Freiheittürm, östlicher Turm


Publiziert von Urs , 15. September 2010 um 21:25.

Region: Welt » Schweiz » Appenzell
Tour Datum: 5 September 2010
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: V+ (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-AI   Alpstein 
Zeitbedarf: 14:00
Aufstieg: 1329 m
Abstieg: 1329 m
Strecke:Pfannenstil - Plattenbödeli - Alp Sämtis - Widderalpsattel - Bötzelsattel - Freiheittürmscharte - Freiheittürm, östlicher Turm "Überschreitung" - Freiheitscharte - Bötzelsattel (retour)
Kartennummer:1115 Säntis

     
 

Zustieg
Pünktlich um 6 Uhr starten wir auf die Fortsetzungstour von vor zwei Wochen. Ziel ist eigentlich die Überschreitung des östlichen Freiheitturm und die anschliessende Besteigung der Freiheit über den Westgrat. Zuerst müssen wir uns aber wie immer mit den schweren Rucksäcken das Brüeltobel hinaufkämpfen. Das Plattenbödeli ist zügig erreicht und erscheint auch noch ziemlich verschlafen. So machen wir uns auf den Weiterweg, am Sämtisersee vorbei in Richtung Alp Sämtis. Bei Werner geniessen wir dann doch noch einen Kaffee und freuen uns schon auf den Rückweg und die Säfte, die es dann zur Belohnung gibt. Weiter geht es in Richtung Widderalpsattel. Dort legen wir nochmals eine kurze Pause ein und geniessen die noch gute Aussicht. Bis zum Bötzelsattel können wir noch den Wanderweg nehmen, danach geht es auf einem Gras- und Schuttgrat hinauf zur Freiheittürmscharte. Das Gras ist trotz erst kürzlichem Schneefall relativ trocken und auch die kleinen Schneereste können gut umgangen werden.

Aufstieg zum östlichen Freiheitturm
In der Scharte studieren wir nochmals den Alpsteinführer und montieren unser Klettermaterial. Die ersten Meter führen schon über ein fast senkrechtes Wändchen auf ein kleines Seitengrätchen. Danach steigt man über das Felsenfenster und rechtshochhaltend in die Südwand. Nach ca. 5 m in der Südwand kommt doch tatsächlich ein eingerichteter Standplatz mit zwei Schlaghaken.
Die zweite Seillänge startet schon sehr ausgesetzt und steil. Das Wändchen hinter meiner Schulter (siehe Foto) muss umstiegen werden. Der Fels wird bereits merklich brüchiger. Hier sind noch einmal ca. 2 Schlaghaken, die den richtigen Weg weisen. Senkrecht klettere ich hinauf. Bei einer festen Platte mit einem uralten Seilrest in der Wand mache ich den zweiten Stand. Je höher wir kommen, umso brüchiger wird das Gestein und auch das Setzen von  Zwischensicherungen wird immer schwieriger. Bis zum Grat gleicht der Fels einem Schutthaufen. Oben angekommen sind wieder Seilresten um einen Block gebunden, welche wahrscheinlich einmal als Abseilstelle dienten. Über den brüchigen Grat geht es weiter bis vor eine Wand. Hier ist der Grat für einmal ein wenig breiter und ein Stand für eine Pause scheint ideal.
Zitat aus dem Alpsteinführer: "Einen sich entgegenstellenden Gratkopf umgeht man nordseits, gewinnt durch eine Rinne wieder den Grat und alsbald den Gipfel." - Uns wundert ein wenig, dass es im senkrechten bis fast überhängenden Gratkopf ganze fünf Schlaghaken hat, wenn dieser gar nicht bestiegen werden muss. Doch beim Erforschen der Nordseite wird uns bald klar, dass der einzige Weg über den Gratkopf führt. Die nordseitige Umgehung scheint wegen extrem brüchigem Gestein und mangels Sicherungsmöglichkeiten unmöglich.
Die Schlaghaken erlauben eine gute Halbseilabsicherung und zusätzlich kann ich einen Friend setzen. Das ganze Einhängen und die doch erhebliche Schwierigkeit machen meiner Armkraft stark zu schaffen. Leider reicht die Kraft nicht mehr aus, um über das obere Ende zu steigen und ich muss ins Seil springen. Dank der Steilheit falle ich relativ sanft ins Seil. Der ganze Sturz geht in den obersten rechten Schlaghaken. Diesen habe ich mangels Vertrauen unmittelbar darunter noch mit einem Friend abgesichert.
Nachdem sich meine Arme erholt haben, hängen wir uns am Seil um und Stefan geht ans Werk. Zügig kommt er hinauf ans obere Ende und relativ mühelos auch darüber hinauf. Bald schon findet er einen sicheren Standplatz und sichert mich nach. Im Nachstieg reicht es diesmal und nach einer weiteren Seillänge stehen wir nach einer Kletterzeit von3.5 Stunden (Angabe im Alpsteinführer  0.5 h !!) auf dem Gipfel.

