Saisonrückblick und einige Forschungsresultate des Projekts Gipfelflora


Publiziert von pizflora , 17. Oktober 2010 um 20:10.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Davos
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR 

Einige Hikrs haben vielleicht meine diesjährigen Gipfeltouren im Namen der ökologischen Forschung etwas mitverfolgt, und eventuell interessiert es ja den einen oder die andere, was wir dabei so herausfinden. Deshalb publiziere ich hier anstelle einer Tourenbeschreibung ein kleiner Saison-Rückblick, kurzer Exkurs und einige Resultate zu unserem Projekt.

Für das Projekt Gipfelflora, beheimatet am SLF in Davos, besteigen wir während 3 Jahren mindestens 150 Gipfel und Pässe, die schon vor 100 oder mehr Jahren von Botanikern begangen und botanisch untersucht worden waren, und dokumentieren die Veränderung der Pflanzenzusammensetzung über die Zeit.
Die Daten sammeln wir, damit wir so brennenden Fragen beantworten können, wie zB.: Um wieviel hat die Artenzahl in den letzten >100 Jahren zugenommen auf den Gipfeln? Spielt der Klimawandel eine Rolle, oder handelt es sich einfach um eine natürliche Wiederkolonisierung nach einem grossen Absterben der Pflanzen während der kleinen Eiszeit? Welche Rolle spielen Wanderer, Steinböcke, Gemsen etc., welche es während den historischen Aufnahmen nicht oder kaum gab, nun aber die Gipfel begehen, düngen, Samen transportieren, ev. Trittschäden verursachen?

Das Projekt hat im Juli 2010 offiziell begonnen, die 3 HauptakteurInnen waren aber schon im Sommer davor auf einigen Gipfeln unterwegs, einerseits um auszutesten, ob die alten Daten etwas taugen (sie tuns!), aber auch einfach, weil es Spass macht... Für den Sommer 2010 komplettierten 5 PraktikantInnen aus 4 Ländern unser Team, und mit ihrer Hilfe und der Unterstützung einiger freiwilliger Helferinnen und Helfer konnten wir trotz durchzogenem Wetter einen auf der Welt bisher einzigartigen Datensatz zusammentragen. Auf den einzelnen Bergen waren wir dann jeweils zu zweit unterwegs.

Für diejenigen unter Euch, die es interessiert, ein paar Eckpunkte.
Unser Team und die HelferInnen waren diesen Sommer an 55 verschiedenen Tagen im Feld, haben 107 Berggipfel wieder-botanisiert, dabei insgesamt 175'000 Aufstiegsmeter zu Fuss zurückgelegt, und erfreulicherweise 0 Unfälle gehabt (aber schmerzende Knie und verdrehte Knöchel sind uns nicht unbekannt)! Die beiden "fleissigsten" (oder einfach verrücktesten?) Teammitglieder haben über 30 Gipfel botanisiert und dabei über 22'000 Aufstiegsmeter zurückgelegt. Der westlichste Gipfel war das Faulhorn im Berner Oberland, der östlichste der Piz Costainas, der niedrigste der Scrigno di Potrinone (2956m), und der höchste der Piz Kesch (3418m). Einige von den Touren, nämlich diejenigen, bei denen ich dabei war, sind auf Hikr zu finden.

Wir haben bisher einen Datensatz von denjenigen 21 Gipfeln, von denen es zwischen ca. 1900 und 2010 mehrere botanische Aufnahmen gegeben hat, genauer unter die Lupe genommen. Die meisten dieser Berge stehen im Engadin. Einige vorläufige Ergebnisse, welche aber auf sehr wenigen Analysen mit unseren Rohdaten beruhen und deshalb noch nicht definitiv sind, möchte ich Euch aber nicht vorenthalten:
  • Die Gipfelflora wurde artenreicher: Seit der ersten Pflanzenaufnahme um 1900 herum hat die Artenzahl mit einer Ausnahme (Flüela Schwarzhorn) auf allen Bergen zugenommen (Abb. 1).
  • Nicht alle Gipfel sind gleich betroffen: Am meisten hat die Artenzahl auf den niedrigeren Gipfeln (ca. <3000m) und auf denjenigen, die schon bei der historischen Aufnahme rel. viele Arten beherbergt haben, zugenommen.
  • Der Anstieg der Artenzahl ist heute schneller als früher: Vor 1990 ist sie ca. 1.5 Arten pro Dekade angestiegen, nach 1990 4 bis 6 Arten pro Dekade (Abb. 2).
  • Viele Bergsteiger haben einen negativen Effekt: Auf Bergen, die viel begangen werden, nahm die Artenzahl weniger stark zu als auf wenig begangenen Bergen (Abb. 3).
Die vorläufigen Folgerungen daraus sind: Der Klimawandel spielt wahrscheinlich eine grosse Rolle, denn Wanderer- und Wildtierpopulationen nehmen schon seit mindestens dem zweiten Weltkrieg stetig zu, während die Klimaerwärmung sich seit mitte der 80er Jahren so richtig bemerkbar macht. Darüberhinaus zeigen unsere Daten einen eher negativen Effekt der menschlichen Nutzung. Weitere Analysen über grössere Teile des Alpenraums mit verschiedenem Klima und verschieden hohen Wildtierdichten werden weiter Aufschluss darüber geben.

Auch nächstes Jahr werden wir wieder ein kleines Team bilden und weiter wandern, bergsteigen und botanisieren. Es sind für nächste Saison einige Pässe, aber auch höhere Berge hauptsächlich im Bündnerland, und, wer weiss, vielleicht einige im Ausland geplant. Interessensbekundungen zum Mitkommen von mit-Hikern und -Hikrn mit Geduld und botanischem Interesse werden jederzeit gerne entgegengenommen ;-).

