Durchs wilde Kurdistan: Nemrut - Süphan - Ararat


Published by frmat , 10 September 2022, 14h28.

Region: World » Turkey
Date of the hike:27 August 2022
Hiking grading: T3 - Difficult Mountain hike
Mountaineering grading: F
Waypoints:
Geo-Tags: TR 
Time: 14 days
Access to start point:Flug über Istanbul nach Van, Privattransport vor Ort
Accommodation:Hotels in Van und Dogubayazit, an den Bergen Zeltlager

Ach was waren das noch für Zeiten, als man guten Gewissens Karl May Filme schauen konnte. In besonderer Erinnerung ist mir dabei der Orientzyklus mit den drei Filmen 'Der Schut', 'Durchs wilde Kurdistan' und 'Im Reiche des silbernen Löwen'. Wenngleich uns auch vor unserer Tour der Unterschied zwischen einem fiktiven Roman und einem Tatsachenbericht bekannt war, und obschon wir wussten, dass die o.g. Abenteuergeschichten der Feder eines sächsischen Autors und nicht der Realität entsprangen, so beflügelten die Erzählungen um Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar doch unsere Fantasie, was letztlich in den Wunsch mündete, diesen uns unbekannten Landstrich zu bereisen.
Kurdistan - im besten Sinne wollen wir hier kulturelle Aneignung betreiben, was in unseren Augen bedeutet, als respektvolle Gäste Land und Leute kennenzulernen und unseren Horizont, nicht nur räumlich, zu erweitern. Der Umstand, dass dort mit dem Nemrut, dem Süphan und dem allseits bekannten Ararat drei herrliche Trekkingziele nah beieinander liegen, führte ohne zu zögern zum Entschluss, in diesem Jahr die Osttürkei zu besuchen.
Da der Ararat militärisches Sperrgebiet und zudem Nationalpark ist, kann man die Reise jedoch nicht individuell durchführen. Mit der Firma TAF-Travel war jedoch rasch ein kompetenter und zuverlässiger Partner gefunden, der zu einem fairen Preis alles für uns organisierte. Bergführer Firat brachte uns in knapp zwei Wochen seine Heimat näher und gestaltete uns einen wunderbaren Urlaub mit einem angenehmen Mix aus Kultur und Bergwandern. Mit ihm, der perfekt Deutsch und Englisch spricht, konnten wir die Gegend noch viel intensiver kennenlernen, als es uns ohne einen solchen Kontakt möglich gewesen wäre.


Samstag, 27.8.: Zürich - Istanbul - Van
Da unser Flug bereits am Samstagmorgen startet, und die Verbindungen mit ÖPNV zum Flughafen Kloten nachts überschaubar sind, startet die Reise eigentlich bereits am Freitagabend. Auf dem Boden vor dem Checkinschalter finden wir zwei Stunden lang einen unruhigen Schlaf. Der Flug nach Istanbul ist gleich mal verspätet. Wäre kein Problem, müssten wir dort nicht erst einreisen, Gepäck abholen, wieder einchecken etc. Wir sprinten durch den riesigen Flughafen und verpassen dennoch den Anschluss. Während wir uns bereits eine weitere Nacht auf einem Flughafenfußboden schlafen sehen bekommen wir zu unserer Überraschung den nächsten freien Platz im Flieger und starten mit nur 90 Minuten Verspätung nach Van. Mit Firat geht's zum Hotel und zu einem gemütlichen Abendessen in der quirligen Metropole.

Sonntag, 28.8.: Insel Akdamar
Die angebotene Rundreise um den Vansee besteht je etwa zur Hälfte aus Trekking und Kultur. Wir starten mit einem gemütlichen Tag Sightseeing und brechen dazu nach dem Frühstück in Richtung Akdamar auf. Mit dem Boot setzen wir auf die gleichnamige Insel über, wo wir eine Kirche aus dem 10. Jahrhundert anschauen. Sie ist - wie auch der Ararat - den Armeniern heilig. Ansonsten gibt's auf der Insel nicht wirklich etwas anzuschauen, sodass wir nur noch Kaffee trinken und ausgiebig baden. Letzteres ist ein echtes Erlebnis, denn das Wasser des riesigen Vansees ist alkalisch mit einem pH-Wert von 9,5. Entsprechend widerlich schmeckt die Brühe wenn man sie in den Mund bekommt. Zudem ist das Gefühl auf der Haut besonders, wie Seifenwasser eben. Trotzdem bietet der See eine herrliche Abkühlung. Nach der daraufhin notwendigen Dusche geht's wieder zum Essen in die Stadt.

