Biwak auf der "Geisteralm"


Publiziert von stefan87 , 9. Oktober 2013 um 22:00.

Region: Welt » Österreich » Nördliche Ostalpen » Rofangebirge und Brandenberger Alpen
Tour Datum:30 September 2013
Wandern Schwierigkeit: T3 - anspruchsvolles Bergwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: A   D 
Zeitbedarf: 3 Tage
Unterkunftmöglichkeiten:Gufferthütte (1465m), Erfurter Hütte (1831m)
Kartennummer:Kompasskarten 027 - Achensee und 8 - Tegernsee, Schliersee, Wendelstein

"... das war doch ganz sicher gerade Hundegebell! - Oh man ... wo bin ich hier eigentlich gelandet?"
Durch dichten Nebel, drei Tage lang von der Gufferthütte zur Erfurter Hütte. Im Nebel des sagenumwobenen Rofangebirges muss man mit allem rechnen und so habe auch ich eine Bergsteigergeschichte der besonderen Art zu erzählen.


Erlebnisbericht

1. Tag
Von der Weißach in Wildbad Kreuth aus, ging es über die Siebenhütten, die Wenigberghütte und der Halserspitz-Nordostflanke zur Gufferthütte. Etwa auf Höhe der Wenigberghütte hatte man die Nebeldecke durchquert und einen tollen Ausblick über das "Nebelmeer" und alle Gipfel die aus ihm herausragten. Ich wusste, das ich mehrere Tage unter diesen Verhältnissen wandern müsse aber genau, das sah ich als die eigentliche Herausforderung an. Alleine, über Tage durch den Nebel und kein Mensch weit und breit. Einfach ganz auf sich alleine gestellt.
Auf der Gufferthütte, kurz vor Einbruch der Dunkelheit angekommen, staunte ich, weil außer mir sonst kein Gast auf der Hütte war. In der Gaststube herrschte eine angenehme Stille und so konnte ich nach dem leckeren Essen nochmal über die bevorstehende Tour nachdenken. Da mir Teile dieser Gegend schon bekannt waren, hatte ich ein gutes Gesamtbild vor Augen, weshalb das Risiko über Tage einsam durch den Nebel zu wandern für mich akzeptabel war. Die einzigen Schlüsselstellen (mit erhöhtem Risiko) waren am nächsten Tag der Nordanstieg auf den Guffertstein und der Schafsteig am 3. Tag.

2. Tag
So nebelig wie der Vortag endete so fing der heutige an.
Nachdem ich als einziger Gast mein ganz persönliches Frühstück bekommen hatte, machte ich mich dann mal locker gegen 10:00 Uhr auf den Weg Richtung Schneidjoch. Es kostete irgendwie schon ein Bischen Überwindung die gemütliche Hütte zu verlassen und außerdem das Gespräch mit der netten Studentin zu unterbrechen, die extra für mich aufgestanden war um Frühstück zu machen. :)

"Ich mache mich dann mal auf die Socken, so gern ich auch sitzen bleiben würde."

Erstmal ging es durch eine Moorlandschaft, in der sehr viele Pilze zu finden waren und ein großer Fliegenpilz stach besonders hervor. Gleich erstmal ein Foto gemacht.
Weiter ging es durch dichten Nebel bergauf und irgendwann kam dann ein Wegweiser auf einer scheinbar ebenen Fläche zum Vorschein. Der Ort kam mir irgendwie bekannt vor.

"Aber natürlich, das ist doch schon das Schneidjoch."

