Jungfrau, 4158m - via Rottalgrat


Publiziert von Linard03 Pro , 27. August 2015 um 05:29.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Jungfraugebiet
Tour Datum:23 August 2015
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: S
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-BE   CH-VS 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 3450 m
Abstieg: 800 m
Strecke:Stechelberg - Bäreflue - Rottalhütte - Rottalgrat - Jungfrau - Jungfraujoch
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Stechelberg, Hotel
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Jungfraujoch

Den "Schwung" vom Elbrus gleich mitnehmen und noch schnell die Jungfrau besteigen - nein, so stimmt das natürlich nicht ganz ... Bereits seit einigen Monaten hatte ich für dieses Wochenende mit dem BF meines Vertrauens abgemacht; wohin es gehen soll, das stand noch offen.

Je näher das Wochenende rückte, desto konkreter wurden die Pläne - das Jungfraugebiet kristallisierte sich heraus; zum Schluss dann die Jungfrau. Aber via Normalweg? Eher weniger ..., den Rottalgrat hat mein BF schon mehrmals bewältigt und schwärmte mir davon vor. So stand also die Tour ...
 
Der Respekt vor dieser Tour war gross: erst mal 1800Hm steiler Aufstieg zur Hütte, danach nochmals 1400Hm Aufstieg in anhaltend forderndem Gelände … Aber zum kleinen Jubiläum (erster 4000er vor genau 10 Jahren) soll es schliesslich auch etwas Besonderes werden ;-).
 
Wir trafen uns um 11.30 Uhr in Lauterbrunnen und fuhren gemeinsam mit dem Postauto zur Endhaltestelle "Hotel Stechelberg".Viel Betrieb in Lauterbrunnen & Umgebung, da heute das bekannte Inferno-Triathlon-Rennen stattfand. Entsprechend war auch der Bus nach Stechelberg sehr gut besetzt. Die meisten Leute verliessen aber bei der Talstation der Schilthornbahn den Bus. An der Endstation „Hotel Stechelberg“ stiegen auch wir aus und starteten schliesslich um etwa 12 Uhr. Es war sehr warm, weshalb wir froh waren, dass wir im unteren Teil noch im schattenspendenden Wald gehen konnten.
 
Die „Einlaufzeit“ war kurz, bald stieg der Wanderweg steil an und wir kamen so ziemlich ins Schwitzen ... Irgendwann war Schluss mit Wald. Unter steil abfallenden Felsen verläuft der Weg weiter nach Osten, um nach überqueren des Schafbaches entlang des langen Gratausläufers des Silberhorns weiter aufzusteigen. Nach ca. 2 Std. rasteten wir erstmals kurz (ca. P.2096), genossen die schöne Aussicht. Bald darauf trennten sich die Wege: nach links zur Silberhornhütte, weiter aufsteigend zur Rottalhütte. Der Weg war ab jetzt blau-weiss markiert. Zunächst wunderte ich mich noch, der Wanderweg ist zwar steil, aber unschwierig. Das ist doch maximal T3? Bis wir dann unterhalb der Bäreflue (eine Art breites Kamin) standen, welche mit Stahlseilen gesichert war … - aha, deshalb T4 …
 
Nach angeregter Kraxelei durch die Bäreflue erreichten wir die nächste Stufe. Und weiter ging’s … - bis man an einem Felsen vorbeikommt, wo gross geschrieben steht „1 Std.“ … Vielleicht 5 absteigende Personen sind uns begegnet, ansonsten haben wir niemanden getroffen. Man gelangt bei P.2533 auf die Moräne und erblickt die Hütte von weitem. Sie ist jedoch noch ein gutes Stück entfernt. Schliesslich gilt es zum Dessert nochmals eine Kraxeleinlage unterhalb der Hütte zu absolvieren, bevor man endgültig vor der Rottalhütte (2775m) steht.
 