Montag, 29.8.: Nemrut-Krater
Am frühen Morgen verlassen wir die Metropole Van, die uns sehr gut gefallen hat. Auf der bekannten Strecke fahren wir erneut nach Akdamar und folgen der gut ausgebauten Straße weiter nach Tatvan. Nach der Mittagsrast geht's auf zunehmend schlechter werdenden Pisten in den Nemrut-Krater, eine wunderschöne Caldera mit zwei Bergseen, von denen einer durch warme Quellen gespeist wird und somit zum Baden einlädt. Da es erst am nächsten Tag auf den Gipfel gehen soll schlagen wir am Ufer unsere Zelte auf, nicht ahnend, welch spannende Nacht uns noch bevorstehen sollte. Einige Overlander erzählen, dass abends Bären gesichtet wurden. Zunächst halten wir das für Räuberpistolen. Schließlich mehren sich jedoch die Berichte, sodass wir durchaus mit gemischten Gefühlen zu Abend essen. Während die anderen noch fröhlich ums Lagerfeuer tanzen lege ich mich in den Schlafsack und denke mir noch ‚bei dem Krach und dem Feuer kommt garantiert kein Tier freiwillig zum Camp‘. Dank Ohropax sinke ich bald in einen herrlichen Schlaf. Dieser wird allerdings von unserem Guide jäh unterbrochen, der schreiend und wild gestikulierend vor dem Zelt steht. Soll ich auch tanzen? Will er mich ans Lagerfeuer holen? Will er nicht. Da wird doch nicht...? Doch da wird: Hinter dem Zelt steht der Bär. Sieht putzig aus, ist er aber nicht. So schnell war ich noch nie aus dem Schlafsack und aus dem Zelt draußen. Erst als alle im sicheren Auto eingeschlossen sind entspannt sich die Situation. Tatsächlich sind es sogar drei Bären, die es natürlich nicht auf uns sondern auf unsere Lebensmittel abgesehen haben. Offenbar haben sich die Tiere in der letzten Zeit an Camper gewöhnt, daher die häufigen Bärensichtungen. Dass wir dort nicht bleiben können steht außer Frage. Unser Team versucht nach Kräften Meister Petz zu verjagen, während wir in Lichtgeschwindigkeit Zelte und Material einpacken. Erst als das neue Lager am Kraterrand steht finden wir den dringend nötigen Schlaf.

Dienstag, 30.8.: Besteigung des Nemrut
Wenig verwunderlich, dass die vergangene Nacht nicht zu den erholsamsten zählt. Entsprechend gerädert schälen wir uns aus den viel zu warmen Schlafsäcken und besprechen beim Frühstück die gestrigen Erlebnisse. Campen am See fliegt bis auf weiteres aus dem Programm. Für uns steht nun der erste Berg auf dem Reiseplan. Mit 2935 m ist der Nemrut Dagi hier allenfalls ein Hügel unter vielen, wenn auch ein sehr hübscher. Von der Parkbucht an der Caldera geht's immer am Kraterrand bzw. wenig entfernt davon auf guten Pfaden bergwärts. Keine zwei Stunden erfordert der lockere Spaziergang inkl. aller Pausen, dann stehen wir am höchsten Punkt. Die Fernblicke werden vom Dunst der Steppe verschlungen, dafür überzeugt der Blick in den Krater mit den beiden Seen und dem Rastplatz von gestern Abend. In nicht einmal einer Stunde sind wir zurück am Auto und treten die Weiterfahrt zum zweiten Akklimatisationsberg an. Auf dem Weg ins Basislager des Süphan besichtigen wir noch einen riesigen Seldschukenfriedhof in Ahlat. Am Nordufer des Vansees erreichen wir Adilcevaz und biegen eine halbe Stunde später links ab. Über eine zuletzt erdige Piste quält sich der Ford Transit bis auf 2500 m hinauf. Hier, am Ostfuß des dritthöchsten Gipfels der Türkei, errichten wir unser Basislager für die Besteigung des Süphan Dagi. Früh essen wir zu Abend, denn Tagwache soll um ein Uhr in der Nacht sein.

