des Hadilo" zu entschlüsseln. Dieser Bach ist nicht mehr zu lokalisieren. Und wenn er es wäre, so würde er heute wohl anders fließen als um 805. Auch die Lage dieses Grenzpunkts musste uns verschlossen bleiben.

Einer der nächsten Namen in der Grenzbeschreibung lautet "Wisgoz". Das ist die heutige Weschnitz und zwar die Alte Weschnitz. Um 1540 wurden in diesem Gebiet mehrere Gräben gezogen, und so die Neue Weschnitz angelegt. Auch die Alte Weschnitz blieb von diesen Arbeiten nicht verschont, sie ist heute genauso begradigt wie die allermeisten Bäche in der Gegend, dennoch hielten wir auf sie zu.

Dazu wandten wir uns am Hemsbach nach links und wanderten nun zwei Kilometer kerzengerade Richtung Nordwesten, quer durch die Weschnitzsiedlung (96m) hinauf zur L 3398.

In diesem Bereich müssen Herdengesrunno und Snellengiezo zu suchen sein, die Rinne/der Graben des Herding, und der schnell sich ergießende Bach. Den Namen "Hertinger" hört man in der Gegend bis heute, und auch die Herdichsgartenstraße in Laudenbach erinnert an diesen Namen. Der Graben, dem wir folgten, trägt heute allerdings in der Weschnitzsiedlung den Namen "Neugraben", jenseits der L 3398 heißt er dann "Schwalbenzahl". Diesen bringt Wilhelm Metzendorf mit der Herdengesrunno in Verbindung: Diese könnte das heutige "Brunnenstück [...] auf der Ostseite des Schwalbenzahls und nördlich der Grenze zu Hemsbach" gewesen sein. "Letzteres käme der Auffassung am nächsten, daß Herdengesrunno eine Ableitung des Bergwassers und die Vorstufe des Schwalbenzahls war".

Den Bach "Snellengiezo" bringt Metzendorf aufgrund alter Flurnamen wie "Sneller" und "Snellenacker" mit der heutigen Gruben-Klinge in Verbindung, die heute die Grenze Heppenheims bildet. Wenn dieser Bach sich mit starkem Gefälle schnell ins Rheintal ergoss, könnte dies seinen alten Namen gerechtfertigt haben.


Wir folgten dem Radweg an der L 3398 ein kurzes Stück Richtung Südwesten, bis er sich von der Straße löst, und in der Folge drei parallel Richtung Norden ziehende Gräben überquert. Beim ersten handelt es sich um die Neue, beim dritten um die Alte Weschnitz.

Sie ist mit dem Wort "Wisgoz" gemeint. In der Heppenheimer Steinurkunde heißt es "VSQ(VE) IN MEDIV(M) · WISGOZ · ET IN MEDIETATE · WISGOZ · VSQ(VE) · AD GADEREN", also "bis zur Mitte der Wisgoz und in der Mitte der Wisgoz bis zu den Gaderen." Demnach ging die Grenze am Snellengiezo in die Weschnitz über. Der Schwalbenzahl, sollte es sich bei ihm tatsächlich um den Snellengiezo handeln, fließt heute in die Neue Weschnitz, das ist der erste der drei Gräben. Wir folgten aber der Alten Weschnitz.

Im Lorscher Codex, einem zwischen 1170 und 1195 in der Reichsabtei Lorsch angelegten Manuskript, das unter anderem eine Klostergeschichte und einige Rechtstexte enthält, sind mehrere Formen dieses Namens aus dem 8. Jahrhundert genannt: "fluuium Wisgoz", "Wisscoz", "Wischoz", "Wisoz", 1340 dann "Wyschoz", 1405 "Weschnße", 1463 "an der Wessecze", 1493 "Wessentze", 1539 "Weschentz", 1579 "Weschnitz". Die Deutung des Namens ist schwierig. Die ältesten Formen lassen sich vereinen unter einer rekonstruierten vorgermanischen Grundform "Wiskot", aus der später mittelhochdeutsch "Wischez", "Weschez" geworden sein könnte, umgedeutet zu "Weschentz" und schließlich "Weschnitz" (z. B. in Anlehnung an Flussnamen wie "Regnitz" oder "Pegnitz"). Grundlage des Namens kann die erschlossene indoeuropäische Form "ṷis-kó-" gewesen sein, in der Bedeutung 'Neben-, Seitenfluss'. Abgeleitet wäre das Ganze dann vom Verbstamm "ṷeis-", der 'fließen' bedeutet haben könnte. Damit wäre der Name "Weschnitz" der älteste Name an der Heppenheimer Kirchspielgrenze.


