Viel los am Mont Brulé, Überschreitung Ost-West


Publiziert von danski , 15. September 2014 um 19:46.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Mittelwallis
Tour Datum:14 September 2014
Wandern Schwierigkeit: T3 - anspruchsvolles Bergwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS+
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS   I 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 1700 m
Abstieg: 1700 m
Strecke:Arolla - Haut Glacier d'Arolla - Ref. des Bouquetins; Col de la Tsa de Tsan - NE-Grat - Mont Brulé - Col Collon - Arolla
Zufahrt zum Ausgangspunkt:ÖV bis Arolla
Unterkunftmöglichkeiten:Ref. du Bouqetins. Nur gesammeltes Regenwasser vorhanden. Salz und Toilettenpapier mitbringen.

Nicht dass wir am Gipfel in einen Menschenauflauf geraten wären, ganz im Gegenteil! Dafür hatten wir es mit viel losem Material der steinigen Sorte zu tun. Blendet man diesen Wermutstropfen grosszügig aus, bekommt man mit der Mont Brulé-Überschreitung eine veritable Hochtour geboten, die zwar punkto Länge und Höhe überschaubar ist, aber vielleicht gerade deswegen von den Massen verschont wird.

Samstag 13.09.2014, Arolla - Refuge des Bouquetins

Dreieinhalb alles andere als monotone und langweilige Stunden sind für die Wegstrecke von Arolla zum Refuge des Bouquetins, 2980m veranschlagt. Erst stellt sich der Mont Collon als gewaltige Felsbarriere in den Weg. Seine verschiedenen Charakteren wird man im Velaufe des Tages noch zu Gesicht bekommen. Ein abenteuerliches Sérac krönt das Haupt des Collon. Wegen ihm muss man den Umweg via Plans de Bertol in Kauf nehmen. Schilder warnen eindringlich vor der drohenden Gefahr von hoch oben. Ob man das Risiko eingehen will oder nicht, bleibt einem in den Bergen wir immer selber überlassen... Egal wie man sich entscheidet, spätestens bei der Wasserfassung für den Lac des Dix treffen sich die Wege wieder. Wir durchstreifen die Schwemmebene und das Gletschervorfeld des Haut Glacier d'Arolla. Eine Landschaft von eindrücklicher Kargheit gesäumt von den Les Bouquetins zur linken und dem zerklüfteten Mont Collon zur rechten. Aus dem Gletscherkessel des Haut Glacier d'Arolla erhebt sich nun endlich sichtbar die steile Nordwand des Mont Brulé-Massivs. Ein eindrücklicher Anblick, der Lust Macht diesen Berg auf seiner gesamten Länge zu überschreiten. So bald als möglich bevorzugen wir das Gletschereis. Darauf lässt es sich angenehemer, schneller und sicherer gehen als auf dem losen Geröll unterhalb der Moräne. Je mehr wir uns dem Refuge nähern, desto besser lässt sich die komplexe Ostflanke des Mont Collon studieren. Wir versuchen den im SAC-Magazin "Die Alpen" erst kürzlich beschriebenen Pilier du Soleil levant auszumachen, was angesichts der vielen Pfeiler alles andere als eindeutig ist. Wir finden ihn und träumen von dessen Besteigung, auch wen die Route momentan noch jenseits unserer Möglichkeiten liegt, aber sag niemals nie... Ein letzter steiler Anstieg und das jurten-ähnliche Refuge steht vor uns. Wir sind nicht alleine, aber zwei aufgeschlossene Walliser samt Hund Max sind eher eine soziale Bereicherung denn eine Störung. Wasser muss entweder vom Gletscher hochgeholt werden oder man bedient sich an der prall gefüllten Regentonne. Wir entscheiden uns der Bequemlichkeit wegen für das Regenwasser. Bei fast schon unangenehmen +28° Celsius im Innern versuchen wir nach dem Essen Schlaf zu finden, denn der folgende Tag sollte ein langer werden.