Mittwoch, 31.8.: Besteigung des Süphan
Bereits vom Nemrut wirkte die Berggestalt des Süphan recht wuchtig. Aus der Nähe präsentiert sich der Koloss dagegen weniger mächtig sondern eher als überdimensionale Sanddüne. Die Besteigung des stark erodierten Vulkans erfolgt in aller Regel über die mäßig steile Ostflanke. Ein Führer ist hier Pflicht, wenngleich alpinistisch nicht notwendig, übersteigt die Schwierigkeit doch nie den Grad T3. Unklarheiten gibt es indes über den höchsten Punkt. Gemäß Riosambesi ist dieser im Süden der drei wiederum mehrere Erhebungen aufweisenden Gipfelkegel zu suchen. Dort weht auch die türkische Flagge. Unser Führer ist jedoch der Ansicht, ein Hügel im Nordosten markiere den höchsten Punkt. Dies wird zumindest durch sämtliche Karten untermauert, wo der Gipfel ebenfalls dort verortet wird, und auch ein Pfad eingezeichnet ist. Auch unser Höhenmesser zeigte an diesem Punkt 4060 m an. Ob dies nun genau der höchste Punkt ist können wir weder bestätigen noch dementieren. Es kommen optisch betrachtet noch mindestens drei weitere Erhebungen in Frage, der Südgipfel jedoch eher nicht. Letztlich ist es aber auch egal, denn der Süphan ist für uns ohnehin nur eine Akklimatisationstour und nicht das eigentliche bergsteigerische Ziel. Im Schein der Stirnlampen marschieren wir um zwei Uhr los. Zunächst gibt eine Fahrspur die Richtung vor, wobei sich die Steilheit in Grenzen hält. Dadurch kommt natürlich eine beachtliche Strecke zusammen, die neben den gut 1500 Höhenmetern überwunden werden will. Um halb fünf kündigt ein zarter Silberstreif im Osten den neuen Tag an. Bis zum Sonnenuntergang vergeht aber noch eine Weile, diesen können wir auf 3500 m Höhe erleben. Auf 3700 m flacht das Gelände allmählich ab. Aus diesem Hochplateau schwingt sich der Gipfelkegel mit seinen zahlreichen Erhebungen auf, von denen wir nun jene im Nordosten ansteuern. Eine Blockhalde stellt sich in den Weg, dann folgt der steile Anstieg zum Kraterrand. Wie üblich heißt es hier ‚zwei Schritte vor, einer zurück‘. Oben dann nochmal eine Blockhalde ehe der Steinmann auf dem Gipfel des Süphan Dagi das vorläufige Ende unserer Mühen bedeutet. Wie Maulwurfshügel aus groben Blöcken wirkt das weitläufige Gipfelplateau. Wer alle nennenswerten Gipfelpunkte aufsuchen möchte wird allein dafür einen vollen Tag brauchen. Wir sind mit unserem Ziel hoch zufrieden und machen uns alsbald an der Abstieg, der dank Schuttreißen recht flott von der Hand geht. Neun Stunden nach unserem Aufbruch sind wir wieder im Basislager und packen die Zelte zusammen. Über Ercis fahren wir nach Muradiye, wo wir die hübschen Wasserfälle besuchen, die gegenwärtig durch den Bau von Infrastruktur touristisch aufgewertet werden. Anschließend setzen wir die Fahrt nach Dogubayazit fort und checken im Hotel ein. Den Abend verbringen wir mit einer Gruppe, die uns bereits aus Van bekannt ist, und direkt vom Ararat abgestiegen ist. So kommen wir nicht nur zu einem lustigen Dinner mit Kebap und Bier sondern gleich noch an einige Informationen über die anstehende Herausforderung, den Ararat.