Wir ignorierten die Neue Weschnitz, und folgten stattdessen der Alten Weschnitz Richtung Norden. Das macht man am Besten auf der linken Seite des Grabens, denn weiter vorn beginnt auf seiner Rechten das Naturschutzgebiet Lorscher Weschnitzinsel. Die Weschnitz fließt mitten hindurch, und ist in diesem Schutzgebiet ausnahmsweise mal nicht begradigt. Vom Rand aus kann man das schon gut sehen.

Leider konnten wir hier der Weschnitz nicht mehr folgen. Wir umgingen das Naturschutzgebiet auf seiner Westseite, und gelangten am Aussichts- und Beobachtungsposten Hans-Ludwig-Turm (95m) bei der  Herrenbrücke wieder in die Nähe der Heppenheimer Kirchspielgrenze von 805. Hier folgten wir dem Landgraben und gelangten bald zum Weschnitz-Stauwerk (93 m), an dem wir die Weschnitz erneut überquerten. Gleich auf der anderen Seite wandten wir uns wieder nach Nordwesten, um westlich des Rhenania-Hofes zur B460 zu gelangen. Diese überquerten wir, und wanderten in der gleichen Richtung weiter. Der erste Weg, der von recht kommt, ist die Alte Lorscher Straße.

In etwa hier dürfte sich der nächste Grenzpunkt befunden haben. "IN MEDIETATE · WISGOZ · VSQ(VE) · AD GADEREN" heißt es auf der Steintafel, also "in der Mitte der Wisgoz bis zu den Gaderen". Dieses Wort entspricht unserem "Gatter" und bezeichnete das Tor einer aus Brettern oder Latten bestehenden Einzäunung. Hier, in der Nordwestecke der heutigen Heppenheimer Gemarkung, wo die Alte Lorscher Straße auf die Lorscher Gemarkung trifft, könnte sich dieses Gatter befunden haben. Um 805 lag dieser Bereich demnach wohl an der Weschnitz.

Bis zur Hagenbuocha, dem ersten Grenzpunkt am ersten Tag der Tour, ist es nun nicht mehr weit. Die heutige Heppenheimer Gemarkungsgrenze macht von hier aus einen weiten Rechtsbogen bis hinauf in die Nähe jener Stelle, an der ich am Vortag meinen Aufstieg zum Hemsberg, dem Emminesberc der Steinurkunde, begonnen hatte. Die Grenzpunkte "Ruodhardesloch", "Anzen Hasal" und "Hagenbuocha" müssen irgendwo in der Nähe dieses heutigen Grenzverlaufs gelegen haben, also am heutigen Meerbach.

Das Problem dabei: Ähnlich wie der Grenzpunkt "Hagenbuocha", mit dem ich mich am Vortag schon nicht lange aufgehalten hatte, dürften auch "Ruodhardesloch" und "Anzen Hasal" längst verschwunden sein. "Ruodhardesloch" bedeutet 'Loh des Ruodhard'. Ein Loh ist ein Hain, ein kleines Waldstück, und Ruodhard war sein Besitzer. Doch weder der Wald noch Ruodhard haben jenseits der Steintafel in der Heppenheimer Kirche ihre Spuren hinterlassen. Zwar wandert man zwischen Erlache und Allmenweiher durch schöne Waldstücke - wo aber Ruodhards Wäldchen gewesen sein könnte, muss im Dunkeln bleiben.

"Anzen Hasal" ist ein ähnlicher Fall. Vermutlich ist mit diesem Wort das Haselgebüsch des Anzo gemeint - wo dieses aber gewesen sein könnte, wissen heute höchstens noch die Eichhörnchen von ihren Vorfahren...


Um dennoch zumindest in der Nähe dieser Orte gewesen zu sein, wanderten die Waldelfe und ich am Meerbach entlang, bis sich die Wegspur irgendwo zwischen Erlache und Allmenweiher im Gelände eines Kieswerks verliert. Weiterzugehen hätte ohnehin keinen Sinn, 400 Meter weiter stellt die A5 ein unüberwindbares Hindernis dar. Wir wanderten daher zurück zum Westende des Allmenweihers (94m), und nahmen danach die zweite links: die Alte Lorscher Straße. Auf ihr unterquerten wir die Autobahn, danach wandten wir uns sogleich wieder nach Norden (links), um zum Jochimsee (94m) zu gelangen, wo unser Auto stand. Auf der Südseite des schönen Sees ging es dann zurück zum Ortsrand von Heppenheim (122m).


 
Fazit:

Eine hochspannende Zweitagestour, die zwar einiges an Vorbereitung gekostet hat, darum aber umso aufschlussreicher war. Es ist faszinierend, zu sehen, wo sich die Grenze des Heppenheimer Kirchspiels von 805 auch heute noch, nach 1200 Jahren, ganz genau verfolgen lässt, und wo nicht. Und es ist interessant, zu sehen, welche Gründe das hat. Es wird deutlich, zumindest im Odenwald, dass die Grenze nirgends willkürlich festgelegt worden ist, sondern in geneuer Kenntnis der natürlichen Gegebenheiten.

