Breughel zum Zweiten


Publiziert von Henrik Pro , 14. Oktober 2010 um 18:03.

Region: Welt » Schweiz » Basel Land
Tour Datum:13 Oktober 2010
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-BL   CH-BS 
Strecke:Pendlerstrecke Basel - Laufen täglich
Zufahrt zum Ausgangspunkt:ÖV
Zufahrt zum Ankunftspunkt:ÖV

.... In einigen Tagen jährt sich der Arbeitsbeginn im Spital Laufen und damit liegt mein erstes Pendeljahr vor: dazu einige Bemerkungen.

.... Der tägliche Empfang am Bahnhof zu allen Schichtdiensten ist nach wie vor eine eher trübe Angelegenheit: Trash ist das Stichwort. Die unsäglichen Dosen-, Fastfood- und andere Hin-terlassenschaften am Boden wie auch die Spuckspuren rund um die Ruhebänke sind kein einladender Empfang, scheinen allerdings wenige zu stören und fallen schon nach Stunden nach dem Durchgang der RailClean-Kolonnen erneut wieder an .... Nach einem halben Dutzend Schreiben an die Verwaltung der Stadt wie aber auch an die SBB weiss ich, dass die sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben .... Einwand, warum nicht mit dem Auto zur Arbeit. Ich müsste mir wieder eins kaufen und da ich aber immer noch tendiere, den ÖV rund um die Uhr zu nutzen und immer wieder davon profitiere, bleibt es vorerst so. Manchmal ergeben sich Mitfahrgelegenheiten, dann allerdings sehe ich auch die Nachteile derer, die täglich z. B. zwischen Basel und Laufen zur Arbeit fahren. Abendliche Staus gehören da zum leidigen Übel – immerkehrende Tunnelsperrungen wegen Unterhaltsarbeiten oder sonstige Aktionen des BUD in Liestal sind nicht etwa Raritäten.

.... Ich bin davon abgekommen mit der S-Bahn zu fahren. Der Sitzkomfort auch in der 1.-Klasse wird meinen langen Beinen nicht gerecht – zudem gibt es ja keine Ruhezonen. Ich nehme den ICN, der erfüllt schnellere Anreise und Ruhe. Noch ein Vorteil, er hält auf Gleis 2 und damit bin ich gleich an der Rondelle am Bahnhof, zum täglichen Weg ins Spital. ...

.... Laufen will bis in 5 Jahren dem Bahnhofsplatz und dessen Zufahrten ein neues Gesicht verleihen, den Durchgangsverkehr über eine neue Birsbrücke umleiten und auch den ÖV baulich stärken .... Grotesk und aber auch Anlass für mehrere Schreiben ist die Tatsache, dass Laufen sich drückt, das Spital ans Busnetz anzubinden – hier regiert wahrscheinlich eine reine Autolobby, nachteilig für ältere Menschen und solche die .... kein Auto haben. Am Wochenende wird ein sehr dürftiger Shuttledienst angeboten – mit Zwischenzeiten von bis zu vier Stunden! Eine Alibiübung, den Schein wahren, so kommt mir das vor.

.... Die Zahl der Zugpendler, die im Spital Laufen arbeiten und dies täglich tun, sind wenige – es sind erstaunlicherweise viele Ärzte und Jugendliche, wo zu vermuten ist, dass das Auto noch nicht angeschafft werden konnte oder das „Billet“ den Weg noch nicht in der Tasche gefunden hat!

.... Nachdem ich schon vor einem Jahr „meine“ Strecke gefunden habe, bin ich dort immer noch meist allein unterwegs – es führen schnellere Wege ins Spittel, eher laut und lärmig, und der Zeitgewinn ist zu vernachlässigen: 2 Minuten gegen die Ewigkeit.

