Auf der längsten Kletterroute im Jura (Balmfluechöpfli, 1290 m)


Published by Fico , 12 April 2015, 22h14.

Region: World » Switzerland » Solothurn
Date of the hike: 9 April 2015
Climbing grading: 5c (French Grading System)
Waypoints:
Geo-Tags: CH-SO 
Time: 7:30
Height gain: 640 m 2099 ft.
Height loss: 640 m 2099 ft.
Access to start point:Balm bei Günsberg
Access to end point:gleich wie Ausgangspunkt

Anfänglich hätte diese Tour der krönende Abschluss der Saison 2014 werden sollen. Viele andere Pläne fielen im letzten Sommer buchstäblich ins Wasser. Und irgendwann waren dann die Tage zu kurz für die beinahe zwanzig Seillängen, die man benötigt, bis man oben auf dem Balmfluechöpfli steht. Gezählt habe ich sie übrigens nicht, während des Aufstiegs war ich mit ganz andern Dingen beschäftigt. Selbst zum Fotografieren fehlte mir meistens mehr als eine freie Hand. Ein paar Aufnahmen, die das Abenteuer bildlich festhalten, hat es doch noch gegeben.
 
Am wolkenlosen Himmel ist noch der Mond zu sehen, als ich mit der S-Bahn Richtung Zürich fahre. Zwischen Dietlikon und Wallisellen tauchen am Horizont die Glarner und Urner Alpen auf. Hoch oben am Schärhorn scheint bereits die Sonne. Am Bahnhof Oerlikon bin ich mit Matthias verabredet. Er ist es, der mich zu stets schwierigeren Touren ermuntert und mich in die Welt bizarrer Felsen, schmaler Grate und gähnender Abgründe begleitet. Eine Welt, die mir als Alpinwanderer sonst verschlossen bliebe. Als Bergführer muss er wissen, worauf er sich mit mir einlässt. Für mich hingegen sehen Klettertopos eher aus wie die Skizze zu einem verborgenen Schatz, mit all den Schraffuren, gestrichelten Linien und geheimnisvollen Buchstaben-Zahlen-Verbindungen: „Südgrat 5c+ (5b obl.)“ lautet beispielsweise die Angabe für den Balmfluegrat, unser heutiges Ziel. Die Bedeutung dieser Information kann ich mehr erahnen als ermessen: sehr, sehr anspruchsvoll wird es werden und schwieriger als alles, was ich bisher geklettert bin. Zwar habe ich im Winter in der neuen Kletterhalle in Uster fleissig geübt und mir zu diesem Zweck endlich auch Kletterfinken angeschafft. Dennoch ist es eine Herausforderung, von der ich nicht weiss, ob ich ihr gewachsen bin. Matthias nimmt das gelassener: „Wenn es nicht mehr geht, rufst du einfach. Dann ziehe ich dich hoch.“
 
Oberhalb von Balm hat es einen Parkplatz. Von dort aus nehmen wir den Weg zum Einstieg unter die Füsse. „Heute haben wir den Grat bestimmt für uns allein“, meint Matthias, während wir auf dem schmalen Pfad hinaufsteigen. Ich stimme ihm zu und geniesse die frische Morgenluft, die wärmenden Sonnenstrahlen, das Zwitschern der Vögel und die Ruhe, die an diesem wunderschönen Frühlingstag über der Gegend liegt. Es dauert nicht lange, bis von der andern Seite her zwei ältere Herren hinaufstapfen. Ob wir auch zum Südgrat wollen, möchten sie wissen. Sie hätten ihn schon mehr als einmal gemacht. Das sei jetzt allerdings ein paar Jahre her. Den richtigen Einstieg zu finden, sei gar nicht so einfach. Einer fragt dann: „Dürfen wir uns euch anschliessen?“, und ohne die Antwort abzuwarten, heften sie sich sogleich wie Kletten an unsere Fersen, als würden wir von nun an zusammen eine Gruppe bilden. Das ist ärgerlich und umso lästiger, als mindestens einer der beiden riecht, als wäre er seit mehreren Wochen unterwegs, ohne jede Möglichkeit sich zu waschen.  
 
Wortlos gehen wir weiter. Ab und zu versucht einer von ihnen, mit uns ins Gespräch zu kommen. Unsere Einsilbigkeit vermag sie nicht auf Distanz zu halten. Es scheint sie nicht zu kümmern, ob uns ihre Gesellschaft angenehm ist oder nicht. Im steilen Wald geht es in mehreren Kehren hinauf und danach über eine lange Eisenleiter hinunter. Nun sind wir beim Einstieg und seilen uns an. Matthias steigt vor und sichert mich anschliessend. Die ersten Meter machen mir Mühe, dann geht es besser. Die andern zwei sind die ganze Zeit dicht hinter mir, als würden sie ungeduldig darauf warten, dass ich endlich vorwärts mache. Gut möglich, dass ich mir das nur einbilde. Gleichwohl fühle ich mich unsicher und gehetzt.
 
