Eiger 3970m, Mittellegigrat


Publiziert von whannes , 31. August 2010 um 21:45.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Jungfraugebiet
Tour Datum:25 August 2010
Hochtouren Schwierigkeit: S
Klettern Schwierigkeit: IV (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-BE 
Aufstieg: 650 m
Abstieg: 1700 m
Strecke:Eismeer - Mittellegihütte - Eiger- Westflanke - Eigergletscher
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Station Eismeer
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Station Eigergletscher (Westflanke) Station Jungfraujoch (Eigerjöcher)
Unterkunftmöglichkeiten:Mittellegihütte des Bergführervereins Grindelwald

Der kleinste Gipfel des Berner Dreigestirns bietet mit dem Mittellegigrat sicherlich eine der spannendsten 'Normalrouten' desselbigen. Durch seine messerscharfe Exposition kann man während er gesamten Tour einen gewaltigen Tiefblick geniessen. Im Jahr 1926 wurde von den lokalen Bergführern eine beachtliche Anzahl an fixen Seilen montiert, so dass die Tour heutzutage -- bei guten Verhältnissen -- keine besonders hohen Anforderungen mehr stellt.

Die Idee hatte mein Kollege und so entschieden wir uns ziemlich spontan, die zwei Schönwettertage für den von uns noch unbestiegenen Gipfel zu nutzen. Durch die gute Anbindung mittels Jungfraubahnen lässt sich auch der Hüttenzustieg auf ein Minimum, allerdings ein spannendes, beschränken. Dies entsprach durchaus unseren kurzfristigen Möglichkeiten und so war bald schon das Tourenziel fixiert.

Mittellegihütte (ZS, IV)

Stützpunkt für die Tour ist die fantastische Mittellegihütte direkt auf dem Grat. Der kürzeste, wohl auch teuerste, Weg sie zu erreichen führt via Jungfraubahnen zur Station Eismeer auf 3160m. Dort kann man via Stollen direkt auf das Obere Ischmeer steigen. Am besten rüstet man sich gleich vor Betreten des Stollens komplett mit Seil und Steigeisen aus, im unteren Bereich ist der Boden des Tunnels mit Blankeis gepflastert.

Einmal auf dem Gletscher, befindet man sich sofort in einem durch Steinschlag gefährdeten Bereich. Schnell weitergehen heisst die Devise, wobei man zusätzlich auch noch einige Eisabbrüche passieren muss. Durch die Abschmelzung dürfte deren Aktivität jedoch auch nicht mehr so hoch sein wir noch vor einigen Jahren.

Über den Challifirn gelangt man zum Einstieg in den Fels, der sich bei der zweiten Schneezunge unterhalb des Grossen Turms befindet (ca. 644193 / 158686). Es befindet sich auch ein Hilfsseil dort, welches je nach Verhältnissen den Übergang zum Fels erleichtern kann. Anschliessend folgt die schwierigste Kletterstelle der ganzen Tour, eine trittarme Platte aber mit guten Untergriffen in der linken Verschneidung (ca. 4a). Die Absicherung mit Bohrhaken ist hervorragend. Nach knapp zwei Seillängen sollte man auf ein ausgprägtes Band gelangen. Im Zweifelsfall einfach noch etwas höhersteigen, es ist nicht zu verfehlen.

Dem Band folgt man mehr oder weniger horizontal, passiert eine kleine Rinne und gelangt dann zu einem markanten Couloir. In dieses klettert man hinab wobei sich gleich beim Einstieg auch noch Haken befinden (Abseilen wäre wohl möglich). Ist man wieder aus dem Einschnitt draussen, sind die Bänder nun etwas weniger stark ausgeprägt und verlieren sich bald einmal. Die Devise heisst hier im Zweifelsfall: Hochsteigen. Die Route beschreibt bald einmal eine direkte Linie durch die Flanke direkt zur Hütte, eher sogar noch etwas höher. Das Gelände ist plattig mit Bändern und Schutt, bei Vereisung oder Schnee sicher sehr heikel. Insgesamt benötigten wir knapp zwei Stunden zu Hütte und waren recht gemütlich unterwegs.

Die Mittellegihütte auf 3350m ist sehr schön gelegen mit viel Tiefblick. Erst 2001 gebaut, hat man in den Betten gut Platz und die Räumlichkeiten sind schön und hell gebaut. Die Hüttenwartin Corinne bot einen Service wie ich ihm wohl noch kaum je in einer Hütte erlebt hatte: Wirklich hervorragend und sehr zu empfehlen!!!

Von einer Rekkotour sahen wir ab, die Line ist durch den Grat ziemlich genau definiert. So genossen wir den Rest des Tages in der Sonne aber auch starken und kalten Windböen.

Das Nachtessen war der Bewartung entsprechend sehr gut und liess keine Wünsche offen. Da die Hütte voll belegt war, erfolgte ein Zweischichtenbetrieb. Dies sollte dann ebenfalls für das Morgenessen gelten, beim Bezahlen wurden wir in die letzte Gruppe eingeteilt. Der Betrieb ist hier ziemlich Matterhornmässig geregelt: Zuerst kommen alle Führerseilschaften und erst dann die Führerlosen. Ausser uns waren das bloss noch zwei Ukrainer.

Mittellegigrat (S, IV)

So durften wir am nächsten Tag wohl als erste führerlose Seilschaft, aber als zweitletzte im Gesamtbild starten. Lediglich eine japanische Filmcrew verliess die Hütte erst nach uns. Aber die sollten auf dem Gipfel ja auch mit dem Heli abgeholt werden.

