Bikini-Test oder das Aufziehen einer Schnee-(Wind)hose


Publiziert von Henrik Pro , 10. Februar 2013 um 21:15.

Region: Welt » Schweiz » Jura
Tour Datum: 5 Februar 2013
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-NE   CH-JU 
Strecke:Tour de Suisse im RRC
Zufahrt zum Ausgangspunkt:PW
Zufahrt zum Ankunftspunkt:PW

... Kontext: die Begegnungsareale des Alltages wie Strassenbahn- und Bushaltestellen, enge Korridore vor Stoppsäcken, Schaufensterauslagen um 6.30 in der Frühe, Tankstellenstopps und die übervollen Regale – ein Dienstagmorgen und eine Arbeitstag für die Andern! Ich bin mit dem RRC unterwegs in der CH – einfach so.
 
... nicht auf Schneeschuhen oder in Wanderstiefeln oder auf langen Latten, nicht mal per Bahn (..ohalätz) – mich tragen Reifen durch die Landschaft. Die frühmorgendliche Oberfläche finde ich geräumt vor, obwohl an vielen Stellen der Schweiz Schnee liegt, mache aber am Spätnachmittag im Schneegestöber durchaus auch andere Erfahrungen.
 
... Volltanken in Birsfelden: da quetschen sich die möglichen Morgenmuffel und die, die noch zwischen zwei Zigis ein Lächeln übrig haben, an einander blechschadenfrei vorbei, aber das gegenseitige Kopfnicken oder –schütteln schafft Allianz, Schulterzucken. Aufs Gas getreten und hinaus auf die gerade freie Fahrbahn Richtung Schweizerhalle. In der Hard wird zurzeit an der Strasse wieder mal geflickt – apropos, der Zustand der CH-Strassen war auch schon mal besser. In Deutschland überlegen sich die Gemeinden das Einführen einer Schlaglöcher-Maut.
 
...  in Diegten verlasse ich die Autobahn, von dort getrieben von flackernden Scheinwerferkegeln mir im Nacken sitzender Pendler, rumple über den Hauenstein und befinde mich kurz darauf im Kanton Solothurn. Der Morgen bricht an. Die verstreut liegenden Höfe mit ihrem warmen Licht geben eine erfreuliche Stimmung wieder, ich halte auf einem PP an. Das Blech meines Gefährtes ist allerdings eisig.
 
... in Langenthal lasse ich die Brille wieder mal tauchen und mein Tablet auf Null zurückstellen – vier Tage ohne youtube... ich bin dekadent verwöhnt. Bei Max in Madiswil ist Znüni-Zyt: ich habe für Nachschub gesorgt. Max ist seit 20 Jahren mein Garagist – bei ihm lasse ich meine Klassiker realistisch aufpeppen bzw. richten.
 
... via Herzogebuchsi und Wangen an der Aare finde ich den Weg auf die Mittelland-Autobahn. Bis zum Abzweiger Payerne verbleibe ich auf der Nationalstrasse – begleitet von Werbung (Fressnapf in Bern), Bern Westside, später taucht der Mont Vully auf und einige Minuten später der Lac de Morat. Die Sonne lässt sich nicht blicken. Der Wind raut auf und stösst/zehrt an meinem Gehäuse, drängt mal nach links, dann wieder rechts – James Dean ist weit davon entfernt. So sind die Strassentunnels heute durchaus willkommen, weil die Spur hält.
 
... zwischen Avenches und Payerne wälzt sich eine Regen-Schneewand auf die Strasse zu, innert Sekunden peitscht der Wind ein Gemisch an die Scheiben, fast ein White-Out. Ohne TomTom oder GPS finde ich mich in dieser Region zurecht. Auf Nebenstrassen, auf die die Sonne nun trifft, kreuze ich hinauf nach Combremont-le-Petit, wo ich auch unlängst mal mit  Tobi Mittag gehalten habe. Im Café de l’Etoile sind die Tische mit Handwerken, Schreinern, Sanitärfachleuten besetzt  - die Sprache: französisch, das Ambiente auch und die Lebensgeschwindigkeit sowieso.