Bis dahin müssen wir uns halt mit den alpinen Pflanzen begnügen, die auf unserer Schitouren vertrocknet aus dem Schnee herausschauen...

Tourengänger: pizflora


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Kommentare (3)


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Fjaellfe hat gesagt: Huhu
Gesendet am 18. Oktober 2010 um 08:06
:-) freu mich schon auf nächsten Sommer! grüessli S.

360 Pro hat gesagt: Mehr Manpower/Womanpower?
Gesendet am 18. Oktober 2010 um 09:18
Ciao pizflora,

Was für ein Job, von Berufes wegen in die Berge zu "müssen" und dort etwas zu "botanisieren"... :-) Was macht ihr eigentlich im Winter?

Habe mich in meinem Leben auch schon mal ziemlich intensiv mit Botanik auseinandergesetzt und habe Deinen Bericht interessiert gelesen. Sieht so aus, als ob der Klimawandel doch auch seine positiven Nebeneffekte hat, zumindest was die Artenvielfalt der alpinen Flora anbelangt.

Eine Frage: Inwiefern könnt ihr ausschliesssen, dass die Zunahme der Arten nicht auch darauf zurückzuführen ist, dass ihr heute schlichtweg mehr Manpower/Womanpower habt? Sprich: Ich denke nicht, dass vor 100 Jahren 3 HauptakteurInnen, 5 PraktikantInnen und auch noch freiwillige HelferInnen die Berge "botanisiert" haben, oder doch?

Ich nehme mal an, dass bei mehr Arbeitskräften auch mehr Arten gefunden werden, schlichtweg deshalb, weil ihr so ein viel grösseres Gebiet abdecken könnt und auch grössere Chance habt Arten zu finden die ein kleineres Team vielleicht nicht gefunden hätte. Berücksichtigst Du diese Tatsache in Deinen Forschungen, oder kannst Du dies ausschliessen?

Gruss 360

pizflora hat gesagt: RE:Mehr Manpower/Womanpower?
Gesendet am 18. Oktober 2010 um 09:24
Hallo 360,

ja, ich gebe zu, ich habe einen der besten jobs der welt. allerdings sitze ich nun den rest des jahres hinter dem compi und büschele daten, analysiere sie und schreibe wissenschaftliche publikationen darüber - das ist auch ein zeimlicher knochenjob. und langfristige verträge hab ich auch noch nie gehabt ...

danke für deine interessanten fragen. das sind natürlich genau diejenigen, über welche wir uns auch den kopf zerbrechen bzw. von denen wir genau wussten, dass sie gestellt werden würden (weil wir dies bei anderen forschen auch tun würden), und entsprechend haben wir einige "vorsichtsmassnahmen" getroffen und antworten parat.

wir wissen nicht genau, zu wievielt unsere botanischen vorgänger im feld waren, aber wahrscheinlich meist alleine. allerdings wissen wir gerade von unserem lokalen urahnen in davos, dass er gewisse berge mehrere oder viele male bestiegen hat, und wir sehen anhand seiner artenlisten, dass er auch arten gefunden hat, die sehr klein, unauffällig und nicht häufig (wahrscheinlich auch damals nicht) sind. abgesehen davon haben wir vor der aufnahme die artenliste nicht angeschaut, sind also genau so ahnungslos, was für eine flora uns erwartet, wie unsere vorgänger.

wir sind dann jeweils in 2er teams auf unseren bergen, oft begleitet von freiwilligen nicht-botanikern, d.h. mehr als 2 botanikerInnen waren praktisch nie zusammen auf einem berg. um für diesen "observer bias" zu korrigieren, haben wir dann entweder 2 unabhängige aufnahmen des gipfels gemacht (d.h. die botaniker waren ohne miteinander zu reden auf unterwegs), oder jemand hat den "chef" gespielt und den berg auf einer bestimmten route abgesucht, und die zweite person hat eine andere route genommen und versucht, noch weitere arten zu finden, welche nr. 1 nicht entdeckt hatte.

diese "sicherheitsmassnahmen" erlauben es, unsere daten auch sehr konservativ, sozusagen vergleichbar mit der situation von "1 person - 1 berg - 1 tag" auszuwerten.

die hier gezeigten daten sind aber jeweils unsere 2 aufnahmen pro gipfel kombiniert, also die maximal gefundene artenzahl. dies deshalb, weil wir wissen, dass die leute in 1990 und 2003/2004 mindestens zu zweit, bis hin zu 4 leuten, unterwegs waren. dh. der artenanstieg zwischen 1990er und 2010er aufnahmen beruht wiederum auf ähnlichen grundlagen, zwischen 1900 und 1990 könnte die intensivere manpower aber eine rolle spielen - was wiederum eher wasser auf unsere mühlen ist...

dass die berggipfel wohl momentan die einzigen lebensräume der schweiz sind, die artenreicher werden, ist natürlich ein nicht nur negativer aspekt. was wir sicher auswerten werden, ist ob die artenzusammensetzung sich nun einfach homogenisiert, also zb allerweltsarten einwandern, die dann die spezialisten oder seltenen arten verdrängen. solche aspekte wären natürlich wieder eher negativ zu werten.

ich hoffe, diese antworten überzeugen dich davon, dass wir den dingen mit der nötigen portion skepsis und vorsicht auf den grund gehen...

herzlichen gruss
SW


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