Großvenediger Westgrat - Abgebrochen wegen zu großer Schwierigkeiten


Published by BigE17 , 9 September 2019, 21h59.

Region: World » Austria » Zentrale Ostalpen » Venedigergruppe
Date of the hike: 4 September 2019
Hiking grading: T6+ - Difficult High-level Alpine hike
Mountaineering grading: AD
Climbing grading: III (UIAA Grading System)
Mountain-bike grading: F - Easy
Waypoints:
Geo-Tags: A 
Time: 11:45
Height gain: 2000 m 6560 ft.
Height loss: 2000 m 6560 ft.
Route:27 km
Access to start point:Von Mittersill über den Felbertauern oder von Lienz kommend nach Matrei in Osttirol. Nun ins Virgental hineinfahren und dabei immer auf der "Hauptstraße" bleiben. Kurz vor Ströden zweigt rechts eine Straße in Richtung Parkplatz Wiesenkreuz ab. Dieser bis zum Parkplatz folgen.
Accommodation:Johannishütte Kürsinger Hütte

Der Großvenediger gehört zu den 10 höchsten Gipfeln Österreichs. Außerdem liegt er auch noch in Osttirol, wodurch die Anfahrt für mich nicht besonderd lang ist. Da konnte ich nicht widerstehen, eine Besteigung zu versuchen. Da ich noch keinerlei Erfahrung mit Gletschertouren habe, entschied ich mich für den Aufstieg über den Westgrat, der zur Gänze gletscherfrei ist. Außerdem soll der gesamte Grat nie schwieriger als II+ sein, was sich jedoch (mal wieder) als falsch herausstellen sollte...

Am 4. September war für den ganzen Tag schönstes Bergwetter gemeldet. Deshalb konnten ich und 1 Tourenpartner ruhigen Gewissens um halb 6 in Lienz losfahren und erreichten um halb 7 den Parkplatz. Falls wir doch zu lang für die Tour brauchen würden, befanden sich Stirnlampen im Rucksack. Wir fuhren mit unseren Mountainbikes über den stellenweise recht steilen Fahrweg fast bis zur Johannishütte, bogen kurz vorher nach links ab und kurz vor dem Aufzugshüttl zum Defereggerhaus nochmal. Wir folgten noch kurz dem flachen Feldweg, ehe wir die Räder deponierten und zu Fuß weitergingen.

Nun ging es entlang eines markierten Steiges flach ins Tal hinein, aber als wir bei den ersten vom Gletscher geschliffenen Platten angekommen waren, gab es keinen Steig und keine Markierungen mehr. Das Gelände war aber noch angenehm zu gehen, weil die Platten nicht allzu steil waren. Mit der Zeit wurde das Gelände aber immer felsiger und unangenehmer. Schließlich gelangten wir auf einen flachen Talboden, den wir fast bis zum Ende durchqueren mussten. Daraufhin folgte ein teilweise blockiger, teilweise schuttiger Steilhang, der schon ziemlich mühsam zu begehen war. Außerdem mussten wir einen etwas größeren Bach überqueren, wodurch die Schuhe ein wenig nass wurden. Nach einem kurzen Flachstück folgte ein weiterer kurzer Steilhang. Nun sahen wir zum ersten Mal das Obersulzbachtörl, das von hier aus täuschend nahe wirkte.

Hier überquerten wir den Dorferbach und gingen rechts von ihm weiter. So gelangten wir zu einem kleinen aperen Gletscherrest. Weil er recht flach war, konnten wir ihn ohne Steigeisen begehen, man könnte ihn aber auch problemlos umgehen. In weiterer Folge stiegen wir zu weit rechts auf, wodurch wir nicht nur mühsam im Schutt wühlen mussten, sondern auch eine glatte Kletterstelle überwinden mussten (II). Jetzt fehlte uns nur noch ein allerletzter Hang bis zum Obersulzbachtörl. Im groben Blockgelände arbeiteten wir uns mühsamst zu diesem empor, auf den letzten Metern fanden wir sogar Markierungen. Bis hierher benötigten wir 3h 45min, wir lagen also im Zeitplan.

Und nun begann der Aufstieg über den 2,5 km langen Westgrat. Anfangs ging es in einfachem Blockgelände empor, doch schon bald erreichten wir den ersten Aufschwung, wo es bereits richtig zur Sache ging: Wir stiegen durch eine steile, brüchige Rinne empor (II+) und verließen sie am Ende nach links. Gleich danach folgte ein steiler, plattiger Grataufschwung, wo bereits eine richtig heikle Stelle wartete (III, ausgesetzt). Gleich danach folgte noch ein schwieriger Riss (II+), ehe das Gelände einfacher wurde. Wie wir beim Abstieg feststellen würden, hätten wir einfacher bis hierher kommen können. Doch dazu später mehr.

In leichter Kletterei (I) gelangten wir zum 1. Nebengipfel, dem Obersulzbachtörlkopf SW-Gipfel. Der Übergang zum Obersulzbachtörlkopf war wieder ein wenig anspruchsvoller (II), aber nicht allzu lang. Der nächste Gipfel war das Gletscherköpfl, der Übergang zu diesem war ausgesetzt und nicht leicht (viel II und II+).

Der sehr lange Weiterweg zum Weißen Zahn sah von diesem Gipfel aus sehr abschreckend aus. Besonders die Zacken nach etwas mehr als der Hälfte des Weges. Wir probierten es aber trotzdem. Schon die ersten Meter am Grat hatten es in sich (II+), dann war aber bald Schluss am Grat. Also mussten wir in die ausgesetzte Nordflanke ausweichen. Über Bänder konnten wir in leichter Kletterei die ersten bedrohlichen Gratzacken umgehen (I). Es folgten abwechselnd Gratpassagen und nordseitige Umgehungen, wobei nach einiger Zeit die 1. unumgehbare Stelle III auftauchte. Ein Sturz an dieser Stelle wäre definitiv tödlich ausgegangen!

