Alvierkette, Überschreitung von Nideripass bis Gauschla


Publiziert von Gecko , 28. September 2010 um 06:03.

Region: Welt » Schweiz » St.Gallen
Tour Datum:12 Juli 2010
Wandern Schwierigkeit: T6+ - schwieriges Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: Alvier Gruppe   CH-SG   Churfirsten 
Zeitbedarf: 1 Tage

Die Alvierkettenüberschreitung scheint 2010 tatsächlich so etwas wie ein "Bestseller" geworden zu sein. Unabhängig davon hatte auch ich schon seit längerem dieselbe Idee. Von Kollege Dani motiviert, schreibe ich nun, mit mehrmonatiger Verspätung, hier auch einen Bericht. Da meine Tour weitgehend mit derjenigen von Delta identisch ist, werde ich im Folgenden vor allem die Abweichungen von seiner Vorgabe beschreiben.
 
Die Alvierkette beginnt dort, wo die Churfirsten aufhören (also beim Niederipass), und endet irgendwo oberhalb Sargans (Gauschla - Girenspitz oder eher Chammegg - Tschuggen - Gonzen?). Jedenfalls für mich. Natürlich kann man die Tour auch in der umgekehrten Richtung machen.
Wie viele Höhenmeter werden es wohl sein? Ich bin vorerst zu bequem, dies auszurechnen. Die Tour wird weder länger noch kürzer, wenn ich um ihre exakten Daten weiss. Lieber gehe ich spontan voran, nehme mir Zeit um über die Schöpfung nachzudenken (und sie in vollen Zügen zu geniessen!) und nehm's vorzu, wie weit ich komme. Manchmal ist es aufgrund von Gewittern sowieso nicht vorhersehbar, ob man den ganzen Tag Zeit hat, oder ob man vorzeitig abbrechen muss.
 
Walenstadt – Nideripass 
Start um 3.30 Uhr in Walenstadt (es lohnt sich, dort ein Elternhaus zu haben :-) ). Auf guter Fahrstrasse durch den dunklen Wald (huuhh, wie unheimlich, wenns überall raschelt und man, im Lichtkegel der Stirnlampe, plötzlich von leuchtenden Augen angestarrt wird) auf die Lüsisalp zu steigen brauchte einiges an Überwindung. Im weiteren Aufstieg zum Nideripass (weiss-rot-weiss markierter Wanderweg), in der Morgendämmerung, vernahm ich das Heulen irgendwelcher "wilder Tiere" (Nein, es waren keine Toyoten. Trotzdem war mein erster Gedanke: "Schnell Ford, die tun vielleicht was!").
 
Nideripass - Sichelchamm, T5, II
Vom Nideripass weiter auf gutem Weg zum Höchst. Dann auf teilweise blau markierter, sehr schwacher Wegspur weiter Richtung Gulms (tiefste Einsattelung zwischen Höchst und Sichelchamm). Der Weg verläuft abwärts durch die Südwestflanke in steilem Gras und führt zuletzt horizontal über ein elegantes Band durch eine Felswand, bevor wieder etwa 50Hm (?) aufgestiegen werden muss (danach befindet man sich in der Senke von Gulms). 
Ziemlich bald hielt ich allerdings hinauf auf den Grat und erreichte diesen in einer Scharte unmittelbar vor dem letzten Gratturm, bevor der Grat aufhört, Grat zu sein (alternativ kann man, vom Höchst her kommend, auch alles mehr oder weniger am Grat gehen, allerdings muss man sich teilweise ordentlich durch die Föhren zwängen). Eine wunderschöne Grashalde, im oberen Teil durchsetzt von messerscharfen Schrattenkalkbänken, führt von dort hinunter in die genannte Einsattelung von Gulms.
Auf der anderen Seite die „dreieckige“ Wiese hoch und über kurzen horizontalen Grasgrat zum Beginn des ersten felsigen Aufschwungs. Wenige Meter rechts des Weidezaunes über kurze Kletterstelle (ca. II) und anschliessend steil, aber einfach links aufwärts, bis man weniger steiles Gelände erreicht. Weiter gerade aufwärts stösst man schon bald auf eine kurze Wandstufe, welche durch verschiedene parallele Rinnen erklettert werden kann (ca. II). Auf dem nächsten Band angekommen, hat man zwei Möglichkeiten:
  