Zur Überraschung ist heute die Hütte bewartet (Dänu), was bedeutete, dass mein BF nicht kochen musste ;-). Wir setzten uns zu den anderen vier Gästen an den Tisch auf der Terrasse. Eine weitere schöne Überraschung gelang Dänu, indem er uns allen einen Apéro servierte – merci! Etwas später stiessen nochmals 4 Personen dazu, sodass die Hütte mit 10 Gästen heute Vollbestand hatte (die letzten Gäste verpassten allerding die „happy hour“ …). Es stellte sich heraus, dass ausser uns lediglich zwei andere Bergsteiger beabsichtigten, den Rottalgrat zu begehen.
 
Den schönen, beinahe kitschigen Sonnenuntergang wollte niemand verpassen – aber schliesslich rief uns Dänu zu Tisch, wo Salat & Risotto angesagt war.
 
Gipfeltag
03.15 Uhr aufstehen, 03.30 Uhr Frühstück, 03.55 Uhr Abmarsch. Für die nächsten ca. 1 ½ Std. erblickten wir im Schein unserer Stirnlampen immer wieder mal ein roter Stein, herzig bemalte Marienkäfer ;-) – an gewissen Felsen sind zudem reflektierende Markierungen angebracht zur Orientierungshilfe. Stufe um Stufe arbeiteten wir uns im Dunkeln hoch, nicht immer war der Weg eindeutig. So gelangten wir auf den Rücken des Inneren Rottalgrates zu P.2927 (der Ussere Rottalgrat werde übrigens nur noch selten begangen).
 
Die etwa 5-10 Min. nach uns gestarteten Jungs holten uns bald ein, die waren jedoch auch höchstens halb so alt wie wir ;-)) (später sollten wir dann mehr oder weniger immer zusammen unterwegs sein). Bis zu einem plattigen Aufschwung (ca. 3100) sind noch Pfadspuren vorhanden, danach ist jedoch Schluss.
Während die Jungs in diesem ersten Steilaufschwung schon weit über uns waren, befanden wir uns von einem Meter zum anderen plötzlich auf Felsen, welche mit Wassereis überzogen waren. Mist, kaum mehr Vorwärtskommen, kaum ein Fleck, wo man seinen Schuh noch hinstellen konnte, ohne auszurutschen. Wir probierten, uns von trockenem Fleck zu trockenem Fleck vorwärts zu hangeln. Aber es half alles nichts, wir mussten die Steigeisen anziehen – natürlich an einer Stelle, wo man kaum stehen konnte …
 
Mit den Steigeisen an den Schuhen gings jetzt natürlich wieder flott vorwärts und wir erreichten nach insgesamt etwa 2 ½ Std. einen relativ flachen Rücken. Nun war mal Pause angesagt, während es langsam hell wurde. Vor uns türmte sich eine gewaltige Wand auf; da hinauf …? Das Bisherige war also nur Vorgeplänkel; jetzt ging’s so richtig zur Sache - die nächsten Steil-Aufschwünge hatten es in sich …
 
Es folgte die erste, längere Passage mit Fixseilen. Und diese Seile waren nicht verkehrt, denn die abwärts geschichteten Felsplatten wären äusserst schwierig zu erklettern. Trotz Fixseilen empfand ich diesen Abschnitt am anstrengendsten. Etwas später folgte eine ziemlich exponierte Traverse. Diese könnte man umgehen (was die beiden Jungs machten), die Kletterei über Platten ist jedoch auch nicht ohne … (Leider konnte ich in den spannenden Fixseilstrecken nicht so viel fotografieren, war doch etwas Konzentration angesagt ...)
 