Führerseilschaft heisst nicht zwingend schnelle Seilschaft und Überholen ist bei so vielen Leuten am Mittellegigrat kaum möglich und sowieso recht aussichtslos. So dauerte es keine 10min und wir waren im ersten Stau. Es war auch nicht der letzte: Über die ganze Route mussten wir häufig warten. Immerhin gab es so wenigstens genügend Fotopausen.

Der Verlauf der Route ist eigentlich sehr klar, praktisch alle Hindernisse werden überstiegen. Die felsmässig schlecht absicherbaren Stellen sind allesamt mit Stangen und Fixseilen versehen. Als Schlüsselstelle bezeichne ich eine plattige und etwas abdrängende Verschneidung kurz vor dem Grossen Tourm (ca. 3c). Bei allen Kletterstellen findet man aber solide Standhaken, so dass ein Totalabsturz weitgehend vermieden werden könnte.

Vom Grossen Turm seilten wir zu den Fixseilen des grossen Steilaufschwungs ab. Ab dort geht es (richtig: auch hier gab es Stau...) einfach, bei entsprechender Technik (die Seile sind nicht dazu da sich daran hochzuziehen) auch nicht wirklich streng, an Seilen einige Höhenmeter hinauf. Danach folgen noch einige kleinere Türme, bis der Grat wieder etwas flacher wird. Mit Blick auf die vorderen Seilschaften montierten auch wir ab hier die Steigeisen. Kurz vor dem Firngrat des Gipfels gab es noch eine etwas plattige Stelle (ca. 3a), die aber wiederum gut abgesichert war.

Ganz am Schluss folgte noch ein bilderbuchmässiger Firngrat, der ausgesetzt aber einfach auf den Gipfel führte. Wir benötigten vier Stunden inkl. beachtlicher Wartezeit. Die meisten Strecken gingen wir am kurzen, die schwierigeren Stellen am halblangen Seil (mit gelegentlicher Expressversicherung o.ä. ). Nur 2-3 mal haben wir mittels Standplatz gesichert. Bei den angetroffenen Verhältnissen hätten wir ohne Stau wohl lediglich etwas mehr als drei Stunden benötigt.

Westflanke (ZS)

Geplant war der Abstieg über die Eigerjöcher. Da aber praktisch alle Seilschaften den Weg durch die Westflanke nahmen, entschieden wir uns ihnen zu folgen. Die Verhältnisse waren ok, im oberen Teil erleichterte Trittschnee das Begehen der sonst schuttigen Platten.

Zuoberst weisen Sicherungsstangen etwas den Weg, in den unteren zwei Drittel findet man da und dort Steinmänner. Im oberen Teil heisst die Devise möglichst dem Westgrat entlang, weiter unten wird es dann auch schon mal zickzackmässig unübersichtlich. Auf jeden Falle wäre die Wegfindung ohne vorausgehende Seilschaften wohl erheblich schwieriger gewesen und für Ortsunkundige, wie uns, sicher nicht zu empfehlen.

Die obersten zwei Drittel des Abstiegs lassen sich gut mit dem Matterhorn vergleichen: Nicht so schwierig, aber steil und kaum Fehler verzeihend. Wir benötigten etwa dreieinhalb Stunden bis zur Station Eigergletscher.

Fazit:

Bei guten Verhältnissen eine nicht allzu schwere und lange Gratübeschreitung. In der Führerliteratur wird die Tour mit 'S' bewertet. Die Schwierigkeiten liegen im Gesamtcharakter der Tour und vorallem auch im langen und heiklen Abstieg. Die Absicherung ist wirklich hervorragend und die Kletterstellen übersteigen den vierten Grad nicht. Ganz anders würde es aussehen, wenn keine Fixseile montiert wären: Der bröckelige Eigerfels bietet wenig Möglichkeiten zum Anbringen von soliden Sicherungspunkten. Mit Normalhaken wäre man dann noch am besten bedient.


Tourengänger: whannes

Galerie


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Kommentare (6)


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Lone Ranger hat gesagt: Nice report
Gesendet am 31. August 2010 um 22:03
Congrats!!

marc1317 hat gesagt:
Gesendet am 31. August 2010 um 22:15
Absolut klasse, eine tolle Tour!

MaeNi hat gesagt:
Gesendet am 1. September 2010 um 08:30
Ganz toller Bericht und eindrückliche Bilder!

Gruss
M&N

Bombo hat gesagt:
Gesendet am 1. September 2010 um 10:31
Ganz grosses Kino, gratuliere zum Gipfel, zu den schönen Bildern wie natürlich auch zum gelungenen Bericht!

Gruess
Bombo

whannes hat gesagt: RE:
Gesendet am 1. September 2010 um 19:03
Danke!

Soweit ich dich nach dem Festigrat kenne, würde ich sagen, dass der Mittellegigrat bestimmt sehr deinen Vorlieben (Fels, kein steiles Eis ;-) ) entsprechen würde/wird.

Allerdings weiss ich nicht, ob nach den vergangenen Schneefällen nochmals gute Verhältnisse in dieser Saison herschen werden.

Gruess, Hannes

Bombo hat gesagt: RE:
Gesendet am 2. September 2010 um 00:54
Stimmt, Du hast das natürlich richtig erkannt - der Mittellegigrat ist tatsächlich ein (Traum)Projekt von mir und umso mehr hab ich mich gefreut, als ich Deinen Bericht hier gesehen habe. Und ebenso richtig - zuviel Eis ist ein Schei.. :-)

Wiiterhin tolli Toure, Gruess
Dominik


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