Scadellagrat (2541 m) - Muntaluna (2422 m): Bergeinsamkeit hoch über dem Taminatal


Publiziert von marmotta , 21. November 2012 um 23:59.

Region: Welt » Schweiz » St.Gallen
Tour Datum:21 November 2012
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-SG 
Zeitbedarf: 5:30
Aufstieg: 1950 m
Abstieg: 1950 m
Strecke:Vättis - Älpli Ladils - Unterdavos (P. 1749) - Calvina Rindersäss - Scadellagrad - Seeligrat - Muntaluna - Vättnerberg - Vättis
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Vättis, Post
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Vättis, Post

Langsam, aber sicher neigt sich die (Alpin-)Wandersaison ihrem Ende zu. Der "Martinisommer" liegt in den letzten Zügen - doch noch hält er durch. Angesichts des bereits sehr tiefen Sonnenstandes sind Touren gefragt, auf denen man sich mehrheitlich südseitig in der Sonne bewegt. Also kramte ich meine Uralt-Pendenz "Scadellagrat-Muntaluna" heraus. Derzeit sind steile süd- und südwestexponierte Flanken und Sporne bis auf eine Höhe von 2600 m komplett schneefrei, so dass ich (zumindest im Aufstieg) nicht mal nasse Füsse bekommen sollte…
 
Start in Vättis um 9.15 Uhr. Eigentlich will ich direkt über den auf der LK eingezeichneten Pfad auf den Vättnerberg steigen und von dort weiter auf den (oder die?) Muntaluna (2422 m). Beide Ziele sind zunächst auch angeschrieben, doch bei der Brücke über den Chrüzbach sehe ich keinen Abzweig (vielleicht habe ich ihn übersehen, weil dort ringsum meterhoch Holz lagert). So nehme ich halt zähneknirschend den "Wadenbeisser-Aufstieg" hinauf zum Älpli Ladils. Eine glückliche Fügung, wie sich später herausstellen sollte…
 
Der teils in die Felsen gehauene Alpweg nach Ladils ist anhaltend und gnadenlos steil - das strengt an, andererseits lassen sich so problemlos 850 Hm in einer Stunde überwinden. Entsprechend nassgeschwitzt (die Vormittagssonne heizt in dieser südausgerichteten Flanke bereits mächtig ein, davon konnte ich die letzten Tage im nebligen Flachland nur träumen…) erreiche ich die verlassene Alp Ladils (1890 m), wo ich erst einmal auf der sonnigen Bank vor der Alphütte Rast mache.
 
Von der Alp Ladils steige ich nach Norden auf der (teilweise ziemlich vereisten) Fahrstrasse wieder ca. 150 Hm zu P. 1749 ab, wo der Radeinbach überquert wird. Auf Viehwegen quere ich wenig später -die Fahrstrasse abkürzend- den föhrenbewachsenen Hang zur Alp Rindersäss. Um von dort zum höchsten Punkt des Scadellagrats zu gelangen, soll man lt. Führer noch ca. 10 min dem Weg zur Furggla (alter Übergang ins Tersol) folgen und dann über die Weidehänge zur Scadella und von dort weiter zum Kulminationspunkt steigen. Gesagt, getan: Über recht steile, aber ordentlich gestufte Weiden mit verdorrtem Gras arbeite ich mich zu einer deutlich erkennbaren Terrasse auf ca. 2250 m hinauf. Da ich etwas zu weit östlich aufgestiegen bin, quere ich hier auf guten Tierpfaden nach Westen, bis ich entlang eines ausgeprägten Sporns, welcher sich etwas östlich des Gipfels hinunterzieht, über die Weiden aufsteigen kann. Die Flanke ist ziemlich steil, entsprechend streng ist der Aufstieg darin. Auf einer Höhe von ca. 2470 m treffe ich dann plötzlich auf einen ausgeprägten (Vieh-)Weg, der offenbar die ganze Flanke leicht ansteigend traversiert. Dankend nehme ich dieses "Geschenk" an und folge dem Pfad, bis ich über ihn die Grathöhe erreiche. Die letzten 50 Hm dann auf dem Grat nach Westen zum höchsten Punkt (P. 2541). Der Grat trennt scharf die apere Süd- und die schneebeladene, winterliche Nordseite. Bis zum Gipfel habe ich keinerlei Schneeberührung, das ist für Ende November auf dieser Höhe dann doch enorm!
 