Normalerweise würde man bei gutem Wetter jetzt die gewaltige Nordwand des Gufferts vor sich sehen aber ich konnte zu dem Zeitpunkt gerade mal die nächste Wegmarkierung erkennen.
Nun ging es hinunter zur Issalm. Dort stand mir die erste Gedultsprobe bevor, denn weil es so viele verschiedene Wege in unterschiedliche Richtungen gab, musste man auch den richtigen erwischen. Als ich auf einer kleinen Wiese stand und alles um mich herum gleich aussah, war plötzlich die nächste Markierung nicht zu finden. Auch die Suche im Umkreis der letzten Markierung war ergebnislos. Dann entschloss ich mich, in die vermutete Richtung, frei durch das Gelände zu bewegen und auf einmal war der Weg wieder zu erkennen, der über den weniger schwierigen Nordsteig hinauf zum Guffertstein führte. Hatte nämlich fest beschlossen, bei diesen Verhältnissen auf keinen Fall den schwierigen Nordsteig, direkt auf die Guffertspitze zu machen.

Auf dem Guffertstein: Bei 10 Meter Sichtweite einmal 360° gedreht und gesagt: "Schön, das ist also der Gipfel des Guffertsteins. - So und wo gehts jetzt wieder runter?" :D
Wieder sah alles gleich aus und erst nach etwas Erkundung hatte ich die nächste Markierung gefunden.

"Ab hier etwa 900hm Abstieg und dann bin ich schon in Steinberg."

In Vordersteinberg angekommen war der Nebel etwas aufgelockerter, sodas man den Ort ganz gut überschauen konnte. Um bei den vielen Wegen durch das Tal und den Ort nicht durcheinander zu kommen, hielt ich mich erstmal an den Adlerweg. Unkompliziert ging es über Forststraßen aus dem Ort wieder heraus. Die Kulisse, die sich durch den mal mehr, mal weniger aufgelockerten Nebel auftat war aber nicht zu verachten. Man hatte wirklich das Gefühl durch weit abgelegene Täler zu wandern.

Gegen Abend fand ich dann eine geeignete Stelle um die Nacht zu verbingen. Mir tat der Rücken zwar schon beim Anblick der etwa 30cm breiten Holzbank weh aber zumindest hatte man dort ein kleines Dach über dem Kopf, denn es begann hin und wieder zu Nieseln.
Bevor es ans vorbereiten des Lagers ging, verschaffte ich mir aber erstmal einen Überblick über das Tal. Es war eine Hütte auf der hügeliegen und verwinkelten Alm zu erkennen, bei der es aus der Ferne den Anschein hatte, als stünde die Tür sperrangel weit offen. Hatte leider kein Fernglas dabei aber weil mir sowieso noch Wasser fehlte und der Bach auf dem Weg dort hin lag, beschloss ich hinüber zu gehen und nachzuschauen. Vor der Hütte verlief sowieso ein Weg. Waren die Besitzer etwa anwesend?
Auf dem Weg hinüber viel die Sicht auf die Hütte komplett weg. Erst als man unmittelbar vor ihr stand, war sie wieder zu sehen.

"Tatsächlich! - Die Tür steht offen!"

Allerdings bezweifelte ich, das dort noch jemand wohnen würde, weil sofort dieser störende Busch genau vor dem Eingang auffiel und alles irgendwie heruntergekommen wirkte. Trotzdem stand ich unentschlossen etwa 5 Meter vor der Hütte und fasste zusammen:

"Würde dort noch jemand leben,
1. dann wäre nicht alles so morsch und
2. stünde die Tür nicht sperrangel weit offen ohne jedes Lebenszeichen."


Es dämmerte schon langsam.
Ich holte die Kopflampe aus meinem Rucksack heraus und beschloss näher heran zu gehen. - Ich trat an die Tür und blickte still in den Raum.

"Hallooo?"

Keine Antwort. - Ich überwand vorsichtig die zerfallene Terasse und setzte den ersten Fuss durch die Tür auf den scheinbar noch intakten Holzboden. Dann ein paar Schritte in den Raum hinein, während ich gleichzeitig im Lichtkegel der Kopflampe um mich schaute. Mir war es wichtig beide Hände frei zu haben.
Als erstes viel einem der alte rostige Herd auf, mit dem auf ihm liegenden, genauso rostigen Beil. An der Wand lagen einzelne, verstaubte und vergammelte Schaumstoffmatratzensegmente. Ich dachte mir nur:

"Um darauf zu übernachten müsste ich wirklich schon echt in Not sein."

