Der Schwarze Pass - Monte Moro


Publiziert von rojosuiza , 4. Dezember 2012 um 00:52.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Oberwallis
Tour Datum:11 Oktober 2012
Wandern Schwierigkeit: T4- - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS   I 
Zeitbedarf: 8:00
Aufstieg: 1600 m
Abstieg: 700 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Comazzi-Autobus, von Domodossola nach Macugnaga
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Postauto ab Mattmark-Stausee, via Saas Almagell, nach Visp/Brig
Unterkunftmöglichkeiten:Hütte des Italienischen Alpenvereins (Winterraum offen); keine Unterkunft im Restaurant Mattmark!

Der Wunsch schlummert schon lange. rojosuiza will über den Monte-Moro-Pass. Jetzt ist er unterwegs zum Bahnhof Brig. Der letzte Nachtzug nach Domodossola führt ihn nach Italien. In Iselle Bahnhof, wo sonst kein Zug mehr halten will, stehen Dutzende von Leuten, auf dem Weg zur Arbeit in die Schweiz. Domodossola Stazione ist verlassen. Der Bus kostet fast nichts; als er in Domo abfährt ist er fast leer. Unterwegs stossen dann immer mehr Leute zu uns, bis er fast ganz voll ist. Auch eine Schulklasse fährt ein Stück mit. rojosuiza hat Gefühle. Die sagen ihm, dass der Bus jetzt bei Villadossola nach rechts muss, ins nächste Tal hinein. Dem ist nicht so, ein Tal nach dem anderen lassen wir rechts liegen, bis wir in Piedimulera schliesslich in der Tat abbiegen: das Valle Anzasca. Es herrscht reger Verkehr auf dem winzigen Bergsträsschen und am Schluss fährt vor uns noch ein Schwertransport den Berg hinauf.
 
Kurz vor Macugnaga-Staffa fällt der Blick auf den Monte Rosa. Er ist ganz rosa! Schwupp fängt rojosuiza das ein, verzittert und verschwommen zwar im schwankenden Autobus, aber der Beweis für das Rosa liegt fest; gerade zurzeit, da es nur noch Sekunden währt. Später ist das Gebirge weisser als weiss, bis es schliesslich grau-weiss vom Nebel verschlungen wird. In Staffa erhoffe ich mir einen guten Cappuccino, der mir Auftrieb geben soll beim Aufstieg. Alles ist zu, nur das Café auf dem Hauptplatz neben dem Gemeindehaus ist offen. Schon will ich hineingehen, da hält mich der riesige, bunt schreiende Bildschirm im Innern ab. rojosuiza ist die Atmosphäre eines Raum wichtig, genauso wichtig wie die Güte des Kaffees. Auf die Qualität des Cappuccinos hätte ich wohl rechnen können, aber den Wert des anderen Aspektes kannte ich ja leider auch. Also auf den Weg ohne Kaffee.
 
Bei der Chiesa Vecchia treffe ich auf den Stein zum Gedenken an den Jüngling, der da seit vielen, vielen Jahren liegt, und der genauso alt wie ich wäre, wenn er nicht vor Zeiten vom Berg gefallen wäre:
 
Michele Mattasoglio, di anni 21, caduto sulla Cresta Signal, il 22.7.1976.
 
Ein Fehltritt am Berg und man wird zur Gedenktafel; oder ein aufmerksamer Schutzengel, und man wird hundert…
 
rojosuiza hat seinen Engel immer dabei. Immer wieder versteigt er sich, macht kleine Fehlerchen und grobe Fehler, und doch führt es ihn immer auf den rechten Weg zurück. Wenig ob der Kirche weist ein Schild zum Pass, eine kleine Verbauung am Bach verführt rojosuiza zum Abstecher in die falsche Richtung – direkt nach oben! – ja, und schon ist der Weg verschwunden und nur Wegspuren sich noch da. Sollte der Berg derart vergandet sein? Das scharfe Denken unseres Wanderers geleitet ihn schliesslich bei der Einzelhütte auf  1500m Höhe, fast genau über der Chiesa Vecchia, zurück auf den Weg. Brav stolpert rojosuiza jetzt hinan, begeistert vom schön ausgebauten und gut erhaltenen Pfad. Er kommt zum poetischen Aussichtspunkt, geniesst den Tiefblick auf  Staffa. Bald verschwindet das klare Licht. Immer milchiger wird’s in alle Richtungen; bis auf den Süden: da wird’s schwarz. Wenn das Wetter nur hält! Der Nebel gewinnt überall herum an Boden, aber bis fast ganz hinauf  auf den Pass kreist er mich nicht ganz ein. Neben mir schwingt sich eine Stromleitung hinauf. Sie verspricht mir Cappuccino-Genuss oben auf dem Pass. Es wird sein wie zuhause in der Ostschweiz: eine Beiz auf jedem Hügel. Auf der Alpe Bill bei 1700m ist keine Sau, aber man ist ja noch nicht oben. Oben, da gibt’s Cappuccino! Neben dem Ruppenstein ist eine niedliche Bar für Skifahrer: die Bar Montemorohütte. Dass sie jetzt zu ist, das ist doch gewiss kein Wunder. Ich habe noch keinen einzigen Skifahrer gesehen. Nur Kunststoffgerümpel zwischen den Steinen, abgebrochene Markierungsstangen, und ruhende Skilifte.  Ich bin nun auf über 2300 Metern. Der Pass ist etwa bei 2800 Metern. Nur noch 500 Meter weiter hinauf. Jetzt aber schlägt der Nebel zu. Die Sicht schwindet und ist bald nur noch die paar Meter vor meinen Füssen.  Macht nichts, der Weg ist gut zu erkennen. Da bin ich auf 2800 Metern, stehe  vor dem Rifugo Gaspare Oberto, und das ist geschlossen. Aus Gewohnheit prüfe ich, ob der Winterraum offen ist. Er ist es, aber von Cappucchino keine Rede hier. Von wegen Italienischer Gastfreundschaft. Wenige Meter westlich von mir muss es noch die Bergstation der Gondelbahn sein, aber die ist nicht zu sehen in der grauen Suppe, und alles ist da ja ohnehin auch zu. Also nicht gerastet, sondern marschiert! Durch wildes, grobes Geröll zum kleinen See, den ich dann zwischendurch doch noch sehe. Ein Gebiet mit tiefen Rissen und grossen Blöcken hat mich abgelenkt und ich gehe weglos hinauf Richtung Passhöhe. Bei 2870m muss ich den Kamm überschreiten. Plötzlich  wölbt sich über mir… Ja, was ist es denn bloss? – Da ist etwas, aber ich kann es nicht erkennen. Es verschwindet wieder… und jetzt tritt es wieder hervor. Um Gottes Willen, wer hat denn  das hier hingestellt?  Hier geht die Gläubigkeit doch wohl zu weit! Eine Statue der Mutter Gottes in wahrhaft riesigen Abmessungen, mit Gold überzogen, mitten in den Hochalpen und allen Elementen ausgesetzt. Ist sie wunderschön? Ist es riesiger Kitsch? – Jeder mag es selber sagen, aber wenn sie so plötzlich riesenhaft aus dem Nebel taucht, taugt sie dem Unbedarften sicherlich als Überraschung. Bald kommt sie, bald geht sie, so ist es eben mit Madonnen und mit Schutzengeln.
 