Nach einer ausgiebigen Rast, bei der ich neben dem fantastischen Panorama (die Luft war klar wie selten) auch einen über mir kreisenden Adler mit dem Fernglas beobachte, mache ich mich an den Abstieg hinüber zum Seeligrat. In der nach Nordosten steil abfallenden Mulde, durch die ich im Schnee absteigen will, tummelt sich ein Rudel Gämsen. Als sie mich bemerken, springen sie hinauf auf den Seeligrat und verlassen diesen Logenplatz nur widerwillig, als sie mich näher kommen sehen.
 
Ich steige erst einige Meter dem Nordgrat entlang ab, bevor ich in die steile Schneeflanke steche. Die Flanke ist wirklich steil (> 40 °) und der Schnee nicht so gut, wie ich mir das vorgestellt hatte. In der Mitte des couloirartig hinabziehenden Tälchens ist bereits ein Schneebrett mit viel Triebschnee abgegangen, links (nördlich) davon hat der Schnee aber bereits einen leichten Deckel und so sinke ich nicht allzu tief ein . An geeigneter Stelle quere ich hinüber zum Seeligrat, den ich oberhalb des Welschboden auf ca. 2370 m erreiche.
 
Der Seeligrat ist ein absoluter Genuss: Mit Ausnahme des Felskopfes westlich von P. 2227, der nicht überschritten werden muss, sondern südseitig -höhehaltend- auf Gamswechsel umgangen werden kann, gehe ich immer auf der Gratschneide - mit herrlicher Aussicht und der Sonne im Gesicht. Die Felsbastion vor P. 2336 überwinde ich -den vielen Gamsspuren folgend- nordseitig im Schnee (ein steilerer Absatz) und erreiche so den breiten Westgrat des Muntaluna (ingesamt T4, stellenweise etwas luftig).
 
Nach kurzem Schneestapfen ist dann auch der Muntaluna-Gipfel (2422 m) erreicht, wo ich mich im Gipfelbuch eintrage. Es braucht einen Moment, bis ich den Schliessmechanismus der im Gipfelsteinmann unten eingepressten Gamelle kapiere - der letzte Eintrag datiert vom 25.10. Obwohl ja der Skitourenführer ausdrücklich schreibt, man solle die Flanken des Muntaluna im Winter aus Wildschutzgründen nicht aufsuchen, sind doch auch etliche Skitouren (von Locals) verzeichnet. Kein Wunder, es gibt wohl kaum einen anderen Berg im Sankt Galler Oberland, der -unter Beachtung der nicht unerheblichen Lawinengefahr- so prädestiniert für eine rassige Skiabfahrt ist wie der Muntaluna. Allerdings muss man auch erst irgendwie die Alpterrasse des Vättnerbergs erreichen, was ich mir im Hochwinter bei Schnee bis ins Tal noch schwierig vorstelle…
 
Abstieg nach Süden sehr angenehm auf weichen Matten bis hinunter zur Maiensäss-Siedlung auf dem Vättnerberg. Die Seilbahn fährt nicht mehr (offiziell), also muss ich eben zu Fuss über den steilen Bergweg (den ich ja bereits am Morgen nehmen wollte) hinunter. Doch halt, was hängt da für ein Zettel am Wegweiser? "Bergweg geschlossen - wegen Geröllrutsch unpassierbar!" - Witzig, habe ich eine andere Wahl? Ich kann ja schlecht hier oben übernachten! "Wird schon irgendwie trotzdem gehen" rede ich mir Mut zu, ein mulmiges Gefühl bleibt im Wissen, dass der ausgesetzte Pfad durch eine Steilflanke, teils mit senkrechten Felswänden und Tobeln führt…
 