.... Ich spaziere an der Raiffeisenbank vorbei, die einen Judas-baum auf ihrem Vorplatz stehen hat, komme an der Post vorbei, dann einer Drogerie, dem Gemüseladen „Chicorée“ und schliesslich am Brückenkopf orografisch rechts ein Reisebüro: meine Reise beginnt hier – ich bin nun auf einer der Birsbrü-cken und höre das Rauschen über die Schwellen, insb. dann wenn der Fluss viel Wasser führt. Die Verkehrsrondelle auf dem Vorstadtplatz ist für Langholzwagen und Anhängerzüge etwas eng. Hier beginnt dann auch südseitig gesehen die Altstadt. Ich wende mich dem Grabenweg zu, der hier rechts abzweigt und glaube mich beinahe ins Mittelalter entführt ....ich höre das Glucksen der Birs, ich höre Vogelgezwitscher, ich sehe alte Dachziegel und kleine Rohrkamine und entlassenen Rauch, Vorstadtgärten mit alten Hütten und Stegen, Bädervertiefungen fürs Gefieder, Holz- und Eisenzäune, die Patina angenommen haben und burgähnliche Wohnbauten – durch ein Tor hindurch sehe ich ab und zu aufgehängte Wäsche! In einem der Vorstadtgärten wuchsen im Sommer Kartoffelstauden, in einem andern war mich trotz üppiger Beeten nicht klar, was es dort ggf. zu ernten gäbe?

..... Dann der grosse PP ausserhalb der Stadtmauer, wenig einladend, schmutzig und noch immer mit vielen Frostlöchern des vergangenen Winter. Ausser an Markttagen sind die PP nur halb voll – doch die Stadt beklagt Mangel an diesen .... mir scheint aber, das dürfte gesamtschweizerisch Kontext sein, dass zu viele Zeitgenossen nicht mehr in der Lage sind, mehr als 500 Meter gehen zu (müssen) – oder anders formuliert, vom Bett ins Auto und dann nie mehr als 10 Schritte zu Fuss! – ketzerisch?

.... Nun ist eine Schnellstrasse zu queren ... an der ich manchmal provokativ auf die Strasse trete, um zu markieren, dass es auch noch Fussgänger gibt (!) – die Baselstrasse, an der die RICOLA ihren Hauptsitz hat, ein von aussen eher bescheidener Bau, nicht so dann dahinter das Gewächshaus aus der Hand von Herzog & de Meuron.

.... An Kleingärten vorbei, liebevoll aufgeschichteten Holzbeigen (etwas für den Felix) und dann die Strasse an der das Spittel im Grünen liegt .... nicht viele Kliniken im Baselbiet haben diese erhabene Sicht über das weite Land, nach Süden hin die Hohe Winde und die bewaldeten Jurakreten, im Rücken der Schutz eines Kalkbogens, wo früher, so besagt es der Rebenhöheweg, Weinberge gelegen haben dürften.

.... Statt den Personaleingang zu nehmen, folge ich der Strasse zur Notfallstation: diese wenigen Meter eröffnen besonders am frühen Morgen, wenn Wolken- und/oder Nebelschwaden über dem flachen Birsland hängen, die Hohe Winde nochmals zu sichten und mich daran zu erfreuen – hier bin ich gleichermassen jetzt nach einem Jahr „häuslich“ angekommen.

.... Ich passiere die gläsernen Schiebetüren, die sich von Geisterhand öffnen, sehe auf die Plexiglasuhr, es ist z. B. halb sieben und steige genährt von den Natureindrücken meiner Annäherung an den Arbeitsplatz in den stickigen Umkleideraum, löse meine Häute ab und schlüpfe in die weisse Kluft.


..... Arbeitsbeginn ... im zweiten Stock: von dort ist die Hohe Winde und der Jura noch eindrucksvoller zu sehen. Ganz eindrücklich sind die Stimmungen am Ende einer Nachtschicht, wenn der Tag Beschlag nimmt vom Land und diese sich zu recken beginnt, vielfältig.

...... so wie in einem der Bilder von Breughel!

Tourengänger: Henrik



Kommentare (1)


Kommentar hinzufügen

LaGazelle hat gesagt: Also doch...
Gesendet am 14. Oktober 2010 um 21:25
war das Dein silberner Schopf, den ich vor ein paar Wochen in aller Hergottsfrühe beim Halt in Laufen am Zugfenster habe vorbeiziehen sehen. Ich sass am Sonntag 3. Oktober im 6:03-Zug von Basel nach Nyon, um auf den Marchairuz zu laufen. "Was hat er wohl Exotisches vor? Für eine Wanderung hier in der Gegend müsste man doch wirklich nicht so früh aufstehen!" (wenn man in Basel wohnt) habe ich mich gewundert.

Da ich mich schon einige Zeit auf den Hikr-Seiten tummle ist mir "der Henrik" ein Begriff...

Viele Grüsse von BL nach BS
LaGazelle


Kommentar hinzufügen»