Altes rostiges Kochgeschirr, welches ich in dem Stil höchstens von meinen Großeltern kenne, lag auf dem Tisch in der Mitte des Raumes. Es wirkte so als ob die Zeit hier stehen geblieben war. Bilder hingen leider keine an den Wänden aber alte Zeitungsfetzen zum Anfeuern lagen in einer Pappkiste. Hatte sie jedoch nicht angerührt, genauso wie keinen einzigen Gegenstand dort, weil ich irgendwie immer noch dachte, das sich die Eigentümer wohl nicht sehr darüber freuen würden, wenn jemand ihre Sachen durchwühlt. Je mehr man sich allerdings umsah, umso mehr wurde einem klar, das hier unmöglich noch jemand regelmäßig herkommen konnte. Einige Fenster waren auch teilweise kaputt und das Dach hatte Löcher.
Draußen wurde es langsam dunkel und ich warf noch einen Blick in einen kleinen Nebenraum, in dem ein Bettgerüst stand und den großen hinteren Raum. Diesen betrat ich allerdings nicht, weil mir der Boden morsch vorkam und darunter von außen noch eine Art Keller zu erkennen war. Wäre ich dort eingebrochen hätte mich wahrscheinlich niemand gefunden.

Ich verließ die Hütte wieder so, wie ich sie betreten hatte, wie gesagt, ohne etwas anzufassen oder gar zu entwenden.

Draußen wurde es jetzt allerdings wirklich ein wenig gruselig, denn kurz nach dem Verlassen der Hütte, schallte aus dem Waldstück dahinter Hundegebell und das nicht nur einmal. Ich blickte um die Hütte herum, in die Richtung aus der das vermeintliche Gebell kam und blieb einen Moment lang stehen.

"Habe ich mir wahrscheinlich doch nur eingebildet."

Unterwegs zurück zu meinem Schlafplatz und beim Wasser holen, drehte ich mich noch ein paar Mal in Richtung der Hütte um.
Als mein Lager aufgeschlagen war, saß ich mit einem heißen Tee auf der Bank und blickte die ganze Zeit nachdenklich zur Hütte hinüber. Die Eingangstür mit dem Busch davor, war jetzt in dem wenigen Licht von einem tiefen Schwarz ausgefüllt.
Dann versuchte ich etwas zu schlafen.

3. Tag
"Endlich geht die Sonne wieder auf!"
Hatte selten so beschisseneiden geschlafen aber wenigstens kamen keine Geister oder Hunde ... oder Geisterhunde. :D
Jetzt war es aber erstmal wieder Zeit für einen heißen Tee um warm zu werden. Es war einfach herrlich dort im Morgengrauen zu sitzen und den Tee vor sich hinzuschlürfen.
Gegen 08:00 Uhr machte ich mich dann wieder auf den Weg und warf noch einmal einen letzten Blick hinüber zur alten Hütte.

"So etwas erlebt man wirklich nicht alle Tage."

Nachdem ich das Tal durchstiegen hatte: Oben auf dem Sattel angekommen ging es relativ flach über Wiesen weiter, bis vor mir im dichten Nebel auf einmal das Ufer des Zireiner Sees sichtbar wurde. Einen Moment später hatten sich die Nebelfelder teils ganz verzogen und man konnte über den ganzen See schauen. Ich erinnerte mich an die eine Sage:

"Wer am Ufer einschläft, so heißt es, der wird vom Wasser des Sees in die Tiefe gezogen."

Na wie gut das ich dort nicht die Nacht verbringen musste. :)
Ein real existierendes Naturschauspiel dort, ist allerdings der kleine Bach, der aus dem See nur ein paar Meter weiter im Boden verschwindet.
Es ging noch etwas am Ufer des Sees entlang und dann hoch zum Marchgatterl.