Beim Stand vor der zweiten Seillänge sehen wir vor uns eine weitere Seilschaft. Zwei jüngere Kletterer, von denen der Nachsteigende nur langsam und zögernd vorankommt. Nun sind wir eingekeilt zwischen der Seilschaft vor uns und den älteren Herren, die so tun, als würden sie zu uns gehören. So zumindest empfinde ich es. Kaum bin ich bei einem Stand angekommen, sind sie auch schon da und hängen ihren Karabiner über meinem in den gleichen Bohrhaken. Während Matthias weiterklettert, stehe ich mit ihnen wie in einer Zwangsgemeinschaft auf engstem Raum, eingehüllt in die Duftwolke, die der eine verströmt. Ein Gefühl von Klaustrophobie steigt in mir auf.
 
Eine der „Köstlichkeiten“ dieser Route, die den Adrenalinspiegel im Blut auf Höchststände bringt, ist das Drahtseil um die Felsnase herum. Fälschlicherweise hatte ich ganz naiv angenommen, ich könnte dort wie auf einem Klettersteig gehen. Weit gefehlt! Mit den Händen muss man sich am Stahlseil festhalten und hinaufhangeln, während die Füsse kaum Halt finden. Mehr als einmal rutsche ich ab, unter mir der Abgrund, hastig hangle ich weiter, bis ich fast atemlos bei Matthias ankomme. Bis zur nächsten Herausforderung: eine luftige Querung auf glattem, stellenweise feuchten Fels, geht es etwas sanfter weiter, an Einzelheiten vermag ich mich nicht zu erinnern.
 
Im Laufe der folgenden Seillängen schafft es Matthias irgendwie, die Seilschaft vor uns zu überholen, und zwar ohne dass wir uns in die Quere gekommen wären. Jedenfalls sind wir plötzlich vor ihnen. Ich fühle mich erleichtert und befreit. Die Duftwolke liegt weit hinter uns. Die beiden Jüngeren erlebe ich spürbar angenehmer. Sie schliessen nicht so dicht auf und einmal, als gar nichts mehr geht und ich hilflos am Seil baumle, baut mir einer von ihnen eine Standschlinge als Aufstiegshilfe, damit ich mich wieder festhalten und Matthias mich über die schwierige Stelle hinaufziehen kann.
 
Eigentlich gibt es auf Mehrseillängenrouten nur die Kommandos: „Stand!“, „Seil frei!“, „Seil Aus!“ und „Kommen!“. Ich habe nun ein weiteres Kommando hinzugefügt: „Matthias, ziehen!“ Immer wenn die Kraft für einen Klimmzug nicht ausreicht oder wenn ich einen Tritt falsch gewählt habe und wegrutsche, rufe ich: „Matthias, ziehen!“ Meistens ist es nur ein ganz kurzes Stück, bis ich wieder selbständig weiterkomme, manchmal auch bloss ein wenig Unsicherheit, weil es besser geht, wenn ich das straff gespannte Seil am Klettergurt spüre. Einzig am besagten Punkt, als ich auch nach mehreren Anläufen immer wieder frei am Seil hing, wäre es ohne Standschlinge nicht gegangen. Später, als wir Pause machen, frage ich Matthias: „Sag mal, was hättest du denn gemacht, wenn keiner aus der Seilschaft hinter uns hätte helfen können?“ „Einen doppelten Flaschenzug“, antwortet er lächelnd und ohne mit der Wimper zu zucken.
 
Die letzte und auf den ersten Blick grössere Herausforderung ist der sog. „Katzensprung“. Ob dort wirklich jemand wie eine Katze über den Abgrund springt, weiss ich nicht. Auf alle Fälle bin ich froh, dass ich nur wenige Meter hinabklettern, bzw. von Matthias abgelassen werden muss, bis ich mit einem Spreizschritt glücklich auf der andern Seite ankomme. Es muss, wenn ich mich richtig erinnere, irgendwo auf einer der Seillängen davor gewesen sein, als ich hinter mir eine Stimme hörte: „Wir sind auch wieder da!“ Im ersten Moment denke ich erfreut an den Jüngeren, der mir mit der Standschlinge beigestanden ist. Doch dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Die Duftwolke hat mich wieder eingeholt. Ich bin fassungslos: Die zwei älteren Herren haben tatsächlich die andere Seilschaft überholt und sind uns erneut dicht auf den Fersen. Beim nächsten Stand nochmals das gleiche Spiel wie am Anfang. Diesmal stellt er sich zuerst sogar so hin, dass ich gar nicht hätte weiterklettern können, wenn er nicht noch schnell den Standort gewechselt hätte.
 
