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Liskamm (4.527 m): Nordwand »Welzenbachcouloir« (Überschreitung)


Published by EverWrest , 27 August 2013, 00h19.

Region: World » Switzerland » Valais » Oberwallis
Date of the hike:13 August 2013
Mountaineering grading: D+
Waypoints:
Geo-Tags: CH-VS   I 
Time: 11:00
Height gain: 1400 m 4592 ft.
Height loss: 3000 m 9840 ft.
Access to start point:Taxi Fredy oder vergleichbares Konkurrenzunternehmen
Accommodation:Biwak am Oberen Plattje (ca. 3.150 m) kurz unterhalb des Übergangs zum Grenzgletscher
Maps:LK 2515 Zermatt (Zusammensetzung)

Über dem spaltenreichen Grenzgletscher erhebt sich im Nordosten die etwa 750 Meter hohe, mit Eis und Fels durchsetzte NE-Wand des Liskamms. Der Liskamm selbst genießt trotz zahlreicher Begehungen einen zweifelhaften Ruf ("Menschenfresser") und seine Nordwand gilt als besonders eisschlägig, sodass zahlreiche große Eisrouten heute kaum noch unternommen werden. Links des wenig ausgeprägten Felssporns (Neruda-Klucker) in Falllinie des Ost-Gipfels (4.527 m) zieht allerdings ein - im Mittelteil durch Seracs und Felsen begrenztes - 55° steiles Eis- & Firncouloir schnurgerade dem Gipfel entgegen, das heute noch - mit kalkuliertem Risiko - begangen werden kann. Seine erste Begehung fand diese Route durch Willo Welzenbach (gemeinsam mit Rudolf Walter) am 08. August 1925 - nur zwei Tage vor Welzenbachs ruhmreichen Erstdurchsteigung der Dent d'Herens Nordwand mit Eugen Allwein.



Unter den Vorzeichen des langen Winters gab es schon früh den Gedanken daran, die hochgelegene Nordwand des Liskamms müsste in diesem Jahr auch im August noch machbar sein. Eine kurze Kaltfront mit vierzig cm Neuschnee in der ersten Augusthälfte versprach diesen Gedanken Wirklichkeit werden zu lassen. Nach einigen Touren im Berner Oberland musste vorher allerdings noch die Akklimatisierung verbessert  und dem Neuschnee eine gewisse Zeit zur Umwandlung und Setzung gegeben werden, sodass sich die zwischenzeitliche Besteigung von Nordend und Dufourspitze geradezu aufdrängte. Leider präsentierte sich die Wand danach aber nicht in einem Zustand, der einen Einstieg als ratsam erscheinen ließ, denn der die Route im Mittelteil überragende Hängegletscher war von einem Schneebrettanriss geziert. Bei unseren Überlegungen und Diskussionen ging zu allem Überfluss eine nicht kleine Lawine in der Nordwand des westlichen Gipfels nieder, sodass die Entscheidung zum Rückzug schnell getroffen war. Wir stiegen also ab nach Zermatt.

Aber auch am nächsten Morgen ließ uns der Gedanke an die Wand noch nicht los und gegen Mittag sattelten wir zum Wiederaufstieg ins Biwak, weil der Rückzug doch zu voreilig gewesen sein könnte. Unsere Hoffnung, dass sich die Wand zwischenzeitlich entladen haben könnte, bestätigte ein frischer Lawinenkegel am unteren Ende der Route, den wir am nächsten Morgen im Schein der Stirnlampen sehen sollten, was uns den nötigen Auftrieb für die Wand gab. - Vorher stand allerdings eine weitere Nacht auf einem der auf dem Oberen Plattje eingeebneten Biwakplätze auf dem Programm. Mit Spannung fieberten wir der Nacht entgegen, denn für die nördlichen Westalpen war am kommenden Tag schlechteres Wetter vorausgesagt und so sorgten wir uns um die verringerte Abstrahlung.

Nachdem der Wecker gegen 1:00 Uhr klingelte und die mittlerweile einstudierten Handgriffe (Schnee schmelzen, Kaffee kochen, Müsli löffeln, Biwak räumen...) nach rund einer Stunde ausgeführt waren, suchten wir die Spur über den Grenzgletscher, der mit nur wenigen Ausnahmen gut zu begehen war. Wir folgten der Spur bis auf das Plateau bei ca. 3.730 m und bogen dann nach rechts ab in Richtung Nordwand. Mittlerweile war auch der Firn durchgefroren. Im Dunkel der Nacht war die genaue Route nicht ohne Weiteres auszumachen, allerdings wussten wir vom Vortag, dass wir den Bergschrund an einem  Punkt relativ weit oben überschreiten müssten. So stolperten wir über eine recht frische Eislawine und spätherin über eine neuere Firnlawine und fanden so einen geeigneten Punkt, an dem der Bergschrund recht unschwierig überwunden werden konnte. Auf diese Weise fanden wir uns nach drei Stunden in der Wand in Falllinie des Gipfels wieder.