Auf dem Schafsteig: Wer mich kennt, der weiß, das wenn ich nur noch einen Teleskopstock fast komplett zusammengeschoben in der Hand halte und der andere am Rucksack befestigt ist, das es Ernst wird. Nebelig, nass, rutschig und extrem absturzgefährdet. Bin das Risiko nur deshalb eingegangen, weil dort Stahlseile verbaut wurden. Trotzdem braucht man bei solchen Verhältnissen starke Nerven. Nun gut - mit voller Konzentration auf jeden Tritt und jeden Griff, schaffte ich es aber dank der vereinzelt angebrachten Stahlseile, relativ unproblematisch hinauf zum Schafsteigsattel. Irgendwie war es aber auch ein tolles Gefühl so ganz alleine durch den Nebel zu klettern.

Jetzt befand ich mich auf der sanften Südseite des Rofans und das bekam man auch schon bald darauf zu spüren. Richtung Erfurter Hütte kamen mir plötzlich aus dem Nebel dutzende Wanderer entgegen, die in der Hoffnung auf etwas Sonne, die Rofanspitze besteigen wollten. Die Enttäuschung war natürlich groß, als ich ihnen sagte, wie es da oben wirklich aussah.
Positiv war aber das fast alle Tagesausflügler waren, die brav mit der Gondel wieder ins Tal gefahren sind und nicht die Hütte zum Überlaufen gebracht hatten. :)

Auf der Erfurter Hütte angekommen, beschloss ich den restlichen Tag dort zu bleiben um am nächsten Tag, bei bestem Wetter, nochmal die Gipfel des Rofans genießen zu können.


Etappen und zeitlicher Ablauf

1. Tag, 29.09.13
15:00 Uhr, Wildbad Kreuth (800m)
19:00 Uhr, Gufferthütte (1465m)

2. Tag, 30.09.13
10:00 Uhr, Aufbruch von der Gufferthütte
14:00 Uhr, Guffertstein (1963m)
16:00 Uhr, Vordersteinberg (~1000m)
18:30 Uhr, Biwakplatz gefunden

3. Tag, 01.10.13
08:00 Uhr, Aufbruch
10:30 Uhr, Marchgatterl (1905m)
11:30 Uhr, Schafsteigsattel (2174m)
13:00 Uhr, Erfurter Hütte (1831m)


Nachwort

Sehr gerne hätte ich noch weitere Bilder der Hütte gezeigt und wie sonst auch noch mehr beschrieben aber der Tatsache, das ich überhaupt davon erzähle, ging schon eine längere Überlegung voraus. Dieses hier soll nämlich ganz bewusst kein detaillierter Reiseführer dort hin sein. Ich hoffe, das die Hütte nicht sich selbst überlassen wird und vielleicht findet sich ja auch ein neuer Besitzer. Wäre ansonsten echt schade drumm. :(

Tourengänger: stefan87

Galerie


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Kommentare (2)


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WoPo1961 Pro hat gesagt:
Gesendet am 10. Oktober 2013 um 07:43
Moin Stefan
Toller und vor allem spannender Bericht. Das hätte glatt eine Szene aus einem Horrorfilm sein können. Ich konnte es mir Dank deiner Beschreibung lebhaft vorstellen. Hätte nur noch eine plötzlich auftauchende Person gefehlt.
Ich mag solche Berichte und sie haben hier genauso Platz wie detaillierte Tourenberichte.
LG WoPo

stefan87 hat gesagt: RE:
Gesendet am 10. Oktober 2013 um 08:47
Hallo WoPo,

vielen Dank! :)

Das jemand plötzlich auftauchen würde, war tatsächlich meine Sorge, insbesondere in dem Moment, als ich die Hütte betrat. :D

Gruß Stefan


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