Nach der zweiten und dritten Fixseilstrecke gelangten wir zur Gratkante des Usser Rottalgrates. Schliesslich erreichten wir den Hochfirn (P. 3790). Wenige Minuten später machten wir nochmals eine kurze Pause. Der Gipfel war nicht zu sehen, viele Wolken im Gipfelbereich. Der Seitenblick zum ziemlich zerklüfteten Gletscherabbruch war jedoch mindestens so eindrücklich. Nun hatten wir also die lange Felskletterei hinter uns, aber noch eine längere Firnpassage vor uns – der Gipfel noch weit weg …
 
Nach einer längeren Firn-Traverse nach Osten steigt man auf dem steilen Rücken hinauf, nochmals eine felsdurchsetzte Passage. Der Wind frischte plötzlich ziemlich auf, weshalb wir doch noch eine Jacke anziehen mussten. Schliesslich kam der Gipfel in Sicht. Hier erblickten wir gerade noch eine 3er-Seilschaft, welche vom Gipfel abstieg. Es sollten ausser uns vier die einzigen Bergsteiger sein, welche wir heute sahen. Einem kleinen Plateau unterhalb des Gipfels folgte noch ein steiler, mit Frontzacken zu bewältigender Schlussaufstieg, danach erreichten wir den Gipfelgrat, wenige Meter später dann auch den Gipfel der Jungfrau (4158m) selbst.
 
Die zwei Jungs folgten ebenso, sodass wir zu viert die Gipfelaussicht genossen. Nach Süden war die Sicht allerdings gegen null tendierend, es drückten jetzt schon viele Wolken nach Norden. Während die Jungs in aller Ruhe etwas assen, machten wir uns bald wieder an den Abstieg. Es war doch ziemlich frisch auf dem Gipfel; lud nicht so richtig zum Verweilen ein …
 
Vor dem Steilabstieg und v.a. der Querung zum Rottalsattel hatte ich einigen Respekt. Ob man will oder nicht, aber ich konnte das grosse Unglück von 2007 nicht einfach so verdrängen. Dank etwas Neuschnee, welcher vor 2 Tagen fiel, gestaltete sich dieser Abstieg jedoch ohne Probleme, ebenso die Traverse.
Vom Sattel steigt man sehr steil zu einer grösseren Spalte ab, überquert diese und befindet sich fortan wieder in bequemerem Gehgelände. Bereits jetzt (ca. 10 Uhr) kam dichter Nebel auf, es zog zu. Bei den unteren Felsen (P.3506) zogen wir die Steigeisen aus und rasteten.
 
Mittlerweile war die Sicht gleich Null, es graupelte leicht. Es galt nun noch bis zum Gletscher abzusteigen; die letzte steile Felspartie seilte mich der BF ab, um etwas schneller zu sein (man kann auch problemlos abklettern, dauert jedoch länger). Zu diesem Zeitpunkt hatten wir die italienische 3er-Seilschaft längst eingeholt.
Es gab deshalb an der Abseilstelle einen kleinen Stau, ebenso etwas unterhalb, bei der letzten heiklen Stelle (Regenmesser): man musste zuerst ein paar Meter auf Felsen abklettern, danach den Gletscher betreten und nach einer abfallenden Traverse eine grössere Spalte überqueren. Hier waren die beiden Gäste des italienischen BF komplett überfordert, kamen kaum voran, hatten offensichtlich grosse Angst. Wir mussten uns also ziemlich lange gedulden, selbst der italienische BF nervte sich ob der schieren Unbeholfenheit …
 
Der Rest ist schnell erzählt, bzw. es wurde jetzt nochmals ziemlich zäh: die Strecke bis zum Jungfraujoch hinauf zieht sich ganz schön in die Länge und ging nun an die Substanz. Es hiess also nochmals die Zähne zusammenbeissen, um auch noch diesen letzten Gegenanstieg zu bewältigen. Schliesslich erreichten wir den Stolleneingang des Jungfraujoch um ca. 12.15 Uhr.
 