  1. man folgt leicht absteigend dem Band nach links und erreicht nach ca. 100m eine Rinne, welche in leichter Kletterei (I bis II) aufwärts in einen Grastrichter führt. Von dort erreicht man in einfachem Grasgelände den Westgrat und über diesen den Gipfel oder:
  2. auf dem erwähnten Band nimmt man die Geröllrinne, die in recht direkter Linie aufwärts auf den Grat der Hundsegg führt. Von dort dem Grat entlang bis unter einen Schichtkopf. Diesen entweder direkt überklettern (IV, zu Beginn leicht überhängend) oder auf der Nordseite (also links) umgehen (dann kommt man beim unter 1.) erwähnten Grastrichter vorbei). Danach ohne Schwierigkeiten über den grasigen Westgrat zum Gipfel.

 
Ich entschied mich heute für Variante 1), da ich diese schon länger nicht mehr gegangen war. Ein Übersichtsbild der Strecke Gulms - Sichelchamm findet man hier.

 
Sichelchamm – Schiffberg – Gamsberg – Gamsbergsattel, T6, II
Vom Sichelchamm anfangs auf Grat, dann durch steile Grasflanke hinunter in die westliche Schifflochlücke. Von dort auf Wildwechsel durch eine kurzzeitig sehr steile Grasflanke auf den ersten Gratturm. Anschliessend alles auf dem Grat resp. vielleicht mal kurz wenige Meter davon abweichend hinüber in die östliche Schifflochlücke. Dabei gilt es, einen etwas brüchigen Aufschwung (ca. II) zu bewältigen.
 
Die Überschreitung von der westlichen zur östlichen Schifflochlücke kann auch nordseitig umgangen werden. Dies habe ich als heikel in Erinnerung. Der Grat scheint mir jedenfalls einfacher. Leider kann ich mich nicht mehr an alle Details erinnern. Wer hier unterwegs ist sollte aber ohnehin über den nötigen Spürsinn verfügen.
 
Von der östlichen Schifflochlücke klettert man linkshaltend wenige Meter aufwärts und erreicht gut gestuftes, aber sehr steiles Grasgelände (T6). Steil und ausgesetzt, aber ohne Schwierigkeiten, steigt man links am „Daumen“ vorbei und erreicht bald den Gipfel des Schiffbergs. Über den kurzen Gipfelgrat und in den Sterenbergsattel absteigen. Hier kann man entweder rechts abwärts in die Grossplangg queren und von dort den Gamsberg über den Westkamin erreichen. Oder schneller und einfacher nach links dem Berg entlang aufwärts queren und die „Diagonalrampe“ der Nordflanke (T5) nehmen.

Ich entschied mich für die zweite Variante, da ich in der an diesem Morgen erdig-feuchten Querung hinunter in die Grossplangg zu viel Zeitverlust fürchtete. Ausserdem wäre die „ideale Linie“ sowieso die Westkante.
 
Vom Gipfel des Gamsbergs hinunter in den Gamsbergsattel gelangt man am einfachsten über die oft „Doppelgleis“ genannte Ostrinne. Für einmal war ich jedoch abenteuerlustig und probierte den Ostgrat (im Abstiegssinn rechts der Ostrinne) aus. Teilweise sehr steil und heikel, ausserdem stellenweise geröllig-brüchig. Im Abstieg nicht wirklich zu empfehlen, dafür der etwas direktere Weg als übers Doppelgleis (dauert aber bestimmt länger).
 
Gamsbergsattel – Rosswies, T6
Weiter gemäss Delta"Auf 3614adrians Route auf das Sichli. Der Routenverlauf ist hier gut einsehbar. Das Gelände ist durchwegs sehr steil. In einer ausgesetzten Querung durch Schrofen bietet ein Gamswechsel gute Tritte. Danach folgen bis 60° steile Grashalden."
Danach über den Grat aufs Sichli und einfach (T3) weiter auf die Rosswies.
 