Donnerstag, 1.9.: Ruhetag in Dogubayazit
Bevor wir uns an das bergsteigerische Hauptziel wagen legen wir noch einen Ruhetag ein, der mit etwas Sightseeing gefüllt wird. Am späten Morgen fahren wir zum Landeplatz der Arche Noah, einer Felsformationen, die entfernt an einen Schiffsrumpf erinnert. Wie gesagt, man versucht gegenwärtig den Tourismus zu entwickeln, da kann ein solches Ziel wohl helfen. Wirklich sehenswert ist es natürlich nicht. Demgegenüber ist der Ishak Pasha Palast allerdings schon einen Besuch wert. Die hoch über der Stadt thronende Anlage entführt uns in 1001 Nacht. Nach einem guten Abendessen treibt es uns früh zur Bettruhe.

Freitag, 2.9.: Aufstieg zum Ararat Basislager
Bis vor kurzem erfolgte der Aufstieg zum Basecamp ab dem Dorf Eliköy. Dieses befindet sich am Südfuß des Vulkans auf gut 2000 m Höhe. Seitdem die Straße zum Ausgangspunkt weggespült wurde startet man etwas weiter westlich, auf etwa 2200 m. Mit Kräften quält sich der in die Jahre gekommene Ford Transit dort hinauf. Bei einer sandigen Wendeschleife ist dann aber Feierabend, das Gepäck wird auf Pferde verladen, die von kurdischen Bauern getrieben werden. Wir frönen dem Bergluxus und tragen nur unseren Tagesrucksack. Leider ist die Landschaft hier ziemlich verdreckt, überall liegt Müll herum, was das Erlebnis während der ganzen Tage am Berg etwas schmälern sollte. Dennoch: Habe ich als westlicher Tourist das Recht die Menschen hier dafür zu kritisieren? Immerhin ist es deren Land, nicht meines. Zudem ist mein ökologischer Fußabdruck durch die Anreise schon nicht gerade gering. Diese und andere Gedanken beschäftigen mich beim anstehenden Trekking ins Basislager. Es ist heiß, die Sonne brennt von einem seit Wochen zumeist wolkenlosen Himmel. Der Weg führt über sandige Pisten und schmale Pfade. Einige Dornengewächse säumen die Route und setzen Farbtupfer in der ansonsten völlig kargen Landschaft. Knapp 3000 Höhenmeter trennen uns vom Gipfelglück. Der Aufstieg erfolgt gestuft, mal flach, dann wieder eine Lavarippe hoch, typisches Vulkangelände wie wir es auch vom Elbrus kennen. Im Basislager erwarten uns bereits Koch und Treiber, das Gepäck ist auch unversehrt angekommen. Sogar die Zelte wurden bereits aufgestellt, sodass wir nichts weiter zu tun haben, als unsere Schlafsäcke auszurollen und uns verköstigen zu lassen. Nach dem Essen und einigen Partien Mühle liegen wir bereits um 20 Uhr im Bett, denn es wird hier schon gegen 19 Uhr dunkel.

Samstag, 3.9.: Akklimatisationstour ins Hochlager
Das Verhältnis zwischen Bergsteigen und Ausruhen ist hier eindeutig nicht ausgewogen. Erst um neun Uhr müssen wir zum Frühstück anrücken. Entsprechend lange liegen wir wach oder dösend in den Schlafsäcken. Nebenbei bemerkt waren wir zumindest in den Lagern völlig overdressed. Wirklich kalt wird es hier zu dieser Jahreszeit nicht, trotz der Höhe von 3320 m. Das Basislager liegt im übrigen recht weit verstreut. Je nachdem mit welcher Agentur man unterwegs ist nächtigt man auch etwas höher. Das Basecamp von TAF Travel ist top sauber, die Cevens achten penibel darauf, dass der Müll am Ende der Tour auch wieder abtransportiert wird. Zudem gibt es einen einfachen Verschlag, der als Toilette dient. Fließendes Wasser wird durch kilometerlange Schläuche vom Gletscher hergebracht. Trotz der Akklimatisation von Nemrut und Süphan entscheiden wir uns für einen zusätzlichen Tag, um unsere Körper an die Höhe von bald 5000 m zu gewöhnen. Daher erkunden wir heute den Weg ins Hochlager. Gab es bisher noch spärliche Vegetation so finden wir uns rasch in völliger Einöde wieder. Der geröllige Pfad ist von einigen Felsbrocken gespickt, es dominiert jedoch feiner und feinster Vulkansand, der wirklich in die hintersten Winkel unserer Ausrüstung kriecht. Beim Laufen staubt es manchmal derart, dass wir auf Abstand gehen und uns mit dem Buff vermummen. Gemütlich und ohne Anstrengung schlendern wir bergwärts, legen auf halbem Weg eine ausgiebige Pause ein, und nähern uns dann dem Hochlager. Dieses befindet sich verstreut zwischen 3960 m und 4130 m. Je höher man kommt, desto bescheidener und vor allem dreckiger wird es. Hier ist nichts organisiert, so wie im Basecamp, wo jede Agentur ihren Claim abgesteckt hat. Es gilt ‚first come first served‘. Auch gibt es keine Toilettenhäuschen, sodass man sein Zelt zumeist zwischen Müll und Fäkalien zu platzieren hat. Nach einer knappen Stunde verlassen wir diesen unwirtlichen Ort und wandern bzw. rutschen die Vulkanhänge zurück ins Basislager, welches uns jetzt beinahe heimelig vorkommt. Anschließend gibt's das gleiche Programm wie gestern: Mühle spielen, essen, früh ins Bett.