Im Laufe der nächsten Seillänge, als sie mich fast wieder eingeholt haben, kann ich nicht mehr anders, die Müdigkeit, all die Anstrengungen, es platzt förmlich aus mir heraus: „Oh, wie ich das hasse, wenn man mir dauernd an den Fersen klebt! Als hätte es hier nicht genügend Platz! Als würde ich so schneller vorwärts kommen! Als käme es auf ein paar Minuten an!“ Ich schreie so laut und mache meinem Ärger Luft, dass es beinahe von den Felsen zurückhallt. Das war vielleicht nicht besonders nett, aber es hat gewirkt. Von nun an halten die beiden einen gebührenden Abstand ein und ich kann die letzten Seillängen in aller Ruhe geniessen, ohne das Gefühl, verfolgt zu werden.
 
Möglicherweise liegt es wirklich an mir. Wenn ich in Zürich dicht gedrängt im Tram stehe oder in der S-Bahn sitze, macht es mir nichts aus. Notfalls könnte ich den Platz wechseln. Draussen in der freien Natur sehe ich es anders: Warum kann man nicht einen Abstand von etwa einer halben Seillänge einhalten und so eine ausreichend grosse Distanz schaffen? Das wäre meiner Meinung nach besser und zum Wohle aller Beteiligten – statt womöglich am Stand ein heilloses Durcheinander mit den Seilen anzurichten. Wenn ich alleine in den Bergen unterwegs bin, weiche ich aus und lasse alle andern vorbei. Falls ich selbst überhole, was selten vorkommt, warte ich auf eine günstige Gelegenheit und gehe dann möglichst schnell ein Stück voraus, so dass wieder genügend Raum vorhanden ist und sich niemand bedrängt fühlen muss. Hier jedoch habe ich keine Wahl: Ich bin ans Seil gebunden und als Anfänger froh, dass ich überhaupt vorankomme. Unbewusst liess ich mich hetzen, kletterte so schnell ich konnte, gleichzeitig ohne eine Chance, meinen „Verfolgern“ zu entkommen.
 
Der Balmfluegrat gilt als längste Kletterroute im Jura. Immerfort geht es hinauf, auf jede Seillänge folgt eine nächste, scheinbar endlos. So kann ich es kaum glauben, als Matthias auf einmal sagt: „Wir sind oben“ und mir die Hand schüttelt. Dann schaut er auf die Uhr und meint: „Wir sind früh dran. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so schnell vorankämen.“ Wir legen uns hin, ruhen aus und geniessen die Fernsicht. Leichter Dunst liegt über den Voralpen, dahinter, scheinbar zum Greifen nah, die Berner Alpen, uns direkt gegenüber Eiger, Mönch und Jungfrau. Wir schmieden bereits Pläne für weitere gemeinsame Unternehmungen. Das Glücksgefühl über das erfolgreiche Kletterabenteuer überlagert alle andern Empfindungen. Müdigkeit, Hunger und Durst spüre ich kaum. Der Körper ist überflutet von einem wahren Hormoncocktail, von Adrenalin und Endorphinen. Und je näher wir dem Ziel gekommen sind, desto mehr haben sich die Glückshormone ausgebreitet und schliesslich die Oberhand gewonnen. So stelle ich mir einen Drogenrausch vor. Und wie bei einem richtigen Rausch kommt der Kater erst am nächsten Tag, und zwar in diesem Fall der Muskelkater…
 
Vor zwei Jahren besuchte ich eher zufällig einen Tageskletterkurs. Nun ist daraus die längste Klettertour im Jura geworden. Was wird als nächstes kommen?

Hike partners: Fico


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Comments (3)


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tricky says:
Sent 13 April 2015, 20h31
Unterhaltender und auch Lustiger Bericht :-)
Der Südgrat empfinde ich als einer der schönsten MSL im Jura. Am schönsten ist der einsam zu geniessen. Manchmal tummeln sich viel zu viele Leute an diesen Routen herum. Ich mag es auch lieben einsam und entspannt. Speziell wenn man die frische Natur noch riechen kann :-)

Ich handhabe das gleich am Anfang beim Einstieg. Wenn jemand vor mir ist, warte ich. Bei den hinteren Seilschaften bitte ich sie zuerst höflich Abstand zu nehmen.

Sent 13 April 2015, 22h29
Wie gewohnt ein interessanter und gut geschriebener Bericht. Eben ein typischer Fico Bericht wie sie mir sehr gefallen.

Finde gut, dass Du Deiner Wut freien Lauf liessest. Kletterer die an den Fersen kleben würden auch mich nervös machen und höchstwahrscheinlich wäre der Genuss dahin. Ganz sicher aber die Verbindung mit der Wand.

Auch wenn Du die 1250m nicht perfekt geklettert bis eine tolle Leistung, finde ich. Ganz herzliche Gratulation!

Gruess
maria

Felix says:
Sent 28 April 2015, 16h41
ich gratuliere herzlich zu dieser ja sehr aussergewöhnlichen Tour - wieder erfreut der sehr persönlich gehaltene Bericht, Bravo!

lg Felix


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