  
Rosswies – Chli Fulfirst, T6+
Von der Rosswies weiter dem Grat entlang auf die Fulfirstköpfe zuhalten. Der erste Kopf (eigentlich ein Doppelgipfel) kann leicht und ebenfalls weitgehend am Grat erstiegen werden. Teilweise recht brüchig, aber ohne nennenswerte Schwierigkeiten (wenn man ab und zu wenige Meter vom Grat abweicht, halt nach „Gefühl“). Dasselbe gilt für den zweiten Fulfirstkopf. Danach muss ca. 60m in eine Scharte abgestiegen werden. Von dort wird der dritte Fulfirstkopf, teilweise am Grat, teilweise einige Meter links oder rechts davon, erstiegen (T6). Je nach Routenwahl sehr steil.
 
Der ca. 100m lange, brüchige Gipfelgrat wird relativ einfach überschritten (am Ende eine kurze, schwierigere Stelle, vermutlich T6), und die anschliessende, überraschend einfache Rinne abgeklettert. Man steht nun in der Scharte zwischen dem östlichsten Fulfirstkopf und dem Chli Fulfirst.
 
Von der Scharte quert man ca. 10m nach links über brüchige Bänder (an diesem Vormittag leider noch feucht-rutschig) und steigt heikel in steilem Gras hinauf in eine Rinne, welche unmittelbar unter den Gipfel des Chli Fulfirst führt. Dort, wo die Rinne sich teilt, wählt man die linke Fortsetzung (somit spart man sich vermutlich einen brüchigen Umweg über ein Grätchen). Links haltend (wieder nach Gefühl) erreicht man schon bald den Gipfel.
Achtung: Es handelt sich um den (aus meiner Sicht) anspruchsvollsten Teil der gesamten Überschreitung von der Nideri bis zur Gauschla (wenn man die Gamsbergwestkante weglässt). Die Querung von der erwähnten Scharte (zw. östlichstem Fulfirstkopf und Chli Fulfirst) mag bei trockenen Verhältnissen zwar einfach sein, einen Fehltritt kann man sich aber kaum leisten. Das Gelände unmittelbar unter den Querbändern fällt beinahe senkrecht ab. Die darauffolgende Graspassage ist etwa ähnlich steil wie der Westaufstieg zum Schiffberg, im Gegensatz dazu aber deutlich weniger gut gestuft. Auf jeden Fall ein ernstes T6. 
 
 
Fulfirst – Gärtlichöpf  Chrummenstein  Alvier (T6, II)
Vom Chli Fulfirst auf Wegspuren hinüber zum Gross Fulfirst (T4-T5). Vom Gipfel wenige Meter südwärts in einen Gratsattel absteigen. Dann ostwärts in einigermassen steilem Gras absteigen (T5). So kann man sich eine Umgehung über den (allerdings sehr schönen) Nordgrat sparen. Die nun folgende Gärtlichöpf-Überschreitung wird bereits von Delta gut beschrieben:


„Für mich einer der schönsten Abschnitte der Tour, besonders der jähe Abstieg in die Malunfurggel ist eindrücklich! Anfangs immer auf dem Grat, wobei eine Steilstufe südseitig abgeklettert wird. Von der Gärtliegg anfangs dem Grat entlang absteigend, teilweise steil. Dann in die NE-Flanke bis man das Couloir erblickt. Entlang des Gamswechsels zu dessen Anfang (steile Rasentritte, T6). Im Couloir, später an der rechten Berandung abklettern (II). Teils feine Tritte, Griffe auf Festigkeit prüfen.“
Achtung: wer den Abstieg von der Gärtliegg hinunter in die Malunfurggel nicht kennt (im Aufstieg einfacher zu finden) tut gut daran, sich ein Übersichtsfoto auszudrucken und dieses auf die Tour mitzunehmen.