Sonntag, 4.9.: Aufstieg ins Hochlager
Erneut ziehen wir den Aufbruch in die Länge, um nicht zu viel Zeit im Hochlager zu verbringen. Das bedeutet wiederum Frühstück um neun und Abmarsch um zehn Uhr. Im Nachhinein betrachtet hätten wir zur Gänze auf das Hochlager verzichtet und wären in einem Zug vom Basislager zum Gipfel durchmarschiert. Aber wie sagte bereits ein großer deutscher Philosoph: ‚Wäre, wäre Fahradkette‘. Nun denn, packen wir also unseren Schlafsack ein und trotten die bekannte Route ins Highcamp. Auch beim zweiten Besuch wird's nicht schöner hier. Wie angedeutet steht auch unser Zelt im stinkenden Siff unserer Vorgänger. Der Start zum Gipfel wird auf zwei Uhr festgelegt, was bedeutet, dass wir um 19 Uhr in den Federn liegen. An Schlaf ist allerdings kaum zu denken, nur hin in wieder dösen wir etwas weg.

Montag, 5.9.: Gipfeltag am Ararat
Zum klingeln des auf ein Uhr gestellten Weckers kommt es gar nicht mehr, denn wir sind bereits vorher hellwach und beginnen die Anziehprozedur mit den am Vorabend zurecht gelegten Kleidern. Mittlerweile hat es auch ein wenig abgekühlt sodass tatsächlich auch die Skiunterwäsche zum Einsatz kommt. Wir verdrücken noch soviel Fladenbrot mit Nutella wie wir können, spülen alles mit reichlich Kaffee und Tee runter und machen uns auf in die sternenklare Nacht. Der Weg präsentiert sich ähnlich wie gestern, nur etwas steiler und öfter von Felsen durchsetzt. Dennoch bleibt das Gelände moderat, und wir kommen rasch in einen guten Rhythmus. Nach einer Stunde sind 300 Höhenmeter geschafft, Zeit für eine kurze Pause. Unter uns weitet sich das Anatolische Hochland. Die Lichter von Dogubayazit sowie zahlreichen kleinen Dörfern strahlen herauf. Wir führen einige Kalorien zu und steigen rasch weiter. Ein monotoner Hatsch, gut, dass wir im Dunkeln laufen. Auf 4650 m dann die nächste Rast. Wieder kündigt sich im Osten ein wundervoller Tag an, doch dafür haben wir gerade nichts übrig. Urplötzlich finden wir uns nämlich in einem amtlichen Höhensturm wieder, der die Temperatur massiv sinken und uns frösteln lässt. Als wir den 4950 m hoch gelegenen Crampon-Point erreichen ist es hell und der Kegelschatten des Ararat zieht die Blicke auf sich. Die ersten Meter auf dem Eis legen wir noch unten ohne zurück, müssen jedoch bald vor der Steilheit kapitulieren und die Steigeisen anlegen. In unserem Fall nur die Grödeln, denn mehr haben wir nicht dabei. So nehmen wir denn den finalen Hang in Angriff und stehen um sechs Uhr auf dem höchsten Punkt des Ararat, 5137 m. Inklusive Pausen haben wir nur vier Stunden gebraucht, und das trotz des langsamen Gehtempos. Wir sind uns einig, dass der Ararat unser bislang leichtester unter den großen Bergen war, was nicht heißen soll, dass man ihn auf die leichte Schulter nehmen darf. Immerhin hatten wir ideale Bedingungen, sieht man vom Sturm am Gipfel einmal ab. Ab und an schwanken wir in einer Böe bedenklich, einen Sturz sollte man auf dem letzten Stück tunlichst vermeiden. So machen wir uns nach 20 Minuten Gipfelfreude auf den Rückweg und finden uns im halb neun wieder im Hochlager ein. Auch hier geht der Abstieg dank Schuttreißen zügig von der Hand. Naheliegend, dass uns nichts im Camp hält. Nach einem Tee und dem Zusammenklauben der Ausrüstung marschieren wir umgehend weiter ins Basislager. Hier ist nun eine längere Pflichtpause angesagt, denn die Pferde und damit unser Gepäck sind noch irgendwo am Berg unterwegs. Ursprünglich war hier eine weitere Nacht geplant, die wir jedoch gerne nach Dogubayazit ins Hotel verlegen. Daher steigen wir in der Nachmittagssonne noch bis ganz hinab zum Ausgangspunkt und genießen am Abend eine Dusche und ein sauberes Bett.