Los geht's - der Spaß kann beginnen: 750 Meter Nordwand liegen vor uns und wir müssen den Kopf schon recht weit in den Nacken legen, um den sich über uns neigenden Serac aus dem linken Wandteil vollständig zu erfassen. In der Ferne der Berner Alpen ist nun Wetterleuchten auszumachen und von Nordwesten her drücken sich dunkle Wolken in die Alpen. Für unseren Berg aber soll das Wetter halten...

Die ersten 150 Höhenmeter lassen sich in einer dünnen aber harten Firnauflage noch sehr gut steigen. Danach verliert sich die Firnauflage zunehmend im blanken Eis und wir entscheiden uns vorerst, das Seil auszupacken. Fünf Seillängen steigen wir so bis an die Engstelle, an der der linke untere und der obere rechte Felssporn einen Durchschlupf gewähren. Über allem thront noch immer der bedrohlich aus der Wand herausschauende Serac und die hier ansetzenden Neruda-Klucker-Felsen (S+/4b) zeigen sich tief verschneit - heute also eine schlechte Option. Nach dieser Engstelle wartet ein langer Korridor, den wir wieder seilfrei ersteigen und der sich nach oben hin zu einer neuen Engstelle neben dem Serac verengt. Die Wand ist in dieser Passage völlig blank und der Wadenbeißer scheint kein Ende nehmen zu wollen; auch die große Höhe tut ihr Übriges. Nach etwas mehr als drei Stunden in der Wand ist auch diese Engstelle erreicht und nach oben hin neigt sie sich nun ein klein wenig zurück - der im oberen Teil wieder einsetzende und hier etwa 20 cm hohe Trittfirn lässt zu alledem noch einmal ein wenig Auftrieb aufkeimen. Linkerhand ist bereits der Firngrat erkennbar, der sich vom Lisjoch zum Gipfel hinauf zieht und auf dem eine Seilschaft bereits im Abstieg befindlich ist. Langsam aber stetig spuren wir hinauf und traversieren unterhalb der Gipfelfelsen linkshaltend auf den Firngrat bis dieser nach mehr als vier Stunden in der Wand die Sicht auf die bis dahin verborgene Süd-Westseite freigibt: Geschafft: Die Wand, mein Seilpartner und ich! Trotzdem: Was für ein Hochgefühl! Liskamm! Nordwand! Im August! Und nur noch wenige Meter bis zum menschenleeren Ost-Gipfel!

Dort angekommen verweilen wir nur kurz. Eine Seilschaft, die eben an uns vorbeizieht überholen wir im Abstieg über den Ostgrat und nach einer Dreiviertelstunde stehen wir im Windschatten der Entdeckerfelsen, sodass wir es uns in der Sonne bei einer kleinen Pause gut gehen lassen können.

Um auf die Spur zum Grenzgletscher zu gelangen, muss noch ein kleiner Wiederaufstieg überwunden werden und nach nach zwei weiteren Stunden über den Grenzgletscher hat uns nach insgesamt 11 Stunden unser Biwakplatz wieder. Am nächsten Morgen geht es auf bekannter Route vorbei an der Monte-Rosa-Hütte in Richtung Rotenboden und weiter ins Tal, wo endlich ein Ruhetag auf uns wartet...

Fazit: Eine eindrückliche und einsame Tour im sonst so überlaufenen Monte-Rosa-Gebiet!



  • Ausrüstung: 6 Eisschrauben; 40m Einfachseil; Schlingen; 6-8 Karabiner; je zwei Eisgeräte bzw. Pickel.

  • Gefahren: Eisschlag durch Hängegletscher (die Sonne steht um die Jahreszeit sehr früh in der Wand), mögliche Lawinen sowie Spalten auf dem Grenzgletscher.

  • Erlebnis: Eine nicht ganz alltägliche Route auf einen hohen Berg.

  • Biwakplatz: Entweder auf dem Plateau des Grenzgletschers bei 3.700 m oder auf dem Oberen Plattje am Übergang zum Grenzgletscher bei ca. 3.150 m.

Einige schöne Hikr-Fotos: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9

Hike partners: EverWrest


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Comments (6)


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xaendi says:
Sent 27 August 2013, 07h55
Gratuliere! Die Fotos sehen nach GoPro aus. Gibt's dazu auch ein Video? ;-)

EverWrest says: RE:
Sent 27 August 2013, 15h33
Danke! Das stimmt - der Fotograf hat sich dazu verpflichtet, für die nächsten Touren noch ein wenig zu üben :) Videos gibts leider keine.

Sent 27 August 2013, 08h27
Tolle Tour, gratuliere!

EverWrest says: RE:
Sent 27 August 2013, 15h31
Vielen Dank!

sqplayer says: sehr beeindruckend
Sent 30 August 2013, 22h12
krass, ich würde mich das nicht trauen ;-) wie schützt man sich da vor fiesen abstürzen?

EverWrest says: RE:sehr beeindruckend
Sent 31 August 2013, 11h54
Ist im Grunde halb so wild. Entweder natürlich mit Seil und Eisschrauben, oder aber mindestens ein Eisgerät, das mit dem Gurt verbunden ist, ist ständig im Eis. Die verbleibende Unsicherheit ist dann "Restrisiko".


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