Von der (westlichen) Malunfurggel dem Gratverlauf folgend, erreicht man einen namenlosen Gipfel mit schöner Aussicht in die Südwestabstürze des Chrummenstein. Von dort einige Meter absteigen bis in die Scharte zwischen ebengenanntem namenlosen Gipfel und dem Chrummenstein. Wenig links befindet sich der Chrummenstein Nordwestkamin. Diesen erreicht man über einfaches, gestuftes Felsgelände. Dann klettert man ca. 10m in mehrheitlich gutem Fels (II bis III) hoch und erreicht eine mässig steile Grasrinne, welche auf den Gipfelrücken des Chrummenstein führt. [Nachtrag: am Beginn der mässig steilen Grasrinne steckt linkerhand ein Bohrhaken zum Abseilen. Am oberen Ende der Rinne, wo diese auf den Chrummensteinrücken ausmündet, steckt linkerhand ebenfalls ein neuer Haken.]

Nun lasse ich wieder Delta zu Wort kommen:
Vom Gipfel mit altem Gipfelbuch (1951!) Abstieg auf dem Grat oder in der Nordflanke. Die Gratroute ist jeweils etwas schwerer. In der Flanke kommt man mit T5 durch.
Auf dem Alvierweg, dann weglos auf den Chli Alvier. Von diesem direkt in leichter Kraxelei (T4-T5) weiter und über Geröll und Gras zur Gipfelhütte. Abstieg in die Scharte zwischen Alvier und Gauschla.

Gauschla Überschreitung, inkl Abgelöste Gauschla Südflanke und Chammegg (T6)

Und weiter: Genialer Schlusspunkt der Tour: Da das Couloir vor der Abgelösten Gauschla noch komplett mit Schnee gefüllt ist und zu dieser Jahreszeit besser mit Steigeisen begangen wird, entschieden wir uns für die Route durch die Südflanke. Aufstieg über mühsames Geröll und Platten auf den Grat und auf diesem an den Fuss des senkrecht aufstrebenden Aufschwungs zur Abgelösten. Auch von hier scheint die Wand unbezwingbar. In ein tiefes Couloir auf der Südseite queren und in diesem bis zu seinem Ende aufwärts. Jetzt geht es in der Diretissima in rund 70° steilem Schrofengelände bergauf. Gute Tritte und feste Griffe geben Sicherheit. Nach etwas 50 Höhenmetern steht man auf dem Gipfel (T6). Kurzer Abstieg in die Scharte [evtl. etwas links (Abstiegssinn) ausholen, I-II; Anm. Gecko] und auf einem exponierten Weglein (T5) zum Hauptgipfel der Gauschla. Abstieg zum Beginn der Chammegg-Route über einen kurzen Felsgrat. Wenn man die Chammegg absteigen will, muss man die Augen gut aufhalten, um die Fixseile zu finden. Hat man sie mal, ist es eigentlich kein Problem mehr, die sehr steilen Grasflanken zu passieren, da sie gut gestuft sind (T5+).
Anschliessend langer Rückweg am Fuss der überschrittenen Kette zurück nach Sennis.“


Der lange Rückweg „am Fuss der überschrittenen Kette zurück nach Sennis“ blieb mir erspart, ich musste nur noch nach Sargans (was über die Gonzenleitern sehr schnell geht). Ich war etwa um 18.45 Uhr zuhause, das Gewitter kam dann vielleicht um 19.30 Uhr. Perfektes Timing und für mich das ultimative Wandergeschenk 2010.


Tourengänger: Gecko


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Kommentare (3)


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dani_ hat gesagt: Erster!
Gesendet am 28. September 2010 um 19:24
Hoi Gecko,

Echt coole Tour! Ich find sie hammer, schon im Zustieg (Walenstadt-Sichelchamm = 1800 Höhenmeter) wäre wohl einigen bereits die Puste ausgegangen, und danach gehts mit den Schwierigkeiten doch erst richtig los.

Ich kanns gut nachvollziehen, dass Du zum Schluss schreibst "das ultimative Wandergeschenk 2010" :-)

Liebe Grüsse

dani_

Gecko hat gesagt: RE:Erster!
Gesendet am 30. September 2010 um 04:46
Hoi Dani_

Danke für deinen Kommentar. Die Tour ist wirklich super, wie du aus eigener Erfahrung ja weisst ;-)
Freue mich auf deinen Bericht!

Liebe Grüsse
Gecko

dani_ hat gesagt:
Gesendet am 15. September 2011 um 21:54
Auch wenn ausser mir hier niemand einen Kommentar schreiben will, saucoole Tour! :-)


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