Geburtstag und vertauschte Schuhe auf der Neuen Monte Rosa Hütte, 2883m


Publiziert von lila , 22. August 2015 um 17:55.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Oberwallis
Tour Datum:13 August 2015
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 420 m
Abstieg: 350 m
Kartennummer:Zermatt/Gornergrat 1:25 000 Nr. 2515

Vor Jahren hat eine Freundin eine Dokumentation über die Neue Monte Rosa Hütte gesehen und war ganz begeistert. Unsere beiden Familien verbrachten viele Jahre in den Osterferien eine gemeinsame Skiwoche und irgendwann auf einer dieser Skifahrten entstand die Idee, mal im Sommer zusammen auf die Monte Rosa Hütte zu gehen - und zwar zu ihrem 50. Geburtstag im August 2015! Alle 10 Mitglieder der beiden Familien sollten noch einmal zusammenkommen, auch die inzwischen studierenden erwachsenenen Kinder. Nicht einmal der schier unbezahlbare derzeitige Kurs des Schweizer Franken hat uns davon abgehalten, die schon mehrfach gemietete, vergleichsweise günstige reka-Ferienwohnung hatten wir glücklicherweise bereits 2014 noch zum alten Kurs gebucht. 

So, da waren wir nun, alle zusammen in Zermatt und hatten schon die eine oder andere Akklimatisations- bzw. Konditionstest-Tour hinter uns, gespannt den Wetterbericht verfolgend, der für den Geburtstag nicht so wirklich rosa aussah. Egal, das Wetter im Gebirge ist kein Wunschkonzert. Mittwoch abend waren Steigeisen für alle ausgeliehen, die noch keine hatten und Proviant besorgt. Meine Freundin haderte jedoch mit gesundheitlichen Problemen, sie vertrug die Höhe diesmal deutlich schlechter als sonst, ihr Blutdruck machte ihr arg zu schaffen. Nach einer schlafarmen Nacht fasste sie schweren Herzens den Entschluss, nur bis zu den Leitern mitzugehen, die auf den Gornergletscher hinabführen und in der Ferienwohnung zu übernachten anstatt auf der fast 2900 Meter hoch gelegenen Hütte. 

Wir starten mal wieder in zwei Neigungsgruppen, mein Mann, unsere vier Kinder und die ältere Tochter meiner Freundin zu Fuß ab Ferienwohnung, der Rest bequem mit der Gorngergratbahn bis zur Haltestelle Rotenboden, 2815m. Mehrere Dutzend Japaner stehen am Riffelsee und warten darauf, dass sich die Wolken am Matterhorn verziehen und sich der Berg postkartenfotomäßig auf der Seeoberfläche spiegelt. Tun sie aber leider nicht. Dafür erreichen uns Sonne und die aus dem Tal kommenden gleichzeitig. Nach einer kurzen Studentenfutter- & Schokoladenpause brechen wir zu zehnt auf in Richtung Gornergletscher. Der fast ebene, sehr schön angelegte Wanderweg quert den Hang des Gornergrates auf halber Höhe und bietet eine herrliche Aussicht auf den Gornergletscher, das Breithornmassiv und den Monte Rosa Stock. Nach einer ausgiebigen Pause am Ende des gemütlichen Wanderweges kehrt die Freundin um und wir steigen über die Leitern ab zum Gornergletscher. Ca das erste Drittel der Strecke über den Gletscher gehen wir mit Steigeisen, da in diesem Abschnitt zu wenig Schutt auf dem Blankeis liegt. 

Wie vom Méteo angekündigt, zieht es am Nachmittag rasch zu und leichter Regen kühlt uns auf dem 400-Höhenmeter-Anstieg vom Gletscher zur Hütte. Der neu angelegte Wegteil direkt unterhalb der Hütte wurde erst vor wenigen Wochen eröffnet, man sieht dem Untergrund noch an, dass hier bis vor Kurzem keiner gegangen ist. Die Felsblöcke sind noch scharfkantig, der Pfad in den Wiesenstücken noch nicht auserodiert. 

Die Hütte ist gut besucht, aber nicht rappelvoll, wir beziehen unser kuchenstückförmiges 10er-Lager, in dem nicht einmal die Matratzen rechtwinkelig sind - ungewohnt, aber sehr vernünftig, am Fußende seitlich Platz einzusparen. Das spanische Personal ist sehr nett, das Abendessen gegenüber anders lautenden Berichten lecker und so, dass man auch satt davon wird. Sowohl Suppe als auch das Hauptgericht bekommt man nach, wenn man möchte. 

Am nächsten Morgen regnet es, wir lassen uns Zeit mit dem Frühstück. Als wir so ziemlich als die Letzten in den Schuhraum kommen, müssen wir feststellen, dass die Schuhe unseres ältesten Sohnes nicht da sind. Auch im Nebenraum bei den Eispickeln & Steigeisen nicht, auch nicht wo anders hingestellt, einfach weg. Hmmm. Mir fällt die Geschichte des Bergsteigers ein, der am Mont Blanc mit dem Heli ausgeflogen werden musste, weil jemand seine neuen Schuhe geklaut hatte und er schlecht in Socken über den Gletscher laufen konnte... Ich sage dem Wirt Bescheid, ratlos stehen wir vor einem Paar Schuhe, die so ähnlich aussehen wie die unseres Sohnes, allerdings orange statt rot und anderthalb Nummern kleiner. Nach einer Weile kommt der Hüttenwirt mit ein Paar Koflach Hartschalen-Plastikschuhen in der Hand, wie ich sie selbst in den 1980er-Jahren auch hatte. Die sind zwar zwei Nummern zu groß, aber besser als Hüttencrocs. Wir versprechen ihm, die Schuhe unten am Heliport abzugeben und sind froh, endlich losgehen zu können. Etwa eine Stunde lang werden wir von einem schaurigen Gewitter begleitet - Geburtstagskind, so wirst Du wenigstens nicht nass.

An den Leitern holen wir eine geführte Gruppe ein. Unser mittlerer Sohn erspäht die Schuhe seines Bruders an den Füßen einer älterne Dame. Ob es denn sein könne, dass sie die falschen Schuhe anhat. Ja, das könne durchaus sein, sie hätte sich schon gewundert, warum ihre Schuhe plötzlich so bequem seien. Oberhalb der Leitern werden die Schuhe getauscht, der Führer der Gruppe telefoniert mit dem Hüttenwirt. Allerdings kommt die Schweizerin mit den Plastikschuhen nicht zurecht, immerhin sind diese dreieinhalb Nummern größer als ihre eigenen! Am Ende zieht der Führer die Plastikschuhe an und lässt seine Kundin in seinen Schuhen zurück zum Rotenboden gehen. 

Mein Mann und unsere drei Söhne traben durch den Regen vom Rotenboden zurück nach Zermatt, alle anderen fahren von dort mit der Gornergratbahn hinunter. Unten am Bahnhof erwartet uns das Geburtstagskind und ist froh, dass am Ende alle wieder heil unten sind - und sogar alle Schuhe. 

Gehzeit ab Rotenboden - Monte Rosa Hütte ca 3,5 Stunden, bis zu den Leitern T2, über den Gletscher T4, direkt unterhalb der Hütte T3.  


Tourengänger: lila


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