Abgesehen von der angekündigten Gefahr ist der gesamte Weg in einem äusserst schlechten Zustand: Der schmale Pfad ist knöcheltief mit Laub bedeckt, was zu permantem Rutschen führt. Könnte man sich einmal nicht mehr fangen, würde der Sturz weit gehen, es gibt über weite Strecken keine "Sicherheitszone" - höchste Konzentration ist also nochmals gefordert!
 
Als ich schon glaube, der Weg sei vielleicht bereits ausgebessert und die Gefahr gebannt, trifft mich auf einer Höhe von ca. 1200 m, wo der Pfad (eigentlich) eine tiefe Rüfe überwindet, der Schock: Das Wegtrassee ist hier komplett weggerissen und eine Querung der Stelle im laubbedeckten Erdreich -darunter der Abgrund- viel zu gefährlich. Es hängt zwar ein Drahtseil über der Schlucht, dieses ist aber so labbrig, dass ich mich daran nicht festhalten will. Zurück will ich aber auch nicht mehr, immerhin müsste ich ja erst wieder 400 Hm zum Vättnerberg aufsteigen und dort versuchen, jemand ausfindig zu machen, der allenfalls die Seilbahn aktivieren könne. Da eine Lösung her muss (schliesslich wartet unten in Vättis bereits das Postauto) nehme ich meinen Mut zusammen und kraxle einer Felswand entlang nach oben, um die Stelle im Hang oberhalb zu umgehen und dann nach der Rüfe wieder auf das Wegband abzusteigen. Leider gibt das Erdreich in Verbindung mit dem vielen trockenen Laub im Steilhang überhaupt keinen Halt - mühsam hangle ich mich daher von Baum zu Baum (von denen es leider nicht allzu viele hat) und lasse mich schliesslich von dem Baum, an dem das Drahtseil verankert ist, am Drahtseil zum Wegband (bzw. zu dem, was noch übrig ist) hinunter. Geschafft!
 
Auch der Rest des Abstiegs ist aufgrund des rutschigen Laubes alles andere als ein Spass - ich kann mich an keine Tour erinnern, die mich derart Nerven gekostet hat.
 
Daher meine Warnung: Dieser Weg ist unter den derzeitigen Umständen und Verhältnissen lebensgefährlich!
 
Der Pfad wird sicherlich vor (Früh-)Sommer nächsten Jahres nicht normal begehbar sein. Auch an anderen Stellen, insbesondere unmittelbar nach der oben geschilderten Passage, droht das Wegband wegzubrechen. Diese Route kann man wohl zukünftig vergessen. Der Vättnerberg kann im Sommer (während der Alpzeit) mit der Seilbahn oder alternativ von Vättis über den Alpweg via Älpli Ladils-Unterdavos oder von Mapragg über den Findelsberg (den Zustand dieser Route kenne ich allerdings nicht!) erreicht werden.
 
An der Talstation der Seilbahn angekommen, schwebt gerade eine Kabine von oben ins Seilbahnhäuschen - Besitzer einer der Alphütten steigen heraus. Da ich realisiere, dass ich das Postauto zu Fuss kaum mehr erwischen würde, frage ich die Einheimischen, ob sie mich das Stück nach Vättis zur Post mitnehmen können, was diese netterweise dann auch tun. Glück gehabt!
 
Im abfahrbereiten Postauto sitzt bereits ein anderer Wanderer. Es ist Polder, der auf dem Vättnerchopf war! Welch nette Überraschung - die (Hikr-)Welt ist eben klein… :-)

Tourengänger: marmotta

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