Im Restaurant liessen wir uns (verdientermassen!) mit einem feinen Essen verwöhnen, bevor wir uns dann mit der Jungfraubahn hinunterruckeln liessen. Während der Gipfel der Jungfrau weiterhin verhüllt blieb, herrschte auf der Kleinen Scheidegg noch schönstes Wetter. Es war deshalb nicht weiter verwunderlich, dass sich weiterhin zahlreiche Touristen hinauffahren liessen, auch wenn dort oben die Sicht nach Süden verwehrt blieb und nur den Nebel anschauen konnte …
 
Auf der langen Bahn-Rückfahrt konnte ich herrlich dösen und nochmals in Gedanken die wunderschöne Tour Revue passieren lassen.
 
Fazit:
Nach der Breithorntraverse und dem Elbrus ist diese Tour zweifelsohne das dritte ganz grosse Highlight dieses Sommers! Eine phantastische Tour in wilder, einsamer Gegend, welche jedoch auch einiges abverlangt …
 
Schwierigkeit:
Der Rottalgrat ist anhaltend steil, teilweise auch sehr exponiert und v.a. ziemlich lang ... Dank Fixseilen sind die allerschwierigsten Stellen entschärft – ansonsten wäre dies eine sehr ernsthafte Angelegenheit auf abwärts geschichteten Felsen …
Und habe ich bei der Breithorntraverse geschrieben, dass es die bis anhin anspruchsvollste Tour war, so habe ich hier wohl noch einen draufgesetzt ... ;-)
 
Zeiten:

  • Stechelberg – Rottalhütte: ca. 5 Std.
  • Rottalhütte – Jungfrau: ca. 5 ¼ Std.
  • Jungfrau - Jungfraujoch: ca. 2 ¾ Std

Tourengänger: Linard03


Minimap
0Km
Klicke um zu zeichnen. Klicke auf den letzten Punkt um das Zeichnen zu beenden

Geodaten
 26723.gpx Rottalhütte
 26724.gpx Rottalgrat

Galerie


Slideshow In einem neuen Fenster öffnen · Im gleichen Fenster öffnen

T4 S III
ZS IV
ZS III
WS+ II
4 Aug 17
Jungfrau 4158m · Sherpa
WS+ II
10 Aug 08
Jungfrau 4158m · chaeppi

Kommentare (4)


Kommentar hinzufügen

amphibol Pro hat gesagt: Gratuliere!
Gesendet am 27. August 2015 um 07:21
Sehr schöne Tour!
Berggrüsse
amphibol

Linard03 Pro hat gesagt: RE:Gratuliere!
Gesendet am 27. August 2015 um 18:00
Danke! - und Gratulation zurück zu Eurer Lauterbrunnen Breithorn-Tour!

WoPo1961 Pro hat gesagt:
Gesendet am 27. August 2015 um 09:51
hallo Linard,
der Schweizhutträger gratuliert auf das Herzlichste zu dieser echten Traumtour!! Da hast du nun wirklich ne ordentliche Schippe drauf gelegt. Denn "geschenkt" bekommt man die Jungfrau über diesen Grat nun wirklich nicht.
Das Foto mit der ausgesetzten Traverse sieht schon sehr eindrücklich aus. Überhaupt gefallen mir die Fotos ziemlich gut.
War`s das für dieses Jahr oder liegen zuhause noch ein paar "Schippen", die du noch irgendwo drauf legen willst.
Lieben Gruß aus Flachlandhausen
WoPo

Linard03 Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 27. August 2015 um 18:07
Danke, danke ... - schon wieder Lob von höchster Stelle ...!
In der erwähnten Traverse sollte man eigentlich nicht unbedingt fotografieren; aber es juckt dann einen halt doch irgendwie ... ;-)

Ob's das war? Hmmm; eigentlich schon, d.h. wenn's wettermässig passt, gibt's ev. Mitte/Ende September nochmals was - ansonsten ist dann die diesjährige Hochtourensaison für mich gelaufen ...

Lieber Gruss zurück!
Linard


Kommentar hinzufügen»