Wenn man nicht sehen kann, sind die Markierungen hier sehr verwirrend. Bin ich zur Madonna hochgekraxelt, befinde ich mich wie durch ein Wunder plötzlich wieder auf dem Weg, aber er scheint zurückzuführen, dahin, wo ich gerade hergekommen bin. Kurz bin ich versucht, über die groben Blöcke nach unten ins Wallis zu steigen. Bei ausreichender Ortskenntnis oder etwas Sicht kein grosses Wagnis, zeigt die Karte doch wie der Weg nach kurzer Strecke südwest zum Tälliboden führt. Ohne Sicht versuche ich es doch noch einmal den Markierungen nach, dieses Mal auf der anderen Seite der Madonna. Hier finde ich eine Plakette zum Gedenken an den Erstbesteiger des Aconcagua, Matthias Zurbriggen, der sowohl in Saas wie in Staffa heimisch war. Da ist die Abzweigung. Der echte Weg über den Pass führt nach rechts, der falsche zur Madonna nach links.
 
Das Wallis hat das bessere Wetter. Kaum über den Pass ist das erste Blau zu sehen. Der Mattmarksee winkt. Das Gewölk hängt um den Kamm, an dem es sich festhakt. rojosuiza wandelt ruhig hinab, mit dann und wann einen schiefen Blick auf die Wolken. Er steigt bis zum See ab, immer im klaren Licht, marschiert um den See herum, fotografiert in die Gegend. An einen Steinblock ist eine Tafel gebunden: die Berghütte auf dem Monte Moro, sie ist offen und sie lädt ein; da muss rojosuiza bitterlich weinen. Schliesslich steht er in einem straffen Wind auf dem Damm. Unter sich sieht er das Postauto davonfahren; er kann es fast anfassen und hätte doch zu gerne den Alpinen Zuschlag entrichtet, wenn man nur auf ihn gewartet hätte. Am Damm tauchen Platten auf , die die Geschichte des Gebietes erzählen, in 3 Sprachen. Mindestens eine muss auf Italienisch sein: die Tafel, die vom Gletschersturz von 1965 erzählt, und vom Schicksal der Arbeiter im Barackenlager. Komme ich einmal wieder zum Mattmark-See will ich sie da finden.

Il 30 agosto del 1965 il ghiacciaio dell'Allalin si staccò in blocco e cadde nel lago; nella sciagura perirono 88 operai che lavoravano alla costruzione della diga.


Das Mattmark-Restaurant will zumachen. Es kommt keiner mehr, die Kaffeemaschine ist ausgeschaltet. Sollte das wahr sein? – Das herzzerreissende Geheul des einsamen Wanderers schmelzt das Gemüt der beiden Walliser Wirtinnen. rojosuiza kommt doch noch zu seinem Recht und erhält  – endlich, endlich – seinen ersehnten Cappucchino. Nachher ist Feierabend und rojosuiza darf im Auto mit nach Saas-Almagell.
 
Das Postauto fährt nachher vergebens hinauf zum Damm um unseren Berghelden da abzuholen. Er ist nicht da - den Fahrer wundert‘s.  rojosuiza ist eben schon unten. Bald darauf hat ein anderes Postauto ihn treu abgeliefert in Glis, im Feriendomizil.


T4 wegen der Länge der Wanderung, wegen der schwierigeren Orientierung im Nebel am Pass, und wegen der kleinen weglosen Abstecher, die die Spannung etwas erhöhen. 

Tourengänger: rojosuiza

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