Sonntag 14.09.2014, Mont Brulé Überschreitung

Wir starten um 05:00 in die kühle, sternenklare und vom Mond in ein fades Licht getauchte Bergwelt. Am Gletscherrand deponieren wir einige unserer Habseligkeiten, montieren Steigeisen und beginnen erleichtert unser frühmorgendliches Gletschertrekking. Das Licht der Stirnlampe wird von der gefrorenen Gletscheroberfläche vielfach reflektiert und es fühlt und hört sich an, als wandle man über Millionen von Glasscherben. Sobald das Gletschereis von Schnee bedeckt ist, seilen wir an. Der Bergschrund unterhalb des Col de Tsa de Tsan, 3245m sieht harmlos aus, doch kaum betrete ich die geschlossene Schneebrücke, knallt es. Passieren tut nichts und wir setzen den unschwierigen Aufstieg in griffigem Firn fort. Auf dem Col eröffnet sich einem der Blick auf die Dent d'Hérens, die aus dieser Perspektive weit weniger furchterregend aussieht wie von der Zermatter Seite. Wir sind uns einig, die machen wir nur mit Skis! Trotz Winterbekleidung schlottern wir wie die Schosshunde und wagen einen Blick in die in der Dämmerung noch recht unstrukturiert wirkende Ostflanke des Mont Brulé. Es gibt keinen Grund zu Eile und so warten wir auf etwas mehr Licht, bis wir um 07:00 zu klettern beginnen. Der Charakter wird uns schnell klar. Es würde mit Sicherheit sehr brüchig werden und wir würden uns die schönen, kompakteren Kletterstellen suchen müssen. Auf dem Bild aus Silbernagels Topo-Führer ist zwar die Routenführung einigermassen ersichtlich, doch keinesfalls zwingend. Generell empfiehlt es sich möglichst nahe beim NE-Grat zu bleiben und die schuttigen Rinnen zu meiden. Selbst auf den ausgeprägteren Rippen findet man nicht den erhofft festen Fels, aber allemal ist es dort objektiv sicherer und es lässt sich genussvoller klettern. Erst im oberen Drittel erfreut sich das Kletterherz zwar kurzen, aber schönen Kletterstellen. Es kann alles am laufenden Seil gegangen werden. Mit Schlingen, Keilen und Friends kann immer mal wieder eine Zwischensicherung gelegt werden. Auf die Festigkeit ist aber in jedem Fall zu achten, denn was man hier anfasst, lässt sich nur allzu gern gleich in die Tiefe fallen. Falls sich mehrere Seilschaften in der Flanke befinden, was wahrscheinlich so gut wie nie vorkommt, dann lieber erst gar nicht einsteigen... Grösstenteils bewegt sich die Kletterei im II, an wenigen Stellen und je nach Routenwahl im III-Grad. Nach gut 5.5 Stunden inklusive längeren Pausen erreichen wird den Gipfel. Die Rundsicht ist wegen der geringen Höhe von 3578m naturgemäss beschränkt, aber doch ausreichend, um einige der höchsten und eindrücklichsten Gipfel der Schweiz bestaunen zu können. Allen voran die fantastische Dent Blanche, deren Wandfluegrat momentan mehr Schnee- denn Felsgrat zu sein scheint. Kein Mensch weit und breit macht uns die besten Sitzgelegenheiten auf dem italienischen Teil des Gipfels streitig.

Der Übergang vom Mont Brulé zur Pointe Marcel Kurz, 3498m gestaltet sich momentan einfach dank griffigem Firn oder weichem Trittschnee. Etwas exponierter wandelt man von der Pointe über eine Firnschneide zum Beginn der ca. 35° steilen Flanke hinunter zum Col Collon, 3069m. Wie erwartet, präsentiert sich diese zwar nicht blank aber sehr hart. Hier hätten wir auch im Geröll umgehen können, aber wir vertrauen auf unsere zwölfzackigen Steigeisen, die sich bestens bewähren. Vom Col Collon eilen wir zurück zu unserem Materialdepot, was einem Umweg gleich kommt. Schnell gelangen wir über die rauhe Eisfläche des Haut Glacier d'Arolla zur Schwemmebene, wo wir uns eine währschafte Suppe köcheln. Gestärkt nehmen wir die letzte Etappe nach Arolla in Angriff. Zwar sind es vom Gipfel bis Arolla nicht mehr als ca. 1700HM, doch die Distanz ist nicht zu unterschätzen. So kommen dann doch noch 12 Stunden zusammen, bis wir endlich aus unseren Bergschuhen schlüpfen und bloss noch 4 Stunden Zug und Postauto fahren dürfen...

Fazit

Eine weitere Tour aus Silbernagels Topoführer haben wir gekostet. Es hat uns geschmeckt, auch wenn sich die Beschreibung etwas vielversprechender angehört hat. Würde sich die Kletterei in festerem Fels abspielen, dann stünde dem Prädikat empfehlenswert nichts im Wege. Die Fakten sprechen aber leider eine etwas andere Sprache. Trotzdem, eine lohnende Tour abseits der Massen, in der wir viele wertvolle Erfahrungen sammeln konnten. Notabene ist alleine der Besuch des Ref. des Bouquetins eine Reise wert.


Tourengänger: nprace, danski


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