Anders als bei der Schenkung des Pirminslands von 828, die ich neulich in einer ganz ähnlichen Tour erkundete, kamen wir an nur sehr wenigen Grenzsteinen vorbei. Dennoch sind Teile der Grenze von 805 bis heute stabil geblieben - über zwölf Jahrhunderte hinweg. Interessant ist dabei, zu sehen, wie sich die Landschaft im Rheintal stark verändert hat, während die Veränderungen im Odenwald naturgemäß weniger tiefgreifend waren.

Ebenso interessant ist, wie manche Dörfer zu dieser Zeit schon existiert haben, andere dagegen erst noch entstehen mussten. Heppenheim natürlich, aber auch Lauten-Weschnitz und Mitlechtern haben 805 schon bestanden, bei Sulzbach dagegen kann man sich nicht sicher sein. Interessant sind daneben auch die Flurnamen, die nur indirekt auf eine Besiedlung schließen lassen: "Gadero" etwa, das Gatter einer Viehweide, "Hagenbuocha", das auf eine Wehrhecke schließen lässt, "Cilewardesdorsul" natürlich, das auf das Tor zu Cilewards Grundbesitz verweist, und auch "Scelmenedal", das Schelmental, wo sich offenbar ein Schindplatzbefand.

Der Text der Steinurkunde überliefert uns aber nicht nur geographisch-topographische und siedlungsgeschichtliche Details, sondern nennt darüber hinaus Personen des frühen 9. Jahrhunderts mit ihren Besitzungen: Heimwin, Cileward, Razo, Reichmann, Megizo, Hadilo, Herding, Ruodhard und Anzo - ich hoffe, ich habe keinen vergessen. Wir erfahren aus diesen Namen zwar nur wenig über diese Männer, aber immerhin können wir unter anderem erschließen, dass Ruodhard Besitzer eines Waldstücks war, Cileward ein Grundstück besaß, zu dem ein Tor führte, und Megizo eine Waldrodung vorgenommen hat. Es ist anzunehmen, dass sie als wohlhabende Männer dem adligen Kreis zuzuordnen sind und Herren über das eigene Haus und den eigenen Hof gewesen waren. Das dürfte zumindest für Megizo zutreffend sein, der nur aus einem Grund das noch unzugängliche Waldgebiet urbar machen ließ, zum Zweck der landwirtschaftlichen Nutzung.

Wie sie gelebt haben mögen, darüber gewährt seit einigen Jahren das Freilichtlabor Lauresham in Lorsch Einblick, wo Experimentalarchäologen seit August 2012 auf einer Fläche von 4,1 Hektar einen karolingischen Herrenhof erbauen und betreiben, um Erkenntnisse über handwerkliche und landwirtschaftliche Arbeitstechniken der Zeit zu gewinnen, und darüber ein größeres Verständnis der frühmittelalterlichen Gesellschaftsstruktur. Das Gebäudeensemble umfasst Wohn- und Wirtschaftsgebäude, Ställe und Speicherbauten, sowie eine Kapelle. Hinzu kommen verschiedene landwirtschaftliche Nutzflächen – Wiesen, Äcker und Gärten – wo Nutztiere gehalten werden, deren Erscheinungsbild eine Annäherung an das der mittelalterlichen Artgenossen ermöglichen soll. Dort kann man sehen, wie das Leben zu der Zeit ausgesehen haben mag, als die Grenze des Heppenheimer Kirchspiels festgelegt wurde.

Lehrreich also, so eine Tour - aber vor allem hat sie Spaß gemacht. Einem 1200 Jahre alten Text zu folgen, und nach einzelnen Grenzpunkten zu suchen, ist wirklich spannend. Und man bekommt auch heute noch ein Gefühl dafür, wie die Menschen einst ihre Gegend wahrgenommen haben, topographisch und rechtlich.
Lang war's, insbesondere wegen der Suchereien im Gelände. Ich habe Euch die auf meiner Karte erspart, dort ist nur die Route eingetragen, die sich aus unseren Erkundungen als die herausstellte, die dem vermutlichen Grenzverlauf am nächsten kommt, und dabei gleichzeitig bequem zu bewandern ist. Würde mich freuen, wenn Ihr die Wanderung mal nachvollzieht, und mir davon berichtet - und mir bei dieser Gelegenheit sagt, ob Ihr meine Interpretation nachvollziehbar findet, oder hier und da anderer Meinung seid. Viel Spaß dabei!

Tourengänger: Nik Brückner, Waldelfe


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