Es folgten weitere Umgehungen und Gratpassagen, bis wir schließlich die Zacken erreichten, die uns bereits am Gletscherköpfl Sorgen bereitet hatten. Nach 2 ausgesetzten Passagen III direkt auf der Gratschneide standen wir vor einem Abbruch, der nur nordseitig umgehbar war. Ausgetzt (II) stiegen wir kurz ab, dann mussten wir den Zacken queren. Es war ausgesetzt und schwierig (III), danach schien es auch noch weitere schwierige Stellen zu geben. Mein Tourenpartner, der ein besserer Kletterer war als ich, hatte zumindest diese Stelle bereits überwunden, mir wurde das Ganze langsam zu gefährlich. Ich entschloss mich also für einen Rückzug.

Weil wir bereits bis hierher sehr viel Gratstrecke überwunden hatten, konnten wir uns nicht merken, wo genau wir am Grat bleiben mussten und wo nicht. Deshalb war im Abstieg genauso Wegsuche erforderlich, weshalb wir genauso lang brauchten wie im Aufstieg. Erst nach über einer Stunde vom Umkehrpunkt aus standen wir wieder am Gletscherköpfl. Nun machten wir eine etwas längere Gipfelrast, das Panorama war ja auch von hier aus schon wunderschön. 

Der weitere Rückweg über beide Gipfel des Obersulzbachtörlkopfes verlief problemlos, doch dann erreichten wir wieder den steilen Aufschwung. Von oben sahen wir, dass nördlich des Grates ein leichterer Abstieg möglich wäre, auch die Rückkehr zum Grat schien nicht allzu schwierig zu sein. Ganz so einfach war es dann aber doch nicht, ein kurzer, steiler, ausgesetzter und brüchiger Riss (II+) verlangte vorsichtiges Steigen. Doch danach gab es bis zum Törl keine Schwierigkeiten mehr.

Vom Törl zum Umkehrpunkt und wieder zurück haben wir 5 Stunden gebraucht, allerdings hatten wir bereits mehr als den halben Westgrat gemeistert. Wären wir bis zum Großvenediger gegangen, hätten wir wahrscheinlich 3 Stunden länger gebraucht. 

Beim Abstieg vom Törl kamen wir wegen des elendigen Blockgeländes nur langsam voran, wir umgingen den Gletscherrest rechts und gelangten so eisfrei hinunter. Der Schutt im mittleren Teil war im Abstieg auch nicht angenehm zu gehen, deshalb benötigten wir für den Abstieg bis zum Fahrrad fast gleich lang wie für den Aufstieg. Zumindest die Abfahrt ging dann recht schnell, so waren wir um 18:15 wieder beim Auto.

Erwähnenswertes:

1. Die Tour über den gesamten Großvenediger-Westgrat ist sehr lang und zeitraubend, vor allem wenn man über diesen auch wieder absteigen will. Es ist fast durchgehend zu klettern, weshalb man auch sehr konzentriert sein muss.

2.Eine Seilsicherung ist auf alle Fälle zu empfehlen, weil doch einige Stellen im 3. Schwierigkeitsgrad zu meistern sind.

3. Wenn man die Tour auf 2 Tage aufteilen will, sollte man am 1. Tag zur Kürsinger Hütte aufsteigen und nächtigen, am zweiten Tag steigt man dann durch eine Rinne auf den Grat auf und umgeht so die erste schwierige Stelle. Eine Übernachtung auf der Johannishütte bringt kaum Zeitersparnis.

4. Bis zum Weißen Zahn ist man so gut wie immer alleine unterwegs, das letzte Stück bis zum Gipfel wird ein wenig öfter begangen.

5. Bis zum Gletscherköpfl bleibt man - abgesehen vom ersten Aufschwung - immer am Grat. Am Weiterweg zum Weißen Zahn sind zahlreiche nordseitige Umgehungen notwendig. Die Südflanke ist so steil, dass man diese kein einziges Mal betreten sollte!

6. Die Felsqualität am Grat ist sehr gut, beim ersten Aufschwung und in den Flanken allerdings miserabel!

7. Der Aufstieg zum Obersulzbachtörl ist schon sehr mühsam. Der Grat verlangt hingegen körperlich alles ab.

8. Wenn man alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen hat, ist der gesamte Westgrat des Großvenedigers eine lohnende und absolut zu empfehlende Tour. Seilfrei sollten ihn allerdings nur gute Kletterer mit guten Nerven angehen. Außerdem muss man ohne Seil wieder über den Grat runter, außer man will in irgendwelchen Spalten landen. Die Gletscher am Venediger sind nämlich sehr spaltenreich!

Hike partners: BigE17


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Comments (2)


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Sent 10 September 2019, 11h38
Ich hab im AV-Fuehrer gelesen, der Grat sei Il!

BigE17 says: RE:
Sent 10 September 2019, 12h19
Das habe ich auch gelesen. Auf virgenalpin.at steht, dass der Grat II+ sein soll. Auch Georg Zlöbl schreibt in seinem Buch "Die Dreitausender Osttirol", dass der Grat ein 2-er ist. Das stimmt leider alles nicht. Ich mag zwar kein allzu guter Kletterer sein, aber dieser Grat ist definitiv ein 3-er.


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