Dienstag, 6.9. Bis Freitag, 9.9.: Heimreise
Der Rest der Reise ist schnell erzählt. Da wir einen Tag früher als geplant vom Berg kommen können wir einen vollen Tag in Dogubayazit entspannen. Das tun wir auch, und zwar bei reichlich Essen und Schlafen. Zudem gönnen wir uns und unserer Ausrüstung die dringend notwendige Generalreinigung. Sagenhaft, bis wohin es der Dreck alles schafft. Tags darauf fahren wir in Rekordzeit nach Van. Geschwindigkeitsbegrenzungen gelten hier offenbar eher als Empfehlung denn als Gesetz. Den letzten vollen Urlaubstag verbringen wir ebenfalls in der Millionenmetropole am großen See. Wir statten der seltenen Vankatze einen Besuch ab. Die weiße Katze mit verschiedenfarbigen Augen wird hier in einer Forschungsstation gezüchtet. Auch das ansehnliche Van Kalesi, eine Spornburg hoch über der Stadt, ist einen Besuch wert. Ansonsten gibt's nicht viel anzuschauen. Das meiste ist neu, denn die Stadt wurde 2011 durch ein Erdbeben in weiten Teilen zerstört. Folglich relaxen wir noch ein wenig am Hotelpool und in der angeschlossenen Bar. Die Rückreise über Istanbul nach Zürich kann man dann sogar beinahe als gelungen bezeichnen. Immerhin kommen wir an, wenn auch mit einigem Generve durch Turkish Airlines und natürlich nicht ohne die obligatorische Verspätung.

Fazit: Hinter uns liegen fast zwei Wochen in einem uns bis dato völlig unbekannten Land. Wir bringen viele wunderbare Erinnerungen mit und haben fast nur Gutes erlebt. Die Organisation und die Freundlichkeit unseres Guides und seiner Mannschaft, darunter seine Brüder, der Koch und der Fahrer, suchen ihresgleichen. Für Bergsteiger sind die Touren sicherlich keine große Herausforderung, dennoch ist die Region eine Reise wert, besonders in der unternommenen Kombination aus Berg- und Kulturprogramm. Wir hoffen, dass wir unsere neuen Freunde demnächst bei einer Besteigung des Damavand wiedersehen.

Hike partners: frmat, Benniben


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Comments (2)


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mannvetter says: Wie sich die Bilder gleichen
Sent 15 September 2022, 20h50
Hallo,
ich war einen Monat vor euch am Ararat und erinnere mich anhand deiner schönen Bilder und deinem lebendigen Bericht gerne zurück.
Schön war's!

frmat says: RE:Wie sich die Bilder gleichen
Sent 18 September 2022, 17h14
Freut mich wenns gefällt. Schreibst du auch noch einen? Lese immer gerne über diese tolle Region!
Beste Grüße!


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