... die Weiterfahrt ist geprägt von weiterhin böigem Wind, Regen und später von heftigem Schneefall. Ich verlasse die Strasse, ein Betonband für landwirtschaftliches Gerät wohl, Kreuzen unbedingt zu vermeiden – bei diesem „Sauwetter“ wird wohl keine Maschine unterwegs sein. Dafür klatscht und spritzt Geschiebematerial in flüssigster Form sogar die Frontscheibe hoch... es regnet in Strömen und das macht einfach Spass! In Vuissens ist Wirtesonntag, und mein nächstes Ziel ist Yverdon-les-Bains, hernach in Serpentinen hinauf nach Ste. Croix – das bachnasse Asphaltband strahlt schwarz, die Sonne hat sich soeben wieder mal gezeigt. Der Flecken oben im Jura, auch durch eine Bahn verbunden mit dem Unterland, verströmt einen verträumt, verlassenen Charme aus, der täuscht. Wer am Chasseron unterwegs ist, findet die balsamische Stille, noch etwas strenger still ist es am Montagne de Buttes – im Grenzland der Waadt und Neuchâtel.
 
... die schneenasse Fahrbahn hinunter durchs Vallon de Noirvaux ins Val de Travers verlangt Aufmerksamkeit und Reaktion...Pflotsch und anziehendes Eis in den Kurven können ihren Reiz haben, aber bei entgegenkommenden 20 Tonnen im Schlingerkurs ...e bitzeli weniger!
 
... im  Val de Travers ist mein Tagesziel erreicht: Boveresse. Dort steht an der Durchgangsstrasse die Kopie meines Klassikers, etwas weniger km, und doch nicht ganz so ansprechend wie auf den Fotos. Und halt auch Rost! Gerade gehe ich für ein Fahrzeug in die Knie, beginnt es heftig an zu schneien. Upps, zurück in mein „Schloss“. Nein, ich hätte durchaus die paar Fränkli für einen weitern RRC...aber Monsieur Silberquäcki, wo ist die Vernunft?
 
... erneut lenke ich meine „Wohnstube“ hinauf auf ein Plateau des Genusses und der Stille: Les Ponts-de-Martel und La Sagne. Ich werde von dessen Weite ergriffen, das Nordische dieser Landschaft, das Wolken- und Schneespiel. Die weit auseinander liegenden Höfe, die auch etwas vernachlässigt wirken, wo Blechtore im Wind klappern, vermitteln mir das innere Bild des „Dust Bowl“. Ich halte Plamboz zu. Und lege einen Fotostopp ein – nicht repräsentativ für das Rurale.
 
... das Hotel von Bergen, von Schneeräumhügeln eingefasst, hätte zwar offen, doch es zieht mich weiter. Der Strassenzustand hinauf zur WatchCity ist lausig. Die rudimentäre Schneeräumung tut das ihrige. Beim Verlassen von La Chaux-de-Fonds gewahre ich ein Werbeschild: Bikini-Test und es rührt mich nicht einmal. Etwas weiter spielt der Wind auf der Anhöhe, er tanzt, wie eine Windhose zieht er den Schnee in sich auf – der Titel verrät mein Gedankenspiel. Punktum. Die Strasse verlangt erhöhte Aufmerksamkeit. Der Wind beutelt das Gefährt. Bei La Cibourg treffe ich auf kantonaljurassischen Boden.
 
... in Saignelégier fülle ich die Einkaufstasche bei Coop am Dorfrand. Und kaum den Flecken verlassen, erhebt sich ein Schneegestöber, der das Fahren zur Herausforderung macht: im Schritttempo, Kolonnenfahrt, ein White-Out auf der Strasse wie ich es von Norwegen und Island kenne – man schleicht durch eine weisse Landschaft ohne Konturen. Für die Strecke Saignelégier - Glovelier brauchte ich eine Stunde! Und kam gesund an in Basel. 




Tourengänger: Henrik


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Kommentare (1)


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mong Pro hat gesagt:
Gesendet am 21. Februar 2013 um 07:40
Klasse...!!!

"On the Road"

Freue mich schon auf deinen nächsten Bericht!!!

Gruss mong


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