Abstieg über den Ostgrat
Wir geniessen die mittlerweile neblige Aussicht und verpflegen uns kurz. Den Aufstieg über den Ostgrat gibt der Führer mit 1.5 h an, dementsprechend kurz auch unsere Pausen und auch der Genuss an der heutigen Tour lässt deutlich nach. Einen Vorteil hat der Grat auf jeden Fall. Er ist so schmal, dass man sich trotz des Nebels nicht versteigen kann...
Als nächstes muss ein kleines und zwei grösseres Türmchen überstiegen werden (Siehe Bild der gestrigen Schäflertour). Hier fallen die Seillängen jeweils sehr kurz aus, weil die Zwischensicherungen einen enormen Widerstand verursachen. Auf dem letzteren Turm folgt ein heikler und brüchiger Abstieg bis zu einer Legföhre. Hier ist ein uraltes, halbverfaultes Seil angebunden. Es führt zuerst in die Nordwand und dann waagerecht weiter. Wahrscheinlich diente es einmal einem Notausstieg. Gedanken an einen Ausstieg kommen auf. Aufgrund der Wandhöhe von über 50m und dem schlechten Zustand des Seils klettern wir aber weiter. Der Grat ist nun verhältnismässig flach und weniger anspruchsvoll. Jedoch immer noch sehr ausgesetzt und eine kurze Aufhellung im Nebel lässt uns zurückblicken auf den vorangegangenen Zwischenabstieg. Ein wunderbarer Anblick, leider sind unsere Gedanken gerade nicht auf Fotografieren konzentriert.
Vor dem östlichen Endturm versuchen wir noch den möglichen Aufstieg von der Freiheitscharte über die Nordwand zu studieren, finden jedoch keine vernünftigen Möglichkeiten. Die Nervosität steigt, ist doch im Führer etwas von freiem Abseilen die Rede. Am Ostende entdecken wir etwas Ähnliches wie eine Abseilstelle. Bis dorthin muss jedoch nochmals ein kurzer, schwieriger Abstieg überwunden werden. Als Abseilstelle sind zwei verrostete, alte Schlaghaken mit wiederum uraltem Seil verbunden. Zur Sicherheit machen wir mit einer Prusikschnur eine Verstärkung um einen festen Felsklotz. Falls wieder einmal jemand hierherkommt, empfiehlt es sich eine etwas dickere Prusikschnur mitzunehmen. Stefan seilt zuerst ab. Der Nebel versperrt immer wieder die Sicht in die Scharte und wir sehen nicht genau wie weit das Seil reicht. Zur Sicherheit seilt er noch über den Grat ab und sperrt sich gegen den Zug des Seils in die Nordwand und den Überhang. Das Seil reicht jedoch gut aus und ich kann dann direkt über den Steilhang abseilen. Den Umständen entsprechend ist es eigentlich eine schöne Abseilstelle. Wir kommen mit dem 50m Doppelseil leider nicht ganz hinunter. Über einen Felsklotz erstellen wir nochmals eine Abseilstelle um sicher über den sehr brüchigen Fels in die Gras- und Kiesflanke zu kommen.

Noch nicht ganz fertig
Wir nehmen unsere Seile zusammen und befragen nochmals den Alpsteinführer nach dem besten Abstieg. Über eine Geröllrinne und eine kleine Stufe zum Verbindungsweg Widderalp- und Bötzelsattel heisst es. Die Geröllrinne führt leider zu einer, von oben gesehen, nicht kleinen Stufe. Wir steigen wieder auf und folgen dem Wandfuss unterhalb des östlichen Turms bis fast zur Freiheittürmscharte. Hier können wir im steilen Gras wieder zu den normalen Wanderwegen absteigen. Hier treffen wir noch auf einen Wanderkollegen. Daniel hat uns, wie wir bemerkt haben, schon länger von unten beobachtet. Das letzte Mal sahen wir uns auf der Hängeten vor einem Jahr. Wir erfahren noch, dass er mittlerweile ein Gipfelbuch auf den westlichen Turm gebracht hat. Immer wieder interessant, wie klein die Welt oder der Alpstein ist. Wir packen unsere Kletterausrüstung wieder in den Rucksack und machen uns auf den Rückweg. Beim Plattenbödeli tanken wir noch kurz ein wenig Energie in flüssiger Form und stossen auf die gelungene Tour an.

Fazit
Sehr ausgesetzte und umständliche Gratüberschreitung in brüchigem Gestein. Der Alpsteinführer ist mir für eine solche Tour ein wenig zu undetailliert. Vor allem die nordseitige Umgehung eines Gratkopfs, welchen man schlussendlich sehr schwierig überklettern muss, wirft Fragen auf. Auch die zeitlichen Angaben von einer halben Stunde (Freiheittürmscharte bis Gipfel) sind meiner Meinung nach nicht zu realisieren. Umso erstaunlicher ist die Erstüberschreitung von Ost nach West. Eine Alpinistin und zwei Alpinisten machten am 6. Juli 1930 die komplette Tour über beide Freiheittürme an einem Tag. Da kann man nur noch staunen.

 
 
     
 
Zeiten: 0:28 h  Pfannenstil - Plattenbödeli
0:30 h  Plattenbödeli - Alp Sämtis
0:50 h  Alp Sämtis - Widderalpsattel
3:30 h  Einstieg (Freiheittürmscharte) - östlicher Turm
4:25 h  östlicher Turm - Ausstieg (Freiheitscharte)
1:20 h  Pausen
Entfernung ungefähr (ebenenprojiziert): 17.0 km
Wetterverhältnisse: sonnig, danach neblig
Wegmarkierung: Auf Freiheittürm keine
Gipfelbuch: keines
Hilfsmittel: komplette Kletterausrüstung, Friends, Schlaghakensortiment, Helm, Prusikschnur, usw.
Sonstiges: Materialverlust: Friend rot, 3 x Prusikschnur, 2 x Abseilring
 
 

Tourengänger: Urs, Stefan Ammann

Galerie


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Kommentare (6)


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radivi hat gesagt: Wow
Gesendet am 15. September 2010 um 21:48
Gratuliere. Ich fand den westlichen Turm schon enorm brüchig und die Beschreibung im Führer etwas dürftig. Am Wochenende habe ich die Südseite des östlichen Freiheitturms angeschaut und dachte, dass sich da eventuell etwas machen lässt. Nach Deinem Bericht bin ich da aber nicht mehr so sicher.

Ich bin sicher, dass Ihr seit langem die ersten da oben wart. Auf dem westlichen Turm gibt es einen massiven zementierten Haken in die Scharte und im Westen auch einen Muniring gegen Süden. Aber auch dort nichts modernes. Aber mittlerweile soll es da sogar ein Gipfelbuch geben? Das muss ganz neu sein. Auf jeden Fall schön, dass diese Touren wieder begangen werden. Aber man merkt schon, wieso sie nicht mehr populär sind.

radivi hat gesagt: Foto
Gesendet am 15. September 2010 um 22:02
Hier noch ein Foto vom östlichen Freiheitturm von SE. Euer Prusikschnürchen sollte drauf sein...

Delta Pro hat gesagt: RE:Wow
Gesendet am 16. September 2010 um 06:44
Das Gipfelbuch kommt von Maveric (Ende August dieses Jahres).
Gratuliere euch allen zu den Begehungen der Freiheitstürme!
Gruss Delta

radivi hat gesagt: Phantom des Alpsteins
Gesendet am 16. September 2010 um 07:20
Und die Person, die ich am Samstag auf dem Fälenschafberg gesehen habe, war ebenfalls Maveric, wie ich herausgefunden habe. Er scheint überall zu sein.

Urs hat gesagt: RE:Wow
Gesendet am 16. September 2010 um 09:33
Merci. Wir haben zwei Wochen vor der Tour auch die westlichen Türme überschritten. Jedoch auch mit kompletter Ausrüstung und gesichert. (Bericht folgt noch). Das Gipfelbuch haben wir somit leider knapp verpasst.
In der Südseite des Ostturms haben wir von oben keine Aufstiegsmöglichkeit gesehen. Hauptproblem dürfte auch hier die miserable Felsqualität sein. Auch der Aufstieg über die Ostgratroute auf den östlichen Turm ist mir ein Rätsel.
Wünsche weiterhin schöne Touren. Gruss Urs

Urs hat gesagt: Versehen!
Gesendet am 17. September 2010 um 20:09
Leider ist mir noch ein Fehler unterlaufen. Im Bericht erwähnte ich fälschlicherweise den Kletterführer als Zitatquelle anstatt den Alpsteinführer.
Ich bitte vielmals um Entschuldigung.
Den Fehler habe ich korrigiert.
Gruss Urs


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